Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont

UN-Umweltorganisation empfiehlt tatsächlich Tiefsee-Bohrungen

Von 26. Januar 2012 um 23:41 Uhr

Ich muss gestehen: Ich ahnte nichts Böses. Die Pressemitteilung der Umweltschutzorganisation der Vereinten Nationen (Unep) klingt ja wirklich ganz passend für mein Blog: “Green Investments in the Marine Sector Can Bring a Tide of Economic and Social Benefits“, oder?

40 Prozent der Weltbevölkerung leben demnach maximal 100 Kilometer vom Meer entfernt. Die Ozeane bilden für sie, gerade in ärmeren Ländern und den kleinen Inselstaaten, die Lebensgrundlage.

Doch immer öfter ist diese in Gefahr. Jetzt geht es nicht nur um die Klassiker, um Überfischung und Übersäuerung der Weltmeere. Sondern auch um zerstörte Mangrovenwälder und Korallenriffe. Die Studie Green Economy in a Blue World will daher zeigen, wie sich beides verbinden lässt: Meeresschutz und grünes Wachstum.

“Oceans are a key pillar for many countries in their development and fight to tackle poverty, but the wide range of ecosystem services, including food security and climate regulation, provided by marine and coastal environments are today under unprecedented pressure”, said UN Under-Secretary-General and UNEP Executive Director Achim Steiner. “Stepping up green investments in marine and coastal resources and enhancing international co-operation in managing these trans-boundary ecosystems are essential if a transition to low-carbon, resource efficient Green Economy is to be realized.”

Sechs Wirtschaftssektoren schlagen die Autoren vor, um grünes Wachstum anzukurbeln, darunter ökologische Aquakulturen (naa, schon ein bisschen pikant), der Ausbau erneuerbarer Energien und grüner Tourismus an der Küste.

Stutzig machte mich allerdings der letzte Punkt: “Deep See Minerals”. Die Unep empfiehlt die Ausbeutung der Tiefsee, um gerade Entwicklungsländern die Chance zu geben, ihre Wachstumsziele zu erreichen. In der Pressemitteilung wird Peter Prokosch zitiert, der ehemalige WWF-Geschäftsführer in Deutschland und heutige Leiter der Umweltdatenbank des Unep:

“Mining of minerals in the deep-sea provides a unique opportunity for developing countries towards reaching their development goals. Operating in a largely unknown natural environment, it may put additional pressure on already stressed marine ecosystems. However, it can relieve some of the burdens of mining in the terrestrial environment. Careful and responsible planning of deep-sea minerals mining needs to apply the Precautionary Principle, and consider the other sectors and in particular future generations.”

Nun muss man dem UNEP bzw. Herrn Prokosch zugutehalten: Er warnt vor den Eingriffen in die Tiefsee und fordert ein Vorgehen nach einem umfassenden Vorsorgeprinzip. Trotzdem war ich heute Abend erst einmal baff. Was soll diese Forderung? Gibt es nicht in den anderen fünf Sektoren erst einmal ausreichend Entwicklungspotenzial? Eine solch unbekannte Region wie die Tiefsee sollte meiner Meinung nach erst einmal der Wissenschaft exklusiv vorbehalten sein. Erst einmal sollten wir doch Erkenntnisse gewinnen, was dort unten los ist, bevor wir das Terrain gleich zur Plünderung frei geben. Zumal die Folgen dieser Eingriffe ja vollkommen unbekannt sind. Und welche Konsequenzen missglückte Eingriffe haben, hat das BP/Deep Water Horizon-Unglück im Golf von Mexiko ausreichend gezeigt.

Leser-Kommentare
  1. 9.

    Lieber Crest,

    Sie scheinen ja ein wahrer Alleswisser zu sein. Nicht alles hängt mit allem zusammen – kurzum. Wissen über das Wissen wird als epistemologische Überzeugungen bezeichnet. I.d.R. gemessen von naiv – Wissen ist klar und einfach und verändert sich nie – zu erwachsen – Wissen ist komplex und häufig Veränderungen unterworfen.
    Nur weil wir etwas nicht wissen oder glauben wollen, heißt es nicht, dass es nicht existiert.
    Auch Ihre Aussage der Aufstieg der Menschen – Aufstieg wohin? Der Aufstieg sich unabhängiger von der Natur zu machen – ja. Aufstieg im Sinne der Aufklärung – naja.
    Vielleicht viel wichtiger ist überhaupt die Frage wem der Meeresboden gehört. Und selbst wenn das geklärt ist, zeigt sich auch schon an Land, dass meistens nicht eine Gesellschaft davon profitiert sondern Firmen und Strippenzieher. Sehen Sie sich Afrika an oder gehen Sie nach Kanada…
    Ich bin kein Weltromantiker. Aber ich wünschte mir manchmal etwas mehr Weitblick – insbesondere von denen, die es sich wirtschaftlich leisten können. Ihr Weitblick sagt, sofern die Welt dabei nicht sofort untergeht, warum soll ich mir Sorgen machen. Eine typisch menschliches Verhalten. Aus dem gleichen Grund rauchen so viele Menschen, da Ursache und Wirkung zeitlich so weit auseinander liegen. Leider sind das häufig die gleichen Menschen, die hinterher behaupten es hätte niemand ahnen können.

    vg

    ein verhaltenswissenschaftler

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  2. 10.

    “Green” in der Überschrift klingt für mich mittlerweile immer suspekt – eben nach Greenwashing. Und wenn davon inzwischen sogar eine
    wichtige Umweltschutzorganisation angekommen ist ist das schon beunruhigend.

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    • 27. Januar 2012 um 13:52 Uhr
    • iboo
  3. 11.

    danke für die sachliche Diskussion.

    ich möchte versuchen die Trennlinie zwischen hängt alles mit allem zusammen oder nicht vielleicht noch etwas schärfen und darüber hinaus noch die Aspekte Etwicklungsländer und Bevölkerungswachtum
    in die Diskussion werfen.

    Zunächst: Alles hängt mit allem zusammen. Heisenberg hat das einmal sehr schön mit “das Ganze ist mehr als die Summe der Teile” beschrieben. Die Frage ist nur, ob sich durch eine Änderung in einem Teilsystem für uns als Menschen Auswirkungen ergeben. Vor allem interessiert uns da wann das passieren wird, wie schnell und welches Ausmaß diese Änderungen annehmen können. Denn in der Tat beruht der Aufstieg der Menschheit auf der Nutzung und Umformung unserer Umwelt. Alles Andere ist zwar ein verständliches aber romantisierendes festhalten wollen an einem Naturbegriff, der für uns effektiv nicht mehr exisitiert. Denn mit Ausnahme von einigen wenigen Naturvölkern ist uns ein Überleben in der Natur garnicht mehr möglich. Auf der anderen Seite warne ich vor einem vorschnellen Eingreifen in ökologische Prozesse, die wir nicht oder nur unzureichend verstehen. Und wir verstehen noch nicht sehr viel. Hier sollten wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Aber bleibt uns die dazu ausreichend Zeit? machen wir uns nichts vor. Mit ziehmlicher Geschwindigkeit nähern wir uns einer Weltbevölkerung von 9 Milliarden Menschen. Und auch die brauchen Lebensraum und Resourcen. Hier sehe ich ganz klar die Gefahr, dass wir wider aller Vernunft handeln werden, sogar müssen.
    Nur ich sehe keine Entwicklung der Dritte Welt Länder mit dem Abbau von mineralischen Rohstoffen der Tiefsee. Weder Regierungen noch dort ansässige Unternehmen verfügen über entsprechendes know how oder entwickeln diese in absehbarer Zeit. Auch hier werden mulitnationale Konzerne tätig werden. Und da stellt sich mir die Frage, wer steckt hinter dem UNEP Papier?

    Mit freundlichem Gruss
    A. Bagehorn

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    • 27. Januar 2012 um 14:09 Uhr
    • A. bagehorn
  4. 12.

    Sehr geehrter Herr Bagehorn,

    “was steckt dahinter?” das darf tatsächlich gefragt werden. Wenn mal von dem Stuss (Wissenschaftliche Kurzbewertung der nicht falsifizierten Übersäuerungshypothese, hier an anderer Stelle ausführlich erläutertLesen Sie doch dazu die “scientific basis des IPCC-Sie werden sich schämen Frau Uken)abgesehen,

    ist eine wirtschaftliche Erzförderung an sich überhaupt möglich? Bis zu welcher Tiefe? Das Thema wird ja anhand der “Manganknollen” aller Jubeljahre mal hochgekocht um später in der Bedeutungslosigkeit zu versacken….

    Auch die Kontinentalschelfe bergen mitunter beachtliche Vorkommen an Metalloxiden, nur das scheint nie von Interesse; von der Diamantförderung abgesehen.

    Kein “aufstrebendes” Land der Erde ist absehbar in der Lage submarinen Bergbau zu betreiben; da liegt der Gedanke an ein zufällig vorhandenes multinationales Konsortium schon nahe. Entwicklungsländer bekommen ja nichteinmal ihren Zollgrenzen gesichert; über Wasser!

    MfG Karl Müller

    Antworten

  5. 13.

    [...] Tiefseebohrungen: Die gefährlichen Ratschläge der Unep [...]

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  6. 14.

    Sie scheinen ja ein wahrer Alleswisser zu sein.

    Man tut, was man kann! C.

    P.S.
    Warum diese schroffe Antwort: Weil mich die Ausführungen zur Wissenschaftstheorie an einen Dialog zwischen K. Kolle (dem Vater von “Oswald”) und einem Fachkollegen aus der Psychiatrie erinnern, in dem Kolle vorhält, dass eine “Philosophie der Psychiatrie” den Kranken aus den Augen verliert. Der Arzt sei in erster Linie Heiler.

    In diesem Sinne ist ein Ingenieur in erster Linie Problemlöser, der bei langatmigen Ausführungen über Wissenschaftstheorie schnell (und zurecht) abwinkt.

    Bottom line: Wir wissen genug, um bei Fragen, in denen smarte Geister gerne erst eine Ethikkommission bemühen möchten, zumindest erste Pilotprojekte durchzuführen.

    Das kann schief gehen?

    Natürlich – so wie eine von menschlichen Einwirkungen unabhängig entstandene Mutation verheerende Auswirkungen haben kann. Die Natur nimmt keine Rücksicht – wir versuchen es zumindest!

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    • 27. Januar 2012 um 21:28 Uhr
    • Crest
  7. 15.

    Hallo Karl Müller
    herzlichen Dank für Ihre Anmerkungen. Da muss ich doch mal zur “Übersäuerungshypothese” nachhaken, wegen der ich mich ja angeblich schämen sollte. Was meinen Sie genau?
    Viele Grüße
    Marlies Uken

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  8. 16.

    >Es geht darum, ohne große Not einen bislang kaum bekannten Lebensraum zu kommerzialisieren.

    Pff, ei der Zeit arbeiten echt nur noch verwöhnte Wolstandskinder.

    Es geht darum, (entfernt, bitte bleiben Sie sachlich, Danke, M.Uken), wie man Milliarden von Menschen eine Entwicklungsperspektive eröffnet.

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    • 27. Januar 2012 um 23:26 Uhr
    • PBUH
  9. Kommentar zum Thema

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