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Wohnen im Bioreaktor

Von 4. Februar 2013 um 18:11 Uhr

Im ersten Moment war ich ein bisschen baff: Die Reaktoren würden am elften des Monats eingehängt, erklärt mir mein Gesprächspartner. Reaktoren einhängen? Wie bitte?

Ich lerne: Energiewende heißt auch, eingetretene Denkpfade zu verlassen. Diesmal also keine Atomkraft. Stattdessen reden wir über “Bioreaktoren”, also Fassadenelementen, in denen Algen gezüchtet werden.

Skizze des Hauses, Nordansicht © Splitterwerk

Skizze des Hauses, Nordansicht © Splitterwerk

Ende März soll  nach Angaben der Projektierer das “weltweit erste Wohnhaus mit Algenbioreaktorfassade” fertiggestellt sein. Im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg entsteht das Demonstrationsprojekt, eines dieser typisch neuen Wohnhäuser im Klotzstil, lindgrün.

Das Besondere soll die Südfassade sein: Die Macher installieren 130 lichtdurchlässige Glascontainer an der Sonnenseite. In ihnen werden,  komplett automatisiert, Algen gezüchtet. Dafür braucht es Algenrohmasse, Wasser, Licht, Kohlendioxid und Stickstoff als Nährstoff. Mithilfe der Photosynthese entstehen so Biomasse und Wärme. Langfristig will man die Biomasse eventuell zur Biogasproduktion nutzen. Mit der Wärme sollen die Wohnungen gewärmt und das Wasser erhitzt werden.

Nun muss ich an dieser Stelle betonen: Das “Haus mit Biointelligenzquotient” (BIQ), wie es sich nennt, ist ein Pilotprojekt, eine Hausfassade zum Lernen.

Schaut man sich die Energiebilanz an, so ist sie wirklich ernüchternd: Die rund 200 Quadratmeter große Algenfassade kommt auf einen jährlichen Nettoenergieertrag von 4.500 Kilowattstunden Strom. Das ist etwas mehr, als ein durchschnittlicher Haushalt im Jahr verbraucht (3.500 kwh). In dem Algenhaus entstehen 15 Wohnungen – nur eine von ihnen ließe sich also theoretisch mit Biostrom komplett versorgen.

Außerdem ist unklar, wo die Wärme bleibt. Gerade im Sommer, bei viel Lichteinstrahlung, arbeiten die Bioreaktoren auf Hochtouren. Doch gerade dann ist der Wärmebedarf eher gering. Also wird die Wärme zwischengespeichert. Dabei geht allerdings ein großer Teil verloren.

Ich würde das BIQ unter Forschungsprojekt abspeichern. Denn sicherlich ist es ein wertvoller Beitrag, was Häuserfassaden eigentlich zukünftig leisten können. Solarpanelen sind der Klassiker, Solarkollektoren gibt es auch schon. Aber warum soll es nicht eines Tages auch möglich sein, im großen Stil mit ihrer Hilfe Energie zu erzeugen. Und warum nicht mit Biomasse? Erst kürzlich erzählte mir ein Physiker von der Idee, die komplette Ostsee gezielt zur Algenproduktion und damit als weltweiten CO2-Speicher im großen Stil zu nutzen (auch wenn ich das für ausgesprochenen Quatsch halte).

Das Interesse anderer Immobilienentwickler an der Technologie ist enorm, ganze Wohnanlagen wollen manche mit einer solchen Fassade ausstatten.

Den zukünftigen Mietern ist das dagegen wohl nicht so wichtig. Ökologische Überzeugungstäter seien sie nicht gerade, so die Organisatoren. Die Mieter hätten halt eine Wohnung gesucht.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Eine 4,5 KWp PV-Anlage zu aktuellen Kosten von ca 7000 Euro hätte das gleiche geleistet.
    Noch besser wenn man berücksichtigt daß Überschüsse im Sommer komplett ins Netz eingespeist werden können. Zudem kann man teils auch noch den Eigenbedarf decken u. spart pro KWh fast 30 Ct. PV ist deshalb schon heute sinnvoller als Solarthermie.

    • 4. Februar 2013 um 19:06 Uhr
    • achimvr
  2. 2.

    Hier irrt der Verfasser. Die 3500 KWh nehmen Bezug auf ein Haus. Für eine Wohnung wird weniger als die Hälfte angenommen.

    Ansonsten würde ich sagen, interessantes Projekt, aber eigentlich fehlt mir hier eine Kostenanalyse, deswegen kann man schwer etwas positives aussagen.

    Man sollte zumindest die Möglichkeit haben, dies irgendwann einmal zu einem vernünftigen Preis anzubieten.

  3. 3.

    Jede nachhaltige Energiequelle ist es wert, nutzbar gemacht zu werden. Letztendlich wird sich ein Energiemix aus vielen verschiedenen Methoden durchsetzen und die jeweiligen Vorteile kombinieren. Gerade in der Gebäude-Energietechnik liegt sehr viel Einsparpotential. Die in diesem Artikel beschriebene Technik verbindet Stromprodukion, Wärmeproduktion und Isolation. Die Energiebilanz des Systems auf die Stromproduktion zu beschränken und dann noch mit Photovoltaik zu vergleichen ist daher nicht ganz korrekt.

    • 4. Februar 2013 um 20:57 Uhr
    • Peter V.
  4. 4.

    Ich finde schade, dass “die Energiebilanz ist ernüchternd” gleich auf der titelseite steht, oder besser: dass es überhaupt so geschrieben wird.

    nur weil ein durchschnittshaushalt also 3500kWh im jahr verballert, und man alles an dieser immensen verschwendung misst, heißt das doch nicht, dass die bilanz ernüchternd ist.

    ich habe keinen stromanschluss und versorge mich und meine familie mit 100% eigenem sonnenstrohm.
    meine anlage produziert / und wir verbrauchen rund 345kWh im jahr. also rund 95% weniger als der durchschnittshaushalt.
    wie sie sehen, kann ich trotzdem diesen kommentar schreiben (im winter),habe trotzdem einen wlan router, auch einen mixer und eine stereoanlage, sogar akkuschrauber, sticksäge und einen drucker.

    ob das haus seine bewohner mit strom versorgen kann, liegt im ermessen der bewohner.

    und damit finde ich die bilanz alles andere als ernüchterd!

    • 4. Februar 2013 um 21:50 Uhr
    • eisbäru3
  5. 5.

    Für Architekturfans: Es sollte nicht “Klotzstil” heißen, sondern “Bauhausstil”. Frei nach dem Motto: nicht (Energie ver-)kleckern, sondern klotzen!

    • 4. Februar 2013 um 22:04 Uhr
    • OIKOS
  6. 6.

    Hallo eisbäru3
    ganz herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Mögen Sie ein bisschen genauer erzählen, wie Sie diese Energiebilanz hinbekommen?
    Vielen Dank!
    Marlies Uken

  7. 7.

    Tja die Kostenanalyse ist wohl deswegen nicht angegeben, da sie sich wohl annähernd im unendlichen befinden dürfte. Aber so ist Forschung nun eben mal, anfangs teuer und irgendwann wirds dann mal billiger. Aber insgesamt finde ich die Idee irgendwie prima! Auch wenn nur 3500 kWh/a dabei herauskommen…immerhin

    • 4. Februar 2013 um 22:22 Uhr
    • greenhorn
  8. 8.

    bei herrn eisbäru würde mich doch wirklich mal brennend interessieren, wie er denn auf 345 kWh im Jahr kommt? Einfaches Energiesparen (Licht aus sonst knallt´s!!!) oder viele hübsche energiespargeräte?

    • 4. Februar 2013 um 22:24 Uhr
    • greenhorn
  9. Kommentar zum Thema

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