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Autoren Archiv von Marlies Uken

Die ersten Mega-Batterien kommen

Von 30. Oktober 2014 um 15:45 Uhr
Die mobile Mega-Batterie in Magdeburg © Fraunhofer IFF

Die mobile Mega-Batterie in Magdeburg © Fraunhofer IFF

Von außen sieht er aus wie ein gigantischer Schiffscontainer, sein Inneres erinnert an einen Superrechner: In Magdeburg steht – wegen der Hochwassergefahr auf Stelzen – einer der größten mobilen Batteriespeicher Deutschlands. Das Fraunhofer Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung hat dort die Mega-Batterie errichtet. Vor Kurzem hat sie sogar den Praxistest bestanden: Ein Institutsgebäude der Forschungseinrichtung wurde für mehrere Minuten komplett vom Netz genommen und nur über die Batterie versorgt – ohne Blackout. Theoretisch könnte die Batterie die Gebäude der Forschungseinrichtung rund fünf Stunden lang mit Strom versorgen. Oder 100 Haushalte für 24 Stunden mit Strom beliefern.

Die dahinterstehende Technologie kennt man, salopp gesagt, vom Laptop: Sie basiert auf Lithium-Ionen-Akkus. Allerdings spielen die Magdeburger natürlich in einer anderen Liga. Während beim Laptop irgendwann die kleine Lüftung anspringt, weil die Prozessoren auf Hochtouren arbeiten, benötigt der Batteriecontainer sogar eine eigene Klimaanlage, damit er nicht überhitzt. Zudem müssen 5.000 einzelne Batteriezellen koordiniert werden. Die Batterie hat der südkoreanische Speicherspezialist SK Innovation gebaut.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff (l.) und Przemyslaw Komarnicki vom Fraunhofer IFF © Fraunhofer IFF

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff (l.) und Przemyslaw Komarnicki vom Fraunhofer IFF © Fraunhofer IFF

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Big Oil wehrt sich gegen Divestment

Von 16. Oktober 2014 um 11:24 Uhr

Es ist eine weltweite Bewegung, die so langsam auch nach Deutschland kommt: die Divestment-Kampagne. Die Idee ist simpel. Anleger entziehen Unternehmen, die in fossile Energien investieren, gezielt ihr Vermögen. Zugleich fordern die Anhänger der Bewegung, klimaschädigende Investments mit öffentlichen Geldern zu beenden; das Geld soll stattdessen in den Ausbau der Erneuerbaren investiert werden.

Prominentes Beispiel waren jüngst die Rockefeller-Erben: Die legendäre Familie, reich geworden mit Erdöl, gab bekannt, dass sich ihr 870 Millionen Dollar schwerer Investmentfonds von Beteiligungen an fossilen Firmen trennt. Auch Universitäten in den USA, die in der Regel über ein Kapitalvermögen verfügen, Städte wie Seattle oder San Francisco, der norwegische Pensionsfonds oder die niederländische Rabobank, gar die Kirche von England wollen fossil free werden. (Die Universität Harvard, mit einem Anlagevermögen von rund 33 Milliarden Dollar ein relevanter Akteur, weigert sich dagegen beharrlich, obwohl es zahlreiche Initiativen gibt, die Harvard zum Kurswechsel bewegen wollen).

Jetzt wird das Thema auch in Europa groß. Vergangene Woche gab die Fossil-Free-Bewegung bekannt, dass die Universität von Glasgow ihr Anlagevermögen – rund 128 Millionen Pfund – künftig ökologisch und ethisch anlegen will. Es ist die erste europäische Universität, die sich dazu entscheidet. Zurzeit hat sie rund 19 Millionen Pfund in Ölfirmen angelegt. Monatelang hatten sich  Studenten dafür engagiert, dass die Uni einen Strategieschwenk hinlegt. David Newall, der Verwaltungssekretär der University of Glasgow, musste schließlich bekannt geben: “Die Universität erkennt die verheerenden Folgen an, die der Klimawandel für unsere Erde haben könnte, und räumt ein, dass es für die Welt notwendig ist, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu verringern.” In den kommenden Jahren werde die Uni nicht nur ihre Ölinvestments zurückfahren, sondern selbst auch an der Reduzierung der CO2-Emissionen arbeiten.

Auch in Deutschland gibt es Versuche, öffentliche Gelder umzuschichten. An der Universität Münster machen sich etwa Studenten stark, allerdings hat die Uni laut Fossil Free “nur” 1,3 Millionen Euro Anlagevermögen, das sie korrekt investieren kann. Die deutschen Initiatoren machen sich daher vor allem dafür stark, dass Kommunen deinvestieren. Keine schönen Aussichten etwa für RWE: Der Kohlestromproduzent ist vor allem in der Hand von kommunalen Stadtwerken.

Und was machen die Entliebten? ExxonMobil, einer der weltgrößten Erdölkonzerne, hat sich jetzt ausführlich zum Thema Divestment geäußert. Die abgezogenen Investments scheinen also die Manager in der Firmenzentrale im texanischen Houston umzutreiben. ExxonMobil schreibt in seinem Firmenblog, dass Divestment eine Bewegung sei “that is out of step with reality”. Salopp gesagt: eine Schwachsinns-Idee.

Der Erdölkonzern ist übrigens entstanden aus dem John D. Rockefellers Standard Oil Trust. Siehe oben.

 

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Die Super-Solar-Sonnenblume

Von 7. Oktober 2014 um 10:28 Uhr
Vision: Das Hochleistungs-Solarkraftwerk © IBM Research

Vision: Das Hochleistungs-Solarkraftwerk © IBM Research

Das hier ist endlich mal ein sinnvolles Spin-Off von Big Data. Computerspezialist IBM ist ja Betreiber riesiger Datenzentren – und IT’ler können ein Lied davon singen, wie viel Energie diese Datenzentren verbrauchen, vor allem auch für die Kühlung. IBM hat sich nun mit dem Schweizer Solarspezialisten Airlight Energy zusammengetan und ein besonderes Solarkraftwerk präsentiert.

Das High Concentration PhotoVoltaic Thermal (HCPVT)-System erinnert ein wenig an große thermische Solarkraftwerke, spielt allerdings in einer anderen Liga. Durch eine 2000-fache Konzentration des Sonnenlichts kann die Super-Solarsonnenblume rund 80 Prozent der Solarenergie umwandeln. So entsteht nicht nur Solarstrom, sondern auch fast kochend heißes Wasser, das wiederum zur Entsalzung von Salzwasser genutzt werden kann. Gerade in Regionen, die nicht am Stromnetz hängen, fehlt es oft auch an sauberem Trinkwasser.


Ziel des Forschungsprojekts ist vor allem, die Kosten für Solarenergie zu drücken. Daher haben die Wissenschaftler einen Spezialbeton für eine Parabolschüssel entwickelt, der ähnliche Eigenschaften wie Aluminium hat, aber nur ein Fünftel der Kosten ausmacht. In der Schüssel wiederum befinden sich 36 Spiegel mit einer Spezialfolie. Die Spiegel konzentrieren das Licht und bündeln es auf einem Empfänger mit besonderen Zellen, mit deren Hilfe Strom erzeugt wird.

Zudem wird Wasser durch ein weit verzweigtes Röhrensystem an die Zellen herangeleitet: Wasser kühlt diese und schützt so vor dem Verglühen. Genau hier hat IBM seine Erfahrungen aus seinen Computerzentren eingebracht, unter anderem vom Leibniz-Computerzentrum in München, wo mit die schnellsten Computer Europas arbeiten und für die IBM bereits eine Kühltechnologie mit Wasser einsetzt.

Ja, allen Skeptikern sei gesagt: Bislang ist die Energieausbeute – freundlich gesagt – übersichtlich: Der Prototyp hat eine Leistung an einem sonnigen Tag von gerade einmal 12 Kilowatt Strom und 20 Kilowatt Wärme, das reicht gerade einmal  für einen Durchschnittshaushalt. Nicht gerade viel, aber die Frage ist natürlich: In welcher Größe wird das System eines Tages installiert? Und lassen sich die Wirkungsgrade noch erhöhen?

IBM geht jetzt erst einmal einen ungewöhnlichen Weg der Vermarktung seines Systems. In den kommenden Wochen können sich Kommunen um eine Solar-Sonnenblume bewerben. IBM finanziert den Bau und Schulungen, bis Ende kommenden Jahres sollen die Gewinner feststehen. Mal schauen, ob’s mehr ist als nur eine nette grüne Marketingidee.

Die Ökonomie der Jäger und Sammler

Von 16. September 2014 um 13:01 Uhr
Ein Perlpilz © Federico Gambarini/dpa

Ein Perlpilz © Federico Gambarini/dpa

Geboren bin ich in Ostfriesland – und da macht man vieles (ja ja, Teebeutel-Weitwurf), aber eines nur selten: Pilze sammeln. Hier in Berlin und Brandenburg ist das anders. Das zeigen schon die Websites Pilz Ticker Brandenburg und Pilzforum.eu, auf der Pilzefans die besten Locations handeln. Mein Wald, in dem ich am Wochenende mit der Familie unterwegs war, gehört definitiv nicht dazu. Die Bilanz: kein einziger Pilz, dafür Zecken.

Eine Studie hat sich nun so umfassend wie nie zuvor der Pilz- und Beerenleidenschaft in Europa angenommen. Das niederländische Team hat erstmals zahlreiche Statistiken und Studien ausgewertet, wer in Europa eigentlich wildes Obst, Gemüse und Tiere sammelt. Das Ergebnis: Ich pirsche nicht allein. 14 Prozent der Europäer sind regelmäßig im Wald unterwegs und sammeln selbst. Mindestens 100 Millionen Europäer essen zudem regelmäßig wild food, wie die Autoren das essbare Waldangebot nennen. Weiter…

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Das Ende der Powersauger

Von 1. September 2014 um 12:02 Uhr

Ja, ich gestehe: Mein Staubsauger in der Abstellkammer hat eine Leistung von 2.000 Watt, wenn ich mich gerade richtig erinnere. Gekauft vor einigen Jahren, natürlich mit HEPA-Filter, dem High Efficiency Particulate Airfilter. Das waren noch Zeiten.

Seit heute ist die Ära dieser Power-Sauger vorbei. Die Öko-Designrichtlinie, die vor einigen Jahren die Glübirnen aus europäischen Haushalten verbannte, nimmt sich nun die Staubsauger vor. Ab heute dürfen Staubsauger, die neu auf den Markt kommen, maximal 1.600 Watt aufweisen. In drei Jahren werden nur noch 900 Watt erlaubt sein. Mein Staubsauger hätte da keine Chance mehr, er dürfte heute nicht mehr in die Läden kommen. Nur Restbestände dürfen noch verkauft werden.

Die Empörung ist groß, mal wieder. Nach Glühbirnen jetzt die Staubsauger, typisch EU. Die Richtlinie bestätigt einmal mehr sämtlich Vorurteile gegenüber Brüssel. SPIEGEL ONLINE ärgert sich gar über das vermeintliche Menschenbild der EU-Kommission: “Das Staubsaugerverbot zeigt, welch trübes Menschenbild in Brüssel mittlerweile vorherrscht. Selbst unfähig, eine verständliche Öko-Kennzeichnung durchzusetzen, setzt die Bürokratie aufs Verbot.”

Ich würde lieber sagen: gemach, gemach. Mal ehrlich: Würden Sie es am Saugergebnis erkennen, ob Ihr Sauger nun 1.600 Watt oder 2.000 Watt besitzt? Ich sicher nicht. Und wenn es tatsächlich stimmt, dass sich ab 2020 mit den leistungsärmeren Staubsaugern gleich 19 Terawattstunden jährlich einsparen lassen, dann ist das beachtlich.  Zum Vergleich: Das AKW Isar-2 (1400 Megawatt) in München produzierte im vergangenen Jahr etwa 11,4 Terawattstunden Strom. Setzen wir Europäer also auf sparsamere Staubsauger, lässt sich theoretisch mindestens ein Atomkraftwerksblock abschalten. Energieeffizienz ist seit Jahren ein großes Thema, ohne dass es verbindliche Fortschritte gibt. Nun gibt es endlich eine Entwicklung – die übrigens vor Jahren unter EU-Ratspräsidentin Angela Merkel und ihrem damaligen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel angestoßen wurde.

Die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz verweist übrigens auf die große internationale Politik, um die Öko-Richtlinie zu verteidigen: “Wir machen allein durch effizientere Staubsauger fünf große Gaskraftwerke in der EU überflüssig. Damit werden wir weniger verwundbar, wenn Russland wirklich den Gashahn abdreht.“

Wer sich übrigens den jüngsten Staubsaugertest der Stiftung Warentest anschaut, der erfährt, dass der aktuelle Testsieger kein Powersauger ist, sondern ein Siemens-Gerät mit 870 Watt. Es erfüllt locker die Vorgaben der neuen Richtlinie. Mehr Watt = weniger Staub, diese Gleichung gilt nicht mehr.

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Zur Auszeit in die Seelenkiste

Von 24. Juli 2014 um 10:54 Uhr
Die Seelenkiste © allergutendinge

Die Seelenkiste © allergutendinge

Was für ein hübsches Häuschen, oder? Es nennt sich Seelenkiste und ist die Idee der drei Architekten Matthias Prüger, Manuel Rauwolf und Ulrike Wetzel von Team allergutendinge. Ein kleine Kiste, eine Forschungswerkstatt, die für die einfachen Dinge Platz bietet: Schlafen, Sitzen, Nachdenken. Ein Beitrag aus Deutschland zum internationalen tiny house movement, das vor allem in den USA beliebt ist. Die Idee dahinter lautet Reduktion: Das spart Kosten und vor allem Ressourcen.

Die Seelenkiste © allergutendinge

Die Seelenkiste © allergutendinge

“Viele Menschen wollen raus aus der Stadt, sich unabhängiger machen und auf Reisen gehen”, sagt die 28-jährige Architektin Ulrike Wetzel. Die Seelenkiste biete dazu die Möglichkeit: Weil sie aus verschiedenen Modulen bestehe, lasse sie sich zerlegen und an anderen Orten wieder aufbauen. Ein kleines Zwischendurchzuhause, “auf den menschlichen Maßstab bemessen”, wie Wetzel sagt.

Zurzeit steht die Seelenkiste auf dem Gelände der Bauhaus-Universität Weimar. Studenten haben bereits ein Test-Wochenende darin verbracht. Der Prototyp ist bereits zwei Jahre alt – aber wie so oft: Dank Blogs und anderen Websites wurde die Seelenkiste gerade wiederentdeckt. Wetzel überlegt jetzt mit ihren beiden Kollegen, das Konzept weiterzuentwickeln.

Damit das im größeren Stil passiert, bräuchte es sicherlich noch einige Ergänzungen. Die Seelenkiste ist zwar isoliert, aber eine Heizung gibt es nicht. Auch eine kleine Sanitärzelle wäre gut zu haben, einen Platz für einen Wassertank gibt es bereits. Dazu vielleicht eine Solarzelle aufs Dach – und schon steht der philosophischen Reise mit der Seelenkiste nicht mehr viel im Weg. Nun gut: Vielleicht noch jemand, der den jungen Architekten finanziell unter die Arme greift.

Japans Atom-Revival

Von 17. Juli 2014 um 18:28 Uhr

Am Mittwoch hat Japan schwuppsdiwupps die Rückkehr zur Atomkraft hingelegt: Die Atomaufsicht erklärte die zwei abgeschalteten Atomreaktoren Sendai 1 und Sendai 2  in einem 400 Seiten starken Prüfbericht für sicher. Damit ist zumindest schon mal theoretisch die Grundlage gelegt, dass die Meiler wieder ans Netz können. Die Praxis sieht anders aus: Auf der einen Seite soll die Bevölkerung stärker involviert werden. Auf der anderen Seite will auf Seiten der Verwaltung wohl niemand den Kopf hinhalten, wenn Atommeiler wieder ans Netz gehen – also wird es wohl eine Entscheidung von höchster politischer Ebene sein.

Ganz aktuell sind alle 50 Atomkraftwerke in Japan zurzeit nicht am Netz (was ja nicht dazu geführt hat, dass dieses hochindustrialisierte Land komplett lahmgelegt ist). Zwei Meiler waren zwischenzeitlich im vergangenen Jahr am Netz. Weiter…

Noch eine Woche lang Klimaschutz

Von 10. Juli 2014 um 14:54 Uhr

Keine Frage, Clive Palmer hatte schon immer etwa Rebellisches. Der Erz- und Kohle-Milliardär aus Australien, einst Schulabbrecher, lässt zurzeit einen originalgetreuen Nachbau der Titanic für mehrere Hundert Millionen Euro bauen und will die Tickets der Jungfernfahrt Southampton – New York lukrativ verkaufen. Sein Urlaubsressort an einem Traumstrand in Australien ist ein gigantischer Dinosaurier-Park.

Jetzt hat der Hobby-Berufspolitiker, der die Palmer United Party anführt, mal eben für einen Eklat in der australischen Energiepolitik gesorgt.

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Die Deutschen sind vernarrt in Bio

Von 8. Juli 2014 um 16:10 Uhr
© David Ebener/dpa

© David Ebener/dpa

Die jüngsten Zahlen aus der Bio-Ecke lassen das Bundeslandwirtschaftsministerium einmal mehr Jubeln. Abgesehen von den USA gebe es kein Land auf der Welt, in dem sich Bio-Produkte so großer Beliebtheit erfreuen wie in Deutschland, sagte Minister Christian Schmidt (CSU) am Dienstag. Mit Bio-Produkten erwirtschafteten Unternehmer und Landwirte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 7,5 Milliarden Euro – ein Plus von sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Der Bio-Anbau macht inzwischen 6,4 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland aus. Gerade Rheinland-Pfalz, inzwischen ja rot-grün regiert, hat die Förderung für Öko-Anbau mächtig ausgeweitet. Die Fläche, die nach biologischen Kriterien bewirtschaftet wurde (keine Gentechnik, kein Spritzen), ist um ein Fünftel gestiegen. Weiter…

Die Abo-Jeans

Von 2. Juli 2014 um 15:46 Uhr

Wenn an diesem Donnerstag die Billigbillig-Modekette Primark den zweiten Flagship-Store in Berlin eröffnet, lohnt ein Blick nach Amsterdam. Dort verfolgt Bert van Son mit seinem Start-up Mud Jeans das Gegenmodell: die Abo-Jeans. Die Idee ist schnell erzählt: Für 20 Euro Startgebühr und monatlich sechs Euro können Kunden eine Jeans für ein Jahr mieten. Und zwar nicht irgendeine, sondern aus Biobaumwolle und ethisch produziert. Preislich unterscheidet sich Mud Jeans also kaum von anderen höherpreisigen, fair hergestellten Jeans.

© Richard Terborg/Mud Jeans

© Richard Terborg/Mud Jeans

Vor einem Jahr hat Mud Jeans im größeren Stil angefangen. Auf der Homepage schreibt van Son, dass er inzwischen 1.500 Kunden habe. Doch am Telefon erzählt er, dass diese Zahlen nicht mehr aktuell sind: Insgesamt seien es 3.000 Kunden, die seine Mietjeans in der ein oder anderen Form nutzten.

Spannend ist, dass van Sons Geschäftsidee aufzugehen scheint: Nur zehn Prozent der Kunden hat nach einem Jahr die Jeans zurückgeschickt und ist abgesprungen. 60 Prozent der Kunden bleiben dabei und wechseln auf ein neues Modell. 30 Prozent verlängern ihr Jeans-Abo um noch einmal vier Monate. “Wir machen keine Fast Fashion”, sagt van Son, der mit seinem Unternehmen noch keinen Gewinn macht, sondern von seinem Ersparten lebt. Wenn er etwa 2.000 bis 3.000 alte Jeans zurückbekommen hat, wird er diese nutzen, um damit aus recycelten Jeansfasern neue Jeans zu produzieren. Das ist – Achtung, sperriges Wort – Kreislaufwirtschaft in Perfektion. Die Alt-Jeans komplett zu Recyclingfasern aufzubereiten, ist zwar technisch noch nicht möglich, aber 30 Prozent sind schon jetzt machbar.

Zwei Studentinnen haben die Geschäftsidee wissenschaftlich ausgewertet. Interessant sind natürlich die Käufer oder genauer: Abonnenten. Zwei Gruppen hat Mud Jeans im Visier: Die Social Ecologists und die Liberal Intellectuals. (Lieber Leser, Sie können jetzt selbst entscheiden, ob Sie zu einer dieser Gruppe gehören könnten). Van Son schätzt, dass ihr Anteil an der deutschen Bevölkerung bei rund 14 Prozent liegt. “Diese Zielgruppe ist doch enorm”, sagt van Son. Noch allerdings überwiegt, das wird die Primark-Eröffnung zeigen, die Fast-Fashion-Gruppe, die Mode im Schnelldurchlauf konsumiert.

Gegen diese Entwicklung will übrigens auch die EU-Kommission etwas tun. Wie passend, dass sie gerade am Mittwoch ihre neue Abfall- und Recyclingstrategie vorgestellt hat. Das Ziel: Bis zum Jahr 2030 sollen in der EU etwa 70 Prozent der Siedlungsabfälle und 80 Prozent der Verpackungsabfälle recycelt werden. Und welches Unternehmen präsentiert Brüssel unter anderem als Vorbild? Überraschung: Mud Jeans – in diesem Video ab Minute 4:20.