Saddam Husseins Exekution wird die Zerstörung des Irak besiegeln

Von 29. Dezember 2006 um 19:43 Uhr

p.s. am 31.12. Angesichts der vielen Verurteilungen der Exekution seitens der Leser (s.u.) sollte vielleicht ein Standpunkt in Erinnerung gerufen werden, von dem aus sie trotz allem einen moralischen Sinn haben könnte. An der allgemeinen Verurteilung der Exekution ist etwas sehr Eilfertiges, das mich stört.
Es fehlt uns nämlich die Perspektive des Geschundenen, des Opfers, der seinen Folterer leiden und sterben sehen will, um ihn damit zugleich in die gemeinsame Menschlichkeit zurückgerissen zu sehen…

Der Hass des Gefolterten und Unterdrückten auf den Unterdrücker ist nicht nur legitim, sondern sogar eine “Emotionsquelle jeder echten Moral, die immer eine Moral der Unterlegenen war” – so jedenfalls sah es der Auschwitz-Überlebende Jean Améry:

“Meine Ressentiments aber sind da, damit das Verbrechen moralische Realität werde für den Verbrecher, damit er hineingerissen sei in die Wahrheit seiner Untat.”

Saddam Husseins Opfer (und sie sind weiss Gott zahlreich) mögen diese Ressentiments gespürt haben in dem Moment, in dem er aufs Schafott trat. Jean Améry spricht hier aber nicht der Todesstrafe Legitimation zu, sondern dem Hass und dem Rachebedürfnis der Opfer und der mit ihnen verbundenen “Utopie”, den Verbrecher durch die Strafe zurückzuholen in das gemeinsame Menschsein, aus dem er sich entfernt hat, indem er sich als Folterer und Killer zum Herrn über Leben und Tod machte.

Es ist dieses Letzte tatsächlich eine Utopie, wie wir angesichts der schäbigen Hinrichtung Saddams gesehen haben. Bis zuletzt hat er nicht bereut und nichts von dem Unrecht gesehen, das er angerichtet hatte.

Sein letzter Appell war ein Aufruf zum weiteren Morden. Seine letzte Botschaft des Hasses galt den “Besetzern” und den “Persern” (Schiiten). Er starb als unbelehrbarer Massenmörder.

In der liberalen arabischen Tageszeitung Al Hayat (London und Beirut) kommentiert der Chefredakteur Ghassan Charbel die Exekution des irakischen Diktators.

Man beachte den kalten, verzweifelten Ton dieser Abrechnung:

“Saddam Husseins weiteres Schicksal hat keine Bedeutung. Er hat nie erwartet, durch die Last seiner Missetaten sterben zu müssen. Er wusste immer, dass irgendwo eine Kugel auf ihn wartete, und dass es Verschwörungen gegen ihn gab….

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Saddam wusste, dass Leiden den Herrscher des Irak erwarteten, wenn er einmal schwach sein würde. Sein Körper würde durch die Strassen Bagdads geschleift werden, bis er zur Unkenntnis verstümmelt wäre. Darum griff er sofort jeden an, der eine potentielle Gefahrenquelle darstellen konnte. Er war Herrscher, Richter und Gericht. Seine Gegner wurden aus purer Wut und ohne jeden Beweis zum Galgen geschickt.

Es ist unmöglich, Saddam zu verteidigen oder Gründe zu finden, seine Strafe aufzuschieben. Seine Verbrechen zuhause, und auch jenseits der irakischen Grenzen, sind flagrant. Er war ein grausamer und brutaler Diktator. Seine Taten haben ganze Nationen von Witwen und Waisen geschaffen. Dafür verdient er bestraft zu werden. Doch die Debatte über den Aufschub seiner Exekution sollte uns nicht von einer Sache ablenken, die noch wichtiger ist: die Zerstörung des Irak, die von Irakern und Nicht-Irakern gemeinsam vollbracht wird.

Saddams persönliches Schicksal ist nicht wichtig. Wir wünschten, er wäre in einem Irak verurteilt worden, der als Demokratie und Rechtsstaat gelten könnte. Wir wünschten, sein Prozess hätte als Signal eines Sieges der Gerechtigkeit und des Endes von Ungerechtigkeit, Tyrannei und Totalitarismus gelten können.

Saddam war böse. Aber um ehrlich zu sein, müssen wir sagen, dass der Irak nun unter dem Einfluss jener steht, die schlimmer als Saddam sind.”

Und dazu rechnen nach Charbel einerseits diejenigen, die den Umsturz betrieben haben, indem sie einfach “die Tür zum Unbekannten” aufstiessen. Aber auch diejenigen, die den Umsturz “benutzt haben, um sich zu rächen, Todesschwadrone zu bilden und Menschen zu vertreiben”:

“Schlimmer als Saddam sind jene, die das Machtvakuum benutzten, um in den Irak einzufallen und historische Stätten anzugreifen… und die den Irak in ein Jagdrevier verwandeln und eine tödliche Falle für seine Bewohner verwandeln.”

“Schlimmer als Saddam ist jener, der das Töten von US-Soldaten als Vorwand benutzt, um Iraker zu töten.”
“Saddam war ein brutaler Diktator, doch Irak hat unter seiner Herrschaft existiert. Die Entscheidung, Irak abzuschreiben, ist gefährliches als alle Abenteuer Saddams. Diese Entscheidung hat historische Gleichgewichte in der Region unterminiert und den Arabern einen Schlag versetzt, der gefährlicher ist als das Leiden der Palästinenser. Sie hat einen Zerfall ausgelöste, der zur Zerstörung anderer arabischer Länder führen kann.

Ich weiss, dass viele Menschen davon träumen, Saddam tot zu sehen. Sie zählen die Tage und bereiten eine Feier vor. Sie wollen ihre Familien gerächt sehen…. Doch Saddams Leichnam wird Öl im Feuer des Hasses sein…”

Al Hayat vom 28.12.2006

Leser-Kommentare
  1. 1.

    hunderte von leuten weltweit sprachen sich auf der free speech sparte von bbc gegen eine hinrichtung aus

    diktatoren auf seiten der usa sterben mit über 90 an herzschwäche wie pinochet mit seinen tausenden von toten -

    weiter ist das scheinheilige an der sache, dass saddam gegen den iran in den krieg zu ziehen ausdrücklich von den usa ermuntert wurde – in dem zusammenhang steht auch das massaker in einer form an den schiiten, wegen dem saddam zum tode verurteilt wurde – madness madness usa

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    • 29. Dezember 2006 um 21:15 Uhr
    • Dobranoc
  2. 2.

    Wenn das Irakische Volk Saddam den Prozess gemacht und ihn aufgehängt hätte, wäre es in Ordung und gerecht gewesen.
    Wer den Prozess genau verfolgt hat, weiß jedoch, dass Prozess und Hinrichtung auf das Konto der USA gehen, auch um einen unbequemen Zeugen zum Schweigen zu bringen.
    Das fügt den Verbrechen der USA im Irak ein weiteres Verbrechen hinzu: Mord.

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    • 29. Dezember 2006 um 23:14 Uhr
    • Peter Schmidtbauer
  3. 3.

    Da heulen sie wieder um den geliebten Führer! Traurig so etwas miterleben zu müssen. J.S.

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    • 30. Dezember 2006 um 00:22 Uhr
    • J.S.
  4. 4.

    Ich bin Gegner der Todesstrafe und unterstütze sie auch in diesem Falle keineswegs.

    Saddams Tod wird nichts bringen. Rache war noch nie geeignet um Trauer zu bekämpfen.

    Der Irak hat ganz andere Probleme, das Morden wird nicht aufhören nur weil Saddam und damit der Diktator vom Erdboden getilgt wird. Der Irak stellt sich damit ein Armutszeugnis seiner noch jungen Demokratie aus… dieses Land wird noch über Jahre im Chaos stecken bleiben. Daran wird auch der Sturz von Saddam und dessen Tod nicht das geringste ändern.

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    • 30. Dezember 2006 um 00:50 Uhr
    • Sven N.
  5. 5.

    Hallo,
    er wird als Märtyrer in die Geschichte eigehen – eben wegen der Todesstrafe! Das kann eigentlich keiner wollen, der weiss, was er verbrochen hat! Warum also die Todesstrafe?
    Die Beantwortung dieser Frage wird viele böse Geschichten entstehen lassen, da bin ich mir sicher!

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    • 30. Dezember 2006 um 01:08 Uhr
    • misimiz
  6. 6.

    Ich war schon immer – naja, solange ich politisch denke, und ich bin Jahrgang ’43, also eigentlich seit der Machtübernahme Husseins, die ich ja denn schon bewusst wahrgenommen habe – gegen die Unterstützung des Westens für diesen autokratischen, diktatorischen Herrscher. Ich fand immer, die Heuchelei des “Westens”, vor allem der USA, zeige sich ganz besonders in der Unterstützung solcher Diktatoren.
    Ich habe jedoch inzwischen etwas Wesentliches dazu gelernt, dazu gelernt gerade durch den Irak-Krieg. Ich habe dazu gelernt, was meine insgesamt drei Geschichtslehrer mir hatten beizubringen versuchten, was ich aber nicht wirklich verstand, weil ich selbst noch in kolonialen Grenzen zu denken gewohnt war: Meine Geschichtslehrer hatten mir stets gesagt, dass die merkwürdig geometrisch, nämlich rechtwinklig verlaufenden Grenzen im Nahen Osten keineswegs etwas mit der ethnischen Zusammensetzung jener Gebiete – übrigens auch in Afrika – und noch weniger mit deren Historie zu tun hätten, als vielmehr mit den kolonialen Grenzen.
    Ich hatte immer geglaubt, derartige “künstliche” Grenzen seien etwa so “künstlich” wie etwa die deutsche Ostgrenze, die ja im Ernst seit dem 2.Weltkrieg niemand mehr in Frage stellt.
    Erst seit dem Irak-Krieg habe ich begriffen, dass die kolonialen Grenzziehungen keineswegs so akzeptabel sind für die Bevölkerungen wie eben etwa die Oder-Neiße-Linie in Deutschland.
    Das bedeutet natürlich auch, dass diese nachkolonialen Staaten bei weitem kein so deutliches Zusammengehörigkeitsgefühl hatten und haben wie etwa Deutschland oder das nach Westen verschobene Polen.
    Staaten wie der Irak, die – und erst spät entsann ich mich der historischen Dimension! – aus sehr heterogenen Ethnien zusammengepresst wurden, Staaten, in denen eigentlich, anders als etwa im Iran, keine Ethnie, keine ideologische Richtung die Führungsrolle hätte beanspruchen können – solche Staaten hatten eigentlich in der nachkolonialen Zeit keinerlei Zukunft. Allenfalls hätte ein kleines Babylonien sich behaupten können. Aber für das kolonial neu geschaffene Irak-Gebilde aus Kurden, Schiiten, Sunniten konnte es keinerlei Zukunft geben.
    Was Hussein versucht hat, war eigentlich nichts anderes, als mit ähnlich diktatorischer Hand, wie sie die Kolonialherren besessen hatten, ein “nation building” zu betreiben – für eine “nation”, die es in dieser Form gar nicht gab und auch historisch nie gegeben hatte. Es gebot über ein eigentlich an Rohstoffen sehr reiches Land, das aber in den Genuss dieses Reichtums nur kommen konnte und kann, wenn es sich eben als EIN Land begriff und begreift.
    So gesehen war Hussein sicher ein zwar entsetzlicher, zugleich aber wirklich großer und bedeutender Lenker seines äußerst schwierigen Staates.
    Natürlich wird er jetzt hingerichtet werden. Aber sein Integrations-Imperialismus, seine Fähigkeit, das koloniale Gebilde Irak zum Staat zu zwingen, die fehlt seinen Nachfolgern in Washington und im Irak. Und deswegen ist das Nach-Hussein-Elend um vieles schlimmer als die gesamte Zeit der Hussein-Diktatur – trotz der Morde an den Kurden; nie starben im kolonialen oder im husseinischen Irak-Gebiet so viele Menschen wie seit der “Befreiung” durch die US-Amerikaner.

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    • 30. Dezember 2006 um 05:00 Uhr
    • Gotthard Schmidt
  7. 7.

    Es ist ja eigentlich widerlich – aber im postkolonialen Gebilde Irak ist alles widerlich -: Man muss sich eigentlich einen Hussein wünschen, der die drei Bebölkerungsgruppen zusammenzwänge – oder aber drei starke Regionalführer, die stark genug wären, das postkolionale Staatsgebilde Irak in drei Staaten aufzusprengen.
    Anders ist der Morderei im ehemaligen Irak nicht zu begegnen.

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    • 30. Dezember 2006 um 05:18 Uhr
    • Gotthard Schmidt
  8. 8.

    Mit des Geschickes Mächten
    ist kein rechter Bund zu flechten.
    Und das Unheil waltet schnell.

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  9. Kommentar zum Thema

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