Das Hinrichtungsvideo wird Saddam Hussein verewigen – und viele Opfer kosten

Von 3. Januar 2007 um 18:58 Uhr

Soll man dafür nun dankbar sein?

Ein Handy-Video hat die Wahrheit über die Hinrichtung Saddam Husseins an den Tag gebracht. Die regierungsamtliche Propaganda der irakischen Administration, es habe sich um einen korrekten Urteilsvollzug gehandelt, wurde durch das auf zahllosen Webseiten verbreitete Video durchkreuzt.

So hat die Weltöffentlichkeit nun das zweifelhafte Vergnügen, die ganze Schäbigkeit des Vorgangs mitverfolgen zu können… – das Schimpfen der Wachen bis zum Ende, das Zurückschimpfen des Diktators, die Appelle ans Schiitentum auf der einen Seite (“Moqtada! Moqtada! Moqtada!”), den national-rassistischen Wahn Saddams auf der anderen Seite (der sich bis zum Schluss als Widerstandsheld gegen “Perser” – i.e. Schiiten – ausgibt).

Und auch die Tatsache, dass man den Tyrannen mitten im Gebet erhängt hat, darf nun jedermann immer wieder und wieder geniessen. Überall im Netz steht das Video zum Download. DVDs finden im Nahen Osten rasenden Absatz.
Nein, dafür kann man nicht dankbar sein. Das Ganze hat eine Schäbigkeit bis zum Schluss, die Böses für die Zukunft des Irak ahnen lässt.

Wenn sich bewahrheiten sollte, was jetzt vermutet wird – dass die Handy-Aufnahme von dem Sicherheitsberater des irakischen Präsidenten stammt – kann man endgültig alle Hoffnung fahren lassen, dass sich im Irak in ansehbarer Zeit irgendeine nationale Einheitsregierung zusammenraufen wird.
Es wäre schlimm genug, wenn die Sache bloss durch einen anwesenden Wachmann ins Rollen gebracht worden wäre.

Aber ein Regierungsmitglied? Saddams Regime der Angst und des Hasses vergiftet offenbar bis über seinen Tod hinaus auch noch seine Gegner und diejenigen, die auf den Trümmern seiner Herrschaft etwas Neues aufbauen wollen.

Der Beschuldigte hat die Verdächtigung unterdessen von sich gewiesen. Die neue Version der irakischen Regierung lautet: Schiitische Milizen hätten die Vollstreckung unterwandert und die Kräfte des Innenministeriums an die Seite gedrängt.

Wie kann denn so etwas passieren? Auch diese Version wäre, wenn sie sich bewahrheitet, eine Katastrophe. Denn die Gegner der Regierung könnten dann mit dem Hinrichtungsvideo beweisen, dass diese Regierung absolut keine Legitimität hat.
Wir haben erst angefangen, die moralische Zerstörung dieses Landes zu begreifen, für die jener Mann verantwortlich ist, der als erster Tyrann der Menschheitsgeschichte im Sterben zum Phänomen der internetgestützten Popkultur der Gewalt wird – zum Herunterladen eingereiht zwischen Pornos, gestohlener Musik und mitgeschnittenen Hollywood-Filmen.
Saddam Hussein wird im Tod zum Teil der medialen Gewaltkultur des Nahen Ostens. Das Hinrichtungsvideo ist ein Konterpart zu den Märtyrervideos, mit denen sich die Mudschahedin verewigen wollen, bevor sie sich in die Luft sprengen.

Beides gehört zur Gegenöffentlichkeit der arabischen Welt, die hoffnungslos einem Todeskult verfallen scheint.
Im letzteren Fall sprechen diejenigen, die sich selbst dem Tod weihen, in der Absicht, noch die Lebenden in Angst und Schrecken zu versetzen – und natürlich um andere junge Männer für den Todeskult zu rekrutieren, dem sie sich selbst verschrieben haben.

Durch Saddams Hinrichtungsvideo soll wahrscheinlich seinen überlebenden Opfern und ihren Angehörigen Genugtuung geschehen, indem sie den Tod des Möders und Folterers bezeugen (und geniessen) können.

Das Hinrichtungsvideo zeigt die Bestrafung eines Massenmörders, der seine eigenen Söhne zu schulen pflegte, indem er sie zu Hinrichtungen und Folterungen mitnahm. Indem es den Diktator in der Stunde seiner Ohnmacht verewigt, zerstört es seinen Mythos.

Das war womöglich die Absicht derjenigen, die es veröffentlicht haben. Sie wird, wie man jetzt schon sieht, nicht aufgehen. Ein neuer Mythos wird geschaffen, und Saddam wird auf diese Weise auch nach seinem Tod weiterwirken.
Indem die irakische Regierung aus dem Vollzug eines Urteils, das einen Neubeginn der Rechtsstaatlichkeit im Irak hätte begründen sollen, einen Rache-Akt gemacht hat, dessen Schäbigkeit die Menschheit nun für alle Zeiten in ihrem Bildgedächtnis tragen wird, hat sie den Feinden der Freiheit in die Hand gearbeitet. Vor allem die Menschen des Irak werden dafür bezahlen – aber womöglich nicht nur sie.

p.s. Die Amerikaner haben übrigens versucht, alles dies zu verhindern. Doch ihre Macht im Irak reicht dafür nicht mehr. Wer möchte sich darüber freuen?

(Der beste Beitrag zur Sache hier: Michael Young (vom Beiruter Daily Star) zur Hinrichtung als verpasster Chance.)
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Leser-Kommentare
  1. 89.

    “Quatsch! Das Moqtada-Video ist ein Verkaufsschlager geworden!”
    Das ist natürlich ein ganz entscheidendes Kriterium, das einzig relevante Echo. Ein Enthauptungsvideo mit GWB in der Hauptrolle würde vermutlich wie Blei in den Suqs der ganzen Welt liegen.

    Antworten

    • 7. Januar 2007 um 15:35 Uhr
    • AM
  2. 90.

    @JS
    “Das einzige westliche Land das Saddam mit Waffen unterstützte, war Frankreich. Die Franzosen haben Saddam idiotischerweise sogar Exocet Raketen geliefert”
    Und welche Rolle hat die deutsche Regierung damals gespielt, die der Amerikaner (Kohl Und Reagen waren beste Freunde) so Nahe stand. Da war doch was mit chemieschen Waffen, oder?
    Hören Sie endlich auf mit den Naivitäten. Die Amerikaner spielen in dieser Region seit mindestens 60 Jahren eine schmutzige Doppelrolle, um die eigene Interessen zu wahren.
    Wie viele Beispiele soll ich Ihnen dafür denn nennen?

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    • 7. Januar 2007 um 16:24 Uhr
    • Docaffi
  3. 91.

    @Docaffi
    Es sind von keinem westlichen Land Chemie Waffen an den Irak geliefert worden. Nicht mal von Frankreich und schon gar nicht von den USA oder Deutschland.

    “Wie viele Beispiele soll ich Ihnen dafür denn nennen?”

    Wie wär es mit einem für den Anfang? J.S.

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    • 7. Januar 2007 um 21:21 Uhr
    • J.S.
  4. 92.

    @JS

    Ein Beispiel ist der Fall Mossadegh, dessen Regierung eigentlich die einzige demokratisch gewählte Regierung in der Geschichte des Irans war. Seine Regierung hat gegen den Willen der Briten und Amerikaner die Erdölreserven des Landes verstaatlicht. In der Folge wurde er durch einen amerikanisch unterstützten Putsch abgesetzt. Hier eine Zitat aus einer Quelle, die Sie auch überprüfen können (Wikipaedia):

    Am 4. April 1953 billigte Allen W. Dulles, der Direktor der CIA, ein Budget von einer Million US-Dollar, die dazu verwendet werden sollten, Mossadegh zu stürzen („in any way that would bring about the fall of Mossadegh“). Mit der „Operation Ajax“ gelang es der CIA in Kooperation mit dem Schah und monarchistischen Gruppen, geführt vom General im Ruhestand, Fazlollah Zahedi am 19. August (28 Mordad) 1953, Ministerpräsident Mossadegh aus dem Amt zu entfernen.

    Drei Mal dürfen Sie raten, welcher General damals dieser “Operation Ajax” leitete: Der hieß Schwarzkopf, der Vater des berühmten Norman Schwarzkopf aus dem Golf-Krieg I. Hierzu ein Zitat aus einer amrikanischen Geschichtsquelle:

    In 1953, the CIA and British intelligence orchestrated a coup d’etat that toppled the democratically elected government of Iran. The government of Mohammad Mossadegh. The aftershocks of the coup are still being felt.

    In 1951 Prime Minister Mossadegh roused Britain’s ire when he nationalized the oil industry. Mossadegh argued that Iran should begin profiting from its vast oil reserves which had been exclusively controlled by the Anglo-Iranian Oil Company. The company later became known as British Petroleum (BP).

    After considering military action, Britain opted for a coup d’état. President Harry Truman rejected the idea, but when Dwight Eisenhower took over the White House, he ordered the CIA to embark on one of its first covert operations against a foreign government.

    The coup was led by an agent named Kermit Roosevelt, the grandson of President Theodore Roosevelt. The CIA leaned on a young, insecure Shah to issue a decree dismissing Mossadegh as prime minister. Kermit Roosevelt had help from Norman Schwarzkopf’s father: Norman Schwarzkopf.

    Soll ich Ihnen auch vom Beispiel Nr. 2 erzählen?

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    • 7. Januar 2007 um 22:31 Uhr
    • Docaffi
  5. 93.

    @Docaffi

    Noch ollere Kamellen als Mossadegh haben Sie nicht? Aber gut! Wann waren denn die Demokratischen Wahlen bei denen Mossadegh gewählt wurde und wer war Wahlberechtigt? Oder meinen Sie “demokratisch” wie bei der Deutschen Demokratischen Republik?
    Mossadegh war übrigens zu Anfang recht beliebt bei den Amerikanern. Bis er sich mit den Kommunisten einließ, was im kalten Krieg 1953 selbstverständlich zu Ärger mit den USA führen musste. Wenn da einer ein doppeltes Spiel gespielt hat, dann Mossadegh und er bekam die Quittung. Er hat übrigens nicht die Erdölreserven verstaatlicht sondern die Förderanlagen, was genau genommen Diebstahl war. Wie man das legal und problemlos löst, hat der Schah etwas später vorexerziert. Er hat einfach die Staatlichen Abgaben auf die Ölförderung erhöht und den Iran zu einem sehr reichen Land gemacht, übrigens mit Rückendeckung der USA. J.S.

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    • 7. Januar 2007 um 23:35 Uhr
    • J.S.
  6. 94.

    @JS
    Ist ja unglaublich, wie Sie die Welt-Geschichte zu ihren Günsten verdrehen. Das wird ja immer Naiver und lustiger. Den deutschen Angriff auf Polen 1939 haben die Nazis auch anders dargestellt; hat trotzdem keine geglaubt.
    In jedem Geschichtslexikon (europäisch, angloamerikanisch oder iranisch) steht Mossadegh als derjenige, der das iranische Öl verstatlicht hat. Die Amerikaner geben doch selbst zu, dass Sie für Ihre eigene Interessen Mossadegh abgesetzt haben. Und Sie wollen es besser wissen? Wo haben Sie eigentlich Ihre Quellen für all diese Märchen her? Diebstahl war das, was die Briten damals betrieben haben. Der von Großbritannien geführte internationale Ölkonzern Anglo-Iranian Oil Company (kurz AIOC, später umbenannt in BP) beherrschte damals das Ölgeschäft des Landes und weigerte sich in Verhandlungen mit Mossadegh-Regierung, seine Gewinne aus dem Ölgeschäft in von iranischer Seite gefordertem Umfang zu teilen. Übrigens das iranische Öl und die Förderanlagen blieben auch nach Mossadegh verstatlicht. Die Gewinne aus dem iranischen Öl wurden halt unter der Hand weiter geklaut.

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    • 8. Januar 2007 um 00:59 Uhr
    • Docaffi
  7. 95.

    ich finde das sadam leben sollte…er sollt lebenslange haft bekommen..
    sadam hat tausende menschen getötet…..und bush totet auch garde menschen…..
    ich finde das bush auch wie sadam bestrafen sollte…..`??

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    • 30. Januar 2007 um 19:56 Uhr
    • bayk
  8. Kommentar zum Thema

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