Schlagen oder Weggehen?

Von 26. März 2007 um 12:10 Uhr

Ein interessanter Artikel der New York Times über die Sure (4,34), die im Frankfurter Fall eine Rolle spielt.
Laleh Bakhtiar, eine iranisch-amerikanische Übersetzerin des Korans hat sich an dieser Sure gestört, die ein 3-Punkte Programm zur Domestizierung widerspenstiger Frauen darstellt:
Männer sollen rebellische Frauen
- warnen,
- im Bett meiden (auch: in die Schlafgemächer verbannen),
- und als ultima ratio: schlagen.

Nun hat Frau Bakhtiar so lange in einem arabischen Wörterbuch gesucht, bis sie eine Übersetzung fand, die ihr angemessener scheint: “Ich konnte nicht glauben, dass Gott die Verletzung eines anderen Wesens erlauben würde, ausser im Krieg.”

Frau Bakhtiar übersetzt “daraba” nun als “weggehen”.

So sehr man den Wunsch einer frommen Muslima verstehen kann, den Vers mit unserem heutigen Verständnis der Menschenrechte kompatibel zu machen – es ist aber doch fraglich, ob dadurch nicht am Ende eine Enthistorisierung des Koran bewirkt wird, die es unmöglich macht, ihn in seinem Entstehungskontext zu begreifen.

(Ganz ähnlich wie übrigens bei dem politisch korrekten Projekt einer “Bibel in gerechter Sprache”.)

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Sehr wohl, Herr Lau,

    Nicht auf die Umdeutung und Umbiegung einzelner Stellen im Koran, in den Testamenten der Bibel oder im Talmud kommt es an, sondern auf die häufig und manchesmal bis zur Langeweile des jeweiligen Werkes wiederholten Aussagen zur Einhaltung der Gebote, zur Achtung des Gesetzes, zur Beachtung der Pflichten von Christenmenschen, Mohammedanern und Juden. Geben ist allemal seeliger als Nehmen.

    Danke für diesen knappen und treffenden
    Eintrag in Ihr Web-Tagebuch

    Grüße

    Christoph Leusch

    PS: Manchesmal habe ich derzeit das Gefühl, dass Atheisten über diese Zusammenhänge besser Bescheid wissen.

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    • 26. März 2007 um 14:02 Uhr
    • Christoph Leusch
  2. 2.

    Wenn ich Anhänger einer Religion wäre, würde ich mich gegen die schleichende Revision von Bibel und Koran im Rahmen vorgeblicher “Übersetzung” wehren.

    Der einzige legitime Grund, einer Religion anzugehören ist, daß man diese für wahr hält. Entweder Bibel und Koran sind von Gott inspiriert bzw. von Allah verfasst und wahr, oder sie sind es nicht. Es gibt hier in der Logik von Religionen keinen logisch haltbaren Kompromiss. Eine heilige Schrift, die man verbessern muß, kann logischerweise nicht von einem Gott kommen.

    Ich glaube daher nicht, daß Bibeln in “gerechter Sprache” oder koranische Gegenstücke dazu eine Chance haben. Solche Machwerke sind so ehrlich wie sowjetische Photos, auf denen man in Ungnade gefallene Personen einfach übermalt hat.

    Wer als Christ oder Muslim nicht mit den Inhalten seiner Offenbarung klarkommt, sollte die Religion wechseln und nicht versuchen, ihr andere Inhalte unterzuschieben. Eine Religion macht ja gerade aus, daß sie endgültige Aussagen enthält. Heilige Schriften sind eben keine wissenschaftlichen Theorien, die sich weiterentwickeln, und sie waren von ihren Autoren auch nicht als solche gedacht.

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    • 26. März 2007 um 14:17 Uhr
    • Wachtmeister
  3. 3.

    Volle Zustimmung, Herr Lau!
    Wieso soll ich intelektuelle Klimmzüge machen, um in eine Religion das hinein zu interpretieren, was gar nicht in ihr steckt.
    Diese Leute verkaufen uns eine Wunschvorstellung des Islams als die Realität. Noch gefährlicher wird es, wenn man die Politik nach solchen Wunschvorstellungen ausrichtet ( siehe Claudia Roth: “Islam bedeutet Frieden”, was nicht mal in der wörtlichen Übersetzung stimmt).

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    • 26. März 2007 um 16:23 Uhr
    • lebowski
  4. 4.

    Zumeist werden diese Interpretationsversuche nur angestellt um der Kritik von aussen zu entgehen.

    Und in der Vergangenheit haben sich die “Ungläubigen” nur zu gern mit solchen Lippenbekenntnissen beruhigen lassen.

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    • 27. März 2007 um 00:33 Uhr
    • Tuotrams
  5. 5.

    Also hier erst mal das Original des Koran-Verses (Sure 4, Vers34) :
    “Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor, weil Allah die einen vor den anderen ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Vermögen hingeben. Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen und diejenigen, die (ihrer Gatten) Geheimnisse mit Allahs Hilfe wahren. Und jene, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet: ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch dann gehorchen, so sucht gegen sie keine Ausrede. Wahrlich, Allah ist Erhaben und Groß.”
    Und das heisst, dass man sie *nicht* schlagen darf, denn man hat das völlig falsch übersetzt.

    Richtig ist dies:
    “Männer stehen in fester Solidarität den Frauen zur Seite. Angesichts der vielfältigen Gaben, die Gott ihnen gegenseitig geschenkt hat, und angesichts des Reichtums, den sie in Umlauf bringen. Integere Frauen, die offen sind für die göttliche Gegenwart, sind Hüterinnen des Verborgenen im dem Sinn, wie Gott bewahrt. Die Frauen aber, deren antisoziales Verhalten ihr befürchtet, gebt ihnen guten Rat, überlaßt sie sich selbst in ihren privaten Räumen und legt ihnen mit Nachdruck eine Verhaltensänderung nahe. Wenn sie aber eure Argumente einsehen, dann sucht keinen Vorwand sie zu ärgern. Gott ist erhaben und groß.”

    Alles klar? Das stammt übrigens nicht aus einer Satire, sondern von da:
    http://www.huda.de/frauenthemen/gedanken/5006459408138e22b.html

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  6. 6.

    [...] Der quasi-vierten Gruppe – weil immer dabei – ist die Debatte ein willkommenes Geschenk: Die Medien, die wieder einmal etwas handfestes zu berichten haben und (fast) jeden zu Wort kommen lassen, rollen gleich alle Themen der letzten Jahre noch einmal auf. Zeitschriften widmen dem Thema ihre Titelseiten und die Tagesschau berichtet zur Primetime. Journalisten fangen an, sich mit dem Islam zu beschäftigen und würdigen Koranauslegungen sowie -übersetzungen. [...]

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  7. 7.

    [...] Der quasi-vierten Gruppe – weil immer dabei – ist die Debatte ein willkommenes Geschenk: Die Medien, die wieder einmal etwas handfestes zu berichten haben und (fast) jeden zu Wort kommen lassen, rollen gleich alle Themen der letzten Jahre noch einmal auf. Zeitschriften widmen dem Thema ihre Titelseiten und die Tagesschau berichtet zur Primetime. Journalisten fangen an, sich mit dem Islam zu beschäftigen und würdigen Koranauslegungen sowie -übersetzungen. Die Gewinner dieser Debatte werden vornehmlich Bild-Politiker, die wir-haben-es-doch-schon-immer-gesagt-Islamkritiker sowie die Medien sein. [...]

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  8. 8.

    es ist schon erstaunlich, wieviel die Christen über ihr Christenbuch, die Bibel, wissen. Massenhaft findet man dort Regeln, in denen Ungehorsame gezüchtigt und bestraft zu werden und von Schlägen gegen Kinder und Frauen findet man genügende Hinweise. Die moderne Bibelübersetzuung aber hat alle diese Passagen umgeschrieben. Aus “Wer seinen Sohn liebt, der züchtigt ihn mit der Rute” wurde “wer sein Kind liebt, der ermahnt es mit Vernunft” oder so ähnlich.

    Aus diesem Grunde ist die gesamte Debatte von Christen im Zusammenhang mit “unsinnigen” Textstellen des Korans schlicht verlogen und bösartig bis aggressiv rassistisch.

    Aus diesem Grunde ist es ratsam, sich von Religionen, die sich auf Bücher berufen, also von Schriftreligionen zu distanzieren. Worte haben gestern eine andere Bedeutung als heute. Deswegen ist es genauso ratsam, dass Christen ihre Bibel überdenken, wie es ratsam ist, dass dieses Moslime mit ihrem Koran tun, wenn sie unbedingt ihrem Glauben einverschworen bleiben wollen.

    Was Frau Bakhtiar getan hat, schlagen mit weggehen zu übersetzen, ist nichts anderes, als das, was Christen seit Jahrhunderten tun und was sie als “aufgeklärt” oder sekular” bezeichnen. Frau Bakhtiar hat also lediglich mal begonnen, was Christen im Grunde den Moslimen empfehlen: den Koran neu zu interpretieren und zeitgemäß zu übersetzen.

    Bitte leset ihr Christen hier ein kleines Beispiel aus eurer Bibel:

    Hebr. 12,4-11: >>Ihr habt im Kampf gegen die Sünde noch nicht bis aufs Blut widerstanden und habt die Ermahnung vergessen, die zu euch als zu Söhnen spricht: »Mein Sohn, achte nicht gering des Herrn Züchtigung, und ermatte nicht, wenn du von ihm gestraft wirst! Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlägt aber jeden Sohn, den er aufnimmt.«
    (Was) ihr erduldet, (ist) zur Züchtigung: Gott behandelt euch als Söhne. Denn ist der ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Wenn ihr aber ohne Züchtigung seid, deren alle teilhaftig geworden sind, so seid ihr Bastarde und nicht Söhne. Zudem hatten wir auch unsere Väter nach dem Fleisch als Züchtiger und scheuten sie. Sollen wir nicht vielmehr dem Vater der Geister unterwürfig sein und leben? Denn sie züchtigen (uns) freilich für wenige Tage nach ihrem Gutdünken, er aber zum Nutzen, damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden.
    Alle Züchtigung scheint uns zwar für die Gegenwart nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; nachher aber gibt sie denen, die durch sie geübt sind, die friedsame Frucht der Gerechtigkeit.<< http://www.markus.li/evangelium/predigten/predigten/zuechtigung.html#Punkt%201

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    • 29. März 2007 um 17:19 Uhr
    • lebeding
  9. Kommentar zum Thema

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