Weiter Streit um Wallraffs Rushdie-Lesung

Von 25. September 2007 um 16:36 Uhr

Es geht weiter im Schlagabtausch zwischen DITIB und Günter Wallraff. DITIB versendet soeben die Presseerklärung, man führe schon

“seit knapp zwei Monaten … verschiedene Gespräche mit Günter Wallraff, um abzuwägen, inwieweit eine gemeinsame Veranstaltung zur Lesung der ‘Satanischen Verse’ von Salman Rushdie sinnvoll sein könnte. Dabei prüfte die DITIB, ob eine solche Lesung tatsächlich einen wichtigen Diskussionsbeitrag zu den Themen Demokratieverständnis, Religionsfreiheit und Integration leisten kann. Die DITIB schlug vor, grundsätzlich eine Veranstaltungsreihe zu dem Thema ‘Islam, Demokratie und Integration’ durchzuführen. Die Lesung hätte ein Programmpunkt sein können, bei dem Religions- und Literaturwissenschaftler offen über das Werk außerhalb des Moscheegeländes hätten diskutieren können. Günter Wallraff ist auf diesen Vorschlag nicht eingegangen und wollte kein gemeinsames Konzept mitgestalten. Durch seine Kompromisslosigkeit und sein mangelndes Verständnis für die Gefühle und Belange der muslimischen Gemeindemitglieder ist die DITIB als gesamte Organisation zu dem gestern veröffentlichten Ergebnis gekommen. Dazu beigetragen hat ebenfalls Wallraffs Aussage, er wolle nun den Präsidenten des Präsidiums für Religionsangelegenheiten in Ankara aufsuchen, um seine Idee doch noch zu verwirklichen. Die Entscheidung gegen die geplante Lesung basiert auf einer gemeinsamen Entscheidung der DITIB-Führung in Köln.

Im Rahmen einer demokratischen Meinungsbildung gehört es auch dazu, zu einem anderen Ergebnis kommen zu dürfen. Wallraffs These, die DITIB sei nur integrationsfähig, wenn sie eine Lesung durchführe, wie er sie sich vorstellt, ist anmaßend.”

Hat er diese These denn wirklich vorgebracht? Er hätte sich wohl kaum zu einer Mitarbeit im Moschee-Beirat bewegen lassen – und zu einer Unterstützung der Ehrenfelder Moscheebaupläne – , wenn er dieser angeblichen “These” anhängen würde. Die Rushdie-Lesung ist nicht der ultimative Integrationstest, und es ist ein bisschen böswillig, das so hinzustellen.

Weiter heißt es:

“Geschäftsführung, Dialogabteilung und Vorstand sind sich einig gewesen, dass eine solche Veranstaltung nicht für die Integration der Muslime in Deutschland förderlich wäre. In einer Demokratie darf man auch zu dem Entschluss kommen, dass eine von einem prominenten Schriftsteller angefragte Veranstaltung nicht mit der religiösen Auffassung der Gemeinde zu vereinbaren ist.”

Letzteres ist völlig richtig. Es muss das Recht geben, eine solche Veranstaltung abzulehnen, ohne dass man gleich dafür verdammt wird. Aber den ersteren Satz hätte man gerne erklärt bekommen: Warum ist eine solche Lesung “nicht für die Integration der Muslime in Deutschland förderlich”?

Es leuchtet mir absolut nicht ein. Es ist eine Sache, die Lesung aus ästhetischen, religiösen oder sonstigen Gründen abzulehnen (oder einfach aus Unwillen, Konfliktscheu oder warum auch immer). Es ist eine andere Sache, dies mit unsinnigen Sätzen über “Integrationsförderlichkeit” zu bemänteln.
Weiter heißt es:

“Wallraffs persönliche Attacke gegenüber Sadi Arslan, dem Präsidenten der DITIB, ist unverständlich und hat die DITIB bestürzt. Sadi Arslan wurde als Theologe und Botschaftsrat für religiöse Angelegenheiten von der DITIB zum Präsidenten gewählt. Er hat dieses Amt seit April 2007 inne. Seit diesem Zeitpunkt fördert er intensiv die Aktivitäten der DITIB in Fragen des interreligiösen Dialogs und der Integration. Wallraffs Reaktion ist wahrscheinlich Ergebnis seiner ‘maßlosen’ Enttäuschung, seine persönlichen Ziele nicht erreicht zu haben.”

Diese Passage beruht auf folgendem Absatz aus dem Kölner Express:

“Auf Anfrage des EXPRESS zeigte sich Wallraff maßlos enttäuscht. ‘Sadi Arslan, der Chef der Ditib, ist ein Aufpasser, Wächter, Abschirmer im Auftrag des türkischen Staates. Er ist wohl eher ein türkischer Beamter, der sich wenig für die Integration seiner Organisation und der hier lebenden türkischen Muslime einsetzt’, so Wallraff.

Aufgeben will der Kölner Schriftsteller aber nicht: ‘Ich bin Langstreckenläufer und Ausdauersportler’, sagt er. ‘Ich werde in die Türkei reisen, um beim Chef der Religionsbehörde Überzeugungsarbeit zu leisten.’”

Für DITIB ist das Peinliche daran, dass wieder einmal die Abhängigkeit des Vereins von der türkischen Regierung deutlich wird. Sadi Arslan wurde “gewählt”, heißt es. Er wird gewählt, weil Ankara ihn geschickt hat, als Botschaftrat, der sich hier um religiöse Angelegenheiten kümmern soll. Jeder weiss das. Es ist peinlich, dies als demokratische “Wahl” auszugeben.

Das ist eine historisch gewachsene Sache, für die man nicht nur den Türken die Schuld geben kann. Die deutsche Seite hat diesen Zustand hingenommen, wenn nicht befördert. Aber es kann einfach so nicht weitergehen. Die DITIB muss endlich eine deutsche Angelegenheit werden, wenn sie hier mit einer grossen Moschee in die Öffentlichkeit drängt. Sonst kann und wird es auf Dauer keine Akzeptanz geben. Das geht nicht von heute auf morgen, aber glaubhafte erste Schritte müssen jetzt gemacht werden.

Im übrigen: Eine Veranstaltung zu Salman Rushdie unter sichtbarer und offizieller Beteiligung von DITIB wäre auch ausserhalb der Moschee eine tolle Sache. Wallraff sollte diese Idee nicht wegen maximalistischer Forderungen fallen lassen.

Leser-Kommentare
  1. 9.

    @ Onkel M: Klartext? Woher beziehen Sie die Information, Ditib wolle “Deutschland islamisieren”.
    Im Koran steht nichts von DITIB, wenn ich recht sehe. Und der “Herr Alboga” hat es nicht verdient, hier als Agent der Islamisierung hingestellt zu werden. Das ist einfach Unsinn. Das Problem der Ditib ist eher ihre sehr stark nationale Einfärbung, nicht irgendein von ihnen herbeifantasiertes Islamisierungsprogramm. Der türkische Staat hat DITIB gegründet, um den Islamisten das Wasser abzugrabe und einen mit dem Kemalismus kompatiblen Islam zu predigen.
    Sie aber nehmen sich ihren Koran, suchen ein paar Suren raus, und fertig ist der Beweis. Nichts gegen kritische Koranlektüre, aber glauben Sie nicht, Sie könnten alle unterschiedlichen islamischen Organisationen und Bewegungen von daher verstehen.

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  2. 10.

    “Der türkische Staat hat DITIB gegründet, um den Islamisten das Wasser abzugrabe und einen mit dem Kemalismus kompatiblen Islam zu predigen”

    Das nennt man wohl “Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben”. Alboga ist sicher nicht der Teufel. Und der Beezebub ist er auch nicht. Er hat höchstens einen auf der linken Schulter sitzen, der ihm seine neueste Meinung aus Ankara einflüstern will. Ich zweifle allerdings ernsthaft an der Existenz eines Engels auf der rechten.

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    • 25. September 2007 um 19:44 Uhr
    • Rafael
  3. 11.

    @Herr Lau
    Rafael hat doch eigentlich das gleiche gesagt:
    “…Warum muss es denn gleich eine maximalistische Forderung nach einer repräsentativen Moschee geben, in der eine Gesellschaftsordnung kultiviert und propagiert wird,…”

    Ob panorientalisch oder nationalistisch geprägt ist in der Hinsicht doch ziemlich egal. Beides ist schlecht.

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    • 25. September 2007 um 19:48 Uhr
    • Sebastian Ryll
  4. 12.

    Ausserdem ist ja in der kemalistischen Türkei so einiges in Fluss gekommen…

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    • 25. September 2007 um 19:50 Uhr
    • Sebastian Ryll
  5. 13.

    @ Herrn Lau

    Nee, nee, keine Angst, ich will Sie und Ihre Leser nicht mit den einschlägigen Koran-Suren im copy & paste- Verfahren langweilen. Ich maße mir auch nicht an, ein Koran-Experte zu sein.

    Aber ich bin ein Experte des täglichen Lebens.
    Da stehe ich nämlich Tag für Tag mittendrin.
    Und viele viele Moslems sind meine, sagen wir’s neutral: “Klienten” …

    Und dieses tägliche Leben und diese tägliche Erfahrung zeigt mir, daß es bei den meisten der organisierten Moslems nur um eines geht, nämlich ihren Einflußbereich in Deutschland auszuweiten. Und dafür habe ich keinen anderen Begriff als: Islamisierung.

    Auch Ihnen, lieber Herr Lau, leuchtet doch nicht ein, warum besagte Lesung “nicht für die Integration der Muslime in Deutschland förderlich” sein soll. Auch Sie wundern sich doch über das Fahrige und Unlautere dieser Argumentation seitens der DITIB.

    Ich bin sicher: Eine Integration im eigentlichen Sinne des Wortes ist von der DITIB überhaupt nicht erwünscht.

    Oder hat sich die DITIB schon einmal dazu geäußert?

    Da bin ich aber mal gespannt…

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    • 25. September 2007 um 19:53 Uhr
    • Onkel M
  6. 14.

    “Rafael: Sollten wir den Muslimen das Recht zugestehen, mitten in Köln diese unsere religiösen, humanistischen und ästhetischen Gefühle verletzende Moschee bauen zu lassen?”

    Ich bin in Köln aufgewachsen, und die DITIB verletzt mit dieser Moschee nicht meine religiösen, humanistischen und ästhetischen Gefühle. Ein bisschen weniger pluralis majestatis, bitte.

    “Ich finde, im Rahmen einer demokratischen Meinungsbildung gehört es auch dazu, zu einem anderen Ergebnis kommen zu dürfen.”

    Können Sie ja. Sie können auch konsequenterweise dafür plädieren Artikel 4. GG oder aber auch Artikel 2. so zu ändern bzw. einzuschränken, dass die DITIB nicht mehr das Recht hat, diese Moschee zu bauen. Alles ihr Recht.

    Und Religionsfreiheit gilt in Deutschland nicht immer und überall und kann mit anderen Rechtsnormen konfligieren. Aber solange Sakralbauten nicht gegen die Bauordnung verstoßen und dem Bauherren auch ansonsten rechtlich nichts vorzuwerfen ist, kann de facto nicht daran gerüttelt werden.

    Abgesehen davon kann es – aller treffenden Kritik zum Trotz, siehe z.B. oben Jörg Lau – ausgerechnet demjenigen sunnitischen Verband am liebsten den Bau einer Moschee versagen zu wollen, der auch aus islamkritischer Sicht als der vergleichsweise harmloseste gelten kann.

    So hätte ich für das ganze Gezeter um die Kölner Ditib Moschee noch einiges Verständnis, wenn es sich bei der DITIB um einen hinterwäldlerischen Islamistenhaufen handeln würde.

    (Und nein, wenn ich sage, dass es sich bei der DITIB nicht um einen hinterwäldlerischen Islamistenhaufen handelt, folgt daraus im Umkehrschluss nicht, dass ich die DITIB etwa mit einem Verein liberaler Freidenker verwechseln würde.)

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    • 25. September 2007 um 20:06 Uhr
    • N. Neumann
  7. 15.

    Korrektur meines dritten Abesatzes von unten, am Anfang sollte es heißen:

    “Abgesehen davon ist es – aller treffenden Kritik zum Trotz, siehe z.B. oben Jörg Lau – schlicht unverhältnismäßig, ausgerechnet…”

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    • 25. September 2007 um 20:13 Uhr
    • N. Neumann
  8. 16.

    Also schlagen wir mal flugs nach, was die DITIB unter “Integration” versteht. Wir finden in einem recht typischen Interview mit dem DOSB vom 2.04.2006:

    Ridvan Çakir (DITIB-Funktionär):

    “Ein wichtiges und entscheidendes Element der Integration ist, dass man alle Menschen von allen Seiten gleich betrachtet. Eine Vorgehens- und Verhaltensweise, in der man eine Seite diskriminierend bzw. abstoßend behandelt, kann keinen Beitrag zur Integration leisten.

    Wenn die Menschen über die jeweiligen Sensibilitäten ihrer Mitmenschen Bescheid wissen und gegenseitig diesen Sensibilitäten Respekt erweisen, so wäre ein wichtiger Schritt auf dem Wege zur Integration getan.

    Der Dialog zwischen den Menschen ist wichtig. Dieser Dialog wird dazu beitragen, dass die Gesellschaften und Gemeinden sich gegenseitig kennen lernen. Ferner wird er zeigen, dass es keinen Grund gibt, dass die Menschen Angst vor einander haben, und sich vor Begegnungen scheuen. Es muss dafür gesorgt werden, dass die Kulturen sich begegnen und gegenseitig kennen lernen. Die Kulturen, die sich begegnen und sich gegenseitig kennen lernen, beeinflussen und bereichern sich auch gegenseitig.”

    Nun, dieses Programm kommt mir bekannt vor.
    Es stammt vom Mainzer Fastnacht-Club und heißt:

    “Allen wohl und niemand weh
    Fassenacht beim MCC!”

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    • 25. September 2007 um 20:19 Uhr
    • Onkel M
  9. Kommentar zum Thema

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