“Krieg gegen Gaza” – der Konflikt in Al Jazeera
Ich sehe seit zwei Wochen häufig am Tag Al Jazeera English, um den Gaza-Konflikt nicht nur durch die westliche Brille zu betrachten.
Ich kann diese Erfahrung nur empfehlen. Al Jazeera ist etwas Neues im Meinungskampf um den Nahostkonflikt.
Der Konflikt wird dort als “Krieg gegen Gaza” gedeutet, so die immer wiederkehrende Formel. (Nicht “Krieg gegen Hamas”, wohl gemerkt.)
Immer wieder sieht man die zivilen Opfer der palästinensischen Seite. Der Sender kann als einziger weltweit beanspruchen, mit einem Korrespondenten in Gaza präsent zu sein. Die Berichterstattung ist oft parteiisch, aber nicht unfair. Der israelische Regierungssprecher kam gestern zu Wort und mußte sich Fragen über die angeblichen Phosphorbomben anhören. Er sah nicht gut aus dabei. Er war es nicht gewöhnt, sich solchen Fragen zu stellen.
Der Mix aus westlichen Gesichtern und einer bunteren Truppe von qualifizierten Journalisten arabischer, asiatischer und afrikanischer Herkunft ist etwas Neues – selbst im Vergleich zu BBC World.
Man kann diesen Sender nicht als übliche arabische Staatspropaganda abtun. Im Gegenteil: Hier öffnet sich der Raum zu einer Debatte, die den Machthabern gefährlich werden kann. Hier werden israelische Generäle gehört, und dann kommen Hamas-Leute zu Wort.
Ich finde Al Jazeera zu einseitig, was das Deutungsmuster “Krieg gegen Gaza” angeht. Und der Sender hat einen blinden Fleck, was die Herrschaft der Hamas in Gaza betrifft.
Aber: Hier ist eine insgesamt glaubwürdige und relevante publizistische Gegenmacht entstanden, die die westlichen Medien mit ihren eigenen Mitteln bei einer wachsenden Gruppe von Zuschauern in die Defensive bringt.
in Zukunft wird man im Hintergrund immer auch Al Jazeera English laufen lassen, wenn es in Nahost kracht.
(Al Jazeera English hier live gucken.)
Die wütende Reaktion eines US-Kollegen, als es vor einigen Jahren um Business mit Al-Jazeera ging:
“Al-Jazeera is equivalent to a Hitlerite propaganda machine….”
Er konnte es gar nicht glauben, dass es kein US-Verbot gab, mit Al-Jazeera Business zu treiben, und dachte, er befände sich im Krieg mit dem Feindsender.
Der Kollege war zu der Zeit wahrscheinlich und unbekannterweise ein Verbündeter von Ihnen, Herr Lau:-) (bei der Unterstützung des mittlerweile größten Sündenbocks aller Zeiten – GröSaZ) . Natürlich war da 1 Hitler seine kleinste Maßeinheit.
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@ AM: Sie gehen mir langsam auf den Geist mit Ihrem Versuch, mich zum enttäuschten Bushie zu machen.
Ich habe Bush immer grauenhaft gefunden und das früh geschrieben. Den Sturz Saddams habe ich befürwortet, weil ich auf ehrenwerte irakische Verfolgte seines Regimes gehört habe. Und ich habe Bush nie als Sündenbock benutzt. Ich habe m e i n e n Fehler mehrfach eingestanden und mich nie auf Bush dabei rausgeredet. Was noch?
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@ JL
Al-Jazeera könnte eiiniges bewirken, dass stimmt.
Frage dabei ist, wie unabhängig sie wirklich sind (atm scheint es relativ weitreichend zu sien) und wann sie an die grenze des religiösen kommen.
Was den gaza-konflikt anbelangt, darf man nicht vergessen, dass dabei Israel auch arabische Interessen mitvertritt – nämlich im bezug auf die Iraner. Ein sozusagen ‘innenpolitische’ Problematik an der Bruchstelle von sunniten und schiiten.
Worin wirklich Al-Jazeera vorreiten werden könnte wäre, wenn sie es schaffen würden religiös neutral oder gar säkularisierende positionen zu vertreten – und zwar auf Dauer (über mehrere jahrzehnte).
Leider befürchte ich, dass dies in dem >Moment gestoppt wird, in dem die interessen von politischen Kräften, die eine religiös begrünmdete herrschaftsbasis innehaben, berührt werden auf der arabischen Halbinsel.
Ich persönlich glaube nicht, dass es eine kurzfristige Lösung geben wird, was die religiöse Grundproblematik anbelangt – meiner Meinung nach (und ich weis, dass sie diese ablehnen), wäre es für alle das beste, wenn wir hier in Europa sämtliche Moslime (bekennende !) rauswerfen würden. Das wäre ebenfalls keine lösung, würde aber dazu beitragen, da damit nach einer kleinen Frist der permanente Sprengstoff ‘Europa’ entschäft wäre.
Atm ist es primär der Israel-Palästinenser-konflikt, der diese Funktion erfüllt. Religiöse und kulturelle Auffassungen in ihrer gegenseitigen Verwebtheit verhindern es, dass die Masse der Palästinenser westliche Werte annehmen kann und z. B. friedlich mit Israel koexistieren. Im prinzip aber ist dieser Konflikt auch bei uns in europa angelegt – denn die meisten Israelis haben westliche Werte & Ansichten und entsprechen so den meisten europäern. Und die meisten Palästinenser haben islamische werte und finden ihr ponton hier bei ‘unseren’ Moslimen.
Bestandteil des problems ist es, dass mit zwei mass gemessen wird, dass unter religiösen vorstellungen das gesamte leben geordnet wird – auch derer, die da moderat sind. Das, was die arabisch WQelt davon abhält schon längst moderne Industrienationen unter ihre gemeinschaft zählen zu können, ist auch das, was gruppen von Moslems davon abhält, mit ihren Nachbarn, die andere ansichten haben als sie selbst, friedlich zu koexistieren ohne immer wieder erneut die machtfrage zu stellen. Meiner meinung nach liegt dies in sehr mittelalterlichen religionsvorstellungen – und auch eine mittelalterliche europäische ‘Nation’ würde nicht anders handlen und andere Werte und Ansichten haben, ja, ähnliche Probleme und schwierigkeiten haben, wenn man sie is ‘jetzt’ versetzen würde.
Modernisierung kommt aber nicht über externe technisierung – intern müssen die entsporechenden denkstrukturen entwickelt werden dafür.
Von daher glaube ich auch, dass es zu einer ‘modernisierung’ nur innerhalb der muslimischen gemeinschaften kommen kann und zwar über die Fundamentalisten, nicht über die moderaten.
So zumindest geschah es bei uns – weder Celvin, luther noch melanchthon waren ‘moderat’, sondern sie waren hochgratige Fundamentalisten, die auch vor Mord und totschlag nicht zurück schreckten, wenn sie es als religiös geboten ansahen. Dieser re-religiösierung der mittelalterlichen gesellschaft (mit ihrem Humanismus und ihrer ‘renaissance’ & ‘homo novo’ ) erst bildete die basis für eine bekämpfung vieler eingeschliffener Denkstrukturen, ein aufbrechen verkrusteter Ansichten und Riten, auf deren basis dann eine werteverlagerung hin zu neuen, ungewöhnlichen werten stattfinden konnte. Allein, dies wird nicht in europa stattfinden, einfach weil es hier keinen internen kampf geben wird (wobei intern nicht innerhalb einer gesellschaft meint, sondern innerhalb eines wertesystems – und hier konkurieren zwei verschiedene miteinenander immer mehr – das religiöse[-fundamentalistische] und das säkulare, welche sich relativ geschlossen genau zu bezeichnenden Gruppen zuteilen läßt). Im innermoslimischne Bereich ist diese ein- & zuteilung nicht möglich, und darum kann es dort auch zum erstarken von säkular-humanistischen positionen qua modernisierung via fundamentalistischen modernistischen gesellschaften kommen (= versuche religiös-puristische werte und technisch- & wirtschaftlich moderne Strukturen zu verbinden –> dürfte zur herausbildung von oligarchien führen wie im Iran, die intern zerbrechen könnten zu gunsten von gruppierungen, die fundamental-religiöse positionen ablehnen).
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“Den Sturz Saddams habe ich befürwortet”
Den Krieg mit ALLEN seinen Unwägbarkeiten und Folgen, wollten Sie wohl sagen. Einen Treppensturz Saddams hätte ja auch ich begrüßt, aber der war nun mal nicht im Angebot.
“Und ich habe Bush nie als Sündenbock benutzt.”
Zweifel, der Beitrag von neulich war doch deutlich.
“Was noch?”
Das Hauptthema: Al-Jazeera. Großes Lob von mir für diesen parteiischen, aber nicht unfairen Beitrag.
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Ich sehe seit zwei Wochen häufig am Tag Al-Jazeera English, um den Gaza-Konflikt nicht nur durch die westliche Brille zu betrachten.
@ Jörg Lau
Das habe ich zwischen den Vorweihnachtstagen und den ersten Tagen des neuen Jahrs auch getan.
Ich finde Al-Jazeera zu einseitig, was das Deutungsmuster “Krieg gegen Gaza” angeht. Und der Sender hat einen blinden Fleck, was die Herrschaft der Hamas in Gaza betrifft.
Aber: Hier ist eine insgesamt glaubwürdige und relevante publizistische Gegenmacht entstanden,
Das Aber bedürfte in Hinsicht auf Glaubwürdigkeit doch einer näheren Begründung.
die die westlichen Medien mit ihren eigenen Mitteln bei einer wachsenden Gruppe von Zuschauern in die Defensive bringt.
Daneben kann ich nicht erkennen, dass sich die westlichen Medien in normativer Hinsicht in toto von Al Jazeera English unterscheiden.
Der Gaza-Korrespondent ist gegenüber westlichen Medien sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal.
Aber einige von ihnen haben dafür z.B. Dr. Gilbert:
Norwegischer Arzt im Gaza-Streifen
Radikaler Doktor
Ein umstrittener Arzt aus Norwegen hilft Kranken in Gaza. In seinem Heimatland ist Mats Gilbert jedoch politisch umstritten – und nicht nur dort.
Von Tomas Avenarius
http://www.sueddeutsche.de/politik/246/453933/text/
Krieg und Medien
Propaganda-Arzt Mads Gilbert macht in Gaza Politik
Von Clemens Wergin
Seit Tagen geistert Mads Gilbert durch die internationale Medienlandschaft. Der norwegische Arzt, arbeitet im Gazastreifen. Vielen Journalisten erscehint er als gute Quelle, weil er aus dem Westen stammt. Doch Gilbert ist linksradikal und sprach etwa den Terroristen vom 11. September ein „moralisches Recht” zu.
http://www.welt.de/politik/article2999979/Propaganda-Arzt-Mads-Gilbert-macht-in-Gaza-Politik.html
Doktor Gilberts Krieg
Um einen im Gazastreifen arbeitenden westlichen Arzt ist eine Propagandaschlacht entbrannt – ist er ein Terrorsympathisant?
http://www.tagesspiegel.de/politik/Arzt-Gaza-Israel;art771,2703338
Die Süddeutsche und der Tagesspiegel hatten Interviews mit Dr. Gilbert geführt. Erst danach wurde ihnen gewahr, dass es sich bei diesem nicht um einen bloßen Kriegschirurgen handelt.
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@ zagreus: Es ist nicht nur so, dass ich persönlich das “Rauswerfen” von bekennenden Muslimen ablehne. Dies steht auch im Widerspruch zu den westlichen Werten, die Sie angeblich verteidigen wollen.
Was Sie da an Modernisierungsdialektik im letzten Abschnitt andeuten, ist interessant: Wäre die AKP ein Beispiel?
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Die wütende Reaktion eines US-Kollegen, als es vor einigen Jahren um Business mit Al-Jazeera ging:
“Al-Jazeera is equivalent to a Hitlerite propaganda machine….”
Er konnte es gar nicht glauben, dass es kein US-Verbot gab, mit Al-Jazeera Business zu treiben, und dachte, er befände sich im Krieg mit dem Feindsender.
@ AM
Über Google kann ich das Zitat nicht finden.
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@ N. Neumann:
Glaubwürdigkeit erreicht der Sender etwa durch die Interviews mit Israelis, auch mit Vertretern der Regierung.
Um richtig gut zu werden, müßte man auch Hamas stärker hinterfragen.
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