Ein Blog über Religion und Politik

Was kommt nach dem Pumpkapitalismus?

Von 29. April 2009 um 16:02 Uhr

Ein großartiger Essay von Ralf Dahrendorf im Merkur über die Welt nach der Krise. Auszüge:

Die hier verfochtene These ist, dass wir einen tiefgehenden Mentalitätswandel erlebt haben und dass jetzt, in Reaktion auf die Krise, wohl ein neuerlicher Wandel bevorsteht. Man kann dem hinter uns liegenden Wandel einen simplen Namen geben: Es war ein Weg vom Sparkapitalismus zum Pumpkapitalismus. (Ich habe diesen Weg vor einem Vierteljahrhundert beschrieben.(1)) Es geht also um vorherrschende Einstellungen zu Wirtschaft und Gesellschaft. Das sind nicht etwa nur Einstellungen der Unternehmer und Manager aller Art, sondern auch der Verbraucher, also der meisten Bürger. Das ist wichtig, auch wenn viele es nicht gerne hören, weil sie lieber ein paar Schuldige an den Pranger stellen wollen, als Selbstkritik zu üben.

Die Mentalitäten, von denen hier die Rede ist, haben etwas zu tun mit Max Webers Analyse Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Die brillante Schrift hat ihre Schwächen, Richard Henry Tawney hat schon früh gezeigt, dass es auch in katholisch geprägten Gegenden Kapitalismus gab.(2) Plausibel bleibt jedoch Webers These, dass der Anfang des kapitalistischen Wirtschaftens eine verbreitete Bereitschaft verlangt, unmittelbare Befriedigung aufzuschieben. Die kapitalistische Wirtschaft kommt nur in Gang, wenn Menschen zunächst nicht erwarten, die Früchte ihres Tuns genießen zu können. In jüngerer Zeit ist diese Wirkung häufig eher durch staatlichen Zwang erzielt worden. Russland, auch China haben diesen »sowjetischen« Weg genommen. Es lässt sich aber argumentieren, dass es in Teilen Europas eine Zeit gab, in der religiöser Glaube Menschen zum Verzicht und zum Sparen trotz harter Arbeit anhielt. Im calvinistischen Protestantis mus zumal galt das Jenseits als der Ort der Belohnung für den Schweiß der Arbeit im Diesseits.

Max Weber hatte England und Amerika im Sinn, als er derlei schrieb, wobei er für die luthersche Variante Raum fand. Auch gibt es in Europa noch sehr alte Leute, die sich an eine Zeit erinnern können, als Arbeit und Sparen die prägenden Lebensmaximen waren. (In den Vereinigten Staaten haben Veränderungen schon früher, gleich nach dem Ersten Weltkrieg, begonnen.) Seitdem aber hat überall ein Mentalitätswandel stattgefunden, den Daniel Bell in seinem Buch Cultural Contradictions of Capitalism in mehreren Aufsätzen beschrieben hat. Sein Thema dort ist »die Entwicklung neuer Kaufgewohnheiten in einer stark auf Konsum angelegten Gesellschaft und die daraus resultierende Erosion der protestantischen Ethik und der puritanischen Haltung«.

Das Buch erschien 1976. Schon damals sah Bell ein explosives Paradox im Kapitalismus. Auf der Seite der Produktion werden weiter die alten Werte von Fleiß und Ordnung verlangt; aber der Antrieb der Produktion ist in zunehmendem Maße »materialistischer Hedonismus und psychologischer Eudaimonismus«. Mit anderen Worten, der entwickelte Kapitalismus verlangt von den Menschen Elemente der protestantischen Ethik am Arbeitsplatz, aber das genaue Gegenteil jenseits der Arbeit, in der Welt des Konsums. Das Wirtschaftssystem zerstört gleichsam seine eigenen Mentalitätsvoraussetzungen.

Als Bell das schrieb, war der nächste Schritt der Wirtschaftsmentalität noch nicht getan, nämlich der vom Konsumwahn zum fröhlichen Schuldenmachen. Wann begann dieser Weg? In den achtziger Jahren gab es jedenfalls schon Menschen, die für ein paar hundert Mark auf eine sechswöchige Weltreise gingen und deren tatsächliche Kosten noch abzahlten, als schon niemand von ihren Freunden und Bekannten die Dias mehr sehen wollte, die sie in Bangkok und Rio gemacht hatten. Daniel Bell spricht zu Recht vom Ratenzahlen als dem Sündenfall. Nun begann der Kapitalismus, der schon vom Sparkapitalismus zum Konsumkapitalismus mutiert hatte, den fatalen Schritt zum Pumpkapitalismus.

Ein Zurück zur protestantischen Ethik wird es also nicht geben. Wohl aber ist eine Wiederbelebung alter Tugenden möglich und wünschenswert. Ganz wird man Daniel Bells Paradox des Kapitalismus nicht auflösen: Der Antrieb des modernen Kapitalismus liegt in Präferenzen, die die Methode des modernen Kapitalismus nicht gerade stärken. Weniger abstrakt formuliert: Arbeit, Ordnung, Dienst, Pflicht bleiben Erfordernisse der Voraussetzungen des Wohlstandes; der Wohlstand selbst aber bedeutet Genuss, Vergnügen, Lust und Entspannung. Menschen arbeiten hart, um im strengen Sinn überflüssige Dinge zu schaffen. Da tut es gut, an Ludwig Erhards ständige Mahnungen zum Maßhalten zu erinnern. Es ist auch wichtig, dass Menschen den Bezug zu unentbehrlichen Elementen des Lebensstandards – in diesem Sinne zu Realitäten – nicht verlieren.

Hat die Welt nach der Krise einen Namen? Das Fragezeichen, mit dem diese Anmerkungen begonnen haben, bleibt bestehen. Allzu viele Ungewissheiten verbieten die entschiedene Stellungnahme für den einen oder anderen Begriff. Zum Sparkapitalismus werden wir nicht zurückkehren, wohl aber zu einer Ordnung, in der die Befriedigung von Bedürfnissen durch die nötige Wertschöpfung gedeckt ist. Der »rheinische Kapitalismus«, also die Konsenswirtschaft der Großorganisationen, hat wahrscheinlich ausgedient. Sogar die Frage muss erlaubt sein, ob das System der Mitbestimmung irgend hilfreich war und ist bei der Bewältigung der Krise. Wenn die Frage nicht eindeutig bejaht werden kann, ist neues Nachdenken über die Formen der Berücksichtigung der »stakeholder« nötig. Der Pumpkapitalismus muss jedenfalls auf ein allenfalls erträgliches Maß zurückgeführt werden. Nötig ist so etwas wie ein »verantwortlicher Kapitalismus«, wobei in dem Begriff der Verantwortung vor allem die Perspektive der mittleren Fristen, der neuen Zeit, steckt.

 

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Kategorien: Debatte, Wer sind wir?
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Dahrendorf wird einfach auch zunehmend alt.

    • 29. April 2009 um 16:40 Uhr
    • AM
  2. 2.

    “Der Pumpkapitalismus muss jedenfalls auf ein allenfalls erträgliches Maß zurückgeführt werden.”

    Der Pumpkapitalismus würde durch den Markt von allein auf ein gemäßigtes Maß zurückgeführt, wenn nichtr irgendwelche Politiker pleite gegangenen Banken Geld hinterherschmeißen würden.

    Ein “verantwortlicher Kapitalismus” würde auch von selbst entstehen, wenn Manager, die versagt habn, selber für ihr Versagen aufkommen würden. Doch wieder ist die Politik da und belohnt sie mit Geld.

    • 29. April 2009 um 17:55 Uhr
    • Samuel
  3. 3.

    Sehr interessanter Artikel – ich kann da nur zustimmen in vielen – und halte auch Webers “Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus” für eines der besdten Bücher, die je geschrieben wurden.

    Einen wichtigen Pubnkt – sogar mit einer der zentralpunkte des artikels – ist aber abzulehnen. Hier macht Dahrendorf einen fehler oder er hat sich einfach zu kurz gefasst:

    Ein Zurück zur protestantischen Ethik wird es also nicht geben. Wohl aber ist eine Wiederbelebung alter Tugenden möglich und wünschenswert.

    Ein Zurück kann und muss es nicht geben. Aber: ein wiederbeleben alter tugenden gibt es ebenfalls nicht – und das hängt nicht mit dem *alt* als zeitlich vergangen zusammen.

    Der Punkt ist, dass die *Tugenden* nur immer als folgerungen auftraten davon, dass menschen z. b. soetwas wie die von Weber beschriebene *Protestantische* Ethik in ganz spezifischen ausprägungen (wie z. b. den calvinistische präpositionsglaube) für wahr hielten und dann daraus ein ein ganz bestimmtes verhalten als Folgerung zogen. Die *Tugenden* sind dann nur jeweils abstraktionen davon – das Verhalten selbst gründet aber in der *Weltanschauung* – hier: der jeweiligen protestantischen Ethik. Man könnte sagen: Wenn diese Weltanschauung inc. der Ethik richtig ist – und dies muss geglaubt werden -, dann ist auch dieses und jenes verhalten (hier: sparsamkeit, harte arbeit etc….) richtig als lebensweltliche Umsetzung bzw. Erscheinungsform dieser Weltanschauung.
    Es muss also keine Tugenden direkt wieder her, denn das wird wohl so nicht funktionieren – sondern es müssen weltanschauungen bzw. zumindest in Lebensweltlichen teilbereichen entsprechende ‘Ethiken’ her, aus denen heraus bestimmte Tugenden als Verhaltensnormen sich folgernd ergeben.

    Ich denke, sorum muss das gehen – und so ist auch der systematische gang bei Weber – er zeigt nämlich wie aufgrund bestimmter Weltanschauungen und ihrer wandlungen (hier protestantismus und seine calvinistischen spielarten und historischen entfaltungen wie z. b. den Methodismus) sich diese Tugenden bildeten und langsam loslösten zu einer – hmm – *kapitalistischen Ethik*. Tugend so einfach gibt es nicht dabei – sondern nur als abstrakte beschreibung von verhalten und wertmaßstäben, die sich aus bestimmten weltanschaulichen systemen ergeben – und somit auch von diesen abhängen bzw sich letztelich immer eben auf weltanschauungen 8die sich auch wandeln können) stützen müssen – anscheinend auf bestimmte elemente, die trotz aller weandlung weiter vonhanden sein müssen (um eben die ‘berechtigung’ für das jeweiligen verhalten abzugeben).

    • 29. April 2009 um 18:13 Uhr
    • Zagreus
  4. 4.

    Ganz schön zäher Balg, dieser Kapitalismus. Der will einfach nicht tot gehen. Und so richtig will man auch nicht über Alternativen nachdenken. Die einzige Alternative, die sich die Leute vorstellen können, ist offensichtlich der Staatssozialismus, der rein technisch gesehen aber eigentlich Staatskapitalismus heißen müsste. Aber der ist ja auch glorreich gescheitert.

    “Weniger abstrakt formuliert: Arbeit, Ordnung, Dienst, Pflicht bleiben Erfordernisse der Voraussetzungen des Wohlstandes; der Wohlstand selbst aber bedeutet Genuss, Vergnügen, Lust und Entspannung. Menschen arbeiten hart, um im strengen Sinn überflüssige Dinge zu schaffen.”

    Blöderweise wurde dieser Zweispalt wissenschaftlich nie aufgelöst, was ja nötig gewesen wäre, um zu einem funktionierenden Kapitalismus zu gelangen. Statt dessen hat man zwei völlig unterschiedliche Wissenschaftszweige etabliert, die zwar nachvollziehbare Schlüsse produzieren, sich aber trotzdem gegenseitig widersprechen. Die Wohlstandsseite wird von der Volkswirtschaft abgedeckt, die sagt, dass die Leute genügend Geld in der Tasche haben müssen, um sich das Zeug, dass sie selber produzieren, auch leisten zu können. Die BWL deckt quasi die protestantische Seite ab. Hier wird den Leuten Sparsamkeit und Verzicht abverlangt. VWL und BWL lassen sich nicht in Deckung bringen, abgesehen von einer kurzen Periode in den Fünfzigern.

    Wir sollten vorher festlegen, was wir produzieren. Das sollten nicht mehr Angebot und Nachfrage bestimmen, sondern der Bedarf. Was nötig ist, wird dann produziert. Und für den Rest des Tages legen wir uns in die Sonne und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein.

  5. 5.

    @ lebowski

    Wieso ist Sozialismus auf einmal “Staatskapitalismus”? Will man damit das ökonomische und sonstige Versagen des Sozialismus nun auch noch dem Kapitalismus in die Schuhe schieben? Und was wäre echter Sozialismus?
    Etwa das:

    “Wir sollten vorher festlegen, was wir produzieren. Das sollten nicht mehr Angebot und Nachfrage bestimmen, sondern der Bedarf.”

    Und wenn Sie jetzt noch erklären könne, wie mand en Bedsarf besser misst als durch Angebot und Nachfrage, sind Sie reif für einen Nobelpreis.
    Wer ist überhaupt “wir”. Trifft sich in Ihrer Wirtschaftsordnung das Volk einmal im Monat und stimmt darüber ab, was für nächsten Monat so alles produziert werden soll?

    • 29. April 2009 um 18:26 Uhr
    • Samuel
  6. 6.

    “Wir sollten vorher festlegen, was wir produzieren”

    Herr Lebowski, ist das nicht Planwirtschaft?

    • 29. April 2009 um 18:45 Uhr
    • Tina
  7. 7.

    @Samuel

    Na ich nehme an, unser guter Lebowski wird festlegen, was warum und in welcher Anzahl produziert werden soll und vor allem, wer das Produkt dann erhält. Hört sich nach Kuba an.

    • 29. April 2009 um 18:49 Uhr
    • riccardo
  8. 8.

    Finde ich auch

    • 29. April 2009 um 19:22 Uhr
    • Jerno
  9. Kommentar zum Thema

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