Ein Blog über Religion und Politik

Sorgen eines Wechselwählers (3): Links wählen?

Von 2. September 2009 um 09:14 Uhr

Meine wöchentliche Kolumne zur Wahl aus der ZEIT von morgen, Nr. 37, S.5:

Sie haben das Plakat direkt vor mein Fenster gehängt: Raus aus Afghanistan. Die Linke. Als wüßten sie, dass hier jemand wohnt, den manchmal Zweifel am Afghanistan-Einsatz plagen. Raus müssen wir irgendwann. Aber von jetzt auf gleich abziehen? Ich frage mich, was links daran sein soll, Afghanistan umstandlos den Taliban zurückzugeben. Wenn Kaltschnäuzigkeit links ist, will ich lieber kein Linker sein.

Das wäre immerhin geklärt. Leider führt es nicht sehr weit. Ich bin nämlich Wechselwähler. Ich wache an manchen Tagen voll konservativ-liberalem Tatgeist auf und denke, dass sich Leistung wieder lohnen müsse und das deutsche Gymnasium zum Kulturerbe der Menschheit gehört. Dann wieder liege ich nachts wach und wälze mich von rechts nach links, weil die Gesellschaft auseinanderdriftet und wir trotz aller Warnungen munter den Planeten verfrühstücken, im fluoreszierenden Schein der Energiesparlampen.

Das sind Momente, in denen ich mir vorstellen kann, ein Linker zu sein und links zu wählen. Und nun muss ich mir wohl eine Meinung zu Bodo Ramelow bilden, dem Sieger von Thüringen, mit Oskar Lafontaine maßgeblicher Schöpfer der Linkspartei. Lafontaine interessiert micht nicht so. Sein Kampf mit der SPD hat etwas Privates, Obsessives. Leute wie Ramelow aber werden noch länger mitbestimmen, was es heißt, in Deutschland links zu sein.

Wer wie ich schon Rot und Grün gewählt hat und sich diese Optionen offenhalten möchte, braucht jetzt eine Haltung zur Linkspartei, auch wenn die SPD-Lautsprecher abwiegeln. Zu verkünden, dass die »Welle Lafontaine gebrochen« sei, wie es der große Dadaist der Sozis, Franz Müntefering, ausgerechnet nach Lafos historischem Wahlsieg tat, ist einfach nur albern, zumal die SPD auf eben dieser Welle reiten will. Rotrotgrün wird irgendwann, irgendwo kommen, vielleicht schneller als gedacht. Die Wiedervereinigung der Linken steht auf dem Programm. Fragt sich nur, wer dabei das Sagen hat.

Als Wechselwahl-Hallodri bin ich zumVollzeitlinken nicht geeignet. Aber ich habe ein Interesse an einer starken Sozialdemokratie. Ich möchte eine verantwortliche Linke, die sich damit abgefunden hat, dass der Staat die »Reparaturwerkstatt des Kapitalismus« ist, statt dieses Faktum zu skandalisieren. Doch die Linkspartei behauptet immer noch, den Kapitalismus zugunsten einer Staatswirtschaft überwinden zu wollen. Das ist so gestrig wie der Glaube der FDP, Kapitalismus werde ohne Staat erst schön.
Merkwürdige Parallele: Die Linkspartei hat wie die neoliberale FDP in der Krise kein neues Verhältnis zum Staat gefunden. Vielleicht müßten beide mal richtig regieren, denke ich, damit ihnen die populistischen Flausen ausgehen.
Bevor es dazu kommt, würde ich die Linkspartei gerne von den Sozialdemokraten gezähmt sehen ­ so lange deren Kraft dazu noch reicht. Aber hier lauert ein Dilemma: Eine starke Sozialdemokratie setzt eine wiedervereinigte Linke voraus. Die SPD wird darum eines Tages mit den Dunkelroten und den Grünen ihre einzig verbliebene Machtoption auch realisieren müssen.

Mir leuchtet das ein. Aber ich sehe es auch mit Grausen. Denn mir schwant schon, dass ich diese Linksbündnis-SPD nicht wählen werde, wenn sie erst den Preis für die »Machtperspektive« gezahlt hat, die man ihr linkerseits so maliziös anbietet. Reform-Rollback, Rentengarantie, Einheitsschule, Mindestlohn ­ das werden ja so die Themen sein. Vielleicht sehe ich es zu pessimistisch. In Berlin hat die Partei die Reformen des Wowereit-Sarrazin-Senats tapfer mitgetragen, brutale Einschnitte im öffentlichen Dienst, die die Berliner CDU feige gemieden hatte.
Wie stehe ich nun zu Bodo Ramelow? Er ist mir einfach zu laut. Thüringer Kollegen wollen beobachtet haben, dass er sich Reissnägel ins Müsli streut, um seine Stimme rauh zu halten. Ich halte das für plumpe antikommunistische Propaganda. Die hat übrigens keine Chance: Ramelow ist mit einer attraktiven italienischen Kommunistin namens Germana Alberti vom Hofe verheiratet, Tochter von Barrikadenkämpfern aus Parma. An deren Bolschewik-Chic prallt nachgeholter Antikommunismus einfach ab.
Ich möchte übrigens bitte, bitte, keinen Kaltekriegswahlkampf erleben, in dem sich die Lager, die wir Wechselwähler am letzten Sonntag so schön in Klump gehauen haben, wie Zombies wieder aufrichten. Dann könnte es passieren, dass ich vom Wechsel- zum Nichtwähler werde.

Kategorien: Bundestagswahl 2009
Leser-Kommentare
  1. 1.

    ” In Berlin hat die Partei die Reformen des Wowereit-Sarrazin-Senats tapfer mitgetragen, brutale Einschnitte im öffentlichen Dienst, die die Berliner CDU feige gemieden hatte.”

    Ist das nicht das Schöne an unserer Demokratie: Wer regieren will, muss bei der Durchsetzung des kapitalistischen Sachzwangs mitmachen.
    Spielt doch keine Rolle, wen ich wähle. Der Staat hat keine Kohle und muss sparen, daraus ergibt sich dann alles Weitere.

    Und vielleicht darf man im Zusammenhang mit den Linken noch an den Satz eines ehemaligen Bundesbankpräsident erinnern:

    “Der Wettkampf gegen den Kommunismus kann nicht länger mit Radiotruhen, Kühlschränken und Breitwandfilmen gewonnen werden.”
    Wilhelm Röpke,1956, in “Jenseits von Angebot und Nachfrage – Die Marktwirtschaft ist nicht alles”

    Lets face it: Die Überlegenheit des Westens besteht in nichts weiterem als in einem besseren Angebot an Konsumgütern.
    Und jetzt, wo viele Ostdeutsche pleite sind, ist die Überlegenheit weg.

    • 2. September 2009 um 10:19 Uhr
    • lebowski
  2. 2.

    @lebowski

    Die Überlegenheit des Westens besteht in nichts weiterem als in einem besseren Angebot an Konsumgütern.

    Mein lieber Mann, Sie erzählen hier neuerdings Sachen.

    • 2. September 2009 um 10:37 Uhr
    • riccardo
  3. 3.

    @JL

    Wer füllt eigentlich das Vakuum , das die CDU durch ihre Wanderung nach links auf der rechten Seite geschaffen hat? Die FDP wird das ja nur vorübergehend füllen können.
    Auf Ihre starke Sozialdemokratie können Sie übrigens lange warten, denn die demnächst wiedervereinigte Linke kann und wird nicht sozialdemokratisch sein.

    • 2. September 2009 um 10:46 Uhr
    • riccardo
  4. 4.

    @ ric

    Vieleicht ist Ihr Vakuum imaginiert.

  5. 5.

    Ich denke nicht.

    Den rechtskonservativen Flügel der CDU/CSU gibt es nicht mehr, oder er meldet sich viel seltener zu Wort als früher.
    Nachfolger von Leuten wie Dregger, Filbinger oder Strauß: Fehlanzeige.
    (Was für mich die CDU erst wählbar macht.)

    • 2. September 2009 um 11:20 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  6. 6.

    @riccardo
    Sorry, ich hab mich ein wenig unklar ausgedrückt. Ich meine “die Überlegenheit der Marktwirtschaft”.

    • 2. September 2009 um 11:22 Uhr
    • lebowski
  7. 7.

    @lebowski

    Zwar immer noch falsch, aber schon wesentlich besser.

    • 2. September 2009 um 11:41 Uhr
    • riccardo
  8. 8.

    @ riicardo: Es gibt dieses Vakuum nicht. Keiner braucht heute Typen wie Strauss und Dregger. Der kalte Krieg ist vorbei, wir haben ganz andere Herausforderungen, die schlimmsten ergeben sich aus unserem eigenen System und seinen ungewollten Folgen.
    Es wäre vollkommen gaga, sich dagegen zu profilieren wie einst gegen den Kommunismus.

  9. Kommentare sind geschlossen.