Ein Blog über Religion und Politik

TV-Duell: Eine journalistische Katastrophe

Von 14. September 2009 um 13:24 Uhr

Zeit für einen Wutanfall.

Kann es sein, dass die Journalisten (wir Journalisten) die Krise unseres politischen Systems herbeischreiben und herbeiquatschen (um mal beim gestrigen Abend zu bleiben), die wir dann beklagen?

Wie sich die vier Frager gestern abend bei dem “Duell” zwischen Merkel und Steinmeier präsentiert haben, war beschämend. Statt die Kontrahenten zu den Inhalten zu befragen, wurde sofort auf die Metaebene ausgewichen: Sind Sie nicht ein altes Ehepaar? Wann wird der Wahlkampf endlich unterhaltend? (Als ginge es darum!) Wollen Sie nicht in Wahrheit eine zweite Große Koalition gründen? (Als wäre das nicht dem Wähler vorbehalten.) Und dann noch die “Tigerentenkoalition” (Illner) oder die Schulnoten für Gerechtigkeit (Plasberg)! Halten diese Kollegen eigentlich das Publikum für doof und uninteressiert? Oder glauben sie, dass es eigentlich um nichts geht? Sie vermittelten jedenfalls den Eindruck.

Es wurde kaum in der Sache nachgefragt – Merkel nicht zu ihrem Steuerpopulismus, Steinmeier nicht zu seiner Opel-Retterei.

Immer wieder dieser Schwachsinn (Verzeihung), dass den beiden Kandidaten unterstellt wurde, sie könnten sich nichts Schöneres vorstellen als gemeinsam weiterzuregieren! Die Große Koalition war aber 2005 nicht gewünscht.Und sie wird auch nicht in Neuauflage erwünscht.

W i r (Wähler) haben sie herbeigewählt, die beiden Parteien haben sich in sie fügen müssen – und nun stehen beide vor historisch schlechtesten Wahlergebnissen. Und vor schrumpfenden Parteien, denen die Anhänger das Vertrauen entziehen.  Und müssen sich noch dazu vorhalten lassen, “langweilig” zu sein. An der Zerstörung des Politischen ist diese Geschmäcklerei mit schuld.

Unerträglich auch der eitle Claus Peymann bei Anne Will, der sich “Sarkozy oder Berlusconi” herbeiwünschte und der deutschen Politik “Zwergenhaftigkeit” vorhielt. Was ist er denn selber für ein Geistesriese mit dieser Einlassung! Der Mann hält sich für links, aber sein populistische Schelte zeigt, aus lauter Rambazamba-Sehnsucht wäre er auch rechts sehr flexibel.

Die Intellektuellen (solche jedenfalls) sind in Deutschland das größere Problem für die Demokratie als die Politiker. Und die Journalisten dazu. Die Bildzeitung konnte sich ihren vorher ausgedachten Gag (Yes we gähn) nicht verkneifen, aber der Boulevard ist hier wirklich überall.Das Angeödetsein wird auch in manchen Qualitätsmedien gerne ausgestellt.

Wir haben keine korrupte, kaputte politische Kultur wie England. Wir haben keine zerstörte politische Kultur wie Amerika (wo Obama der blanke Hass entgegenschlägt). Wir haben keinen Berlusconi, keinen Wilders, keinen Blocher, keinen Le Pen, keinen Haider. Wir sind ein glückliches Land, was unser politisches Personal angeht.

Aber wir arbeiten hart daran, das kaputtzumachen.

Kategorien: Bundestagswahl 2009
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Herr Lau, das habe ich gestern auch gedacht. Gerade dieser Plasberg war unerträglich. Anscheinend machen es die Politiker immer falsch: Entweder sie argumentieren sachlich und nüchtern, mit Blick auf eine (dennoch mögliche) große Koalition nach der Wahl, in der sie ja immer noch miteinander arbeiten müssen, dann wird ihnen Langeweile (“gähn”) und mangelnde Emotionalität vorgeworfen. Wenn sie sich jedoch streiten, wird ihnen Zickerei zur Last gelegt, und den Bürgern eingeredet, die Politik bestehe nur noch aus Gezicke.
    Außerdem hatten die beiden Bewerber in dieser straff durch-organisierten Präsentationsform gar keine andere Möglichkeit, als so zu agieren. Beide waren Teil der letzten Regierung, wie soll man denn da diese schlecht reden können? Es ist ihnen vielmehr zugute zu halten, dass sie sachlich argumentierten anstatt auf die billige Polemikangebote der Moderatoren einzugehen. Was interessiert mich denn, ob Steinmeier und Merkel sich duzen.
    Besser war da noch die Debatte zwischen Trittin und Westerwelle bei Sat1, weil hier wirkliche Konfliktbereiche offenbar wurden und auch inhaltlich ausdiskutiert wurden. Die ganzen kritischen, wirklich interessanten Themen wurden bei der Merkel-Steinmeier-Debatte nämlich weichgekocht oder verschwiegen.
    Manchmal wünschte ich mir, man könnte auch solche Ultraleicht-Journalisten abwählen.

  2. 2.

    @Weltbürger
    Das Phänomen Plasberg ist dem langsamen geistigen Stoffwechsel der ARD-Oberen geschuldet. Die halten ihn immer noch für den aufsteigenden Stern am Politjournalismushimmel, während er schon lange die beste Zeit hinter sich hat und seit einigen Jahren mächtig auf dem absteigenden Ast ist.

    Siehe dazu auch:
    http://www.zeit.de/2009/17/Hart-aber-Fair-Essay-15?page=all

    • 14. September 2009 um 14:30 Uhr
    • lebowski
  3. 3.

    Wir haben keinen Berlusconi, keinen Wilders, keinen Blocher, keinen Le Pen, keinen Haider.Wir sind ein glückliches Land, was unser politisches Personal angeht.

    Fast wäre ich geneigt zu sagen: leider

    Nicht weil ich etwa Le Pen oder den verblichenen Haider schätze,
    sondern weil wir Politiker haben, die sich von den pöbelnden Journalisten auf die Matte legen lassen – aus Angst davor, etwas falsches oder politisch unkorrektes zu erwidern, weil es 0.37% Wählerstimmen kosten könnte.
    Es ist dieses unsägliche mainstream Politprofil mit einer unverbindlichen Gleitfähigkeit, bei der selbst ein Aal zum Pelztier wird.
    Uns fehlen in der Politik Menschen mit Ecken und Kanten.
    Wir haben Konformisteninflation.

    Diese Situation, werter Herr Lau, trägt im Gegensatz zu Ihrer Vermutung nicht zu meinem Glück bei.

    • 14. September 2009 um 14:31 Uhr
    • christian aka tati
  4. 4.

    @ Jörg Lau

    Volle Zustimmung zu Ihrem Kommentar. Zumal die Wirkung des fernsehjournalistisch bedingten Arrangements schon in den Zusacheuerschalten unmittelbar nach dem beklagten Duett zu beobachten war.

    • 14. September 2009 um 14:51 Uhr
    • N. Neumann
  5. 5.

    Sie haben Recht, Herr Lau.

    Als Frau Merkel anmerkte, man habe durch den Gesundheitsfonds den Anstieg der Krankenkassenbeiträge verhindern können und man sorge damit für mehr Wettbewerb unter den Kassen, kam keiner der vier Journalisten auf die Idee, daran zu erinnern, dass im Januar dieses Jahres eben diese Beiträge DURCH die Einführung des Gesundheitsfonds teilweise (je nach Krankenkasse) massiv erhöht wurden und der Wettbewerb der Kassen, was die Beitragshöhe anbelangt, abgewürgt wurde.

    Im übrigen fand ich sehr wohl, dass sich Merkel und Steinmeier wie ein altes Ehepaar benommen haben, das viele weitere gemeinsame Jahre herbeiwünscht.

    • 14. September 2009 um 14:52 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  6. 6.

    @ Tati

    Es zeugt von einer weit überzogenen Unkonformitätserwartung auf die Kanzlerin und den Kanzlerkandidaten sauer zu sein, weil sie in der Sendung nicht die Journalisten angegriffen haben. Abgesehen davon haben sich gestern weder Merkel noch Steinmeier jedem journalistischen Unfug gebeugt.

    • 14. September 2009 um 15:04 Uhr
    • N. Neumann
  7. 7.

    Zusacheuerschalten

    Zuschauerschalten

    • 14. September 2009 um 15:05 Uhr
    • N. Neumann
  8. 8.

    @HJ Sauer: Die SPD will nicht in die Opposition, weil sie dann implodiert. Der Druck der frustrierten Parteilinken wird dann überstark. Die Union (Merkel) will nicht gerne mit der FDP, weil sie die Partei für unaufrichtig und überbewertet hält und Westerwelle unerträglich findet. Alle anderen Optionen sind super unwahrscheinlich. Das ist die Kraft, die für eine Große Koalition wirkt. Kein Wünschen, kein Sehnen, denn beiden Parteien wird die zweite Auflage sehr schaden.
    Es ist ein Dilemma, das wir Wähler geschaffen haben – und jetzt weiden wir uns daran?

    • 14. September 2009 um 15:08 Uhr
    • Jörg Lau
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)