Ein Blog über Religion und Politik

Die befreite Angela

Von 8. Oktober 2009 um 11:40 Uhr

Und noch was aus der aktuellen Nummer der ZEIT von Yours truly (Nr. 42, S. 6) – über die Projektionen des befreundeten Auslands auf Schwarz-Gelb:

Wer liest, was die internationale Presse zum hiesigen Wahlergebnis schreibt, wird Zeuge der Entstehung eines politischen Mythos: der Befreiung von Angela Merkel.
Während die Koalitionäre in Berlin gerade erst begonnen haben, eine Formel für das schwarz-gelbe Bündnis zu suchen, projiziert die Welt schon munter Wünsche, Hoffnungen und Ängste auf die neue Regierung. Das einflussreiche britische Magazin Economist hat den Ton vorgegeben: »Angela Merkel ist befreit worden, um auf Veränderung zu drängen.« Schon vor der Wahl behauptete das ehrwürdige Kampfblatt des Wirtschaftsliberalismus, nicht Merkels »eigene Natur« habe sie gehindert, schärfere Reformen durchzupeitschen, sondern »die Gefangenschaft bei ihren Partnern von der SPD: Es ist Zeit, Angela zu befreien, damit wir sehen, was sie vermag.« Die Titelseite zeigte Merkel denn auch als Prinzessin im goldenen Käfig, bekleidet mit ihrer bekannten großkoalitionären Häftlingstracht – roter Blazer, schwarze Hose.
Als Befreier Angela Merkels feiert man nun den international weitgehend unbekannten »Mr. Westerwelle«. Durch ihn, so die Lesart, könne Merkel nun endlich wieder ihr altes Leipziger Reform-Selbst sein: »Und die neue schwarz-gelbe Regierung könnte genau das sein, was Deutschland braucht.« Fragt sich bloß, warum die aus der babylonischen Gefangenschaft unter Frank Nebukadnezar Steinmeier Befreite die ganze Woche nach der Wahl damit verbringt, ihren vermeintlichen Retter zu entzaubern. Angela Merkel hatte nichts Dringenderes zu tun, als die Liberalen in die Schranken zu weisen und Westerwelle klarzumachen, dass es in den Koalitionsverhandlungen eigentlich nichts zu verhandeln gebe. Eine komische Befreiung. Nach dem ersten Treffen der Delegationen haben beide Seiten immerhin Freude darüber bekundet, künftig miteinander regieren zu dürfen.
Auch über Westerwelles Außenpolitik weiß der Economist schon Genaueres als der wahrscheinliche Minister: Er sei viel »proamerikanischer« als sein Vorgänger und werde darum die deutschen Truppen länger in Afghanistan lassen. Und: »Weil er härter zu den Russen ist, wird er in einem Streich die deutschen Beziehungen zu Mittel- und Osteuropa verbessern.« Dass die Russen sich schon fürchten, ist aber unwahrscheinlich. Denn Westerwelle hat Scheel und Genscher – die personifizierte Entspannungspolitik – als Maskottchen der bundesrepublikanischen Kontinuität erkoren. Niemand würde sich wundern, wenn er im gelben Pullunder in sein neues Amt einzöge.
Während die einen Westerwelle als Putins neuen Zuchtmeister begrüßen, ergehen sich andere in traditionelleren britischen Fantasien über die deutsche Rolle in Europa. Beim Londoner Independent löste Westerwelles Weigerung, die Frage eines BBC-Reporters bei seiner ersten Pressekonferenz auf Englisch zu beantworten, altbewährte antideutsche Reflexe aus: »Wenn so etwas von dem Mann kommt, der wahrscheinlich deutscher Außenminister wird, dann ist das ein erhellender Vorgeschmack auf neuen teutonischen Geltungsdrang in internationalen Angelegenheiten.« Die Zeitung schrieb aber auch, Westerwelle sei »dauergebräunt« – was eigentlich wieder ziemlich unteutonisch ist.
Seit dem Wahlabend hat Angela Merkel immer wieder ihre Entschlossenheit zu Kontinuität demonstriert. Die Londoner Times hingegen hat hocherfreut einen »klaren Rechtsruck« in der deutschen Politik erkannt: Jetzt könne Merkel – »von der Leine gelassen« – endlich beweisen, dass sie keine »verkleidete Sozialdemokratin« sei. Auch die New York Times glaubt, Merkel werde jetzt »endlich die Chance haben, die Pläne für Liberalisierung durchzusetzen, die sie schon vorgeschlagen hatte, als sie zum ersten Mal kandidierte«. Und selbst der eher linksliberale Guardian hängt der Theorie von der »entfesselten Kanzlerin« an und sieht kommen – halb bangend, halb hoffend –, dass »Angela Merkel sich noch als Deutschlands Maggie Thatcher entpuppen« könnte. Ob man Le Monde (»Deutschland rückt nach rechts«), den Figaro (»Die konservative Revolution geht ihren Weg«) oder das Wall Street Journal (»klares Mandat für eine ideologische Lagerpolitik«) liest – überall wird das deutsche Wahlergebnis befreiungstheologisch gedeutet: Angie – free at last!
Wie mag das alles wohl die Kanzlerin erleben, von der es heißt, sie lese sehr viel Zeitung in diesen Tagen des Übergangs? Kaum vorstellbar, dass Merkels nahezu britisch stark ausgeprägtes Ironie-Gen nicht anspringt auf die Suggestion, dass sie sich nun befreit fühlen soll – während sie doch schon voll und ganz mit der Zähmung ihres selbstbewussten neuen Partners beschäftigt ist. Aber etwas Schmeichelhaftes hat der Mythos der befreiten Kanzlerin natürlich auch: Solange über die neue Regierung wenigstens im Ausland noch lebhaft getagträumt wird, kann es so schlecht um Deutschlands Platz in der Welt nicht stehen.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ist doch schön, wenn der Koalition wenigstens aus dem Ausland ein wenig “neoliberaler” Druck gemacht wird.

    Das “schlimme” an Frau Merkel, keiner weiss doch wie sie wirklich tickt.

    Die deutschen Zeitungen schreiben zu den Koalitionsverhandlungen aber auch wesentlich mehr als sie wirklich wissen.

    • 8. Oktober 2009 um 11:56 Uhr
    • PBUH
  2. 2.

    “Er sei viel »proamerikanischer« als sein Vorgänger und werde darum die deutschen Truppen länger in Afghanistan lassen.”
    Am Ende noch länger als Gordon Brown und Barack Obama? Lol!
    Man muss sehen, dass die Hardcore-Angelsachsen in einer epochalen Identitätskrise stecken und sich deshalb an jeden Strohmann, äh, Strohhalm klammern, dessen sie habhaft werden können. Das sind alles Wunschträume, die man ihnen lassen sollte. Ich habe schon vor mindestens 5 Jahren die Meinung vertreten, dass Angela Merkel genau deshalb eine optimale Besetzung des Kanzleramt nach Schröder sein wird, weil sie für solche Wunschträume eine herrliche Projektionsfläche ist und in der Sache deshalb weniger geben muss als irgendwer sonst.

    • 8. Oktober 2009 um 12:05 Uhr
    • AM
  3. 3.

    Fuer die unter Dreissigjährigen ist es das erste Mal Schwarz-Gelb ohne Helmut Kohl. Ich bin mal gespannt.

    • 8. Oktober 2009 um 12:17 Uhr
    • Sebastian Ryll
  4. 4.

    So jung sind Sie?

    Dann wundert mich nichts. Damals hatte ich auch noch den Kopf voll wirrer Ideen.

    • 8. Oktober 2009 um 12:25 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  5. 5.

    Ich hoffe nur, dass die Kanzlerin auch einmal die NZZ liest.
    Dort stehen die Rezepte!

    • 8. Oktober 2009 um 12:31 Uhr
    • emcee
  6. 6.

    Das Lächeln der Angela scheint offenbar so interpretationsfähig zu sein wie das der Mona Lisa.

    Angloamerikanische Journalisten neigen in Bezug auf Deutschland häufig zu Übertreibungen, sowohl nach der einen wie der anderen Seite.

    • 8. Oktober 2009 um 14:15 Uhr
    • Krähling
  7. 7.

    Da fällt mir nur der Anfang eines Märchens ein: “In den Tagen, als das Wünschen noch geholfen hat, …”

    Der Mechanismus ist der gleiche, wie ihn die deutsche Presse bei der Wahl Obamas – den ich ja selbst auch schätze – geritten hat. Die politische Bühne im anderen Land wird zu sehr mit der eigenen, in der Heimat verwechselt, und eine andere Stimmung in der Bevölkerung, warum diese Regierung gewählt wurde, wird unterstellt. Aus Obama hätten deutsche Kommentatoren ja auch am liebsten einen Sozialdemokraten gemacht.

  8. 8.

    Stimmt. Wobei die deutsche Begeisterung für Obama etwas Peinliches hat.

    • 9. Oktober 2009 um 09:29 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  9. Kommentar zum Thema

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