Nachrichten über den Tod dieses Blogs sind übertrieben
Jetzt kann ich es ja sagen: Es war ein Experiment. Ich bin diesem Blog ferngeblieben, damit das Institut für Medienpsychologie der Universität Hohenheim die Folgen des Input-Entzugs bei chronischen Blognutzern über drei Wochen im hiesigen Kommentarbereich studieren konnte. Die in der Zwischenzeit verfassten Kommentare werden im Rahmen der Studie “Realitätsverlust. Diskursstrategien schwer abhängiger Digitalnomaden bei plötzlicher Abwesenheit des Blogmasters” ausgewertet. Mit der Fertigstellung der Studie ist im kommenden Wintersemester zu rechnen. Erste Ergebnisse werden hier exklusiv vorgestellt.
Ironie aus: In Wahrheit ist eine Kombination von Umständen für meine Abstinenz verantwortlich. Erstens war ich ausgepowert. Ich habe eine größere Sache über Juden in Deutschland recherchiert und geschrieben, in deren Folge Charlotte Knobloch – ohne meine Absicht – entmachtet wurde. Ich war zwar nur der Reporter des terminalen Zerwürfnisses im Zentralrat der Juden, aber es nimmt einen trotzdem mit.
Zweitens hat die jüngste Islamkritiker-Debatte in den Feuilletons, die meine Kollegen auf Trab hält, auf mich einen gegenteiligen Effekt. Ich kann es auf folgenden Begriff bringen: Narkolepsie. Darunter versteht man eine Krankheit, die den Patienten plötzlich und gegen seinen Willen bei hellichtem Tage in heftigen Schlafdrang versetzt. Seit mehr als fünf Jahren beschäftige ich mich praktisch pausenlos mit dem Komplex Integration, Immigration, Islam, Islamismus – doch der heutige Streit zwischen “Aufklärungsfundamentalismus” und “Alleshalbsowildismus” streckt mich von einer auf die andere Sekunde nieder. Auf dieser abgehobenen Ebene ist dazu bei bestem Willen nichts Interessantes mehr beizutragen. Auch darum habe ich dieses Blog gemieden. Ich musste mal nachdenken.
Meine Begegnungen mit Juden haben mich für unsere Islamdebatte sehr zum Grübeln gebracht. Leider habe ich davon vieles nicht verwenden können. Cilly Kugelmann, stellvertretende Leiterin des Jüdischen Museums, war regelrecht angewidert von der Minarettdebatte. Muslimischer Antisemitismus ist ein Problem – aber die Unterdrückung der religiösen Symbole einer Minderheit ist absolut intolerabel für Juden, die gerade versuchen, die Diaspora-Erfahrung positiv neu zu besetzen. Die gleichen Äußerungen kamen von Lala Süsskind, Präsidentin der Jüdischen Gemeinde in Berlin, und Rabbiner Jehuda Teichtal von Chabad Lubawitsch. Kopftuchverbote sieht man extrem skeptisch – denn sie würden perückentragende Ortodoxe ja auch treffen müssen. Der ganze kulturkämpferische Furor unserer Islamdebatte ist für Juden sehr verdächtig. Rabbiner, die Frauen nicht die Hand geben, sind etwas ganz Normales selbst für gemäßigte Orthodoxe.
Übrigens macht es vielen Juden hierzulande auch keine Freude, dass Israel von Islamhassern vereinnahmt wird, die sich gerne Israelfähnchen oder Gilad-Shalit-Hafttage-Zähler auf die Websites pappen. Wer solche Freunde hat,…
Dass es Religion gibt hat wohl viel damit zu tun, dass wir nicht alles erklären können und dass wir mit Ritualen viel im Leben verdauen können – Fruchtbarkeit, Jahreszeiten, Unheil, Geburt, Verlust eines lieben Menschen etc.
Obgenannter Christian E. Elger hat dazu in einem Vorwort mal das Thema gestreift, vielleicht können Sie als Journalist mehr aus ihm herauskitzeln.
http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_E._Elger
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@ MR
“Wenn sie in GR waren wurde vielleicht auf Rumantsch gelästert…”
Nö, in Davos wird deutsch gesprochen. Und ohne deutsche Gastarbeiter würden weder die Kliniken laufen noch die Gastronomie. Von den deutschen Touristen mal ganz abgesehen, die aufgrund des Preisniveaus (welches ohne ausländisches Personal weiter steigen würde) eh’ seit Jahren weniger werden.
Einmal wollte am Nachbartisch ein Mann auf Schweizerdeutsch loslästern, wurde aber von den anderen am Tisch (alles Schweizer) schnellstens zum Schweigen gebracht, worauf er verärgert das Lokal verließ und auf sein Zimmer ging.
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@ Zagreus
“Waren sie dabei damals in der rauen vorzeit, als das erste mal ein mensch – wohl ein Neanthertaler – ‘musik’ machte?”
Zumindest war der Neandertaler religiös.
http://de.wikipedia.org/wiki/Neandertaler#Kultische_Handlungen
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@ FreeSpeech
“Gott mag ewig sein, aber der gilt erst als Argument, wenn ihn einer zum Kaffee mitbringt.”
Der Atheist Ernst Bloch nannte diese Haltung “Klotzmaterialismus”.
http://www.hoimar-von-ditfurth.de/geist_und_materie.pdf
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Hans Joachim Sauer
Ohne Deutsche würde hier die Hälfte nichts laufen. Seit wir mehr Deutsche im Service haben, ist der übrigens um Welten besser geworden.
Die Debatte ist von den Medien aufgekocht.
(Auch Ernst Bloch darf seine Meinung haben. Die Sache hat m.E. nichts mit Materialismus zu tun.)
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@Jörg Lau
>>Und warum linke, liberale und ultraorthodoxe Juden sich täuschen, wenn sie die Debatte über Burka, Minarett und Kopftuch (auch) als Indiz eines unabgeschlossenen Prozesses der Gewöhnung an religiösen Pluralismus empfinden!>>
Da ich heute wenig Zeit habe zu posten, greife ich nur diese Frage auf und fokussiere dabei auf die Verschleierung der Frau, denn Burka, Minarett und Kopftuch würde ich nicht in einen Topf werfen.
Was zeichnet eine moderne Gesellschaft aus? Die Tatsache, dass Männer und Frauen gleichberechtigt (nicht wie im fundamentalistischen Islam, Judentum und Christentum gleichwertig) sind und dass Frauen „unverschleiert“ Zutritt zum in traditionell Gesellschaften als männliche Domäne definierten öffentlichen Raum haben. Das setzt Triebkontrolle und Affektbeherrschung seitens der Männer voraus. Die Debatte über Hijab und Niqab ist aus meiner Sicht ein Indiz für einen abgeschlossenen Prozess der Gewöhnung an nicht „verschleierten“ (covered) Frauen; für die Ablehnung eines Menschenbildes wonach Frauen eine Quelle der Versuchung sind und Männer ihre Triebe nicht in Griff haben; und für die Erwartung an alle Gesellschaftsmitglieder das Bild des modernen, affektbeherrschten Menschen zu verinnerlichen, der das andere Geschlecht die Hand geben kann, ohne auf sündige Gedanken zu kommen.
Dass Juden oder Katholiken oder Christina von Braun oder wer auch immer die Debatte über Burka und Kopftuch als” Indiz eines abgeschlossenen Prozesses der Gewöhnung an religiösen Pluralismus empfinden” ist ihr gutes Recht. Diese Tatsache lässt sich jedoch nicht als Argument gegen die Debatte anführen. Ist die Tatsache, dass fundamentalistischen Christen, die ihre Kinder den “schädlichen Einflüssen” in öffentlichen Schulen nicht aussetzen wollen, das Recht verwehrt wird, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten, auch ein Indiz für den unabgeschlossenen Prozess der Gewöhnung an religiösen Pluralismus?
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@ HJS
“Zumindest war der Neandertaler religiös.”
was sie alles wissen – na, wenns in wiki steht – schade, dass es nicht einmal dort steht. Bestattungsriten müssen nicht zwangsläufig religiös sein – sie könnnen auch schlicht und ergreifend nur eine art abschiedsritus darstellen und müssen dabei nicht auf etwas irgendwie ‘metaphysisches’ verweisen.
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@ FreeSpeech
“ So hielt ich früher die Vernunft für eine Alternative zur Religion, aber leider ist die Intuition aus der Vernunft auch nur eine Meinung.”
Stimmt – bzw. ein Bild, ein Diagramm.
“ Was am Ende bleibt, ist das Überprüfbare und das Aushandelbare – und beides ist vorläufig. ”
^^ richtig – also kommt es nicht so sehr darauf an, was wir haben, sondern wie wir es ahaben – die verschiedenen Methodiken und argumentationsstrukturen, mit denen wir begründen, warum das, was wir haben, denn richtig sein soll oder besser: richtiger sein soll als diese oder jene ‘alternative’. Aber: letztendendes alles nur vorläufig und wenns dumm kommt, dann ist eh alles ganz anders.
“ Gott mag ewig sein, aber der gilt erst als Argument, wenn ihn einer zum Kaffee mitbringt. ”
Solange warten wir mal ab, bis Jesus beim Kaffee aufkreuzt und halten uns derweilen an die dinge im gemeinschaftlichen diskurs, die nach bestimmten methodiken überprüfbar sind.
Zwei sachen abn dich persönlich:
a.) ein Buchtipp – könnte dir gefallen:
Charles S. Peirce; Naturordnung und Zeichenprozeß; 1988 Aachen (als Taschenbuch in stw 912 auch – also schön billig)
b.) hast du bitte mal eine e-mail-adresse, unter der du privat erreichbar bist – ich hätte einmal eine nicht-öffentliche frage an dich?
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