Nachrichten über den Tod dieses Blogs sind übertrieben

Von 15. Februar 2010 um 15:12 Uhr

Jetzt kann ich es ja sagen: Es war ein Experiment. Ich bin diesem Blog ferngeblieben, damit das Institut für Medienpsychologie der Universität Hohenheim die Folgen des Input-Entzugs bei chronischen Blognutzern über drei Wochen im hiesigen Kommentarbereich studieren konnte. Die in der Zwischenzeit verfassten Kommentare werden im Rahmen der Studie “Realitätsverlust. Diskursstrategien schwer abhängiger Digitalnomaden bei plötzlicher Abwesenheit des Blogmasters” ausgewertet. Mit der Fertigstellung der Studie ist im kommenden Wintersemester zu rechnen. Erste Ergebnisse werden hier exklusiv vorgestellt.

Ironie aus: In Wahrheit ist eine Kombination von Umständen für meine Abstinenz verantwortlich. Erstens war ich ausgepowert. Ich habe eine größere Sache über Juden in Deutschland recherchiert und geschrieben, in deren Folge Charlotte Knobloch – ohne meine Absicht – entmachtet wurde. Ich war zwar nur der Reporter des terminalen Zerwürfnisses im Zentralrat der Juden, aber es nimmt einen trotzdem mit.

Zweitens hat die jüngste Islamkritiker-Debatte in den Feuilletons, die meine Kollegen auf Trab hält, auf mich einen gegenteiligen Effekt. Ich kann es auf folgenden Begriff bringen: Narkolepsie. Darunter versteht man eine Krankheit, die den Patienten plötzlich und gegen seinen Willen bei hellichtem Tage in heftigen Schlafdrang versetzt. Seit mehr als fünf Jahren beschäftige ich mich praktisch pausenlos mit dem Komplex Integration, Immigration, Islam, Islamismus – doch der heutige Streit zwischen “Aufklärungsfundamentalismus” und “Alleshalbsowildismus” streckt mich von einer auf die andere Sekunde nieder. Auf dieser abgehobenen Ebene ist dazu bei bestem Willen nichts Interessantes mehr beizutragen. Auch darum habe ich dieses Blog gemieden. Ich musste mal nachdenken.

Meine Begegnungen mit Juden haben mich für unsere Islamdebatte sehr zum Grübeln gebracht. Leider habe ich davon vieles nicht verwenden können. Cilly Kugelmann, stellvertretende Leiterin des Jüdischen Museums, war regelrecht angewidert von der Minarettdebatte. Muslimischer Antisemitismus ist ein Problem – aber die Unterdrückung der religiösen Symbole einer Minderheit ist absolut intolerabel für Juden, die gerade versuchen, die Diaspora-Erfahrung positiv neu zu besetzen. Die gleichen Äußerungen kamen von Lala Süsskind, Präsidentin der Jüdischen Gemeinde in Berlin, und Rabbiner Jehuda Teichtal von Chabad Lubawitsch. Kopftuchverbote sieht man extrem skeptisch – denn sie würden perückentragende Ortodoxe ja auch treffen müssen. Der ganze kulturkämpferische Furor unserer Islamdebatte ist für Juden sehr verdächtig. Rabbiner, die Frauen nicht die Hand geben, sind etwas ganz Normales selbst für gemäßigte Orthodoxe.

Übrigens macht es vielen Juden hierzulande auch keine Freude, dass Israel von Islamhassern vereinnahmt wird, die sich gerne Israelfähnchen oder Gilad-Shalit-Hafttage-Zähler auf die Websites pappen. Wer solche Freunde hat,…

Leser-Kommentare
  1. 33.

    @ lau

    nur so nebenbei:
    …warum das alles Bullshit ist.
    Ab inem bestimmten Punkt erst (den ich auch genau angegeben habe) und wegen einer bestimmten sache (gleichsetzung der *Juden* mit der meinug einiger *Juden*, wobei ihre nicht aus dem judentum abgeleiteten (begründeten) Meinungen als dezitiert *jüdisch* kommuniziert werden).

    Und warum linke, liberale und ultraorthodoxe Juden sich täuschen, wenn sie die Debatte über Burka, Minarett und Kopftuch (auch) als Indiz eines unabgeschlossenen Prozesses der Gewöhnung an religiösen Pluralismus empfinden!
    Weil es einfach nichts mit religiösen pluralismus zu tun hat – vielleicht, wenn sie nochmal hinaschauen, fällt sogar ihnen auf, dass es nicht gegen *religiösen Pluralismus* geht oder dieser abgelehnt würde, sondern primär gegen eine religion unter sehr vielen und das aufgrund bestimmter aspekte.
    zudem, wie kommen sie denn darauf, dass eine *gewöhnung an religiösen pluralismus* etwas positives sein soll? Und haben sie sich schonmal gedanken darüber gemacht, wie denn solch ein zustand aussehen soll und was dies dann für die einzelnen religionen bedeutet bzl. ihres geltungsanspruches und ihrer verfasstheit?
    Wie wäre es, wenn sie diesen prozess wmal weniger als einen gewöhnungsprozess als vielmehr als austarierungsprozess wahrzunehmen geruhen würden?
    Es geht nämlich eigentlich nicht darum – oder vielleicht doch: nämlich ihnen und ihren ‘freunden# – die europäischen bzw. westl. gesellschaften an die schönheiten des real xistierenden islams zu gewöhnen, sondenr viel mehr darum in welchen formen und geltungsansprüchen religionen als religionen in unseren gesellschaften existieren können sollen.

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    • 16. Februar 2010 um 14:07 Uhr
    • Zagreus
  2. 34.

    das nehme ich zurück als ungerecht – da sie zumindest idR. bisher durchaus auch einige schattenseiten des ‘islams’ wahrgenommen haben.

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    • 16. Februar 2010 um 14:12 Uhr
    • Zagreus
  3. 35.

    das da meinte ich:
    “….oder vielleicht doch: nämlich ihnen und ihren ‘freunden#…”

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    • 16. Februar 2010 um 14:13 Uhr
    • Zagreus
  4. 36.

    @HJS

    Wegen der Neandertaler: Da liest sich der nicht unumstrittene H. Kühn gut, er unterscheidet in der Kulturgeschichte zwischen dem “magischen” denken und seinem Übergang zu “mythischen” Denken, religiöser Kult war für ihn zumindest im Jungpaläolithikum ein treibender Motor. Sehr bündig: Aufstieg der Menschheit.

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    • 16. Februar 2010 um 14:42 Uhr
    • Boothby
  5. 37.

    Religion und Kulturgeschichte

    Spiritualität ist und war in der Kulturgeschichte IMHO keine “Alternative zur Vernunft” und ist auch nicht auf die Religionen beschränkt. Sie ist vielmehr eine menschliche Grundkonstante.
    Der Atheist André Comte-Sponville bringt das in seinem Buch “Woran Atheisten glauben” sehr schön auf den Punkt:
    “ Wir sind endliche, für das Unendliche offene Wesen, (…) Und vergängliche für die Ewigkeit offene, sowie relative für das Absolute offene Wesen (..). Dieses Offene -das ist der Geist. Die Metaphysik beschäftigt sich damit, es zu erfassen; Spiritualität besteht darin, es zu erfahren, zu praktizieren, zu leben.

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    • 16. Februar 2010 um 14:55 Uhr
    • cwspeer
  6. 38.

    @ Miriam: Wie schafft man es denn, dass sich möglichst viele an diese Ordnung gewöhnen? Durch Verbote? Oder durch selbstbewusstes, nichthysterisches, einladendes Auftreten?
    Gebote sind ok: Schulzwang, Sexualkundezwang, Schwimmunterrichtzwang… Da wird Gleiches gleich behandelt. Ich kann in diesem Sinn auch Lehrern und Richtern auferlegen, einen bestimmten Dresscode zu wahren. Aber ein Verbot bestimmter Kleidung oder bestimmter Bauformen ist etwas anderes.

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    • 16. Februar 2010 um 15:29 Uhr
    • Jörg Lau
  7. 39.

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    bei
    http://minarett.blogspot.com
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    Die Adresse sehe ich dann und kann dir antworten
    Alternativ kurzfristig (1 Tag)
    widget_gzaezgk@trashmail.net

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  8. 40.

    Zagreus

    bei
    http://minarett.blogspot.com
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  9. Kommentar zum Thema

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