Schluss mit dem islamischen Opferdiskurs

Von 2. März 2010 um 10:09 Uhr

Ein exzellenter Artikel in der heutigen taz, dem ich nichts hinzuzufügen habe. Klemes Ludwig (Tibetexperte) fragt:

“Wem nützt es, den Islam als ewiges Opfer zu zeichnen? Einem aufgeklärten, emanzipierten Islam, der gleichberechtigter Teil der europäischen Gesellschaften ist, sicher nicht. Wer sich als Opfer fühlt und von anderen in dieser Rolle bestätigt wird, hat wenig Anlass, sich über die eigene Verantwortung für sein Schicksal Gedanken zu machen. Opfer zu sein ist bequem und erhöht den Betreffenden moralisch – jedenfalls solange sich das Leiden in Grenzen hält.

Nicht dass es in Teilen der Bevölkerung keine Ressentiments gegen Muslime gäbe. Sie gehören jedoch – zumindest in Deutschland – nicht zum gesellschaftlichen Konsens. Deshalb muss die Frage erlaubt sein, wie berechtigt der muslimische Opferdiskurs ist. Die Politik – in Gestalt des Innenminister Thomas de Maizière – heißt den Islam in Deutschland willkommen. Rechte Splitterparteien, die mit islamfeindlichen Parolen Stimmung machen wollen, sind bislang meist kläglich an der Fünfprozenthürde gescheitert. Und zahlreiche Gerichtsurteile, ob es nun ums Schächten oder Gebetsräume an Schulen geht, machen deutlich, dass der Rechtsstaat auch Muslimen die Ausübung ihres Glaubens garantiert.

Auch in historischer Perspektive betrachtet, ist der Islam nicht immer bloß Opfer des christlichen Westens gewesen. Natürlich gab es die Kreuzzüge und auch den Kolonialismus. Aber was wechselseitige Gewalt angeht, die es zu überwinden gilt, standen und stehen sich die beiden Seiten in nichts nach. Das gilt nicht erst für die Eroberung des Balkans durch das Osmanische Reich, die von der dortigen Bevölkerung überwiegend als Unterjochung empfunden wurde. (…)

Um nicht missverstanden zu werden: Diese Beispiele sind nicht dazu gedacht, aufzurechnen. Sondern dazu, aufzuklären. Denn es führt nicht weit, im Dialog der Kulturen nur auf die Schattenseiten der einen Seite zu verweisen. Statt zwischen Opferklischees und Diskriminierungsvorwürfen zu schwanken, sollte man sich auf Augenhöhe begegnen. Dazu gehört, dass sich Muslime den dunklen Facetten ihrer eigenen Geschichte stellen – und die Ursachen für manche Entwicklungsdefizite auch bei sich selbst suchen. Impulse dazu gibt zum Beispiel der Arab Human Development Report der UNDP, der als wesentliche Gründe für die Unterentwicklung vieler arabischer Länder die Defizite im Bereich der Bildung, der persönlichen Freiheiten und der Stellung der Frau nennt.

Der frühere Präsident von Malaysia, Mahathir Mohamad, ein selbstbewusster Muslim, hat dies einmal so formuliert: “Die Krisen und Probleme entstanden auch, als muslimische Geistliche anfingen, Fachgebiete zu vernachlässigen, die als weltlich wahrgenommen wurden, wie zum Beispiel Naturwissenschaften, Mathematik, Medizin und Technik, und sich nur auf religiöse Studien konzentrierten. Das war ein großer Fehler.” Diese Erkenntnis lässt wenig Raum für einen simplen Opferdiskurs, aber viel für Entwicklung.”

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Die große Frage ist ja wohl, ob sich diese Leute als Opfer aufführen, weil sie es nicht besser wissen, oder ob sie es in dem Wissen tun, dass man als sogenanntes Opfer in dieser Gesellschaft jede Menge Vorteile hat. Ich fürchte: Letzteres

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  2. 2.

    Der Islam beruht darauf, dass er Opfer ist. Jihad ist bekanntlich Verteidigungskrieg gegen alle, die sich der Ausbreitgung des Islams entgegenstellen.
    (Siehe Interview mit Ali Bardakoglu in der WELT vom 17. 9.2006)

    Im übrigen hat sich der Islam nie um “Naturwissenschaften, Mathematik, Medizin und Technik” gekümmert, das lief, im Gegensatz zu Europa, ausserhalb des religiösen Sphäre ab. (Dass es Individuen gab, die sich damit beschäftigten, ist unbestritten.)

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  3. 3.

    “Der frühere Präsident von Malaysia, Mahathir Mohamad, ein selbstbewusster Muslim…”

    Ich würde nicht mit dem argumentieren. Siehe:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Mahathir_bin_Mohamad#Antisemitismus

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    • 2. März 2010 um 11:18 Uhr
    • J.S.
  4. 4.

    Lebovsky,

    nimmt man den türkischen Durchschnittsjugendlichen zum Maßstab, der gemäß anekdotischer Überlieferung den deutschen Durchschnittsjugendlichen gerne als “Opfer” bezeichnet, kann man davon ausgehen, dass ihre Vermutung richtig ist und sie sich selbst kaum als Opfer empfinden.

    Aber man hat wohl verstanden, dass unsere Gesellschaft das Opfer zum Fetisch erhebt und ihm grundsätzlich eine moralisch höherwertige Position unterstellt. Daher ist es eine geschickte Strategie, sich im politischen Diskurs als Opfer zu stilisieren, um auf diese Weise Zuwendung zu erreichen und vor allem eine gewisse Narrenfreiheit. Bereits die Mühe, die der Autor darauf verwendet, zu beweisen, dass Muslime in Wirklichkeit ja gar keine Opfer seien, zeigt schon die Wirksamkeit, weil das eigentlich für jeden offensichtlich ist, der nicht in einer ideologisch völlig vernagelten ANTIFA-Welt lebt.

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    • 2. März 2010 um 11:33 Uhr
    • Saki
  5. 5.

    @ Freespeech

    “Im übrigen hat sich der Islam nie um “Naturwissenschaften, Mathematik, Medizin und Technik” gekümmert, das lief, im Gegensatz zu Europa, ausserhalb des religiösen Sphäre ab. (Dass es Individuen gab, die sich damit beschäftigten, ist unbestritten.)”

    Ja, zumindest meistens – und bei denen, die es als geostliche taten, wird es wohl sich um meist entweder genies gehandelt haben, die überall spitze waren, weil sie überall inovativ waren, oder um einzelne, die ein dementsprechendes interesse aus welchen gründen auch immer hatten.
    War im Mittelalter bei uns auch nicht anders – auch bei uns hat die Geistlichkeit nur forschungen unterstützt, die zumindest nicht den jeweiligen kirchlichen ansichten udn doktrienen widersprachen oder sonstwie negativ berührten (–> z. b. anatomische Forschungen).
    Der Rest hat irgendwie dazwischen gehangen (einfach weil die damalige Welt in allen bereichen religiös ausgerichtet war udn die geistlichen auch beanspruchten überall mitreden und kontrollieren zu können).

    @ Lau

    Im Artikel wird ‘nur’ eine Seite beleuchtet, die der Muslime – und das auf einer sehr generellen Ebene.
    Die andere Seite wird wohl angesprochen – aber es wird nicht darüber reflektiert, was die davon haben.
    Bei den muslimen wird ja gesagt ” Opfer zu sein ist bequem und erhöht den Betreffenden moralisch – jedenfalls solange sich das Leiden in Grenzen hält.

    Gut – und was haben personen wie Schiffer, Drewermann, Toternhofer und vor allem so viele (linke-grüne) Politiker (wie z. b. c. roth oder hier diese dame: http://www.welt.de/politik/article1677167/SPD_Politikerin_fuer_Tuerkisch_als_2_Fremdsprache.html ) etc… davon.
    Es gibt ja eine durchaus häftige gruppe von im grunde alles moslimische verherrlichende und alle probleme marginalisierende Gruppe in Kirche, gewerkschaft, politik und medien.
    Was haben diese leute davon?

    @ J. S.

    Ja, da hast du recht – Mahatir Mhamed ist ein waschechter Antisemit, wie er im (Bilder-)Buch steht:
    They get others to fight and die for them … They survived 2,000 years of pogroms not by hitting back, but by thinking. They invented . . . socialism, communism, human rights, and democracy … ” – gefunden auf de wiki-seite über ihn, ist ein typische antisemitische Figur der Nazis. Der ‘überpotente’ Jude, der eben , weil er alles lenkt und leitet, sich überall eingeschlichen hat, eine gefahr darstellt – vor allem, da er einerseits so überpotent ist, was geld etc… anbelangt, andererseits (hier nur indirekt im zitat) alles mit seiner moralischen verworfenheit vergiftet.
    Das gequassele liebten die Nazis, und zwar gerade die schlimmsten auch unter ihnen, allzusehr. das ist das Denken, an dessen Ende gaskammern und Massenexekutionen stehen.

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    • 2. März 2010 um 11:34 Uhr
    • Zagreus
  6. 6.

    Zagreus

    Der Unterschied besteht darin, dass in Europa im Mittelalter die Forschung als Weg verstanden wurde, Gottes Werk besser kennen zu lernen. darum auch Theologie gleichzeitig mit anderen Disziplinen an den Universitäten. Im Einzugsbereich des Islams waren Madrasse und Wissenschaft völlig getrennt (cf Brague oder Freeman).

    Antworten

  7. 7.

    @ Freespeech

    Das mit der mittelalterlichen auffassung “Wissenschaft als möglichkeit Gott besser verstehen zu können” war mir bekannt. Ich wußte aber nicht, daß dies in der islamischen Welt grundlegend anders gesehen wurde, sondern nur, daß die meisten islamischen Wissenschaftler sehr oft entweder gar keine moslime waren (sondern Juden, Christen etc… unter moslimisicher Herrschaft) oder konvertiten bzw. die kinder von konvertiten (und meist aus praktischen, wie z. b. steuerlichen gründen oder wegen aufstiegsmöglichkeiten konvertiert zu sein scheinen).
    Danke für die Info.

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    • 2. März 2010 um 11:48 Uhr
    • Zagreus
  8. 8.

    Im Artikel wird ‘nur’ eine Seite beleuchtet, die der Muslime – und das auf einer sehr generellen Ebene.
    Die andere Seite wird wohl angesprochen – aber es wird nicht darüber reflektiert, was die davon haben.

    @ Zagreus

    Es kann als unwahrscheinlich gelten, dass jemand, der in der taz “Co-Opfer” bzw. “Opferanwälte” kritisiert, nicht über das “Benefit” derselben reflektiert. Viel wahrscheinlicher ist, dass du nicht über die quantitative Begrenzung von Zeilen in taz-Artikeln gedacht hast.

    daß die meisten islamischen Wissenschaftler sehr oft entweder gar keine moslime waren (sondern Juden, Christen etc… unter moslimisicher Herrschaft) oder konvertiten bzw. die kinder von konvertiten (und meist aus praktischen, wie z. b. steuerlichen gründen oder wegen aufstiegsmöglichkeiten konvertiert zu sein scheinen).

    Wer sagt das?

    Man kann den Beitrag von Muslimen zum wissenschaftlichen Fortschritt im Mittelalter hochspielen, man kann ihn aber auch runterspielen.

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    • 2. März 2010 um 16:01 Uhr
    • N. Neumann
  9. Kommentar zum Thema

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