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Was guckst Du?

Von 22. März 2010 um 15:34 Uhr

Der Blogwart war gestern abend in der “History” Sendung des ZDF über “Helden” und “Zivilcourage”. Klickst Du hier und guckst Du!

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Das Thema taucht zwar unter der Kategorie „Extremely Off Topic“ auf. Das ist es aber gar nicht. Die Frage, was „Zivilcourage“ ausmacht, wird niemals off topic sein. Die Frage stellt sich nämlich beständig und immer wieder aufs Neue. Ich hatte die „History“-Sendung ursprünglich nicht gesehen, musste aber aus anderen Gründen erst heute an den Tod von Dominik Brunner denken: Brunner wurde, nachdem er totgeschlagen worden war, als Held gefeiert und erhielt u.a. das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Nicht einmal die unschönen Gerüchte, wonach er damals zuerst zugeschlagen habe, haben sein Verdienst schmälern können. Das dürfte nicht nur daran liegen, dass Brunner vor seinem Tod großen Mut bewies, sondern auch daran, dass die Täter, die ihn umbrachten, ins Bild passten. Sie waren geeignet, um „Zivilcourage“ zu begründen.

    Ob etwas als „Zivilcourage“ anerkannt wird, richtet sich nämlich immer auch – wahrscheinlich sogar zuvörderst – danach, gegen wen sich diese „Zivilcourage“ richtet. Sie kann sich gegen ein abstürzendes Flugzeug richten und dahinter stehenden den Tod, sie kann sich gegen eine heranrasende S-Bahn richten und dahinter stehenden wiederum den Tod, sie kann sich gegen Diktatoren und ein beliebiges Unrechtsregime richten (solange es als solches anerkannt ist). Im Fall von Dominik Brunner waren die Gegner seiner Zivilcourage deutschstämmige, einschlägig vorbestrafe Jugendliche, die Kinder „abziehen“ wollten, mithin ein geeignetes Ziel.

    2007 ereignete sich in Berlin ein ganz ähnlicher Fall, der indes kaum Beachtung fand: Damals wurde ein 23-jähriger Mann, Darius E., von einem 17-Jährigen, Erol A., an einem Badestrand am Tegeler See hinterrücks erstochen. Darius E. war zuvor einem 44-jährigen Mann zu Hilfe gekommen, der von einer Gruppe von Jugendlichen um Erol A. angegriffen worden war und der von einem dieser Jugendlichen – vor den Augen seines fünfjährigen Sohnes – mit einem Knüppel verprügelt wurde. Sein Einschreiten bezahlte Darius E. mit dem Leben. Das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse bekam er dafür – im Gegensatz zu Brunner – allerdings nicht. In der Tat habe ich von dem Vorfall erst vor kurzem und nur zufällig erfahren.

    Dass es über diesen Fall von Zivilcourage nur wenige Berichte in der Presse gibt, überrascht angesichts der Gewalt des Geschehenen sehr. Der einzige längere Bericht, den ich dazu finden konnte, stammt aus der SZ – und ist an Widerwärtigkeit kaum mehr zu überbieten:

    http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/27557

    Schlimmer noch, als es Jens Jessen einst tat, bemüht sich der Autor in dem besagten Bericht nämlich darum, die Rollen von Täter und Opfer zu vertauschen. Der damals 17-Jährige, der Darius E. erstach, wird, textlich eingebettet in eine Reihe von Rührseligkeiten, als reines Opfer der Umstände dargestellt: Sohn eines strengen Vaters aus Anatolien, wurde er von Kleinauf mit harter Hand erzogen. Gab es in der Schule Ärger, flippte der Vater aus und spuckte seinem Sohn auch ins Gesicht. Abgeladen auf der Hauptschule, geriet der 17-jährige Erol A. schließlich – geradezu zwingend – auch noch an die falschen Freunde und fing darum an, ein Messer mit sich herumzutragen – und bei Gelegenheit auch gegen Menschen einzusetzen.

    Bevor er sein erstes Tötungsdelikt verübte, war Erol A. aber schon einmal wegen einer Messerstecherei verurteilt worden. Das Urteil fiel milde aus, weil der Täter sich zu einem Antiagressionstrainig bereit fand: ein Jahr auf Bewährung.

    Der SZ-Artikel ist in seiner bewussten Deutungsvorgabe aber noch perfider, als bereits dargestellt: In einer an „L.A. Crash“ erinnernden Episodenhaftigkeit und durchzogen von Perspektivwechseln, wird das Geschehen an jenem Badestrand letztlich nämlich sogar ursächlich auf „Fremdenhass“ zurückgeführt. Angeblich war der 44-Jährige ein übler Rassist – Jessen würde vielleicht sagen: ein „Spießer“ –, der den Streit mit den Jugendlichen selbst verschuldet hatte, weil er sie vehement und barsch zur Rede stellte, als diese sich weigerten, ihren zurückgelassenen Müll zu entfernen.

    Rassist hin oder her: Auch diese Aufforderung dürfte man als einen Versuch werten, den öffentlichen Raum zurückzuerobern. Umso schlimmer deshalb, was in der SZ, aber wohl nicht nur dort im Folgenden geschah:

    Für manche wohl unmerklich, denklogisch aber zwingend wird der junge Mann, der damals Zivilcourage zeigte, um dem 44-jährigen Mann beizustehen, als dieser angegriffen wurde, in dem besagten Artikel nämlich ganz plötzlich wegen dieses angeblichen „Rassismus“ des Geretteten auf die Seite des vermeintlichen Unrechts verlagert. Glaubt man der an der Pervertierung schrammend tendenziösen Darstellung der SZ, hat der junge Mann augenscheinlich wohl dem „Falschen“ geholfen. Die SZ stand mit dieser Position offenkundig nicht alleine da. Die anderen Medien schwiegen, wie erwähnt, ganz überwiegend zu dem Geschehen, und der Autor des besagten SZ-Artikels wurde für sein offenkundig ideologisch verzerrtes und niederträchtiges Elaborat sogar noch für den Theodor-Wolff-Preis nominiert.

    Ich würde das alles nun nicht erwähnen (und entschuldige mich dafür, falls es selbst als Extremely Off Topic empfunden werden sollte), wenn ich nicht fände, dass es exakt hierher passt:

    Was in einem anderen medienwirksameren Fall nämlich als wahrer Heldenmut gepriesen worden wäre und was Erwähnung in jedem Jahresrückblick gefunden haben würde – das mutige Handeln von Darius E., eines 23-Jährigen (!) –, das wurde so mit einem Mal zu einem unglücklichen und dummen „Zufall“ umgedeutet, den man entweder verschweigt oder gar noch gegen das Opfer zu wenden hat. Aus dem Täter Erol A. wurde plötzlich ein „Opfer“. Und dem wahren Opfer, Darius E., wurde trotz seines Helendmutes der Heldenstatus mindestens implizit aberkannt, weil sein Handeln plötzlich nicht mehr opportun erschien: Sein Einschreiten richtete sich schließlich gegen die „Falschen“ oder diente zumindest dem „Falschen“ – mithin konnte es nicht mehr recht „Zivilcourage“ sein.

    Der Wert der Zivilcourage, begrifflich seit jeher schwer zu fassen, ist spätestens seit jenem Tag von den Anführungszeichen gefressen worden. Als „Zivilcourage“ lebt der Begriff nur mehr als Synonym für Zynismus und Menschenverachtung – namentlich in den Medien – weiter.

    Nur in der Umdeutung kann man Werte von solchem Gewicht zerstören wie die Zivilcourage. Dafür aber gelingt es auf diese Weise umso nachhaltiger…

  2. 2.

    @ Nassauskiesungsbeschluss

    Cadenbachs Artikel hat meines Erachtens über weite Strecken finstere rousseauistische Züge. Das fängt, einmal abgesehen von der Fremdenhassbehauptung in der kurzen Einleitung, schon im ersten Absatz an. Als ob der Täter nach dem Motto “Denn sie wissen nicht, was sie tun” am nächsten Morgen nur vielleicht geahnt hätte, dass er zum Mörder geworden ist. Vielmehr wird er es anbetracht des Tathergangs sowie der anschließenden Flucht mit hoher Wahrscheinlichkeit befürchtet haben.

    Die dem Anschein nach nicht entstellende Schilderung des Tathergangs lässt mir Cadenbachs Artikel jedoch in einem etwas milderen Licht erscheinen. So kann man sich seinen Deutungsvorgaben entziehen. Daneben erwähnt er die einschlägigen Vorstrafen des Täters. Auf diesem Hintergrund mag man Cadenbachs Deutung, dass es sich bei dem Täter auch um ein Opfer familiärer Gewalt handele, einerseits folgen, kann sich aber andererseits ohne großen Aufwand dazu denken, dass der Täter wusste, dass er ein Gewaltproblem hat und aggressive Affekte nicht unter Kontrolle. Allein die Schüsse hat er nicht gehört.

    Nur in der Umdeutung kann man Werte von solchem Gewicht zerstören wie die Zivilcourage. Dafür aber gelingt es auf diese Weise umso nachhaltiger…

    Leser von Zeitungen ticken relativ häufig nicht viel anders als die Autoren. Ob Jessen und Cadenbach mit ihren gruseligen Beiträgen unter ihrem zumeist mehr oder weniger linksliberalen Publikum auf ungeteilten Zuspruch gestoßen sind, sei aber dahingestellt.

    • 23. März 2010 um 00:33 Uhr
    • N. Neumann
  3. 3.

    Allein die Schüsse hat er nicht gehört. Genauer: Er wollte sie nicht hören.

    • 23. März 2010 um 00:35 Uhr
    • N. Neumann
  4. 4.

    Neumann,

    Wieso rousseauistisch?

    Nassauskiesungsbeschluss

    Sie fragen sich, warum Dominik Brunner zum Helden wurde, Darius E. aber nicht? Trotz des ärgerlichen Rassismusspruches ist der eigentliche Grund banaler. Zum Helden wird man nur, wenn man Frauen oder Kindern hilft. Männern beizuspringen, noch dazu kräftigen und kampferprobten, ist doof.

    Da sie den Film L.A. Crash erwähnen, wenn ich den nicht verwechsle, dann war doch die Botschft: Selbst ein Rassist und Frauenbelästiger taugt zum Helden, wenn er einer Frau, noch dazu einer Schwarzen, hilft.

    • 23. März 2010 um 13:56 Uhr
    • Saki
  5. 5.

    @Saki

    Wieso rousseauistisch?

    Weil der gute Rousseau behauptet hat, der Mensch sei von Natur aus gut, werde aber von der sozialen Umwelt bzw. der Gesellschaft verdorben. Also wenn er was Böses macht, ist nicht er schuld, sondern die Gesellschaft. Daher meinte er, Aufgabe der Erziehung sei es, das Kind möglichst lang in seinem Naturzustand zu belassen und möglichst fern von den schädlichen Einflüssen des Gesellschaftslebens. (Der gute Rousseau soll übrigens kein so netter Typ gewesen sein; z.B. solle er alle seine Kinder kurz nach der Geburt in ein Findelhaus gesteckt haben. Aber er konnte ja nichts dafür, und brauchte dank seiner sich selbst entlastenden Theorie auch kein schlechtes Gewissen zu haben. )
    (cf. H.J. Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie, 257ff.)

  6. 6.

    Neumann,

    Wieso rousseauistisch?

    @ Saki

    Rousseau ist der Vater (oder Großvater) des Gedankens, dass die Gesellschaft an allem Schuld ist und daher zu einer großen pädagogischen Anstalt werden müsse. Dahinter steckt, ganz im Gegensatz zu Hobbes, eine entsprechend positive Anthropologie. Der Mensch an sich ist für Rousseau grundsätzlich gut, und auch sein Naturzustand ist vom Frieden geprägt. Rousseau ist nicht der Erfinder des eng sinnverwandten Konzepts des edlen Wilden, hat es aber propagiert.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Edler_Wilder

    Woher der rousseauistische Wind weht, wird bereits in der Einleitung klar. Der Leser trifft zuerst auf drei völlig normale Typen, die an sich nicht bösartig sind und kausal auf einer Stufe stehen:

    Ein junger Hitzkopf, ein empörter Familienvater, ein Zeuge, der helfen will: Drei Menschen, die sich nie zuvor begegnet sind, treffen aufeinander. Am Ende wird einer von ihnen tot sein.

    Die drei machen zusammen jedoch noch keinen Mord. Vielmehr bilden, neben dem Genossen Zufall, die Ursachen der Tat drei abstrahierte negative Eigenschaften, die banalerweise auch unabhängig von den Beteiligten in der Gesellschaft existieren:

    Die Geschichte eines schrecklichen Moments, in dem Aggression, Fremdenhass und falsch verstandenes Ehrgefühl zusammenkamen und zu einer Katastrophe führten.

    Zudem erwähnt Cadenbach später im Text, dass der Täter aufs Gymnasium gehen wollte/sollte, man ihn aber nicht gelassen hat.

    Saki: Trotz des ärgerlichen Rassismusspruches ist der eigentliche Grund banaler. Zum Helden wird man nur, wenn man Frauen oder Kindern hilft. Männern beizuspringen, noch dazu kräftigen und kampferprobten, ist doof.

    Hinzu kommt, dass das Hauptopfer / der Held auch noch jung war bzw. nicht viel älter als der Haupttäter (“Gewaltsame Auseinandersetzug unter jungen Menschen”). Ein besonders früher Tod gilt zwar gemeinhin als besonders schrecklich, rohe Gewalt von Jugendlichen gegen andere Jugendliche wird jedoch als vergleichsweise weniger spektakulär wahrgenommen. Insofern war Dominik Brunner ein eher untypisches Gewaltopfer, ein Mensch im Alter vieler Zeitungsredakteure.

    • 23. März 2010 um 16:21 Uhr
    • N. Neumann
  7. 7.

    Ich finde die Beispiele in der “History”-Serie insofern interessant, als dass sie grundverschiedene Situationen für “Heldentum” zeigen. Sully hat einfach seine Pflicht getan, allerdings sehr gut. In einer Kurzbio habe ich über ihn gelesen, dass er diese Szenarien sehr regelmäßig durchspielte und das deshalb im entscheidenden Moment so gut drauf hatte. Also er war auch schon vorher gewissenhaft. Kolbe ist weit darüber hinausgegangen und opfert sich ganz direkt für einen anderen, damit seine Kinder ihren Vater behalten, Darius in dem SZ-Bericht reagiert spontan, vielleicht auch etwas hitzköpfig, aber das Gemeinsame ist doch, dass für sie alle das Wohl anderer eine so hohe Priorität hat. Ich denke, unsere Gesellschaft braucht Leute mit dieser Einstellung. Diese Haltung ist für mich das Vorbildhafte, die Verantwortung für andere und für das Ganze, die sich zu 99% völlig unscheinbar in einfacher Pflichterfüllung äußert. Das “Heldentum” entsteht dann lediglich daraus, dass Menschen mit dieser Einstellung mit einer Extremsituation konfrontiert werden.

    • 23. März 2010 um 23:01 Uhr
    • cwspeer
  8. 8.

    @7

    “rohe Gewalt von Jugendlichen gegen andere Jugendliche wird jedoch als vergleichsweise weniger spektakulär wahrgenommen”

    Es gibt eine interessante Studie amerikanischer Soziologen die Urteile über Auseinandersetzungen mit Todesfolge(n) in den USA untersucht haben. Ergebnis war das man für einen Totschlag in einem fairen Kampf mit unter 2 Jahren im Gefängnis davonkommt. Fairer Kampf bedeutet eine offene Auseinandersetzung zwischen vergleichbaren Gegnern.
    Die Interpretation war das die Gesellschaft akzeptiert das junge Männer agressiv sind und lediglich aus Einhaltzng von Regeln besteht. Aber wehe ein Mann greift eine Frau an oder agiert mit Heimtücke, dann ist Lebenslänglich fällig oder es droht die Todesstrafe.

    Vielleicht hat Miriam eine Quelle?

    • 24. März 2010 um 07:11 Uhr
    • Mattes
  9. Kommentar zum Thema

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