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Was guckst Du?

Von 22. März 2010 um 15:34 Uhr

Der Blogwart war gestern abend in der "History" Sendung des ZDF über "Helden" und "Zivilcourage". Klickst Du hier und guckst Du!

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Das Thema taucht zwar unter der Kategorie „Extremely Off Topic“ auf. Das ist es aber gar nicht. Die Frage, was „Zivilcourage“ ausmacht, wird niemals off topic sein. Die Frage stellt sich nämlich beständig und immer wieder aufs Neue. Ich hatte die „History“-Sendung ursprünglich nicht gesehen, musste aber aus anderen Gründen erst heute an den Tod von Dominik Brunner denken: Brunner wurde, nachdem er totgeschlagen worden war, als Held gefeiert und erhielt u.a. das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Nicht einmal die unschönen Gerüchte, wonach er damals zuerst zugeschlagen habe, haben sein Verdienst schmälern können. Das dürfte nicht nur daran liegen, dass Brunner vor seinem Tod großen Mut bewies, sondern auch daran, dass die Täter, die ihn umbrachten, ins Bild passten. Sie waren geeignet, um „Zivilcourage“ zu begründen.

    Ob etwas als „Zivilcourage“ anerkannt wird, richtet sich nämlich immer auch – wahrscheinlich sogar zuvörderst – danach, gegen wen sich diese „Zivilcourage“ richtet. Sie kann sich gegen ein abstürzendes Flugzeug richten und dahinter stehenden den Tod, sie kann sich gegen eine heranrasende S-Bahn richten und dahinter stehenden wiederum den Tod, sie kann sich gegen Diktatoren und ein beliebiges Unrechtsregime richten (solange es als solches anerkannt ist). Im Fall von Dominik Brunner waren die Gegner seiner Zivilcourage deutschstämmige, einschlägig vorbestrafe Jugendliche, die Kinder „abziehen“ wollten, mithin ein geeignetes Ziel.

    2007 ereignete sich in Berlin ein ganz ähnlicher Fall, der indes kaum Beachtung fand: Damals wurde ein 23-jähriger Mann, Darius E., von einem 17-Jährigen, Erol A., an einem Badestrand am Tegeler See hinterrücks erstochen. Darius E. war zuvor einem 44-jährigen Mann zu Hilfe gekommen, der von einer Gruppe von Jugendlichen um Erol A. angegriffen worden war und der von einem dieser Jugendlichen – vor den Augen seines fünfjährigen Sohnes – mit einem Knüppel verprügelt wurde. Sein Einschreiten bezahlte Darius E. mit dem Leben. Das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse bekam er dafür – im Gegensatz zu Brunner – allerdings nicht. In der Tat habe ich von dem Vorfall erst vor kurzem und nur zufällig erfahren.

    Dass es über diesen Fall von Zivilcourage nur wenige Berichte in der Presse gibt, überrascht angesichts der Gewalt des Geschehenen sehr. Der einzige längere Bericht, den ich dazu finden konnte, stammt aus der SZ – und ist an Widerwärtigkeit kaum mehr zu überbieten:

    http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/27557

    Schlimmer noch, als es Jens Jessen einst tat, bemüht sich der Autor in dem besagten Bericht nämlich darum, die Rollen von Täter und Opfer zu vertauschen. Der damals 17-Jährige, der Darius E. erstach, wird, textlich eingebettet in eine Reihe von Rührseligkeiten, als reines Opfer der Umstände dargestellt: Sohn eines strengen Vaters aus Anatolien, wurde er von Kleinauf mit harter Hand erzogen. Gab es in der Schule Ärger, flippte der Vater aus und spuckte seinem Sohn auch ins Gesicht. Abgeladen auf der Hauptschule, geriet der 17-jährige Erol A. schließlich – geradezu zwingend – auch noch an die falschen Freunde und fing darum an, ein Messer mit sich herumzutragen – und bei Gelegenheit auch gegen Menschen einzusetzen.

    Bevor er sein erstes Tötungsdelikt verübte, war Erol A. aber schon einmal wegen einer Messerstecherei verurteilt worden. Das Urteil fiel milde aus, weil der Täter sich zu einem Antiagressionstrainig bereit fand: ein Jahr auf Bewährung.

    Der SZ-Artikel ist in seiner bewussten Deutungsvorgabe aber noch perfider, als bereits dargestellt: In einer an „L.A. Crash“ erinnernden Episodenhaftigkeit und durchzogen von Perspektivwechseln, wird das Geschehen an jenem Badestrand letztlich nämlich sogar ursächlich auf „Fremdenhass“ zurückgeführt. Angeblich war der 44-Jährige ein übler Rassist – Jessen würde vielleicht sagen: ein „Spießer“ –, der den Streit mit den Jugendlichen selbst verschuldet hatte, weil er sie vehement und barsch zur Rede stellte, als diese sich weigerten, ihren zurückgelassenen Müll zu entfernen.

    Rassist hin oder her: Auch diese Aufforderung dürfte man als einen Versuch werten, den öffentlichen Raum zurückzuerobern. Umso schlimmer deshalb, was in der SZ, aber wohl nicht nur dort im Folgenden geschah:

    Für manche wohl unmerklich, denklogisch aber zwingend wird der junge Mann, der damals Zivilcourage zeigte, um dem 44-jährigen Mann beizustehen, als dieser angegriffen wurde, in dem besagten Artikel nämlich ganz plötzlich wegen dieses angeblichen „Rassismus“ des Geretteten auf die Seite des vermeintlichen Unrechts verlagert. Glaubt man der an der Pervertierung schrammend tendenziösen Darstellung der SZ, hat der junge Mann augenscheinlich wohl dem „Falschen“ geholfen. Die SZ stand mit dieser Position offenkundig nicht alleine da. Die anderen Medien schwiegen, wie erwähnt, ganz überwiegend zu dem Geschehen, und der Autor des besagten SZ-Artikels wurde für sein offenkundig ideologisch verzerrtes und niederträchtiges Elaborat sogar noch für den Theodor-Wolff-Preis nominiert.

    Ich würde das alles nun nicht erwähnen (und entschuldige mich dafür, falls es selbst als Extremely Off Topic empfunden werden sollte), wenn ich nicht fände, dass es exakt hierher passt:

    Was in einem anderen medienwirksameren Fall nämlich als wahrer Heldenmut gepriesen worden wäre und was Erwähnung in jedem Jahresrückblick gefunden haben würde – das mutige Handeln von Darius E., eines 23-Jährigen (!) –, das wurde so mit einem Mal zu einem unglücklichen und dummen „Zufall“ umgedeutet, den man entweder verschweigt oder gar noch gegen das Opfer zu wenden hat. Aus dem Täter Erol A. wurde plötzlich ein „Opfer“. Und dem wahren Opfer, Darius E., wurde trotz seines Helendmutes der Heldenstatus mindestens implizit aberkannt, weil sein Handeln plötzlich nicht mehr opportun erschien: Sein Einschreiten richtete sich schließlich gegen die „Falschen“ oder diente zumindest dem „Falschen“ – mithin konnte es nicht mehr recht „Zivilcourage“ sein.

    Der Wert der Zivilcourage, begrifflich seit jeher schwer zu fassen, ist spätestens seit jenem Tag von den Anführungszeichen gefressen worden. Als „Zivilcourage“ lebt der Begriff nur mehr als Synonym für Zynismus und Menschenverachtung – namentlich in den Medien – weiter.

    Nur in der Umdeutung kann man Werte von solchem Gewicht zerstören wie die Zivilcourage. Dafür aber gelingt es auf diese Weise umso nachhaltiger…

  2. 2.

    @ Nassauskiesungsbeschluss

    Cadenbachs Artikel hat meines Erachtens über weite Strecken finstere rousseauistische Züge. Das fängt, einmal abgesehen von der Fremdenhassbehauptung in der kurzen Einleitung, schon im ersten Absatz an. Als ob der Täter nach dem Motto „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ am nächsten Morgen nur vielleicht geahnt hätte, dass er zum Mörder geworden ist. Vielmehr wird er es anbetracht des Tathergangs sowie der anschließenden Flucht mit hoher Wahrscheinlichkeit befürchtet haben.

    Die dem Anschein nach nicht entstellende Schilderung des Tathergangs lässt mir Cadenbachs Artikel jedoch in einem etwas milderen Licht erscheinen. So kann man sich seinen Deutungsvorgaben entziehen. Daneben erwähnt er die einschlägigen Vorstrafen des Täters. Auf diesem Hintergrund mag man Cadenbachs Deutung, dass es sich bei dem Täter auch um ein Opfer familiärer Gewalt handele, einerseits folgen, kann sich aber andererseits ohne großen Aufwand dazu denken, dass der Täter wusste, dass er ein Gewaltproblem hat und aggressive Affekte nicht unter Kontrolle. Allein die Schüsse hat er nicht gehört.

    Nur in der Umdeutung kann man Werte von solchem Gewicht zerstören wie die Zivilcourage. Dafür aber gelingt es auf diese Weise umso nachhaltiger…

    Leser von Zeitungen ticken relativ häufig nicht viel anders als die Autoren. Ob Jessen und Cadenbach mit ihren gruseligen Beiträgen unter ihrem zumeist mehr oder weniger linksliberalen Publikum auf ungeteilten Zuspruch gestoßen sind, sei aber dahingestellt.

    • 23. März 2010 um 00:33 Uhr
    • N. Neumann
  3. 3.

    Allein die Schüsse hat er nicht gehört. Genauer: Er wollte sie nicht hören.

    • 23. März 2010 um 00:35 Uhr
    • N. Neumann
  4. 4.

    Neumann,

    Wieso rousseauistisch?

    Nassauskiesungsbeschluss

    Sie fragen sich, warum Dominik Brunner zum Helden wurde, Darius E. aber nicht? Trotz des ärgerlichen Rassismusspruches ist der eigentliche Grund banaler. Zum Helden wird man nur, wenn man Frauen oder Kindern hilft. Männern beizuspringen, noch dazu kräftigen und kampferprobten, ist doof.

    Da sie den Film L.A. Crash erwähnen, wenn ich den nicht verwechsle, dann war doch die Botschft: Selbst ein Rassist und Frauenbelästiger taugt zum Helden, wenn er einer Frau, noch dazu einer Schwarzen, hilft.

    • 23. März 2010 um 13:56 Uhr
    • Saki
  5. 5.

    @Saki

    Wieso rousseauistisch?

    Weil der gute Rousseau behauptet hat, der Mensch sei von Natur aus gut, werde aber von der sozialen Umwelt bzw. der Gesellschaft verdorben. Also wenn er was Böses macht, ist nicht er schuld, sondern die Gesellschaft. Daher meinte er, Aufgabe der Erziehung sei es, das Kind möglichst lang in seinem Naturzustand zu belassen und möglichst fern von den schädlichen Einflüssen des Gesellschaftslebens. (Der gute Rousseau soll übrigens kein so netter Typ gewesen sein; z.B. solle er alle seine Kinder kurz nach der Geburt in ein Findelhaus gesteckt haben. Aber er konnte ja nichts dafür, und brauchte dank seiner sich selbst entlastenden Theorie auch kein schlechtes Gewissen zu haben. )
    (cf. H.J. Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie, 257ff.)

  6. 6.

    Neumann,

    Wieso rousseauistisch?

    @ Saki

    Rousseau ist der Vater (oder Großvater) des Gedankens, dass die Gesellschaft an allem Schuld ist und daher zu einer großen pädagogischen Anstalt werden müsse. Dahinter steckt, ganz im Gegensatz zu Hobbes, eine entsprechend positive Anthropologie. Der Mensch an sich ist für Rousseau grundsätzlich gut, und auch sein Naturzustand ist vom Frieden geprägt. Rousseau ist nicht der Erfinder des eng sinnverwandten Konzepts des edlen Wilden, hat es aber propagiert.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Edler_Wilder

    Woher der rousseauistische Wind weht, wird bereits in der Einleitung klar. Der Leser trifft zuerst auf drei völlig normale Typen, die an sich nicht bösartig sind und kausal auf einer Stufe stehen:

    Ein junger Hitzkopf, ein empörter Familienvater, ein Zeuge, der helfen will: Drei Menschen, die sich nie zuvor begegnet sind, treffen aufeinander. Am Ende wird einer von ihnen tot sein.

    Die drei machen zusammen jedoch noch keinen Mord. Vielmehr bilden, neben dem Genossen Zufall, die Ursachen der Tat drei abstrahierte negative Eigenschaften, die banalerweise auch unabhängig von den Beteiligten in der Gesellschaft existieren:

    Die Geschichte eines schrecklichen Moments, in dem Aggression, Fremdenhass und falsch verstandenes Ehrgefühl zusammenkamen und zu einer Katastrophe führten.

    Zudem erwähnt Cadenbach später im Text, dass der Täter aufs Gymnasium gehen wollte/sollte, man ihn aber nicht gelassen hat.

    Saki: Trotz des ärgerlichen Rassismusspruches ist der eigentliche Grund banaler. Zum Helden wird man nur, wenn man Frauen oder Kindern hilft. Männern beizuspringen, noch dazu kräftigen und kampferprobten, ist doof.

    Hinzu kommt, dass das Hauptopfer / der Held auch noch jung war bzw. nicht viel älter als der Haupttäter („Gewaltsame Auseinandersetzug unter jungen Menschen“). Ein besonders früher Tod gilt zwar gemeinhin als besonders schrecklich, rohe Gewalt von Jugendlichen gegen andere Jugendliche wird jedoch als vergleichsweise weniger spektakulär wahrgenommen. Insofern war Dominik Brunner ein eher untypisches Gewaltopfer, ein Mensch im Alter vieler Zeitungsredakteure.

    • 23. März 2010 um 16:21 Uhr
    • N. Neumann
  7. 7.

    Ich finde die Beispiele in der „History“-Serie insofern interessant, als dass sie grundverschiedene Situationen für „Heldentum“ zeigen. Sully hat einfach seine Pflicht getan, allerdings sehr gut. In einer Kurzbio habe ich über ihn gelesen, dass er diese Szenarien sehr regelmäßig durchspielte und das deshalb im entscheidenden Moment so gut drauf hatte. Also er war auch schon vorher gewissenhaft. Kolbe ist weit darüber hinausgegangen und opfert sich ganz direkt für einen anderen, damit seine Kinder ihren Vater behalten, Darius in dem SZ-Bericht reagiert spontan, vielleicht auch etwas hitzköpfig, aber das Gemeinsame ist doch, dass für sie alle das Wohl anderer eine so hohe Priorität hat. Ich denke, unsere Gesellschaft braucht Leute mit dieser Einstellung. Diese Haltung ist für mich das Vorbildhafte, die Verantwortung für andere und für das Ganze, die sich zu 99% völlig unscheinbar in einfacher Pflichterfüllung äußert. Das „Heldentum“ entsteht dann lediglich daraus, dass Menschen mit dieser Einstellung mit einer Extremsituation konfrontiert werden.

    • 23. März 2010 um 23:01 Uhr
    • cwspeer
  8. 8.

    @7

    „rohe Gewalt von Jugendlichen gegen andere Jugendliche wird jedoch als vergleichsweise weniger spektakulär wahrgenommen“

    Es gibt eine interessante Studie amerikanischer Soziologen die Urteile über Auseinandersetzungen mit Todesfolge(n) in den USA untersucht haben. Ergebnis war das man für einen Totschlag in einem fairen Kampf mit unter 2 Jahren im Gefängnis davonkommt. Fairer Kampf bedeutet eine offene Auseinandersetzung zwischen vergleichbaren Gegnern.
    Die Interpretation war das die Gesellschaft akzeptiert das junge Männer agressiv sind und lediglich aus Einhaltzng von Regeln besteht. Aber wehe ein Mann greift eine Frau an oder agiert mit Heimtücke, dann ist Lebenslänglich fällig oder es droht die Todesstrafe.

    Vielleicht hat Miriam eine Quelle?

    • 24. März 2010 um 07:11 Uhr
    • Mattes
  9. 9.

    @ Mattes

    Das verhält sich im deutschen Strafrecht nicht viel anders.

    Sofern eine gewaltsame Auseinandersetzung relativ symmetrisch begonnen hat (annähernd gleiche Aggressionslevel der Beteiligten, annähernde Waffengleichheit), zwei auf Krawall gebürstet sind, fällt schonmal das Mordmerkmal Heimtücke weg (Arglosigkeit des Opfers). Und wenn der Täter während der Auseiandersetzung einen veritablen Grund hatte, sich vor dem späteren Opfer zu fürchten, ist von einem besonders starken Affekthandeln auszugehen. Dann wäre es wahrscheinlich, dass es, wenn auch nicht auf Notwehr, so doch auf Totschlag (im unteren Strafmaß) oder (schwere) Körperverletzung mit Todesfolge hinausläuft. Es kommt dabei (auch bei Totschlag) immer auf den Grad des Vorsatzes bzw. der Berechnung des Täters an. Wenn ein Angreifer beispielsweise, ohne eine Tat vorher geplant zu haben, eine Stichwaffe mitführt, wird man ihn nicht von jeglichem Vorsatz und jeglicher Berechnung freisprechen können.

    Ich denke aber, dass im Rahmen der oben geschilderten Tat weder juristisch noch moralisch von einem „fairen“ Kampf die Rede sein kann. Bloßes Anmeckern (etwa ohne derbe Beschimpfungen und/oder Drohungen) weges des Hinterlassens von Müll stellt nun kein auf Krawall gebürstet sein dar. Der Familienvater setzte nicht den ersten Schlag, er befand sich sodann in einem Kampf 3 gegen 1, bei dem ihm von hinten in die Eier getreten wurde. Das Hauptopfer leistete Nothilfe, es wehrte einen gegenwärtigen Angriff ab.

    Der Haupttäter kassierte 8 Jahre. Die Höchstrafe im Jugendstrafrecht liegt bei zehn Jahren.

    Aber wehe ein Mann greift eine Frau an oder agiert mit Heimtücke, dann ist Lebenslänglich fällig oder es droht die Todesstrafe.

    Richtig. Heimtücke impliziert, dass sich dass sich das Opfer zum Zeitpunkt des Angriffs bzw. kurz davor keines Angriffs bewusst war und der Täter mit einem vergleichsweise hohen Maß an Vorsatz bzw. Berechnung (was natürlich im Einzelfall bestimmt werden muss) gehandelt hat.

    Frauen sind in der Regel Männern im Rahmen von handfesten Auseinandersetzungen körperlich unterlegen. Und selbst wenn sich ein Gewalttäter mit einem hohen Maß an asozialer Berechnung – im Unterschied etwa zu Gewalthandeln aus Jähzorn – (s)ein anscheinend einfaches männliches Opfer sucht, geht er dabei in der Regel noch ein vergleichsweise hohes (Rest)Risiko ein.

    Es geht hier ja nicht um die wenigen Fälle, bei denen Omma einem überraschten Einbrecher mit der Bratpfanne einen überzieht.

    • 24. März 2010 um 16:11 Uhr
    • N. Neumann
  10. 10.

    Ich bleibe bei meiner scharfen Kritik an dem Artikel von Cadenbach und möchte zu den vorgebrachten Einwänden im Einzelnen das Folgende erwidern:

    1. @N. Neumann

    „Die dem Anschein nach nicht entstellende Schilderung des Tathergangs lässt mir Cadenbachs Artikel jedoch in einem etwas milderen Licht erscheinen. So kann man sich seinen Deutungsvorgaben entziehen.“

    Das stimmt zwar, es ändert aber nichts daran, dass Cadenbach mit seinem Artikel seinen Lesern eine bestimmte (ideologische) Deutung des Vorgefallenen zu vermitteln sucht, und zwar zum Schaden des Opfers. Das ist in höchstem Maße unethisch.

    Inwiefern das Tatgeschehen vollständig korrekt wiedergegeben wird, erscheint zudem zumindest zweifelhaft. Schaut man sich andere Presseberichte zu dem Fall an, so finden sich, was die Details angeht, Unstimmigkeiten. In der Welt war z.B. davon zu lesen, die Jugendlichen hätten ganze Berge von Müll hinterlassen. Das liest sich bei Cadenbach ganz anders. Hier sind es nur Alufolie und ein paar Flaschen, die liegen blieben.

    Unfraglich entstellend wird der Artikel von Cadenbach aber dort – wie Sie zu Recht festgestellt haben –, wo Cadenbach versucht, den Tötungsvorsatz von Erol A. in Frage zu stellen. Wenn Sie auf meinen Nick klicken, kommen Sie zu meiner Seite, wo ich mich etwas eingehender mit dem Fall befasst habe: Es ist nicht nur höchst unwahrscheinlich, dass Erol A. nicht mit dem Tod seines Opfers rechnete (gleichwohl ging er daraufhin einen Döner essen); es widerspricht auch den Feststellungen des Gerichts, das A. nicht etwa wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilte, sondern wegen Totschlags und das somit davon ausging, A. habe den Tod von Darius E. zumindest billigend in Kauf genommen, als er zustach. Dabei hatte das Gericht sogar zu Gunsten von A die sog. Hemmschwellentheorie des BGH anzuwenden (http://de.wikipedia.org/wiki/Hemmschwellentheorie). Der Tötungsvorsatz dürfte somit eindeutig gewesen sein, jedenfalls ist es sehr fragwürdig, dass Cadenbach ihn ohne weiteres und wohl einzig aufgrund der Aussagen As in Frage stellen will…

    Dazu passt denn auch, dass Cadenbach in seinem Artikel zu erwähnen vergisst, dass Ugur Al. wenig später ebenfalls ein lebensgefährlicher Messerangriff auf einen anderen Menschen zur Last gelegt werden sollte – nämlich auf einen Zeugen in dem Verfahren gegen Erol A., der offenkundig aussagen wollte, Erol A. habe schon vor längerer Zeit mit seinem neuen Klappmesser geprahlt – und damit, „es bald mal einzusetzen“. Zum Nachweis:

    http://www.welt.de/welt_print/article1539999/Acht_Jahre_Haft_fuer_toedlichen_Stich.html

    Dass Cadenbach die Geschehnisse am Badestrand im Übrigen sachlich nicht zu verfälschen scheint, mag ich ihm nicht recht zu seinen Gunsten anrechnen. Wäre er bei seiner Instrumentalisierung und Verfälschung des Geschehenen noch weiter gegangen, wären seine Motive so durchsichtig geworden, dass sie sich wohl jedem Leser aufgedrängt hätten. Der Artikel wäre also sinnlos geworden. Im Übrigen hätte Cadenbach dann wohl bereits rechtliche Konsequenzen zu befürchten gehabt.

    Bereits jetzt erscheint mir die Darstellung von Ralf S. und seiner Schwägerin in dem Artikel – mag sie auch insoweit sachlich zutreffen – am Rand des juristisch Vertretbaren. Ich möchte auch noch einmal betonen, wie negativ Ralf S. im Vergleich zu den Jugendlichen dargestellt wird. S. mag zwar pedantisch sein, unfreundlich, ja vielleicht mag er sogar Menschen fremder Abstammung ablehnen. Vergegenwärtigt man sich aber, dass gegen Ralf S. sogar der Umstand gewendet wird, dass er Bauarbeiter ist und deshalb kräftig, während Cadenbach Erol A. und Ugur Al. damit zu exkulpieren sucht, kann man kaum mehr davon sprechen, Cadenbach hänge durchgängig einem rousseauistischen Weltbild an. Das tut er offensichtlich nur dann, wenn es dazu taugt, Erol A. und die anderen beteiligten Jugendlichen zu entlasten.

    „Ob Jessen und Cadenbach mit ihren gruseligen Beiträgen unter ihrem zumeist mehr oder weniger linksliberalen Publikum auf ungeteilten Zuspruch gestoßen sind, sei aber dahingestellt.“

    Schaut man sich die Kommentare zu Cadenbachs Artikel an – wobei die Ausfälligsten offenkundig bereits durch die Redaktion entfernt wurden –, kann man davon ausgehen, dass die meisten SZ-Leser seinen Artikel ebenfalls ablehnten. Das verstärkt aber nur mein Entsetzen darüber, dass Cadenbach für sein Elaborat für einen offensichtlich recht angesehenen Medienpreis nominiert wurde.

    2. @Saki

    „Sie fragen sich, warum Dominik Brunner zum Helden wurde, Darius E. aber nicht? Trotz des ärgerlichen Rassismusspruches ist der eigentliche Grund banaler. Zum Helden wird man nur, wenn man Frauen oder Kindern hilft. Männern beizuspringen, noch dazu kräftigen und kampferprobten, ist doof.“

    Ihr Einwand ist zum Teil berechtigt. Ich glaube aber trotzdem, dass alles entscheidend von der Frage abhängt, ob ein geeigneter Gegner für „Zivilcourage“ vorhanden ist. Im Übrigen hat Darius E. hier wohl nicht zuletzt deshalb eingegriffen, weil Ralf S. mit seinem fünfjährigen Sohn und seiner Schwägerin am Strand war. Als Darius E. eingriff, wurde S. von mehreren Jugendlichen unter anderem mit einem Knüppel angegangen. Daher würde ich behaupten, dass die Situation für „Zivilcourage“ durchaus geeignet war.

    Ebenso befremdlich und durchsichtig finde ich, dass Cadenbach in seinem Artikel versucht, das Handeln von Ralf S. als „fremdenfeindlich“ zu diskreditieren. Es mag schon sein, dass S. nichts gesagt hätte, wenn erkenntlich deutschstämmige Jugendliche ihren Müll zurückgelassen hätten. Ich glaube angesichts der Schilderungen nicht, dass es ihm darauf ankam. Doch selbst wenn, muss dann genauso die Frage gestellt werden, ob Ugur Al. und die anderen genauso reagiert hätten, wenn ein türkischer Familienvater sie ermahnt hätte. Feindseligkeit gegenüber Fremden ist in solchen Fällen keine Einbahnstraße.

    Eines an dem Fall ist aber hoffentlich unstreitig: Es gehört sich nicht, an einem öffentlichen Badestrand Müll zurückzulassen. Was mit Ralf S. im Folgenden passierte, entspricht also dem, was einst auch mit dem Rentner versucht wurde, der sich das Rauchen in einer Münchner U-Bahn verbat und dafür fast totgetreten wurde: Sein Handeln, eigentlich darauf gerichtet, den „öffentlichen Raum zurückzuerobern“, erscheint plötzlich nicht mehr opportun, ja geradezu verwerflich, da es sich gegen „Ausländer“ richtete und somit einen „fremdenfeindlichen“ Charakter haben musste.

    Genau das ist die „Argumentation“, die einst Jens Jessen in seiner Videokolumne bemühte, und genau das ist die „Argumentation“, die Cadenbach bemüht, um das Handeln von Ralf S. moralisch zu diskreditieren, der plötzlich nur mehr (!) als Rassist, Pedant und „Spießer“ dasteht, nicht mehr aber (auch) als Mann gesehen wird, der sich zu Recht (wenn auch wohl zu barsch) verbittet, den öffentlichen Raum zu verschmutzen.

    3. Ich verstehe übrigens nicht ganz, warum die Diskussion nun dahin abgewichen ist, dass ein vermeintlich „fairer Kampf“ natürlich anders zu beurteilen sei als eine heimtückische und hinterhältige Tat.

    Die vorliegende Auseinandersetzung kann in keiner Weise als „fairer Kampf“ zwischen „vergleichbaren Gegnern“ gedeutet werden. Ralf. S wurde von mehreren bewaffneten Jugendlichen angegriffen, während er auf seinen fünfjährigen Sohn (und seine Schwägerin) zu achten hatte. Er war also in einer miserablen Lage, sich angemessen zu verteidigen.

    Als Darius E. einschritt, wurde er hinterrücks erstochen. Zwar hat das Gericht juristisch überzeugend das Mordmerkmal der „Heimtücke“ verneint, da das BVerfG hierfür eine restriktive Handhabung vorschreibt, und Darius E. wusste, dass er sich in eine gefährliche körperliche Auseinandersetzung begab. Dass er aber erstochen werden würde – einfach so und ohne jede Warnung –, damit rechnete er gewiss nicht.

    Deshalb ist auch die rechtspolitische Wirkung des Falles katastrophal. Das Ergebnis ist nämlich, dass jemand, der Zivilcourage zeigt und sich deshalb in eine körperliche Auseinandersetzung begibt, nicht mehr „ermordet“ werden kann. Denn er kann nicht arglos sein. Wahre Zivilcourage aber setzt immer ein Einschreiten voraus, das über das von § 323c StGB Verlange hinausgeht. Alles andere ist selbstverständlich und fordern wir sogar mit Mitteln des Strafrechts ein. Moralisch ist es daher umso schlimmer, dass Darius E., namentlich in dem Artikel von Cadenbach, nun in gewisser Weise für seinen eigenen Tod verantwortlich gemacht wird…

    4. Nochmals @Saki

    „Da sie den Film L.A. Crash erwähnen, wenn ich den nicht verwechsle, dann war doch die Botschft: Selbst ein Rassist und Frauenbelästiger taugt zum Helden, wenn er einer Frau, noch dazu einer Schwarzen, hilft.“

    Mir ging es weniger um die möglichen Aussagen des Filmes als vielmehr darum, dass Cadenbach die spezielle Motivtechnik von L.A. Crash bewusst zu kopieren scheint. Schon das ist sehr durchsichtig.

    Die Botschaft des Filmes schien mir im Übrigen vielmehr die zu sein, dass Rassismus immer fatale Auswirkungen hat, aber überwunden werden kann, weil er viele Menschen gegen ihre eigentliche Natur erfasst. Die Deutung des Filmes spielt für mich allerdings keine Rolle. Es ist nämlich schon äußerst perfide, den Vorfall an dem Tegeler Badestrand usrächlich mit „Rassismus“, ja gar mit „Fremdenhass“ erklären zu wollen, und zwar ausschließlich dem „Fremdenhass“ von Menschen wie Ralf S.

  11. 11.

    Nassauskiesungsbeschluß,

    ich möchte noch ein Wort zur Zivilcourage verlieren. Ob man’s nun bedauert oder nicht, die Realität sieht nun mal so aus, dass es mindestens übliche Praxis, wenn nicht offizielle Polizeitaktik ist, in jenen seltenen Fällen, in denen Beamte rechtzeitig vor Ort wären, um in eine Schlägerei bzw. Messerstecherei einzugreifen, eine eher bürokratische Berufsauffassung vorherrscht, die sich darauf beschränkt, das Ergebnis akkurat festzustellen, um es einer juristischen Aufarbeitung zuzuführen. Man muss schon froh sein, wenn ein Täter an der Flucht gehindert und festgenommen wird. Im Zweifelsfall pflegt man die Auffassung, dass handfestere Aufgaben in den Zuständigkeitsbereich eines SEKs fallen.

    Wenn aber schon Leviathans Schergen, die Inhaber des Gewaltmonopols, eine derart pazifistische Haltung an den Tag legen, ist es äußerst fraglich, in wie weit ein Zivilist zur Courage anzuhalten wäre. Dabei ist noch gar nicht berücksichtigt, dass in einer konkreten Situation, die Entscheidung wohl in erster Linie eine Folge des Temperamentes und weniger die elaborierter, moralischer Überlegungen sein dürfte.

    Das schmälert natürlich weder den Mut noch die Ehrenhaftigkeit von Darius E.s Eingriff, in gewisser Weise betont es ja sogar seine Eignung zum Helden, denn schließlich zeichnet sich ein Held ja dadurch aus, dass sein Handeln von der Norm abweicht, außergewöhnlich ist, eben nicht zu erwarten.

    Anhand dieser Überlegung wird aber klar, das Aufrufen zur Zivilcourage etwas stark Metaphysisches anhaftet. Sie widersprechen auch dem Zeitgeist, denn die Wertschätzung des Helden ist eine Apotheose der Ungleichheit, eine Antithese zum modernen Fetisch der Gleichheit. Wenn man sich über Cadenbachs Artikel ärgern will, dann am ehesten über dies: Seine Äquidistanz, sein Versuch, alle Beteiligten, insbesondere Darius E. und Erol A. als Gleiche darzustellen.

    Es ist allerdings kaum verwunderlich, dass gerade dies Anderen besonders gut gefällt. Nicht umsonst wurde unser Zeitalter von klugen Leuten (Münkler, Sloterdijk) „postheroisch“ getauft. Niemand will ein Held werden, alle wollen Opfer sein, wenigstens ein bischen, weil dieser Status der große, ethische Gleichmacher ist. In der passiven Hilflosigkeit gibt es keine Unterschiede mehr.

    • 25. März 2010 um 19:19 Uhr
    • Saki
  12. 12.

    @N. Neumann

    „Die dem Anschein nach nicht entstellende Schilderung des Tathergangs lässt mir Cadenbachs Artikel jedoch in einem etwas milderen Licht erscheinen. So kann man sich seinen Deutungsvorgaben entziehen.“

    Das stimmt zwar, es ändert aber nichts daran, dass Cadenbach mit seinem Artikel seinen Lesern eine bestimmte (ideologische) Deutung des Vorgefallenen zu vermitteln sucht, und zwar zum Schaden des Opfers. Das ist in höchstem Maße unethisch.

    @ NKB

    Genau genommen ist es das nicht. Cadenbach vertritt eine – wenn auch in meinen Augen verwerfliche – rousseauistische Ethik.

    Dass Cadenbach die Geschehnisse am Badestrand im Übrigen sachlich nicht zu verfälschen scheint, mag ich ihm nicht recht zu seinen Gunsten anrechnen. Wäre er bei seiner Instrumentalisierung und Verfälschung des Geschehenen noch weiter gegangen, wären seine Motive so durchsichtig geworden, dass sie sich wohl jedem Leser aufgedrängt hätten. Der Artikel wäre also sinnlos geworden.

    Warum? Der weit überwiegenden Mehrheit der Leser wäre sehr wahrscheinlich nicht aufgefallen, wenn er den Tathergang zu Gunsten der Täter bzw. zu Ungunsten der Opfer ein bisschen anders dargestellt hätte. Möglicherweise hat er das ja ein bisschen – wie Sie schreiben, hat er vielleicht den Müll virtuell etwas kleiner gemacht.

    Eine Gastautorin der SZ, die iranischstämmige Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, zeichnet sich hingegen nicht nur hanebüchene Interpretationen/Bewertungen von Tatsachen/Sachverhalten aus – wenn letztere, wie etwa die bekannteste antiisraelische Hetzrede des iranischen Präsideten Amahdineschad, nicht in ihre Ideologie von Frieden & Dialog passen, dann dreht sie direkt an den Tatsachen. So hat sie auch a) den Wortlaut der besagten Rede mit dem Siegel der Muttersprachlerin und Islamwissenschaftlerin entgegen anders lautenden Übersetzungen deutlich entschärft, anstatt ihn b) z.B. als bloße Revolutionsfolklore abzutun, die von ihr politisch missliebigen Personen viel zu ernst genommen und/oder instrumentalisiert würde.

    Diese Vorgehensweise erscheint mir noch zweifelhafter als die Cadenbachs. Es geht mir hier darum, dies ins Verhältnis zu setzen.

    Zumal Cadenbachs Artikel nicht, wie Sie oben meinen, zum Schaden des Hauptopfers Darius gereicht, sondern zum Schaden des Nebenopfers Ralf S. Es kommt Cadenbach lediglich nicht in den Sinn, Darius einen Preis für Zivilcourage zu verleihen. Da ist er nicht der einzeige, dies kann man ihm nur schwer zum Vorwurf machen. Cadenbachs Prügelknabe ist hingegen, wie Sie selber sinngemäß schreiben, Ralf S. samt Schwägerin:

    Bereits jetzt erscheint mir die Darstellung von Ralf S. und seiner Schwägerin in dem Artikel – mag sie auch insoweit sachlich zutreffen – am Rand des juristisch Vertretbaren. Ich möchte auch noch einmal betonen, wie negativ Ralf S. im Vergleich zu den Jugendlichen dargestellt wird. S. mag zwar pedantisch sein, unfreundlich, ja vielleicht mag er sogar Menschen fremder Abstammung ablehnen. Vergegenwärtigt man sich aber, dass gegen Ralf S. sogar der Umstand gewendet wird, dass er Bauarbeiter ist und deshalb kräftig, während Cadenbach Erol A. und Ugur Al. damit zu exkulpieren sucht.

    Ich weiß jetzt nicht mehr, ob Cadenbach nur die Schwägerin von Ralf S. oder auch Ralf S. befragt hat. Aber geschenkt: Zu bedenken wäre hier nicht nur (gewesen), dass Erol A. und Ugur Al. gegenüber einem motzenden türkischen Familienvater mit einiger Wahrscheinlichkeit weniger aggressiv reagiert hätten, sondern auch, dass Cadenbachs Recherche in Sachen eigener Weltbildpflege eben nach der Tat stattgefunden hat. Dass sich auf dem gegebenen Hintergrund ein Gewaltopfer und/oder eine Verwandte desselben (wie auch immer) unsachlich über die Täter oder der ethnisch-sozialen Gruppe, der sie angehören, äußern, mag einerseits falsch sein, andererseits wäre es hier zumindest ein Stück weit nachvollziehbar. Cadenbach verschwendet natürlich keinen Gedanken darauf, wieviel Zeit Ralf S. im Krankenhaus verbracht hätte, wenn Darius nicht eingeschritten wäre. Ralf S. und Familie werden dies getan haben – selbst dann, wenn sie so hohl in der Birne sein sollten, wie sie Cadenbach zeichnet.

    Abgesehen davon scheint festzustehen, dass Ralf S. im unmittelbaren Vorfeld und während der Tat keine einschlägigen Verbalinjurien benutzt hat, die Erol A. und Ugur Al. mit einigem Grund angestachelt hätten. Ein „Kümmeltürke“ oder „Ziegenficker“ wäre Cadenbach ganz sicher entgangen.

    Das verstärkt aber nur mein Entsetzen darüber, dass Cadenbach für sein Elaborat für einen offensichtlich recht angesehenen Medienpreis nominiert wurde.

    Vorsicht: 1. Sie kennen den Preis nicht. Er könnte gerade für Sozialkitsch (abgeschmackte Variante) stehen. 2. Cadenbach war zwar nominiert, aber den Preis hat er nicht bekommen. 3. Sie kennen das Nominierungsverfahren nicht; möglicherweise reichte 1 Jurymitglied aus, dass sehr ähnlich wie Cadebach tickt, um ihn zu nominieren. 4. Möglicherweise hat er den Preis aus den Gründen nicht bekommen, die hier angeführt werden.

    • 26. März 2010 um 01:50 Uhr
    • N. Neumann
  13. 13.

    1. @N. Neumann

    „Genau genommen ist es das nicht. Cadenbach vertritt eine – wenn auch in meinen Augen verwerfliche – rousseauistische Ethik.“

    Wir sind unterschiedlicher Auffassung. Wie ich bereits in meinem vorangegangenen Beitrag dargelegt habe, reicht Cadenbachs rousseauistischer Geist nur für Erol A. Wie aber Ralf S. dazu kommen mag, Böhse Onkelz zu hören – für Cadenbach offenbar ein zwingendes Indiz für eine fremdenfeindliche Gesinnung von S. –, das freilich ergründet derselbe nicht. Cadenbach interessiert sich auch nicht dafür, wie die Schwägerin von S. dazu kommt, abfällige Bemerkungen über Ausländer zu machen. Falls er wirklich einer rousseauistischen Ethik anhinge, wäre es aber einzig konsequent, wenn er auch dies mit den Umständen zu erklären suchte.

    Meiner Meinung nach ist sein Artikel daher mindestens journalistisch unethisch. Selbst wenn ich Ihnen hinsichtlich Ihrer Deutung recht geben müsste, bliebe der Artikel im Übrigen insoweit unethisch, da von Cadenbach dann zu erwarten wäre, dass er den offenkundig ideologischen Ansatz seines Artikels offensiv eingesteht. Genau das aber tut er nicht.

    Im Übrigen möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass jeder Angriff, den Cadenbach gegen Ralf S. führt, dahinter stehend auch seinen Helfer und Retter Darius E. treffen muss. Wenn Ralf S. verprügelt werden sollte, weil er ein „Fremdenhasser“ war und das Maul zu weit aufriss, erscheint das Handeln von Darius E. moralisch zweifelhaft, mindestens aber dumm. Darius E. wird, wie ich oben bereits dargelegt habe, somit selbst auf die Seite des Unrechts verlagert. Das mag Cadenbach nicht immer gewollt haben, aber es ist bei seinem Ansatz unvermeidlich.

    „Warum? Der weit überwiegenden Mehrheit der Leser wäre sehr wahrscheinlich nicht aufgefallen, wenn er den Tathergang zu Gunsten der Täter bzw. zu Ungunsten der Opfer ein bisschen anders dargestellt hätte.“

    Bereits jetzt sind die Unstimmigkeiten und Deutungsvorgaben in dem Artikel sehr auffällig. Die meisten Leser waren, ausweislich der Kommentare, schon angesichts des vorhandenen Grades der Instrumentalisierung überaus empört und fanden Cadenbachs Motive durchsichtig. Es ist wohl nicht abwegig, anzunehmen, dass Cadenbach selbst eine weitere Entstellung des Tatgeschehens daher nicht opportun schien. Hehre Motive sind dahinter somit kaum zu vermuten.

    „Diese Vorgehensweise erscheint mir noch zweifelhafter als die Cadenbachs. Es geht mir hier darum, dies ins Verhältnis zu setzen.“

    Sie haben recht, dass dieses Vorgehen ebenfalls äußerst verwerflich ist. Das Verdrehen von Tatsachen, nur um eine ideologische Position zu stärken, gehört mit zum Schäbigsten, was man tut kann, namentlich in der Presse. Das allein macht Cadenbachs Ansatz oder Artikel aber auch nicht besser. Zumal Sie für mein Empfinden zu wenig darauf abheben, wie hier einzelne Personen durch den Dreck gezogen werden, um Erol A. soweit als möglich zu exkulpieren. Das beginnt mit Ralf S. und seiner Schwägerin – übrigens hat Cadenbach wohl beide interviewt. Dahinter stehend trifft Cadenbach dann aber zwingend auch Darius E.

    Ich bleibe deshalb dabei, dass der Artikel einen jungen Mann, der sein Leben für einen anderen gab, mindestens willfährig verhöhnt und sein Verdienst zu schmälern sucht – allein deshalb, um Verständnis und Mitgefühl für Erol A. zu erwecken. Das ist die moralische Dimension des Falles. Zu bedenken ist ferner aber, wie hier ein Wert wie die Zivilcourage in eben dieser Verhöhnung grundsätzlich entstellt und sinnentleert wird. Ich kann Ihre Ansicht deshalb nicht teilen, dass Cadenbachs Vorgehen weniger schändlich sei.

    „Cadenbachs Prügelknabe ist hingegen, wie Sie selber sinngemäß schreiben, Ralf S. samt Schwägerin:“

    Ja, und damit trifft er zugleich Darius E. Dass Cadenbach sich nicht traut, unmittelbar auf Darius E. einzuprügeln, sollte nicht überraschen. Damit wäre er unfraglich zu weit gegangen, selbst für Cadenbachs Verhältnisse. Vielleicht verspürte Cadenbach hier sogar selbst moralische Hemmungen.

    „Vorsicht: 1. Sie kennen den Preis nicht. Er könnte gerade für Sozialkitsch (abgeschmackte Variante) stehen.“

    Das stimmt. Nach meiner Recherche hat der Preis zumindest ein gewisses Prestige. Dass es sich möglicherweise um einen Preis handelt, der nur für dergleichen vergeben wird, macht aber nichts besser. Es begründet Revulsion nur auf einer anderen Ebene.

    „3. Sie kennen das Nominierungsverfahren nicht; möglicherweise reichte 1 Jurymitglied aus, dass sehr ähnlich wie Cadebach tickt, um ihn zu nominieren. 4. Möglicherweise hat er den Preis aus den Gründen nicht bekommen, die hier angeführt werden.“

    Dass stimmt zwar alles. Die Zahl der Nominierten lässt aber Rückschlüsse darauf zu, wie das Auswahlverfahren abläuft. Demnach dürfte die Auswahl recht eingehend stattfinden.

    „4. Möglicherweise hat er den Preis aus den Gründen nicht bekommen, die hier angeführt werden.“

    Das ist gut möglich. Es ändert aber nichts daran, dass der Artikel, in seiner Anlage und seiner ideologischen Verfasstheit, ein Skandal ist, und ich es geradezu absurd finde, einen solchen Artikel für einen Preis vorzuschlagen — zumal, wenn selbst die SZ-Leserschaft ganz überwiegend vor Wut schäumt.

    _______________________________________________________

    2. @Saki

    „Im Zweifelsfall pflegt man die Auffassung, dass handfestere Aufgaben in den Zuständigkeitsbereich eines SEKs fallen.“

    Das kann ich so nicht bestätigen. Nach meiner Erfahrung bemüht die Polizei sich, soweit ihr möglich, zum Besten der Geschädigten (und der Helfer) zu handeln. Inwieweit ihr das immer möglich ist, ist bedauerlicherweise eine andere Frage.

    „Dabei ist noch gar nicht berücksichtigt, dass in einer konkreten Situation, die Entscheidung wohl in erster Linie eine Folge des Temperamentes und weniger die elaborierter, moralischer Überlegungen sein dürfte.“

    Damit dürften Sie zumindest teilweise recht haben. Allerdings sehe ich darin nicht nur eine Folge des Temperaments. Ob jemand Zivilcourage zeigt oder nicht, entscheidet sich wohl nicht zuletzt aufgrund seiner allgemeinen moralischen Verfasstheit. Es dürfte also kein wohlbedachtes Urteil sein, das im jeweiligen Augenblick spontan gefällt wird. Eine moralische Dimension hat das Ganze aber.

    „Sie widersprechen auch dem Zeitgeist, denn die Wertschätzung des Helden ist eine Apotheose der Ungleichheit, eine Antithese zum modernen Fetisch der Gleichheit. Wenn man sich über Cadenbachs Artikel ärgern will, dann am ehesten über dies: Seine Äquidistanz, sein Versuch, alle Beteiligten, insbesondere Darius E. und Erol A. als Gleiche darzustellen.“

    Eine interessante und umfassende Deutung. Ich muss Ihnen zustimmen, dass dies als wesentliche Triebkraft durchaus dahinter stehen könnte. Jedenfalls haben Sie recht, dass dieser Artikel insoweit bloß einem gängigen Gesellschaftsbild entspricht und dieses voll entfaltet. Nur macht das den besagten Artikel für mich auch nicht erträglicher…

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