Ein Blog über Religion und Politik

Noch mehr gute Argumente für (und wider) ein Burka-Verbot

Von 12. Mai 2010 um 12:41 Uhr

Irgendwie lässt mir das Thema keine Ruhe, auch wenn ich es weiß Gott nicht für das zentrale Problem beim Umgang mit dem Islam in Deutschland halte. Gestern habe ich es wieder getan. Der SWR hat einen Kommentar zum Burkaverbot in Deutschland von mir gesendet. Ich erspare den Mitbloggern die Argumente, die sie schon kennen.
Neu ist in unserem Zusammenhang vielleicht dieser Aspekt:
Es ist aber kaum anzunehmen, dass sich durch ein Verbot die Freiheit der Frauen erhöht. Es kann sogar sein, dass der Staat, der den Vollschleier verbietet, sich zum Komplizen derjenigen macht, die Frauen auf diese eklatante Weise einschränken wollen.Wenn die Burka einerseits als Zwang und Gefängnis angesehen wird, andererseits aber genau diejenige bestraft wird, die dem Zwang unterliegt – also die betroffene Frau -, dann ist das eine fragwürdige Vorstellung von Opferschutz.
Und dieser:
Was soll mit den Frauen geschehen, die bei der Kleiderkontrolle im öffentlichen Raum sagen, sie tragen den Vollschleier freiwillig? Wie wollen wir ihnen nachweisen, dass das nicht stimmt?
Der Iran hat eine Sittenpolizei, die bei Frauen den korrekten Sitz des Kopftuchs kontrolliert. Wollen wir, dass auf unseren Straßen unter umgekehrten Vorzeichen Verschleierte angehalten und bestraft werden? Eine liberale Sittenpolizei – welch eine absurde Vorstellung!

Ich muß freilich gestehen, dass ich mir trotzdem alles andere als sicher bin bei meinem Urteil in dieser Frage.
Die Tontechnikerin im Hauptstadtstudio verwickelte mich sofort in eine Debatte. Sie war lange Jahre mit einem Ägypter zusammen und fand jede Form der Toleranz gegenüber dem Vollschleier falsch. Sie konnte meine Argumente gegen die Umsetzbarkeit eines Verbots zwar nachvollziehen, aber ihre Erfahrungen mit einem seinerzeit noch leidlich säkularen Ägypten, das heute von Nikabs überschwemmt wird, machten sie sehr viel alarmierter als ich es bin (was die Lege hierzulande angeht).
Und wenn ich Berichte lese wie diesen, der von einem Bewohner eines reichen Viertels in Chicago stammt, in dem viele Araber wohnen, kann ich nur sagen: Ich verstehe absolut das Unbehagen. Ich würde auch nicht gerne in einer Gegend wohnen, in der diese Frauen zur Normalität gehören:

I live in the extremely multi-ethnic Uptown neighborhood of Chicago. The high-rise across the street from me has a large fundamentalist Muslim community living in it, and there are several dozen fully-veiled women who live in the building. I run into them at the bus stop, the grocery store, McDonald’s – pretty much all over my ‘hood.

And although I’m an uber-liberal urbanite who embraces my multi-culti neighborhood, I have to confess: there is nothing creepier than having a burqa-wearing woman coming at you in the cereal aisle. I’ve lived here for years and see them all the time, but I can’t help but find them spooky. They’re wraith-like and eerie. I know I’m not supposed to admit that, but it’s true.

I understand that it is (theoretically) their choice to wear the veil, but the same is not true of their daughters. I have seen few sadder things in my life than the day I ran into one of my neighbors at the store, and saw that her adorably goofy and energetic little daughter had suddenly been converted into a somber, ghostly, black-clad shadow of herself. That was the first time I felt like a burqa ban might not be such a bad idea….

Und auch dieser Vergleich der Burka mit der Ku-Kux-Klan-Kapuze von Christopher Hitchens hat etwas:

Let me ask a simple question to the pseudoliberals who take a soft line on the veil and the burqa. What about the Ku Klux Klan? Notorious for its hooded style and its reactionary history, this gang is and always was dedicated to upholding Protestant and Anglo-Saxon purity. I do not deny the right of the KKK to take this faith-based view, which is protected by the First Amendment to the U.S. Constitution. I might even go so far as to say that, at a rally protected by police, they could lawfully hide their nasty faces. But I am not going to have a hooded man or woman teach my children, or push their way into the bank ahead of me, or drive my taxi or bus, and there will never be a law that says I have to.

Ein exzellenter Hintergrundbericht zum ägyptischen Streit um den Vollschleier von Andreas Jacobs, dem Leiter des Kairoer Büros der Adenauer Stiftung, findet sich hier. Zitat:

“Die Kontrahenten sind auf beiden Seiten Ägypter und Muslime. Für die Gegner der Vollverschleierung, darunter zahlreiche Regierungs- und Religionsvertreter, ist es daher völlig selbstverständlich, den Niqab als ‘dummen Unfug’ und seine Trägerinnen als ‘Verrückte’ zu bezeichnen. Außerdem, und diese Position teilen auch viele streng religiöse Ägypter, sei die Vollverschleierung ein gänzlich ‘unägyptischer’ Import aus dem Ausland, der die gesellschaftliche und religiöse Integrität des Landes unterwandere.”

Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Außerdem, [...] sei die Vollverschleierung ein gänzlich ‘unägyptischer’ Import aus dem Ausland, der die gesellschaftliche und religiöse Integrität des Landes unterwandere.”

    Der stärkste Gegnerschaft unter Muslimen erwächst Islamisten nicht von säkularen Humanisten, sondern von Nationalisten, die einer Form von Borniertheit nur eine andere entgegensetzen.

    • 12. Mai 2010 um 13:08 Uhr
    • Beobachter
  2. 2.

    @ Beobachter: Tun Sie mir die Güte und lesen mal die ganze Studie, bevor Sie kommentieren.

    • 12. Mai 2010 um 13:19 Uhr
    • Jörg Lau
  3. 3.

    @Jörg Lau
    Werde ich noch machen.

    Ich kenne diese Form von Kritik aus eigener Anschauung aber auch aus anderen Ländern und nicht nur aus Ägypten. In Afghanistan und Pakistan etwa ist einer der wirksamsten Einwände gegen die Taliban, dass diese raumfremde saudische Weltanschauung propagieren würden. Man stört sich hier weniger an der eigentlichen Weltanschauung der Taliban, sondern Konflikten auf folkloristischer Ebene, die z.B. aus der Ablehnung von Sufi-Schreinen etc. entstehen.

    Anti-Extremismusprogramme in manchen südostasiatischen Ländern bauen auf dem Konflikt zwischen islamisch beeinflusster Tradition und dem modernen Phänomen Islamismus auf. Man versucht die gleichen Reflexe gegen islamistische Einflußnahme zu bemühen, die sich ansonsten in antiwestlichen Ressentiments äußern. Das finde ich OK wenn es funktioniert, aber es dämpft neokonservativen Optimismus bzgl. der angeblich winzigen Minderheit von Islamisten, die einer überwältigenden aber schweigenden Mehrheit progressiver Muslime gegenüberstehe.

    • 12. Mai 2010 um 13:41 Uhr
    • Beobachter
  4. 4.

    Die Burka ist auch kein Problem. Das Problem ist der Islam. Die Burka steht für eine Variante des Islams die aus gutem Grund verhaßt ist.

    Zum Thema Chikago:
    Wenn diese Leute in die USA einreisen dann tragen sie keine Burkha.

    • 12. Mai 2010 um 15:27 Uhr
    • Bravoleser
  5. 5.

    >>And although I’m an uber-liberal urbanite who embraces my multi-culti neighborhood, I have to confess: there is nothing creepier than having a burqa-wearing woman coming at you in the cereal aisle. I’ve lived here for years and see them all the time, but I can’t help but find them spooky. They’re wraith-like and eerie. I know I’m not supposed to admit that, but it’s true.>>

    Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Frau sich in ihrem Viertel so unwohl fühlt, dass sie wegzieht. So entsteht Segregation.

    Im Thread “Warum ein Burkaverbot in Deutschland falsch wäre” schrieben Sie
    >Eine liberale Gesellschaft muss ihre Teilnehmer darin trainieren, Verunsicherung auszuhalten..>>

    Haben Sie einen Vorschlag, wie die liberale Gesellschaft Frauen wie sie trainieren kann, den Anblick eines Burkas nicht als “spookie” und “eerie” zu empfinden?

  6. 6.

    “Es ist aber kaum anzunehmen, dass sich durch ein Verbot die Freiheit der Frauen erhöht. Es kann sogar sein, dass der Staat, der den Vollschleier verbietet, sich zum Komplizen derjenigen macht, die Frauen auf diese eklatante Weise einschränken wollen.Wenn die Burka einerseits als Zwang und Gefängnis angesehen wird, andererseits aber genau diejenige bestraft wird, die dem Zwang unterliegt – also die betroffene Frau -, dann ist das eine fragwürdige Vorstellung von Opferschutz.”

    Dieses Problem sehe ich nicht auf eine derart dramatische Art. Wir haben Religionsfreiheit, das heißt, eine Religionszugehörigkeit wird nicht erzwungen sondern erfolgt “freiwillig” (durch Erziehung usw. das brauch ich nicht weiter ausführen). Auch die Intensität der Religionsausübung ist freiwillig. Die Verantwortung hier liegt beim Individuum.

    “Was soll mit den Frauen geschehen, die bei der Kleiderkontrolle im öffentlichen Raum sagen, sie tragen den Vollschleier freiwillig? Wie wollen wir ihnen nachweisen, dass das nicht stimmt?”
    Hatte ich schon geschrieben: Regeln, wie sie für religiös-klösterliches Leben üblich sind. Dies setzt eine reglementierte Institutionalisierung des Islam voraus, um Verlässlichkeit zu schaffen. Der Beliebigkeit der islamischen Normen ist ein zentralistisches normatives Konzept gegenüber zu stellen, um Freiwilligkeit gewährleisten zu können. Dies hat nichts mit Gesinnungs- oder Sittenpolizei zu tun, sondern das Umfeld, die Gesellschaft hat sicher zu stellen, dass der Zugang und die Unterwerfung unter religiöse Normen tatsächlich freiwillig stattfindet. Wenn das gewährleistet ist, ist es mir egal, ob jemand Kopftuch, Burka oder so etwas trägt oder auf Knien nach Lourd rutscht.
    Gleiches gilt auch für die Riten der Selbstkasteiung und Selbstverletzung.Die Verstümmelung oder Verletzung von Kindern während des Aschura-Fest ist ebenso zu verbieten und hat nichts mit Sittenpolizei zu tun.
    Wenn sich jemand mit dem Hammer auf den Daumen haut, weil es geil ist, wenn der Schmerz nachlässt, kümmerts mich nicht. Mich kümmert es aber, wenn aus dem Hammer Daumenschrauben werden, wie dies bei Sekten zu beobachten ist.Oder wie dies mit der Verbreitung von Schleier und Kopftuch über Netzwerke und damit soziale Kontrolle zu beobachten ist.

    • 12. Mai 2010 um 16:35 Uhr
    • Volker
  7. 7.

    Haben Sie einen Vorschlag, wie die liberale Gesellschaft Frauen wie sie trainieren kann, den Anblick eines Burkas nicht als “spookie” und “eerie” zu empfinden?

    @ Miriam

    Das wäre aus “ethnologischen” Gründen wohl kaum zu machen, und es wäre politisch betrachtet nicht liberal, sondern liberalala. Wobei ich davon ausgehe, dass es Jörg Lau nicht darum ging, sondern um eine gemessene Einschätzung des Phänomens, die nicht gleich wegen ein paar salafitischen Hanseln und Hänselinnen eine Domino-Theorie der Burka bzw. des Niqabs aufstellt.

    >>And although I’m an uber-liberal urbanite who embraces my multi-culti neighborhood, I have to confess: there is nothing creepier than having a burqa-wearing woman coming at you in the cereal aisle. I’ve lived here for years and see them all the time, but I can’t help but find them spooky. They’re wraith-like and eerie. I know I’m not supposed to admit that, but it’s true.>>

    Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Frau sich in ihrem Viertel so unwohl fühlt, dass sie wegzieht. So entsteht Segregation.

    Wobei in bestimmten Fällen etwas an der besagten Domino-Theorie dran sein könnte. Doch neben diesem Chicagoer Viertel fallen mir dazu nur bestimmte Viertel in britischen Städten ein, in denen der durchschittliche Fußgänger, sobald er tagsüber etwas länger seine Wohnung verlässt, mindestens 1 Niqab zu Gesicht bekommt. Das hängt nicht nur mit der bloßen Dichte von islamistischen Muslimen in einem Wohngebiet zusammen, sondern auch mit der regionalen Herkunft / den regionalen Wurzeln derselben (in GB sehr häufig Pakistan und auch Golfregion).

    Ich bewege mich dagegen seit Jahren in verschiedenen Stadtteilen von Berlin, das eine nicht eben kleine Islamistenszene hat. Dennoch haben hier Burkas bzw. Niqabs Seltenheitswert. Frauen etwa aus dem Umfeld der Milli Görüs oder der libanesischen Sympathisantenszene der Hisbollah tragen keinen Niqab.

    Insofern kann ich weder eine Notwendigkeit erkennen, gesetzgeberisch tätig zu werden, noch einen guten Grund für die Annahme einer Dominotheorie erkennen. Gegebenenfalls “spookie” sowie “eerie” zu empfinden kann auch einfach Bestandteil von Pluralismus sein, und aus gutem Grund intolerant sein, kann man auch ohne den Ruf nach einem Gesetz.

    Die Symbolik der Burka bzw. des Niqabs hat sicher eine besonders drastische Pointe. Aber durch Berlin läuft daneben noch eine größere Menge anderer Leute, die, über die bloße Distinktion des Otto-Normal-Abweichlers hinaus, einem Dresscode fröhnt, der, weil teilweise deutlich der jeweiligen rechts- oder linksextremistischen Szene zuordnebar, gegen diesen liberalen Staat und die Mehrheitsgesellschaft gerichtet ist.

    • 12. Mai 2010 um 17:16 Uhr
    • N. Neumann
  8. 8.

    @ NN

    Was mir in Berlin besonders auffiel, ist die Dichte an Kampfhunden, im Vergleich zu “normalen” Hunderassen. Hat das einen besonderen Grund?

  9. Kommentar zum Thema

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