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Der Bund liberaler Muslime ist da

 

Die Islamwissenschaftlerin und Publizistin Lamya Kaddor hatte es schon vor einigen Wochen angekündigt. Jetzt ist es so weit: Der „liberal-islamische Bund e.V.“ ist da – eine Vereinigung von Muslimen, die jenseits der etablierten Verbände einen europäischen Islam nicht nur leben, sondern ihn auch zu Wort kommen lassen wollen.
Auf der soeben freigeschalteten Webpage liest sich das Selbstverständnis so:
„Der LIB vertritt ein pluralistisches Gesellschaftsbild und bekennt sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Dementsprechend lehnt der LIB jegliche Form von rassistischer, u.a. antisemitischer, antichristlicher oder antiislamischer Auffassung ab.

Der LIB tritt darüber hinaus unter anderem konkret ein für

* eine „dogmafreie“ Auslegung religiöser Schriften wie dem Koran auch unter Einbeziehung historischer und sozialer Kontexte
* die umfassende Geschlechtergerechtigkeit, sowie deren pädagogische und theologische Umsetzung
* die Einführung eines flächendeckenden islamischen Religionsunterrichts in deutscher Sprache an öffentlichen Schulen

Mit der Gründung eines Bundes für die in Deutschland lebenden Musliminnen und Muslime ist der LIB e.V. Ansprechpartner und Ratgebender für Vertreter aus

* öffentlichen Institutionen bzw. Verbänden
* theologischen Gemeinden
* politischen Gremien und Verwaltungen auf kommunaler, Landes- und Bundesebene
* schulischen, universitären und anderen Bildungseinrichtungen und der
* Wirtschaft“

Was genau heißt denn aber „liberal-islamisch“? So wie unsere Debatten in letzter laufen, muss die Wortkombination ja geradezu als selbstwidersprüchlich gelten. (Entweder liberal oder islamisch, was denn nun?) Kaddor und ihre Gründungsmitglieder wollen das nicht akzeptieren, sondern den absoluten Widerspruch, den sie schon in ihrem eigenen Leben als Muslime in Deutschland nicht spüren, auch intellektuell auflösen.

Auf der Homepage heißt es nun, liberal-muslimisch bedeute:

  • „auf eine vernunftoffene Gläubigkeit vertrauen, der Verstand ist ein Geschenk Gottes
  • anderen Positionen mit Respekt und Wertschätzung begegnen
  • Widersprüche aushalten können
  • historische, kulturelle, biographische und soziale Kontexte berücksichtigen
  • nicht Beliebigkeit
  • das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit voraussetzen
  • jedweden Absolutheitsanspruch zu reflektieren, relativieren oder gar darauf zu verzichten
  • Entwicklung und Wandel als gesellschaftliche Dynamik annehmen
  • für eine freie und selbstbestimmte Lebensgestaltung in Verantwortung vor dem Schöpfer eintreten
  • Entmytologisierung als Hilfestellung zur Unterscheidung von Wesentlichem und Unwesentlichem sehen
  • nicht nach der Form, sondern nach dem Sinn fragen“

Sie wollen die Vertretung der Muslime nicht den oft stockkonservativen und an den Heimatdiskursen orientierten Muslimverbänden überlassen. Bisher sind die auf der Homepage verzeichneten Mitglieder noch recht wenige. Aber ich kann mir nach dem enormen Echo bereits der Ankündigung dieses neuen Verbands lebhaft vorstellen, dass die Sache schnell wachsen wird.

Lamya Kaddor unterrichtet selber als islamische Religionslehrerin. Sie konnte dabei feststellen, wie wenig junge Muslime oft über ihre eigenen Religion wissen. Sie hat ein Unterrichtsbuch veröffentlich, sowie zuletzt einen Koran für Kinder und ihr autobiographisches Buch „Muslimisch, weiblich, deutsch. Mein Leben für einen zeitgemäßen Islam“.

Gerade nachdem die islamischen Verbände sich beim Zocken mit dem Innenminister zuletzt sehr ungeschickt und unpolitisch angestellt haben, kann man einen neuen Verband, der endlich die jungen, intellektuell ambitionierten Muslime vertritt, die selbstverständlich hier dazugehören und mitreden wollen, nur begrüßen.

47 Kommentare


  1. Tendentiell finde ich die Ausrichtung gut und unterstützenswert, nur was soll die geforderte Rückbesinnung auf Religion? Man will Verunglimpfung der Religionen nicht zulassen? Man will islamischen Religionsunterricht? Ethik-Unterricht wäre mir lieber und würde auch der Forderung nach einem säkularen Staat entsprechen. So ist es zwar gut gemeint, aber bearbeitungswürdig.
    Gerne einen aufgeklärten Islam (da hinkt das Christentum ja auch noch ziemlich hinterher), aber bitte nicht als Lebensgrundlage/Diskussionsgrundlage oder Schulunterricht.

  2.   NDM

    Als ich von der Ankündigung gehört hatte, hatte ich mich zuerst gefragt, warum es einen solchen Verein nicht schon lange gibt… Aber gut. Wichtig ist er in jedem Falle. Mit diesem Verein dürften sich wohl die meisten Moslems, die ich persönlich kenne, identifizieren können.


  3. Sehr interessante und vielversprechende Initiative, sehr zu begrüßen. Wir haben auf theolounge.de darauf verlinkt.

  4.   vanfontheweg

    Mein erster Eindruck: ein positiver Gegenentwurf zu den anderen Verbaenden. Sehr begruessenswert.
    Antisemitisch kann aber nicht in einen Topf geworfen werden mit antichristlich oder antiislamisch.
    Man wird doch wohl noch eine Religion kritisieren oder ablehnen duerfen. Antisemitismus hat nichts mit Ablehnung der juedischen Religion zu tun.
    Atheisten/Agnostiker sind also unwillkommen? Bloede Einschraenkung, zu religionsfixiert.
    Der Punkt – nicht beliebig – ist erklaerungsbeduerftig; was hat man sich darunter vorzustellen?

  5.   Zagreus

    Ich wünsche mir wirklich, daß die Sache gut geht.
    Aber ich glaube , oder besser: ich kann es nicht glauben, daß es kein Rohrkrepierer ist.
    Ich hoffe einmal, daß ich unrecht habe, es zu schwarz sehe und irgendwann hier über mich selbst lachen kann.

    ich glaube nicht, daß es gut geht einfach deshalb, weil wir hier ein programm, eine Liste mit idealen und Wünschen, vor uns haben und nicht die Erscheinungsform einer gelebten Religion.
    Vielleicht entspricht dem Wunsch auch eine Daseinsform und dann wäre ja alles gut.
    Alleine dies bezweifele ich.
    Diese Programmpunkte müssten einfach innerhalb eines theologischen Diskurses, am Ende sozusagen einer Entwicklung einer reliigösen bewegung von Gläubigen als unhinterfragbaren ‚wahren‘ Islam stehen – ähnlich wie sie als mitteleuropäischer Christ selbstverständlich an den Gottt der Liebe und des Friedens glauben, und ihnen die mehr dunklen und fundamentalistischen Verständnisse evangelikaler Christen im bible-belt in den USA fremd erscheinen.
    Es müßte zur Selbstverständlichkeit der Gewissheit geronnen sein und sich so auch in den maßgeblichen theologischen Diskursen durchgesetzt haben. Und das sehe ich nirgends – sondern ich sehe, daß die ’strenggläubigen‘ vor allem orthodoxen und sogar fundamentalistischen Auslegungen folgen, und das auch die theologisch-islamischen Diskurse primär von diesen beherrschst werden.
    Insoweit erscheint mir persönlich solch ein Vereinsprogramm eben als Wunsch, dem wohl ein Bedürfniss von einzelnen Strenggläubigen entsprechen mag, aber es nicht ein Ausdruck eben einer breiteren religiösen Bewegung darstellt.
    Auch die repräsendativ-symbolische Abgrenzung, wie sie z. b. unter anderem über namen oder sonderbezeichnungen vollzogen werden könnte, sehe ich nicht.
    Ich persönlich glaube ja, daß in Staaten, in denen mit Hilfe des Islams (=exakter: spezifischer theologischer Auslegungen und Interpretationen) eine Unterdrückung breiter Gesellschaftsschichten vollzogen wird, es leichter zu einem SDtartpunkt für einen *modernen* islam kommen könnte. Einfach deshalb, weil eben auch gläubige Moslime in ihrem Glauben ebenfalls unterdrückt werden und diese dann sagen, dies da, was die Regierung macht, dass ist nicht der Islam, der islam ist dies und jenes, wo soetwas nicht vorkommen kann – die verstehen den islam falsch….. und so sich in solchen religiösen Transformationen eben gesellschaftliche Bedürfnisse und Vorstellen reflektieren.
    Aber vielleicht irre ich mich ja auch – und es langt bereit, dass Kaddor & Co. einfach einen verein gründen mit solch einer Charta und sehr viele Muslime finden da ein ‚aha-Erlebnis‘ a là : ja, das ist mein islam, das ist der wahre Islam – nicht das, was all die Hotschas und Imame uns bisher erzählten….
    Wie gesagt: ich hoffe es, um unser aller willen; glauben kann ich es nicht.

  6.   Jörg Lau

    Zitat aus der WAZ:

    LIB beschränkt sich darauf, neuen Mitgliedern allein das Bekenntnis an „den Einen Gott sowie den Glauben an Muhammad als Gesandten Gottes“ abzuverlangen. „Bei allem, was über diesen Kern hinausgeht, darf dogmatische und kulturelle Einheit weder Ziel noch Voraussetzung sein“, so Kaddor.

    Muslime müssten „Koran und Sunna frei von Angst, nach eigenem Gewissen und offen interpretieren dürfen“. Auch darum spricht sich der Verein, einzigartig in der muslimischen Verbandsszene, aktiv für die Akzeptanz und Gleichbehandlung außerehelicher und gleichgeschlechtlicher Partnerschaften aus. „Selbstbestimmte Lebensgestaltungen entlang der Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz, das ist unser Credo“, sagt Kaddor.

    http://www.derwesten.de/nachrichten/politik/Neuer-Islam-Verein-unterstuetzt-Homo-Ehe-id3083871.html

  7.   Zagreus

    @ Lau

    „LIB beschränkt sich darauf, neuen Mitgliedern allein das Bekenntnis an „den Einen Gott sowie den Glauben an Muhammad als Gesandten Gottes“ abzuverlangen.“
    –> es kann also im Grunde jeder rein, auch Fundamentalisten , Ultraorthodoxe etc…. – hier zumindest keine Abgrenzung gegenüber diesem ‚Klientel‘.
    Auichb hier nicht:
    „Muslime müssten „Koran und Sunna frei von Angst, nach eigenem Gewissen und offen interpretieren dürfen““
    wohl klingt das erst einmal positiv, aber da sind eben auch die fundamentalisten etc… mit eingeschlossen – *eigenes Gewissen* kann alles heissen leider.
    „„Selbstbestimmte Lebensgestaltungen entlang der Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz, das ist unser Credo“, sagt Kaddor“
    –> Lebensgestaltung(en) heisst nicht Glaubensgestaltungen oder -inhalte….
    Sorry, das ist alles sehr, sehr schwammig und offen – in alle Richtungen offen….
    Wir *bräuchten* aber etwas, dass geschlossen, nämlich gegenüber fundamentalistischen und orthodoxen Koranverständnissen wäre….
    Für mich sind das keine Lichtblicke und Hoffnungsstrahlen.

  8.   N. Neumann

    Für mich sind das keine Lichtblicke und Hoffnungsstrahlen.

    @ Zagreus

    Für mich hat es den Anschein, dass dir kein bekennender Muslim irgendetwas recht machen kann – außer natürlich seinem Glauben abzuschwören. Das nennt man Ressentiment.

    –> es kann also im Grunde jeder rein, auch Fundamentalisten , Ultraorthodoxe etc….

    Spricht irgendetwas dafür, dass die Genannten LIB beitreten wollen? Wenn es in Zukunft konkrete Anhaltspunkte dafür geben sollte, dass Fundis den Verein kapern, sag Bescheid. Aber bitte erst dann.

  9.   Lill-Karin Bryant

    Nach lesen des Artikels komme ich zu der Erkenntnis dass die ‚liberalen Muslime‘ bei ihren eignen Glaubensbruedern auf mehr Widerstand stossen werden als bei Nicht-Muslims…Auf Papier sieht das alles so einfach aus leider wird das in der Praxis ganz anders auslaufen.

  10.   Zagreus

    @ Neumann

    „Für mich hat es den Anschein, dass dir kein bekennender Muslim irgendetwas recht machen kann – außer natürlich seinem Glauben abzuschwören. Das nennt man Ressentiment.“

    Stimmt wenigstens bzl. der meisten Suunniten und shiithen – nur ist das kein Ressentiment, sondern schlicht und ergriefend der Tatsache geschuldet, daß es eben keine größere morderate theologische Strömung (bisher) gibt, die geeigent ist innerhalb eines modernen postindustriellen und pluralistischen Gesellschaft zu bestehen.
    Wie ich in meinem ersten Post schrieb – sowas muss es nunmal sein.
    Zudem…“[…] kein bekennender Muslim irgendetwas recht machen kann […]“ stimmt einfach nicht – denn sie haben von meienr Seite zumindest noch nie etwas gegen Aleviten gehört.
    Sie tun aber so, als ob Religion im luftleeren Raum schwebe und per se etwas Gutes sei und nur irgendwelche widrigen Umstände bei einzelnen Menschen es schlecht machen würde. Zumindest hier kommt es für mich so rüber, Neumann. Sie wollen eine Lösung – und da ist ihnen dies nun Recht und dies wollen sie sich nicht ‚vermiesen‘ lassen – aber sie stellen einfach keine (erkennbaren) kriterien auf, nach denen sie beurteilen können, ob etwas hinlänglich erfüllt wurde oder nicht, sondern sobald jemand etwas erzählt, was sie hören wollen wie z. b. ein Programm, dann langt es ihnen – und schauen nicht nach, inwieweit dies auch von wievielen (Streng-) Gläubigen getragen wird.
    Aber nur das wird am Ende zählen und kein Programm undkeine Wünsche.

    Und ja – wenn man etwas in einer bestimmten Hinsicht struktuiert, wie z. b. eine Willenerklärung, wer in einem Verein willkommen wäre, dann sollte die ähnlich wie eine Definition auch eine Außengrenze haben – sonst kommen auch die heinein, an die man gar nicht dachte, einfach darum, weil sie die Bedingungen formal erfüllten, die man aufstellte.
    Es geht erst einmal doch nicht darum, ob die nun hinzukommen oder nicht, sondern darum, ob die überhaupt hinzukommen können oder von vorn herein ausgeschlossen sind.

    Konkret:
    Warum legt Kaddor nicht von vorn herein ein klares Glaubensbekenntnis – z. b. zu einer kritisch-historischen Lesart des Korans und Verständnis des Islams zugrunde – anstatt es nur als eines unter anderen möglichen zu führen, indem sie von „undogmatisch“ und „unter Einbeziehung historischer und sozialer Kontexte“ redet. Das umfasst liberale und moderate Interpretationen und – leider – auch , eben orthodoxe und fundamentalistische. ‚Undogmatisch‘ muss nicht zwingend in unserem Sinne positiv verstehbar sein – man kann auch ganz undogmatisch über die Vorzüge der ‚Auspeitschung‘ oder der ‚Sharia‘ palavern.
    Für mich erscheint dies so, von dem was ich hier gelesen habe (auf einer anderen Basis urteile ich nicht), als sollten im prinzip eben alle hineinkommen können – und nicht nur ein Verein mit einer festgeschriebenen kritisch-historischen auf Liberalität abzielenden Islamverständnis sein.
    Meiner Meinung nach würden dies aber nötig sein – denn es muss ein theologisch und von außen nachvollziehbare Unterscheidung zwischen moderaten, freiheitlichen kritisch-historischen Verständnissen und eben fundamentalistisch, kollektivistischen, überzeitlichen Verständnissen aufgebaut werden. Nicht der nächste einheitsbrei, wo die einen als auch die anderen sich von außen Ununterscheidbar sich tummeln.
    Die Aleviten z. b. kann man von den Sunniten unterscheiden, nämlich bereits durch die Eigenbezeichnung (und somit differenzierbarer Zuschreibung zu einer Gruppe, die für bestimmte Positionen steht).
    Sowas müßte nach meiner Meinung auch her , um innerhalb der Sunniten die jenigen, die ein historisch-kritisches Verständnis des Islams haben von denen, die ein fundamental-orthodoxes haben unterscheiden zu können.