Ein Blog über Religion und Politik

Was bei Zwangsheirat zu tun ist

Von 11. Juni 2010 um 14:06 Uhr

Aus einer soeben veröffentlichten Broschüre vom Maria Böhmer, der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, die Schulen Tips beim Umgang mit drohenden Zwangsverheiratungen gibt. Man beachte den angemessenen Ton: Ohne Verharmlosung oder Relativierung, aber auch ohne Stigmatisierung und Reduktion auf die Religion des Islam:

Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Man beachte den angemessenen Ton: Ohne Verharmlosung oder Relativierung, aber auch ohne Stigmatisierung und Reduktion auf die Religion des Islam:”

    Die Broschüre nennt als Beispiele für die Zwangsverheiratung in Europa:

    1. Türkische Migranten in Deutschland;
    2. indische und pakistanische Migranten in den Niederlanden;
    3. “Menschen aus dem Maghreb” in Frankreich.

    Anhand dieser Aufzählungen lässt sich sehr wohl ein klares Muster erkennen, das darauf hindeutet, dass offenbar ganz überwiegend der Islam den kulturellen Hintergrund für diese Praxis bildet. Was also soll an alledem “angemessen” sein?

    Richtig ist, dass Zwangsverheiratung nicht nur im islamischen Kulturkreis üblich ist. Es wäre daher falsch zu behaupten, es handele sich um ein auf den Islam beschränktes Phänomen. Unter anderem bei Hindus ist diese unsägliche Praxis auch heute noch gleichfalls weit verbreitet. Dennoch halte ich gerade den zitierten Absatz der Broschüre, mit Verlaub, für dümmlichen Relativismus, der gar noch das eigentlich verfolgte Anliegen in Frage stellt: Wenn die Broschüre schon beim Aufzählen nicht umhin kommt, implizit zu konzedieren, dass es bei Zwangsverheiratungen in Europa ein klares Muster gibt, das auf den Islam als kulturellen Hintergrund hindeutet, so ist es doch geradezu lächerlich, wenn sich dieselbe Broschüre sodann anschickt, die Augen vor dem Problem zu verschließen und die üblichen hohlen Phasen zu dreschen (“Selbst Fälle aus dem christlichen Kulturkreis sind bekannt” – Natürlich! Doch wie viele Fälle von Zwangsverheiratung ereigneten sich in Deutschland in der letzten Zeit vor einem christlichen Hintergrund?).

    Es ist auch deshalb mehr als unsinnig, den erkennbaren Zusammenhang mit dem Islam auszublenden, gar noch zu bestreiten, weil eben ein Großteil junger Migranten in Deutschland aus islamisch geprägten Ländern oder Elternhäusern stammt. Schon deshalb wäre eine statistische Signifikanz anzuerkennen.

    Völlig absurd wird der Ansatz der Broschüre, ja niemanden zu “verletzten”, indem faktische Wahrheiten nicht allzu deutlich ausgesprochen werden, meiner Ansicht nach indes erst dort, wo die Verfasser uns sodann als “Konklusion” verkaufen wollen:

    “Zwangsheirat ist somit keine Frage der Nationalität oder der Religion, sondern hat ihre Ursachen in patriarchalischen Familienstrukturen.”

    Denn dass diese “patriarchalischen Familienstrukturen” nicht zuletzt damit zu tun haben dürften, welcher Religion jemand anhängt und wie er diese praktiziert, wird kein Mensch bei Verstand in Abrede stellen. Daneben ist es gewiss keine bösartige Unterstellung, wenn man dem Islam – und sei es nur hinsichtlich seiner Anlagen – ein selbst im Vergleich zu anderen Religionen besonders entmündigendes Rollenbild der Frau nachsagt. Ein solches Rollenverständis erleichtert es Eltern indes ungemein, über den Kopf ihrer eignen Töchter hinweg zu bestimmen, wen diese zu heiraten haben. (Dass daneben selbstverständlich auch Jungen und Männer von Zwangsverheiratung betroffen sein können, bleibt davon unberührt.)

    Googelt man den Begriff “Zwangsheirat”, wird man zudem praktisch nur Fälle finden, bei denen türkischstämmige Personen oder aber Migranten aus anderen mehrheitlich islamischen Ländern betroffen sind. Man beachte auch, mit welch einem Foto die Broschüre selbst aufgemacht ist – als ob das nicht bereits einiges aussagen würde: Hat man das Foto denn nicht mit Bedacht ausgewählt?

    Es erscheint mir angesichts all dessen gleichfalls geradezu absurd, zu bekunden, dass diese Schrift (im Unterschied zu anderen?) ohne jede “Stigmatisierung” auskomme und sich des Themas in “angemessener” Weise annehme.

    Tatsächlich angemessen wäre es doch viel eher gewesen, die simple Wahrheit auszusprechen, dass die ganz überwiegende Mehrheit aller Fälle von Zwangsverheiratung in Deutschland vor dem Hintergrund des Islam stattfindet und die Religion dabei bisweilen auch als Rechtfertigung für diese Praxis bemüht wird. Die panische Angst davor, andere zu stigmatisieren, die im Hause Böhmer besonders verbreitet zu sein scheint, darf unter keinen Umständen dazu führen, die Realität zu verleugnen. Im Übrigen ist auch die Furcht vor dem Stigma bereits ein Stigma. Im Grunde ist es genauso stigmatisierend, öffentlich zu bekunden, dass es eine solche Schrift endlich einmal geschafft habe, angeblich nicht stigmatisierend zu sein.

    Zuletzt will mir scheinen, dass die Lektüre des entsprechenden Wikipedia-Artikels in wesentlichen Teilen aufschlussreicher ist als die dieser Broschüre – auch und gerade für Lehrer, die sich ernsthaft mit dem Thema auseinander setzen wollen und gar müssen. Wikipedia verrät nämlich, was die besagte Broschüre aus dem Hause Böhmer nur andeutet, um es sodann, eingekleidet in eine vermeintliche “Konklusion”, scheinbar zu “widerlegen” – nämlich, dass es sehr wohl möglich, ja sogar dringend notwendig ist, die Religion und den kulturellen Hintergrund zu berücksichtigen, um die Praxis der Zwangsverheiratung zu verstehen und angemessen bekämpfen zu können:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Zwangsheirat

    • 11. Juni 2010 um 15:21 Uhr
    • NKB
  2. 2.

    “Vorgehensweise. Erster Schritt: Bilden Sie eine Kleingruppe [...]” Aber ich will nicht meckern – insgesamt eine gute Handreichung.

    • 11. Juni 2010 um 15:22 Uhr
    • Frl. Mensa
  3. 3.

    Als kleiner Nachschlag, im Süden scheint man bereits 2004 etwas weiter gewesen zu sein:

    “Doch warum finden diese Zwangsverheiratungen überhaupt statt? Die Ehre ist der wichtigste Wert in traditionellen Familien. Die Ehre einer Familie ist in die-sen traditionellen Familien an der sexuellen Reinheit – also Jungfräulichkeit – der Töchter festzumachen. Die Aufgabe der Väter und Brüder ist es, diese Ehre der Töchter bzw. Schwestern (und damit der Familie) zu verteidigen. Eine Tochter wird deshalb jung verheiratet, damit die Familienehre bewahrt bleibt. Man möchte so die Verantwortung für die Ehre der eigenen Tochter an den Ehemann und dessen Familie weitergeben. Oftmals wird eine Zwangsverheiratung auch angestrebt, um die eigenen Töchter zu disziplinieren.

    Viele dieser Mädchen wachsen in westlichen Gesellschaften auf und wollen sich nicht mehr in alte Traditionen fügen; sie könnten sich, aus der Sicht der Familie, entfremden. Es geht hier um die zwangsweise Beibehaltung der traditionellen Lebens- und Machtverhältnisse in der Familie. In vielen Fällen kommt auch der finanzielle Aspekt in Form eines Brautpreises für die Eltern hinzu.

    Ein anderer Grund für die Zwangsheirat ist bei Verheiratungen zwischen nahen Familienangehörigen – wie Cousins und Cousinen – die Stärkung der Familie und der Wunsch, Einfluss auf die Ehepartner zu nehmen und bei Problemen eine Einflussmöglichkeit zu behalten. Auch geht in diesen Fällen das Heiratsgut nicht an eine fremde Familie, sondern bleibt in der eigenen Familie.

    Grund für eine Zwangsverheiratung mit einem Verwandten aus dem Herkunftsland ist es auch, dem Ehegatten im Rahmen des Familiennachzugs ein Aufenthaltsrecht im Bundesgebiet zu ermöglichen.

    Nicht zuletzt berufen sich viele Familien auf den Islam, auf Traditionen und Bräuche.”

    http://www.landgericht-stuttgart.de/servlet/PB/menu/1155603/index.html

    • 11. Juni 2010 um 15:25 Uhr
    • NKB
  4. 4.

    Nun ja – ich empfinde diese Klarstellung als eine verharmlosung.

    Denn, die autoren legen großen Wert darauf, darzustellen, daß es zwangsheirat in allen möglichen Kulturen gibt.
    das stimmt rein faktisch gesehen sicherlich – beschreibt aber nicht oder besser gesagt: verharmlost das Phänomen in Deutschland – denn hier dürfte der absolut überwegende Zeit derer die zwangsverheratet werden, aus den islamischen Kulturkreis stammen bzw. sich mit diesen Verbunden fühlen und nicht dem Hinduistischen oder irgendwelchen osteuropäischen (nur neugierde halber: welche denn?) angehören.

    Es findet einer der lebensreealität hier und jetzt in der BRD unangemessene abwendung der zwangsverheiratung vom islam statt.
    Der Punkt dabei ist, daß es wohl kaum auf dieser Welt wirklich Zwangsverheiratungen nur um des reinen Zwanges willen gibt, sondern die Begründungen meist kulturell-moralische Vorstellungen entspringen die nunmal allzuoft sowieso schon mit den jeweils religiösen Vorstellungen dieser Menschen gekoppelt sind.
    Man sollte auch nicht ein modernes Verständnis und Selbstwahrnehmung bei den entsprechenden Indivduen, die prinzipiell Zwangsheirat (wie sie dann diese auch immer nennen mögen, und sei es nur als ausdrück bestimmter kultureller heiratspraxen) befürworten, vermuten – denn dort wird man idR. wohl ein ähnliches Selbst- & Gemeinschaftsbild auf einem ähnlichen kulturellen Niveau vorfinden, auf dem sich auch die jeweiligen begründungen und praktiken für einer Zwangsheirat befinden.
    Ein modernes individualitäts und daraus resultierendes Gesellschaftsverständnis mit seinen jeweiligen Praktiken, Werten und Anschauungsformen, daß sich je gerade oft als eben zerrissen und aufgesplittert in verschiene Rollen selbst wahrnimmt, findet man nicht allzuoft als Akzeptiertes vor bei Menschen, die sich partiell zumindest (nämlich im bereich der sexualmoral – eben auch: zwangsheirat) bedroht empfinden von eben solch ein Individual- und Gesellschaftsbild.
    Der Verweis eben auf das kulturell Eigene ist nicht nur einfach eine Abkehr vom anderen der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch eine steigerung dieses jeweils als kulturell Eigene definiertem.
    Das *bei uns macht man das so…* beinhaltet auch eben eine grundsätzliche wegkehren von eben modernen Individualverständnissen mit ihren Zerrissenheiten und Unsicherheiten hin zu kollektivistischen Vorstellungen, die aber immer auch vermittelt und repräsendiert werden müssen – denn nur so sind sie auch für die jeweiligen Individuen greifbar. Und sie werden es eben in den kulturellen Praktiken erlebt und zugleich konserviert – und hier hängen dann auch kollektivistische Religionsauffassungen mit hinein – die noch nicht einmal groß etwas mit einer theologischen Ebene zu tun haben müssen. Es langt völlig hier das Gefühl der Richtigkeit, die erklärt wird mit einer als religiös abgesichterten praxis als ihre erscheinungsform des jeweils individuell Andersseins.

    Keiner Verheiratet seine Tochter für Geld, wenn er nicht von Haus aus das Recht des Verheiratens als für sich Selbstverständlich in Anspruch nimmt. Auch hat das nichts mit einer abstrakten Patriarchalen Struktur zu tun, sondern es hat mit ganz bestimmten praktieken erst einmal zu tun, die wir mit unseren maßstab dann erst als ‘patriarchal’ bezeichnen – aber diese Strukturen selbst sind eben sehr wohl meist religiös – einfach deshalb, weil die jeweiligen Moralvorstellungen mit den System verknüpft sind, dass eben aus dem Verständnis dieser Menschen heraus Moral gründet – und das ist nunmal so gut wie immer Religion bei Menschen die aus kulturell ganzheitlicheren Gesellschaften entstammen.
    man kann es ja auch an der Frauenbeschneidung fest machen: sie gibt es nunmal in islamischen Gemeinschaften in Afrika – und wird eben dort von den menschen als eben islamisch verstanden und kommuniziert. daran ändert weder die tatsache etwas, dass vielleicht die absolute mehrzahl der maßgeblichen theologen der Islamischen Welt das als unislamisch ansehen, solange es eben nicht genug Theologen dieser jeweiligen Gesellschaften sind. Noch ändert die Tatsache, daß es auch in christlichen oder natur-religiösen Gemeinschaften, die ebenfalls dort Leben, genauso praktiziert wird.
    Selbstverständlich wird damit Frauenbeschneidung z. b. auch zu einer christlichenPraxis und hat sehr wohl etwas mit dem Christentum zu tun – nämlich dem Verständnis (und somit Erscheinungsform)vom Christentum, das dort praktiziert wird. Und es wird nunmal richtig problematisch, wenn solche Christen dann diesen ihren christliche Brauch dann z. b. hier in der BRD ausleben wollen. bei Muslimen oder Vertretern irgendwelcher Naturreligionen genauso.
    Religion ist das einfach, was Menschen als Religion praktizieren und kommunizieren – und zwar bestimmte Religion – sonst kommen wir nämlich in *Teufels Küche* bei der Suche nach einer jeweils verbindlichen Definition einer Religion. Denn dieser Streit findet in keiner einzigen Religion ein Ende, solange es Gläubige mit unterschiedlichen Verständnissen und kulturellen Hintergründen gibt.

    Von daher hat Zwangsverheiratung sehr wohl sehr viel mit Islam zu tun, wenn eben Moslime hier in Deutschland diejenigen Gruppen bilden, die am meisten dies praktizieren und die diese Praxis eben mit dem, mit ihrem Islam begründen. Hier muss man dann auch zuhören, was genau sie unter dem wahren (=ihrem) Islam verstehen – und das muss theologisch nicht ausgereift oder haltbar sein.

    • 11. Juni 2010 um 15:51 Uhr
    • Zagreus
  5. 5.

    @zagreus
    “christlichen [...] osteuropäischen (nur neugierde halber: welche denn?)”

    Sinti & Roma etc.?

    • 11. Juni 2010 um 16:06 Uhr
    • Frl. Mensa
  6. 6.

    @ Fr. Mensa

    stimmt – könnte sehr gut sein.
    Noch eine Zusatzfrage hier hingehend: sind die meisten Sinti & Roma von ihrer Religion her Christen (also verstehen sie sich als Christen)?
    (Wohlbemerkt – Zwangsverheiratung muss nicht zwingend eine religiöse begründuingsbasis bei denen haben, die sie praktizieren – falls aber es Sinti & Roma gibt, die sich als Christen verstehen [das wird wohl die absolute mehrzahl sein nehme ich mal an, sonst wären die im MA wohl alle schon umgebracht oder zwangsbekehrt worden sein] begründen sie ihre Formen der Zwangsverheiratung auch christlich? Durchaus ja vorstellbar.)

    • 11. Juni 2010 um 16:11 Uhr
    • Zagreus
  7. 7.

    @ Frl. Mensa

    Nur der Vollständigkeit halber: Zigeuner (neudeutsch Sinti und Roma) sind in Europa meist christlich, es gibt jedoch auch Moslems unter ihnen, besonders auf dem Balkan. In der Türkei sowieso.

  8. 8.

    @ Joerg Lau

    Dass Zwangsheiraten keine Frage der Religion seien,sondern eine Folge von patriarchalischen Familienstrukturen,klingt nach Worthuelse.

    Es gibt da z.B. in den Bergen Nordwestpakistans ein Volk namens Kalash,das noch ganz traditionell und archaisch lebt.Zwangsheiraten aber z.B. sind dort seltsamerweise unbekannt.Und sie haetten auch keinen Sinn,denn die Frauen dort koennen sich problemlos von ihren Maennern trennen.Auch sonst haben die Frauen der Kalash dort ungleich mehr Freiheiten als die moslemischen Frauen in der Umgebung (jedenfalls solange ihre Ehemaenner nicht zum Islam uebertreten)

    http://www.umdiewelt.de/Asien/Indischer-Subkontinent/Pakistan/Reisebericht-2721/Kapitel-3.html

    Wie erklaeren Sie oder Frau Boehmer sich denn das?

    Abgesehen davon stelt sich ja auch die Frage,ob umgekehrt patriarchalische Familienstrukturen nicht auch eine Folge von Religion sein koennen.

    • 11. Juni 2010 um 17:34 Uhr
    • Heimwerker-Ass
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)