Ein Blog über Religion und Politik

Ein Jude leistet Abbitte bei Muslimen

Von 21. September 2010 um 17:14 Uhr

Vor wenigen Tagen war Yom Kippur, der wichtigste jüdische Feiertag. Ein Tag des Innehaltens, Fastens und Bereuens, ein neuer Anfang im Leben für viele Juden. G-tt kann nur bestimmte Sünden vergeben, nicht etwa, wie bei den Katholiken, einfach alles für ein paar Avemarias.

Was man seinem Nebenmenschen angetan hat, muss auch der selber vergeben. Man kommt also nicht drumherum, sich direkt an den Geschädigten zu wenden, was sehr viel peinvoller sein kann als das halbanonyme Geständnis im Dunkeln des Beichstuhls, von dem der Betroffene ja – Beichtgeheimnis- nie erfahren wird.

Und anlässlich dieses Tages der Vergebung hat Martin Peretz, der Herausgeber der New Republic, nun etwas sehr Bemerkenswertes getan. Er hat in seinem Editorial die Muslime um Verzeihung gebeten für einige Sätze, die er in Wut und Angst hingeschrieben hat, und die ihm nun selber peinlich sind.  Ich zitiere:

This is the eve of Yom Kippur, or the Day of Atonement. Introspection is the order of the day. The Jewish tradition divides sin into two categories, sins against God and sins against man, and insists that God can forgive the former but not the latter, because only the sinned against have the power to absolve the sin. This is why the asking of forgiveness is an act of supreme importance in this season. I myself have much to ask forgiveness for, and much of this asking will be done in private, as is appropriate. But there are sins that are committed in public, and in this past year I have publicly committed the sin of wild and wounding language, especially hurtful to our Muslim brothers and sisters. I do not console myself that many other Americans at this moment are committing the same transgressions, against others. I allowed emotion to run way ahead of reason, and feelings to trample arguments. For this I am sorry.

Worum aber geht es? Hier aus einem früheren Post die betreffenden Sätze:

The embarrassing sentence is: “I wonder whether I need honor these people and pretend they are worthy of the privileges of the First Amendment, which I have in my gut the sense that they will abuse.” I wrote that, but I do not believe that. I do not think that any group or class of persons in the United States should be denied the protections of the First Amendment, not now, not ever. When I insist upon a sober recognition of the threats to our security, domestic threats included, I do not mean to suggest that the Constitution and its order of rights should in any way be abrogated. I would abhor such a prospect. I do not wish upon Muslim Americans the sorts of calumnies that were endured by Italian Americans in connection with Sacco and Vanzetti and Jewish Americans in connection with communism. My recent comments on the twisted Koran-hating reverend in Gainesville will give evidence of that. So I apologize for my sentence, not least because it misrepresents me.

Übrigens; “These people” – das bezieht sich auf dem hier viel besprochenen Imam Rauf und seine Gemeinde, denen auch Martin Peretz nicht wohl gesonnen war. Um so bemerkenswerter diese öffentliche Abitte. Chapeau!

Ein bisschen mehr Geist von Yom Kippur könnte unserer Debatte hierzulande auch gut tun.


Leser-Kommentare
  1. 129.

    Widerwärtig, welche Zugeständnisse gemacht werden (müssen ?) !

    Niemals darf so etwas in die EU !

    http://www.brandonsun.com/world/breaking-news/french-court-rules-unconstitutional-law-making-it-a-crime-to-deny-armenian-genocide-140723523.html?thx=y

    • 28. Februar 2012 um 17:52 Uhr
    • Thomas Holm
  2. 130.

    @ Serious Black

    “Flickenteppich

    Wäre das nicht besser, als ein neuer ‘Dreißigjähriger Krieg’ von der Levante bis zum Zweistromland? Der kleine Zyniker in mir würde feststellen, daß die eskalierende Situation Syrien, Hizb’Allah und Teheran immerhin von außenpolitischen Abenteuern abhält…”

    Wenn es ermöglichen würde durch Trennung Kriege zu verhindern, wäre ich dafür, aber selbst die relative ethnische und religiöse Homogenität von Ländern wie Algerien und Somalia hat die blutigen Bürgerkriege und staatlichen Auflösungserscheinungen nicht verhindert. Daher denke ich ist der Vorwurf mit der Grenzziehung nicht gänzlich falsch, aber mangels funktionsfähiger Alternativen auch etwas wohlfeil.

    Die erste staatliche Sezession in Afrika gab es übrigens 1993 zwischen Eritrea/Äthiopien, entlang einer nicht-kolonialen Grenze und Eritrea ist ethnisch und religiös alles andere als homogen und gehörte zudem lange vor der Kolonialisierung zu Äthiopien oder lag zumindest im Einflussbereich Äthiopiens.

    Oder auch der größte Völkermord in Afrika:

    “Die ruandischen Staatsgrenzen waren bereits vor dem Auftreten der europäischen Kolonialmächte weitgehend gefestigt. [...] Vormals autonome kleinere Regionen im Westen und Norden wurden dem Herrschaftsgebiet Rwabugiris einverleibt, die staatliche Macht wurde zentralisiert. Außerdem begann innerhalb des Herrschaftsgebiets eine stärkere Differenzierung der Bevölkerungsgruppen. Dabei erlangten die überwiegend mit Viehzucht befassten Personen, „Tutsi“ genannt, zunehmend Macht über Ackerbauern, die als „Hutu“ bezeichnet wurden.”

    http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_in_Ruanda#.E2.80.9ETutsi.E2.80.9C_und_.E2.80.9EHutu.E2.80.9C_in_vorkolonialer_und_kolonialer_Zeit

    Das sagt mir, dass die These ‘koloniale Grenzziehung ist Grund für ethnoreligiöse Konflikte’ in machen Fällen stimmen mag, als Allgemeinplatz aber äußerst fragwürdig daher kommt.

    • 28. Februar 2012 um 18:06 Uhr
    • J. Weber
  3. 131.

    MM:

    Ein iranischer Reformtheologe zum Thema: Die ‘richtige’ Frage sei nicht, ob Islam mit Demokratie vereinbar sei, sondern, ob Muslime heute bereit seien, diese Vereinbarkeit entstehen zu lassen.

    Sie sagen’s: Phrasenschwein. Und mal mit einem gehörigen Maß Pessimismus betrachtet: Der saudische Wahhabismus, die ägyptische Muslimbruderschaft, die zunehmende Verbreitung solcher Strömungen unter westlichen Muslimen mit Migrationshintergrund (“zu ihren Wurzeln zurückfinden”) und ohne (Pierre Vogel, Sven Lau etc) – glauben Sie, das ist das richtige Umfeld für Muslime, diese Vereinbarkeit entstehen zu lassen? Natürlich ist ein Satz wie “Der Islam ist (nicht) mit Demokratie vereinbar” strenggenommen genauso bedeutungslos wie “Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland” – aber wenn man ihn mal auf den medienpräsenten und damit kulturprägenden Teil der Muslime verengt, ist es wirklich so falsch, die Vereinbarkeit zu verneinen?

    • 28. Februar 2012 um 18:45 Uhr
    • Arjen van Zuider
  4. 132.

    @ J. Weber

    koloniale Grenzziehung

    D’accord. Von daher bemängelte ich ja auch, daß diese ‘jungen’ Länder die Grenzen oft akzeptiert haben.

    Man kann nicht miteinander und oft aber auch nicht alleine. Ein Dilemma, dem man im Nahen Osten mit dem säkularen Panarabismus Abhilfe schaffen sollte.

    Die große Identitätsstiftung soll nun ausgerechnet die Religion leisten, die mit dem Ende das Kalifats schon einmal ausgedient hatte.

    • 28. Februar 2012 um 19:20 Uhr
    • Serious Black
  5. 133.

    ist es wirklich so falsch, die Vereinbarkeit zu verneinen?

    Im Sinne unseres Verständnisses kann man eine solche Verneinung nicht “falsch” nennen.

    Damit wäre man wieder an einem Punkt, an dem ich hier schonmal die Frage formulierte: Wer bestimmt, was “Demokratie” ist – und vor allem wann?

    • 29. Februar 2012 um 12:43 Uhr
    • MM
  6. 134.

    @ Thomas Holm:

    Danke für den Beitrag #127.

    Und, haben Sie den Walser inzwischen gelesen?

    • 29. Februar 2012 um 13:20 Uhr
    • MM
  7. 135.

    @ MM

    Bin noch am Walser-verarbeiten.

    Etwas anderes fand ich kurzfristig spannender:

    Der Stimmungswandel zu nation-building und good-will bei US-Intelektuellen angesichts der anhaltenden Ausschreitungen in Afghanistan.

    hxxp://en.wikipedia.org/wiki/C._Christine_Fair

    erklärt was da abgelaufen ist (zuvorige Entweihung durch Kassiberbotschaften; Verbrennung an sich sogar sakral gedeckte Entsorgungsform) 3.40-5.00

    Die muslimischen Massen in ihren Reaktionsformen inplizit für verrückt zu halten, nach außen aber zu “respektieren” läuft nicht mehr. (Beim Verbrennen von Mädchenschulen und Shia-Moscheen verbrennen neben Mädchen und Schiiten auch Korane, was aber keinen der jetzt Aufgebrachten stört)

    10.20-11.25

    Während die afgh. Massen nur etwas komisch* sind, ist der Spoiler aber Pakistan. *Zu komisch, zu leicht aufhetzbar, um ihnen vor Ort dauerhaft bei irgendwas helfen zu können halt.

    18.30-19.00

    Bei den afgh. Taliban haben viele gemerkt, dass Pakistan sie getäuscht hat und verheizt: 22.10-23.20

    Was eine feine Andeutung des Umstandes ist, dass es den Westen nicht scheren sollte, wenn die Region danach einen Konflikt zwischen Taliban-Mainstream und Pakistan bekommt.

    Ob der Islam, bzw. die Massen, die ihm anhängen, mit Demokratie vereinbar ist, interessierte in dieser Diskussion keinen mehr.

    http://www.youtube.com/watch?v=D4dip7aVbeg

    Weitergekegelt wird jedenfalls – ohne Global-Jihad – innerislamisch.

    Pakistans Man für ganz schmutzige Zeiten*, Gulbuddin Hekmatyar, droht den Taliban, to resurrect the “bitter past”. Gemeint ist nicht die Herrschaft der Taliban, sondern die Warlord-Zeit zwischen SU-Abzug und eben der Taliban-Herrschaft. In der Warlord-Zeit war Hekmatyar Pakistans Favourit, hatte es aber übertrieben und nicht genug Kontrolle erlangt; daher wurde er zurückgezogen und ist jetzt wieder da.

    *geniale Begriffsbildung von Jörg Lau beim zanken mit mir.

    Die Sowjetunion pflegt solche personellen Fehlgriffe final zu lösen, was es natürlich auch nicht gebracht hat, aber immerhin der Bevölkerung erspart hat, auch noch unter den Lernkurven an Raffinesse ihrer Kujons leiden zu müssen.

    Hekmatyar war ganz zuvor auch mal Stalinist und sein erster Mord galt einem rivalisierenden Maoisten, bevor er sich darauf verlegte, mangelhaft verschleierte Kommilitoninnen mit Säure zu bespritzen.

    Mit und gegen solche Typen und ihre alten und neuen Protégés geht es weiter unter den Muslimen.

    hxxp://tribune.com.pk/story/343224/qatar-initiative-hekmatyar-warns-of-civil-war/

    • 29. Februar 2012 um 15:37 Uhr
    • Thomas Holm
  8. 136.

    @ MM

    Walser …

    … hat natürlich den Atheismus nicht richtig verstanden.

    “spannungslosen Atheismus ”

    http://www.samharris.org/

    Der sensible Ansprechpartner für den numinos* umgetriebenen, aber zum Übersinnlichen gleichwohl skeptisch-kritischen veranlagten Zeitgenossen (vulgo: “Atheisten”).

    *hxxp://de.wikipedia.org/wiki/Numen

    “2000 Jahre, die von der offenen Frage nach einem Gott geprägt sind. Die völlige Beruhigung im heutigen Atheismus, also auch von Intellektuellen, halte ich geradezu für eine Vernichtung unserer Geistesgeschichte.”

    Vernichtungserscheinungen aber ganz auf Gegenseitigkeit; wo
    wäre die Geistesgeschichte ohne das Treiben der Heiden zuvor ?

    Ob das Papsttum, oder Prophet Martin, auch die Tragödie erfunden hätten, hätten es zuvor nicht Heiden getan ?

    “Urbedürfnis des Menschen nach Rechtfertigung. ”

    Doch eine ziemliche Verengung des Rückbindungsbegriffs.

    Das Universum schuldet uns keine Erklärung und Elvis lebt nicht mehr.

    Der eine hat mit dem einen, der andere mit dem anderen Probleme.

    “Weil wir dann sagen müssten, dass die ja alle nicht ganz bei Trost waren.”

    Genauso gemein sollen also die Atheisten sein, wie die Propheten zu den Völkern waren, die ohne mores vegetierten ?

    Hat irgendein Prophet eigentlich mal eine wissenschaftliche, oder künstlerische Leistung seiner Vorzeit anerkannt ? Ernstgemeinte Frage !

    “Wir können doch nicht über 2000 Jahre lang die Gottesfrage so wichtig nehmen und dann zur Tagesordnung übergehen und behaupten, sie interessiere uns nicht.”

    Die Verfolgung der Gottesfrage verfolgt uns weiter; deswegen referiert ein: “sie interessiere uns nicht” den dümmsten aller atheistischen Standpunkte.

    Wie kann ein Spartacus bei einem Marx chancenlos sein, wenn nicht zuvor die Menschheitsgeschichte in Verkündungs- und Vor-Verkündungszeiten geteilt worden wäre ?

    Musik. Was ist mit Carmina Burana ?

    Die Diskussion der Launen der Fortuna ist auch nicht unerbaulich.

    Schönheit …

    hxxp://www.liebieghaus.de/

    Antike Plastik – eine Wonne. Sakrales Mittelalter – ein Gräuel.

    “Wenn man in seinem persönlichen Denken um Jesus Christus kreist, darf man von sich keine fixe Auskunft erwarten. Ich bliebe da gerne noch in Bewegung.”

    Ich hoffe noch auf eine Abhandlung über Jesus als ein ethnisches Verwaltungsproblem durch eine tückische Fanatikerherausforderung.

    “Burnout ist (nicht) neu, im Gegenteil. Schon das Alte Testament berichtete vom Propheten Elias und seiner “Elias-Müdigkeit”, einem klassischen Burnout-Syndrom im heutigen Sinne.”

    Eine Verallgemeinerung von einstmalig nur Fanatikerproblemen; das haben wir nun davon.

    hxxp://www.psychosoziale-gesundheit.net/seele/burnout.html

    • 1. März 2012 um 06:19 Uhr
    • Thomas Holm
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)