Ein Blog über Religion und Politik

Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen

Von 13. Oktober 2010 um 10:40 Uhr

Extended version meines Leitartikels für die kommende Ausgabe:

Auch dumme Sprüche können eine Debatte weiterbringen. Horst Seehofers Behauptung, wir bräuchten »keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen« ist so ein Fall.
Das Gegenteil ist nämlich wahr, und vielleicht könnte man darüber jetzt endlich reden. Deutschland bekommt nicht die Zuwanderer aus »anderen Kulturkreisen«, die es dringend braucht. 34000 Ingenieursstellen waren im letzten Jahr offen, und doch konnte das Land im letzten Jahr nur knapp 5000 Hochqualifizierte gewinnen – die meisten von ihnen aus China und Indien, Tendenz stark rückläufig.
Aber diese besonders in Bayerns Hightechindustrie begehrten Einwanderer hat Seehofer natürlich nicht gemeint. »Andere Kulturkreise« – das ist ein politisch korrektes Codewort für »Türken, Araber, Muslime«. Hier sucht jemand offenbar Anschluss an die Debatte um Thilo Sarrazin. Leider hat auch er dessen Buch nicht gelesen. Darin wird trocken festgestellt, wer qualifiziert genug für unseren Arbeitsmarkt sei, »kann selbstverständlich auch aus einem muslimischen Land kommen«. Seehofer ist beim Versuch, Sarrazin einzuholen, weit rechts über ihn hinausgeschossen und knapp neben dem niederländischen Populisten Geert Wilders gelandet. Der will nicht einmal Christen aus dem Irak aufnehmen – wer aus dem islamischen »Kulturkreis« kommt, gilt als kontaminiert.
So weit sind wir zwar noch nicht, dass solche Hetze auch hierzulande mehrheitsfähig wäre. Doch Populismus ist auch in Deutschland eine starke Versuchung in Zeiten schwindender politischer Legitimation. Im Unterschied zum hemmungslosen Original der Rechtspopulisten sind die Erfolgsaussichten der Kopie aber wahrscheinlich begrenzt. Denn dies ist ein Populismus aus Angst vor dem Volk.
Man kann diese Angst spüren, wenn Angela Merkel Seehofers xenophobe Spielchen jetzt »verständlich« nennt. Fand sie nicht Wulffs Rede richtig und Sarrazins Buch »«nicht hilfreich«? Was denkt sie wirklich über Deutschland und den Islam – zum Beispiel wenn sie den halbnackten Özil als Matchwinner für Deutschland in der Kabine beglückwünscht? Man erfährt es nicht. Auch für Sigmar Gabriel ist das schwer zu sagen, wenn er  Sarrazin hart attackiert und dann doch wie jener gegen »Integrationverweigerer und Hassprediger« poltert. Die Integrationsbeauftrage Maria Böhmer ist vor lauter Angst seit Wochen abgetaucht. Sie scheint die wichtigste Debatte über ihr Thema im Bunker des Kanzleramts aussitzen zu wollen.

“Hallo Herr Özil, ich wollte nur noch mal klarstellen: Bei uns steht das Grundgesetz über der Scharia! Ansonsten: Weitermachen.”

Sarrazins Erfolg hat die Politik in Furcht und Schrecken versetzt. Sie fürchtet, von der Welle, die er ausgelöst hat, erfasst zu werden – und versucht doch zugleich darauf zu surfen. So tritt das Paradox ein, dass heute genau jene Parolen und Denkfiguren in den Mainstream einsickern, für die man ihren Urheber doch ausgeschlossen hat.
Die derzeit so populäre Rede von der christlich-jüdischen Kultur hatte einmal einen guten Sinn. Nie wieder sollten Juden als das unintegrierbare andere schlechthin definiert werden, wie es jahrhundertlang üblich war. Doch nun geht es vor allem um die Markierung einer Differenz zu den Muslimen. Die Juden rhetorisch zu umarmen, um die Fremdheit des Islams herauszustreichen, grenzt an Geschichtklitterung.
Die kaum versteckte Botschaft an die Muslime kommt gleichwohl an: Ihr gehört hier nicht her, ihr habt nichts beizutragen, ihr werdet fremd bleiben. Fahrlässiges Geschwätz von »Kulturkreisen« unterhöhlt die Geschäftsgrundlage unseres Einwanderungslandes, das von jedermann einen Beitrag erwarten und fordern muss, unabhängig von seiner Herkunft und Prägung.  Darin lag ja die Berechtigung der Kritik am Multikulturalismus: dass er  Menschen nicht zuerst als selbstverantwortliche Individuen versteht, sondern als Gefangene starr abgegrenzter Kulturen. Wer jetzt das Einteilen  in »Kulturkreise« forciert, wiederholt disesen Fehler: Multikulti von rechts.
Mindestens in einer Hinsicht war Sarrazin doch hilfreich: Erst die Debatte um sein Buch hat gezeigt, wie groß die Themen Zuwanderung und Integration verhandelt werden müssen: Hier liegt eine politische Führungsaufgabe, die nicht kleiner ist als seinerzeit bei der Ostpolitik oder der Nachrüstung.
Den Deutschen ist viel zuzutrauen. Nach allen Umfragen steigt zwar die Skepsis gegenüber dem Islam. Aber es wäre falsch, das als Welle der Islamophobie zu deuten: Wie islamfeindlich kann ein Land sein, das in fünfzig Jahren die Entstehung von mehr als 2600 Moscheen und Gebetsräumen ohne große Konflikte ertragen hat? Ein Wort der Anerkennung von muslimischer Seite für diesen atemberaubenden Wandel wäre auch nicht verkehrt.
Es gibt nämlich keine Garantie dafür, dass dieses Land so weltoffen bleibt. Die Politik muß die Angst vor dem Volk überwindenund der  Mehrheit ebenso wie der Minderheit die Wahrheit sagen: Nein, wir werden nicht von muslimischen Horden überrannt. Mehr Abwanderer gingen im letzten Jahr in die Türkei als Einwanderer von dort zu uns kamen. Aber es sind oft die Besten, die uns verlassen. Wir fallen zurück im Wettlauf um die Elite der globalen Migranten. Und wenn wir das stoppen wollen – etwa durch ein Punktesystem für Migranten nach kanadischem Vorbild – auch dann müssen wir mehr Differenz aushalten. Und wenn das frei von Ressentiment und Kulturdünkel geschieht, kann man auch mehr Integration, ja mehr Anpassung von den Einwanderern verlangen. Der türkische Europaminister Egemen Bagis ruft den Türken zu:  »Lernt Deutsch! Passt euch den Sitten und Gebräuchen eures Gastlandes an!« Deutschland ist ein weltoffenes Land. Noch. Die Zukunftsfrage ist nicht bloß, wieviel Islam Deutschland verträgt, sondern: wieviel Engherzigkeit.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Gut gebrüllt, Löwe!

    • 13. Oktober 2010 um 11:05 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  2. 2.

    “Hallo Herr Özil, ich wollte nur noch mal klarstellen: Bei uns steht das Grundgesetz über der Scharia! Ansonsten: Weitermachen.”

    :-D

    • 13. Oktober 2010 um 11:16 Uhr
    • PBUH
  3. 3.

    Hohe Intoleranz gegenüber Muslimen

    Erstmals gefragt wurde, ob die Religionsausübung für Muslime in Deutschland erheblich eingeschränkt werden sollte. 58,4 Prozent stimmten dieser Aussage zu, mit dem Grundgesetz ist sie freilich nicht vereinbar. Im Westen mit 53,9 Prozent etwas weniger, im Osten mit 75,7 Prozent deutlich mehr – obwohl dort deutlich weniger Muslime leben.

    Bemerkenswert ist, dass dieser Aussage selbst 55,5 Prozent derjenigen zustimmen, die rechtsextremen Aussagen ansonsten überwiegend ablehnend gegenüber stehen. Die Autoren der Studie sprechen deswegen von einem “modernen Rassismus”, der an kulturellen Unterschieden ansetzt und nicht an vermeintlichen genetischen Merkmalen.

    Dass “manchen Leuten Arabern unangenehm sind”, konnten 55,4 Prozent “gut verstehen”, ein Wert, der in Ost wie West etwa gleich ist. Wiederum stimmte mehr als jeder zweite derjenigen dieser Aussage zu, die sonst rechtsextreme Einstellungen überwiegend ablehnen. Rechtsextreme Parteien oder Rechtspopulisten könnten an diese Ressentiments anknüpfen, warnen die Forscher.

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,722751,00.html

    • 13. Oktober 2010 um 11:18 Uhr
    • PBUH
  4. 4.

    Doch nun geht es vor allem um die Markierung einer Differenz zu den Muslimen.

    Und das macht man am besten, indem man kein Kopftuch trägt, trotzig Wein trinkt und Saumagen isst, über Gruppengrenzen hinweg heiratet, die Kairoer Erklärung ablehnt, deutsch spricht und arbeitet.

    Aber das sind hilflose Versuche einer verlorenen und dem Untergang geweihten Gruppe, die versucht, die deutsch-türkisch-islamische Synthese zu verhindern und einfach Bürger zu bleiben.

    Otto, Das Wort zum Montag: Was will uns das sagen?

    • 13. Oktober 2010 um 11:27 Uhr
    • FreeSpeech
  5. 5.

    So weit sind wir zwar noch nicht, dass solche Hetze auch hierzulande mehrheitsfähig wäre.

    @ JL – betrachten Sie mal die Umfrageergebnisse der FES aus dem Spiegelartikel den der Vorposter angegeben hat.

    Weit sind wir von der Mehrheitsfähigkeit nicht mehr entfernt. Und BILD und Broder arbeiten jeden Tag daran, dass die Hetze als legitimer Tabubruch einen Platz am Küchentisch bekommt.

    • 13. Oktober 2010 um 11:27 Uhr
    • Bounce
  6. 6.

    “Der will nicht einmal Christen aus dem Irak aufnehmen – wer aus dem islamischen »Kulturkreis« kommt, gilt als kontaminiert.”
    Begründet Wilders das tatsächlich so?
    Er meint also, Christen aus islamischen Ländern seien zu islamisch geprägt, oder wie ist das zu verstehen? Oder ist das eine Zuspitzung Ihrerseits und Wilders begründet das irgendwie anders; vielleicht weil er befürchtet, dass für eine Migration auf dem Papier dann alle Christen sind?

    Keine rethorische Frage, ich weiß es nicht und würde es gerne nachvollziehen können.

    lese mal weiter

    • 13. Oktober 2010 um 11:27 Uhr
    • Tschaeka
  7. 7.

    Ja, wir haben Bedarf an Hochqualifizierten !

    Gleichzeitig haben wir aber in Deutschland auch Millionen Arbeitslose, die anscheinend eher gering qualifiziert sind – und für Geringqualifizierte gibt es KEINEN Bedarf. Im Gegenteil – es gibt heute schon zuviele Geringqualifizierte – darum die Arbeitslosen.

    Daraus folgere ich:
    1) Wir sollten hochqualifizierte, intelligente Zuwanderer ins Land lassen
    2) Unqualifizierte sollten drausen bleiben, weil wir davon schon genug haben.

  8. 8.

    Er meint also, Christen aus islamischen Ländern seien zu islamisch geprägt, oder wie ist das zu verstehen?

    Ist so, der Chef hat den Link gepostet.

    • 13. Oktober 2010 um 11:41 Uhr
    • FreeSpeech
  9. Kommentar zum Thema

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