Ein Blog über Religion und Politik

Das Kopftuch als Befreiung?

Von 24. November 2010 um 14:22 Uhr

Christina  von Braun, Kulturwissenschaftlerin in Berlin, habe ich in diesem Blog vor Jahren schon sehr heftig angegriffen, vielleicht ein bisschen zu polemisch. Nun hat sie der ZEIT (Printausgabe von morgen) ein Interview gegeben, in dem sie sich wieder mit der Frage des Feminismus und des Kopftuchs beschäftigt. Ich spare mir diesmal die Polemik, gebe aber erneut zu Protokoll, dass mich die Verharmlosung der Lage der Frau im Islam einfach baff macht, wie offenbar auch meine Kollegin Susanne Mayer, die das Interview geführt hat. Ich verstehe zwar Brauns Beunruhigung über die extreme Polarisierung in unserer Debatte der letzten Wochen (wie jeder Leser dieses Blogs weiß) – aber so kann man darauf doch nicht antworten:

ZEIT: Die Frauenbewegung wollte in der Vergangenheit  stets freie Räume eröffnen. Mein Bauch gehört mir! Ich trage, was ich will! Jetzt soll ein Verbot her – mit der Begründung, man müsse einen Raum schaffen, in dem Frauen nicht gezwungen werden können, ein Kopftuch zu tragen. Eine logische Volte – macht sie Sinn?

Von Braun: Einer der Slogans der Frauenbewegung war Virginia Woolfs Forderung: “Ein Zimmer für sich allein”. Vielleicht ist das Kopftuch eine Art, sich diesen Raum in einer fremden Öffentlichkeit zu verschaffen. Ich denke an muslimische Studentinnen, die vielleicht selbstbewußt ihr “Zimmer für sich allein” auf dem Kopf tragen möchten.

ZEIT: Sie beschönigen!…

Allerdings. Es gibt Frauen, die das Kopftuch selbstbewußt und aus freien Stücken tragen, und es ist völlig richtig, auch für deren Rechte einzutreten.

Aber es ist doch wahnsinnig blauäugig, das Kopftuch per se als Fortsetzung des Feminismus mit anderen Mitteln hinzustellen. Virginia Woolf? Get real.

Baher Ibrahim, ein junger Medizinstudent in Alexandria (Ägypten), zeigt im Guardian, wie man sich des Vormarsches des Hijab feministisch annimmt. Er beschreibt den Trend, dass immer mehr junge Mädchen von acht Jahren an verhüllt werden und fragt sich, welche frauenfeindliche Vorstellung von Sexualität diesen Mädchen damit übergeholfen wird:

In general, the age at which Muslim girls in Egypt begin to wear the scarf has dropped. Back when I was in high school, very few female students wore headscarves. Today, my younger brother (who is 15) tells me that almost all the girls in his middle school wear a scarf. It hasn’t stopped there either, having caught on in primary schools.

The very sight of a little girl in a scarf is both disturbing and confusing. Adult Muslim women are expected to dress modestly so that men outside the family cannot see their bodies. But what is the point of a child or pre-pubescent girl wearing a hijab? It hints at what may be a disturbed (one is tempted to say diseased) concept of sexuality in the mind of the father who thinks his little girl should be covered up. What exactly is tempting about the body of an eight-year-old that needs to be covered?

Baher Ibrahim hat Recht! Die jungen Mädchen, die so früh an den Hijab gewöhnt werden, haben später de facto keine Wahl mehr. Ist ja auch der Sinn der Sache. Es soll ihnen zur zweiten Natur werden, dass Frauen ihren Körper nicht zeigen dürfen. Das ist eine Sexualisierung des weiblichen Körpers, an der nichts sympathischer ist als an der viel beklagten Sexualisierung durch westliche Dekadenz und Pornografie. Es ist gewissermaßen eine invertierte Form (religiös begündeter) Pornografisierung des männlichen Blicks.

Getting a little girl “used to” the hijab effectively obliterates the “free choice” element by the time the girl is old enough to think.

The hijab is aggressively marketed as the proper attire for a respectable woman. That isn’t new. What is new is that now even children are targets of this marketing. One need look no further than Fulla, the Middle Eastern version of Barbie, designed to suit Muslim values. When I recently stepped into a Toys R Us store in Cairo, it was quite shocking to see a Fulla doll clad in a headscarf and a full length abaya, the box proudly proclaiming “Fulla in her outdoor clothes”, in effect telling little girls that there is only one proper way to dress outside the house.

Many defenders of the hijab point to the influence of “decadent western culture”, endlessly criticising how western TV sexualises and objectifies women, though they fail to understand that they are doing they exact same thing to little girls when they constantly promote the hijab. If it is so important to cover up, there must be something worth covering up and hiding from men. Inevitably, little girls are taught to view themselves as sexual objects that must be covered up from an early age – and it is this culture permeating the minds of our younger generations.

To make matters worse, what about the brothers of these girls? Will they not grow up with the same mentality? If they see that their sisters have to be covered up from a very early age to avoid being exposed in front of men, it is only natural that they grow up with the concept that women have to be covered, controlled and restricted.

Männer sind manchmal eben die besseren Feministen. Wer’s nicht glaubt, lese den ganzen kämpferischen Text von Baher Ibrahim.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Zurücktreten!

    • 24. November 2010 um 14:43 Uhr
    • marriex
  2. 2.

    Ich denke an muslimische Studentinnen, die vielleicht selbstbewußt ihr “Zimmer für sich allein” auf dem Kopf tragen möchten.

    Und nie rausgehen? Es ist schon am einfachsten, wenn die Frauen die Zwänge so verinnerlichen, dass sie keinen Zwang mehr empfinden.

    —–

    Wenn Frauen anständig sind, indem sie ein Kopftuch tragen, dann sind also Frauen nicht anständig, wenn sie kein Kopftuch tragen. Wenn Frauen vor den Männern geschützt werden müssen mit dem Kopftuch, dann haben sich also die Männer nicht im Griff.

    Da werden normale Frauen und normale Männer beleidigt. Muss ich jetzt eine Botschaft anzünden?

    • 24. November 2010 um 15:46 Uhr
    • FreeSpeech
    • 24. November 2010 um 15:46 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  3. 4.

    @Hans Joachim Sauer

    Cool.

    • 24. November 2010 um 15:57 Uhr
    • FreeSpeech
  4. 5.

    Ägyptens Weg in Richtung islamischer “Gottesstaat” ist Dank der Umtriebe der Muslimbruderschaft nahezu erreicht.
    Die Verschleierung der Frauen ist sozusagen ein Indikator.
    Ich persönlich sehe für Ägypten keinen Ausweg.
    Korrupte Regierung + Islamische Fanatiker: eine fatale “Backmischung”
    Die dummen Massen im überbevölkerten Ägypten werden von alleine dafür sorgen, das der Islam die absolute Oberhand gewinnt.
    Daran ändern auch ein paar “halbaufgeklärte” blogger nichts.

    • 24. November 2010 um 15:59 Uhr
    • tati
  5. 6.

    @ tati

    Sie übertreiben mal wieder maßlos. Die Muslimbruderschaft steht keineswegs vor der Machtübernahme.

    • 24. November 2010 um 16:06 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  6. 7.

    Wann werden endlich die Männer weggesperrt, damit die Frauen in Ägyten wieder offen auf die Straße gehen können? Sind erstmal die Männer sicher in den Häusern eingesperrt und von den Frauen an der kurzen Leine, dann steht der freien Selbstentfaltung der Frauen nichts mehr im Wege. Es sind doch die Männer, die die Frauen schänden oder verstehe ich da was falsch?

    • 24. November 2010 um 16:32 Uhr
    • icke
  7. 8.

    Die Muslimbruderschaft steht keineswegs vor der Machtübernahme.

    @ HJS

    Das ist richtig. Aber in erster Linie doch aus nackten, machtpolitischen Tatsachen. Im Falle von freien Wahlen in Ägypten* spräche viel dafür, dass sie zumindest stärkste Partei würde und/oder den Präsidenten stellen würde.

    Anbetracht ihrer ideologischen Starre (1. Der Islam ist die Lösung. 2. Der Islam ist die Lösung. 3. Der Islam ist die Lösung. 4…) wäre eher nicht davon auszugehen, dass sie wie eine ägyptische Variante der AKP agieren bzw. regieren würde, sondern mehr wie eine sunnitische Variante des Chomeinismus.

    Besonders nachteilig ist in diesem Zusammenhang, dass sich die säkularen Alternativen zur ägyptischen Staatspartei NDP erheblich einfacher und gründlicher unterdrückt werden konnten und können, als eine politische Strömung, die auf Religion basiert und kraft eines hohen Spendenvolumens eine substaatliche Sozialpolitik betreibt.

    * Hörst du Tati: Ägypten, nicht in allen islamischen Ländern in denen es keine freien oder nur eingeschränkt freie Wahlen gibt.

    • 24. November 2010 um 16:49 Uhr
    • N. Neumann
  8. Kommentar zum Thema

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