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Taugt Istanbul als “Kulturhauptstadt Europas”?

 

Dass V.S. Naipaul vom Treffen des “Europäischen Schriftstellerparlaments” in Istanbul vergrault wurde, lässt nichts Gutes über die Offenheit der türkischen Kulturszene ahnen. Naipaul sollte eine der Eröffnungsreden halten. Doch nachdem er in Teilen der türkischen Presse als Feind des Islams hingestellt worden war, hat er “freiwillig” auf die Reise nach Istanbul verzichtet. Die Türkei verspießert religiös-nationalistsich, ausgerechnet in dem Jahr, in dem sie “Kulturhauptstadt Europas” sein will? Bitter.

Hari Kunzru, der britische Autor, der an Stelle Naipauls redete, hat das einzig richtige gemacht, indem er in seiner Rede auf die Abwesenheit Naipauls einging und die Beschränkung der Meinungsfreiheit in der Türkei anprangerte:

Kunzru referred to the Nobel laureate’s absence and said: “I feel we would be stronger and more credible if we were to deal with divergent views within this meeting rather than a priori excluding someone because of fear that offence might be given.”

The writer also attacked Turkey’s record on free speech, citing the cases brought against novelist Orhan Pamuk and editor Hrant Dink under article 301 of the country’s penal code, which makes it illegal to insult Turkey, Turkish ethnicity or Turkish government institutions.

Kunzru told the assembled authors: “Pamuk faced trial for giving the following statement to a Swiss magazine: ‘Thirty thousand Kurds have been killed here and a million Armenians. And almost nobody dares mention that. So I do.'” He added: “Dink, one of Turkey’s most prominent Armenian voices was convicted under article 301 then murdered by a young nationalist, who was subsequently photographed in a police station surrounded by smiling officers, against the backdrop of the national flag. There are many other examples in Turkey of the weapons of offence and insult being used to silence dissent. Turkey is obviously not alone in this, but since we are here, it is important that we acknowledge it.”

Bitter ist die Angelegenheit für Orhan Pamuk, der wie Naipaul den Literaturnobelpreis bekommen hat, nicht zuletzt auch wegen seines mutigen Eintretens für die Meinungsfreiheit in der Türkei. Pamuk ist einer der Gründer des “Schriftstellerparlaments”.

Naipaul ist allerdings ein gnadenloser Analytiker der kulturellen Verwüstung, die vor allem der von Saudi-Arabien gesponserte Islam in Pakistan, Indien und auch Indonesien anrichtet. Recht hat er damit! Er hat den islamischen Kulturimperialismus immer wieder beschrieben, wo er ihn auf seinen vielen Reisen in Asien beobachtet hat.

Naipaul ist ein immens schwieriger Charakter, wie ich persönlich erfahren habe, als ich einmal vor Jahren versuchte, ihn zu interviewen. Ein hochmütiger, ungeduldiger, menschenfeindlicher Reaktionär reinsten Wassers – beste englische Tradition in der Linie Evelyn Waughs. Unterträglich, aber doch liebenswürdig in seiner störrischen Unabhängigkeit.

Und was für ein weltgewandter Autor! Seine Sympathien für die Hindu-Nationalisten sind allerdings sehr problematisch und auch entsprechend angegriffen worden. Von deren Gewalt, von deren Rassismus hat er sich nicht genügend distanziert. Aber seine gnadenlosen Einblicke in das selbstgeschaffene Elend der Dritten Welt sind von großem Wert.

Und so einen großen Autor kann man in der “Europäischen Kulturhauptstadt” nicht mehr ertragen? So wird aus diesem Titel ein Witz.

185 Kommentare

  1.   N. Neumann

    Iranische Regimegegner

    Das Dissidenten-Problem der Türkei

    Seit der umstrittenen Präsidentenwahl in Iran im vergangenen Jahr sind Tausende Regimegegner ins Nachbarland Türkei geflohen. Viele Dissidenten klagen über Probleme, auch über iranische Geheimagenten, die sie auf türkischem Boden beschatten und teilweise bedrohen.

    […]

    Iran braucht die Türkei, um eine noch stärkere internationale Isolierung zu vermeiden – Streit um Dissidenten würde da nicht ins Bild passen.

    Ab und zu würden die Iraner zwar vorstellig und forderten die Festnahme eines Dissidenten, sagt Ogan: “Aber das ist nur eine Formalität.” Teheran erwarte nicht, dass die Türkei die Forderungen erfülle. Iran weiß, dass die Türkei keine Regimegegner ausliefern kann, ohne gegen internationale Abkommen zu verstoßen. Auf der anderen Seite achtet die Türkei darauf, dass die iranischen Dissidenten auf türkischem Boden “keine Aktionen gegen das Regime” starten, wie Ogan sagt.

    http://www.tagesspiegel.de/politik/das-dissidenten-problem-der-tuerkei/1884210.html

  2.   FreeSpeech

    Naipaul ist allerdings ein gnadenloser Analytiker der kulturellen Verwüstung, die vor allem der von Saudi-Arabien gesponserte Islam in Pakistan, Indien und auch Indonesien anrichtet. Recht hat er damit! Er hat den islamischen Kulturimperialismus immer wieder beschrieben, wo er ihn auf seinen vielen Reisen in Asien beobachtet hat.

    Warum sind dann ausgerechnet Türken beleidigt? Das kann denen doch wurst sein, dass Naipaul gegen den wahabitischen islamischen Kulturimperialismus ist.

    Das hat doch nichts mit dem Islam zu tun!

  3.   Bravoleser

    @ Jörg Lau
    Naipaul ist ein immens schwieriger Charakter, wie ich persönlich erfahren habe, als ich einmal vor Jahren versuchte, ihn zu interviewen.

    Kam das Interview zustande? Gibt es das irgendwo im Internet?
    Falls Nein- wieso nicht?

  4.   Jörg Lau

    @ Bravoleser: Das Gespräch war leider undruckbar.

  5.   Zagreus

    @ all

    so richtig off-topic, auf den ersten Blick.
    Aber dieser Artikel zeigt sehr gut die intellektuell-wissenschaftliche Verwahrlosung von ‘progressiven’ teilen der bevölkerung:

    http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,730444,00.html

    Für mich sind solche *glaubensansätze* wie magisch-mythische, die gesellschaftskonform werden und sich bis in die Unis durchsetzen können, vorstufen von dem obrigen artikel: das man anerkannte Experten (hier Literaten) von entsprechenden tagungen ausläd aus religiösen Gründen.

  6.   AT

    Ja, so was von unverständlich. Ich kapier auch nicht, warum man in Deutschland nicht mal so ein bisschen anti-semitisch reden und trotzdem zu literaturfestivals eingeladen werden kann. Anti-islamisch ist offenbar kein Problem, da greift die Meinungsfreiheit, aber bei anti-semitisch gehen die Klappen zu. Ist natürlich unverschämt, wenn das jetzt die Türken auch für sich in Anspruch nehmen, wo leben wir denn hier?!

  7.   Paul Maierfeld

    Der Verzicht Naipauls ist freiwillig, genauso gehört es zum Recht der türkischen Schriftsteller sein geplante Eröffnungsrede aufgrund zahlreicher Hasstiraden Naipauls gegen den Islam zu boykottieren.

    Istanbul ist wohl die kulturell vielfältigste Metropole Europas – Ganz im Gegensatz zum hinterprovinziellen Essen………Aus diesem Grund ist der Titel des Artikels eine hohle Phrase.

  8.   FreeSpeech

    @AT

    Haben Sie denn das angesprochene Buch von Naipaul gelesen?

  9.   Bravoleser

    @ Jörg Lau
    Danke. Trotzdem….gerade dann wäre es mal interessant gewesen…

  10.   N. Neumann

    Hier eine Kolummne der BRD-Kritikerin, Islamophobietheoretikerin und Medienpädagogin Sabine Schiffer aus der Zaman Europe:

    Der Palast muss wieder her!

    Ein Lehrstück deutscher Geschichte

    So wie man nach dem zweiten Weltkrieg und dem Faschismus des Nationalsozialismus in der DDR mit der vorherigen Geschichte brechen wollte, so bricht heute die Bundesrepublik mit dem, was DDR-Geschichte bezeugen könnte. Es geht um Deutungsmacht und Geschichtsschreibung, und dabei muss das jeweils Andere
    als Folie herhalten. Während nach langen Jahren der Planung schließlich 1976 der „Palast der Republik“ der DDR auf dem Grundstück des ehemaligen Stadtschlosses gegenüber dem Pergamon-Museum in Berlin erbaut worden war und sinnbildlich für die Architektur der 1970er Jahre mit viel glatt und Glas stand, wurde dieser
    „Volkspalast“ nach der Einverleibung der DDR in die Bundesrepublik so schnell wie möglich entfernt – allerdings wohlgemerkt, beschlossen von der letzten DDR Regierung unter Lothar DeMaiziere. Angeblich asbestverseucht, wurde er – trotz aufkeimender Proteste – abgerissen und durch eine grüne Grasfläche ersetzt, dem teuersten unbebauten Grundstück ganz Deutschlands. Die Verbitterung einiger
    ehemaliger DDR-Bürger, die sich als Verlierer der Einheit sehen, ist nachvollziehbar – und so ganz lassen sich deren Verlautbarungen nicht mit Ostalgie-Vorwürfen abtun.

    […]

    Am 3. Oktober, dem „Tag des Anschlusses“, wie er im Münzenberg-Saal heißt, ruft nicht nur der Freundeskreis des „vernichteten Palastes“ zu Protesten auf unter dem Titel „Zwanzig Jahre ausgeplündert, ausgegrenzt, ausgespäht“. Auch die Liga für Menschenrechte lädt ein ins Haus der Demokratie und Menschenrechte, um sich kritisch mit der Arbeit der Geheimdienste auseinander zu setzen. Wäre vielleicht eine
    Überlegung wert, wie man den Tag der offenen Moschee in dieses Bemühen um ein geeintes Deutschland ohne Ausgrenzung einbinden könnte.

    http://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/10/20100924_IMV-Schiffer_Palast-der-Republik_Ressentiment-KORR1.pdf