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Libyen: Der Untergang

Von 22. Februar 2011 um 18:41 Uhr

Als gerade die große Rede aus dem Führerbunker in Tripolis begann, stand ich in der Podbielskiallee 42 in Berlin-Dahlem. Ich habe versucht, den libyschen Botschafter Jamal El-Baraq zu finden. Die Telefone in der Botschaft werden seit Stunden nicht mehr bedient.

Die Website der Botschaft ist von Oppositionellen gehackt worden. Sie enthält nur noch eine Botschaft an Gaddafi in Arabisch und die Nummer eines libyschen Oppositionellen namens el Ghati. Ich habe also Herrn el Ghati angerufen, der es offenbar sehr eilig hat. Er verwies mich weiter an einen Herrn Mohammed Ben Hmeda, der seit den Siebzigern in Deutschland lebt und 1984 vom Regime in absentia zum Tode verurteilt worden ist. Ben Hmeda macht sich große Sorgen um die Gleichgesinnten in Libyen und kritisiert die immer noch zu schwache Position der Europäer. Gaddafi sei “ein Unmensch”, man habe immer darauf hingewiesen. Er müsse gewaltsam gestürzt werden, darum sei es Blödsinn, wie es Frau Ashton im Namen der Europäer getan habe, beide Seiten zur Gewaltlosigkeit aufzufordern.

Es war falsch, sagt Ben Hmeda, Libyen nach Lockerbie zu rehabilitieren und Waffen an das Regime zu liefern. Es sei klar gewesen, dass diese eines Tages gegen die eigenen Leute eingesetzt werden würden.

Zu den europäischen Ängsten vor Chaos und Bürgerkrieg sagt er, diese würden gezielt vom Regime geschürt und seien genauso unsinnig wie die “Lüge, dass der islamistische Fundamentalismus droht”.

Die ganze Familie Gaddafi müsse entmachtet und vor Gericht gestellt werden. Europa müsse deutlich zu seinem Sturz aufrufen. Die Situation in den Straßen von Tripolis sei ein Alptraum: Söldner schössen auf Zivilisten, um Terror zu verbreiten.

Danach sprach ich noch mit Ali Zeidan, einem anderen Menschenrechtsaktivisten libyscher Herkunft, aber in Deutschland geboren. Er erzählte mir, dass die Mitarbeiter der Botschaft in Berlin – sechs Libyer – entlassen worden seien, weil sie sich geweigert haben, für das Regime zu demonstrieren. Er forderte den Botschafter auf, sich vom Regime zu distanzieren wie schon viele seiner Kollegen (bei den UN, in Indien, bei der Arabischen Liga). Morgen um 13 h will Ali Zeidan an einer Demo vor dem Auswärtigen Amt in Berlin teilnehmen.

Gaddafi, sagte Ali Zeidan, habe dem Volk den Krieg erklärt, und sein Sohn habe dies mit seiner Rede bestätigt. Es fehlen dringend Medikamente und in einzelnen Städten auch schon Nahrungsmittel. Die Bundesregierung müsse ein deutliches Statement abgeben, meint er.

Die Oppositionellen sind voller Hoffnung, dass auch in Libyen der Wandel zum Besseren gelingen kann und drängen den Westen, sich nicht von der Propaganda des Regimes einschüchtern zu lassen, dass nach Gaddafi die Sintflut kommt.

Unterdessen bleibt mein Versuch, den Botschafter zu stellen, erfolglos. Keine Reaktion auf meine Anrufe, keine Reaktion in der Botschaft auf mein Klingeln. Ein einsamer, verfrorener Wachtmann schaut mich von ferne  nervös an. In der Podbielskiallee 42 ist das Licht schon aus.

p.s. 5oo Meter weiter unten in der Allee, gleich auf der anderen Seite, ist die iranische Botschaft. Wie gerne würde ich die Gespräche hören, die dort dieser Tage geführt werden.

Kategorien: Außenpolitik, Libyen
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Auf einmal hätte sich der Westen einmischen sollen. Je nu, das ist morgen schon wieder anders.

    • 22. Februar 2011 um 18:58 Uhr
    • FreeSpeech
  2. 2.

    @ Free Speech
    Ihre schon des öfteren dankenswerterweise geäußerte Position halte ich prinzipiell für korrekt!
    Eine wie auch immer geartete ‘Einmischung’ halte ich nur für verantwortbar als UN-Beschluss und/oder als Beschluss der Arabischen Liga. Die derartigen Beschlüssen entgegenstehenden Probleme sind – wie bereits gestern diskutiert – nicht gerade gering.

    Passend zum Thema hier der diesbezügliche Kurztext Al Jazeera’s:

    … where is President Obama? Rosalind Jordan, Al Jazeera’s correspondent in Washington DC explains:
    “… Gaddafi asked, in his speech: ‘Do you want the Americans to come and occupy you like in Afghanistan and Iraq?’ If the president weighs in now, the Libyan authorities may well use that against the protesters.”

    http://blogs.aljazeera.net/africa/2011/02/22/live-blog-libya-feb-22

  3. 3.

    Dank an JL für Recherche.

  4. 4.

    Mal soll man sich einmischen, mal nicht. Mal soll der Westen sich von inneren Angelegenheiten fernhalten, mal auf diese einwirken. In Ägypten hieß es: Finger weg, jetzt Finger her. Und wenn aus Gaddafi nun ein neuer Prophet wird, Sa-Udi Libyen reloaded, die Religion des Galle-Buches in grün, mal nicht blutrot und aus Mekka, dann war es auch falsch und Gaddafi bekommt die besondere Protektion des Gottlästerungs-Paragraphen und Al.Kadavi aus Kairo und Al.Gaddafi aus der Dreifachstadt hacken sich gegenseitig die Augen aus und meucheln und morden und legen Kinder um und abends versammeln sich dann alle zum Gebet, der eine am Sonnatg, der andere Mittwoch um Dreiviertelfünf (isse ja ne jaaanz hallale Periode), um den grooooßen Gott des Grünbuches zu feiern. Und wehe jemand lästert, dann kommt JL und löscht wegen Blasphemie.

    Löscht, weil jemand bestimmte Gedankenkonstrukte mit sowas wie nem angeblich höherem Wesen für bekloppt erklärt hat. Joa, da schimmert dann der mediävistische Stumpfglanz durch.

    • 22. Februar 2011 um 19:16 Uhr
    • Bergpalme
  5. 5.

    Um die Diskussion über die Person und die ‘credibility’ von Ägyptens ElBaradei zu ergänzen:
    8.08pm: The Arab League put out an official statement condemning the events in Libya, but Al Jazeera’s Sherine Tadros reported from Cairo that leading Egyptian political figure Mohamed ElBaradei said he was disappointed that the League did not take a stronger stand against the injustices.
    http://blogs.aljazeera.net/africa/2011/02/22/live-blog-libya-feb-22

  6. 6.

    Wie gerne würde ich die Gespräche hören, die dort dieser Tage geführt werden.

    Dort lacht man sich in Fäustchen.

    • 22. Februar 2011 um 19:36 Uhr
    • marriex
  7. 7.

    @marriex

    Wieso?

    • 22. Februar 2011 um 19:51 Uhr
    • FreeSpeech
  8. 8.

    @ JL

    Alternativ können sie sich ja zum aufwärmen in die “Eierschale” begeben – es gibt atm frische Muscheln dort.

    Zu den europäischen Ängsten vor Chaos und Bürgerkrieg sagt er, diese würden gezielt vom Regime geschürt und seien genauso unsinnig wie die “Lüge, dass der islamistische Fundamentalismus droht”.

    Nun, 2x unsinn in einem Satz – trotz allem.
    Erst einmal ist ein ürgerkriegsszenaro durchaus denkbar, z. B. falls die lybischen Stämme untereinander anfangen die Machtfrage zu stellen [maybe, weil sie sich nciht über eine regierungsform einigen können oder bzl. eines Kanditaten].
    Zum anderen – nun, ich weis nicht, inwieweit ‘islamischer Fundamentalismus’ in Lybien droht – und vor allem weis ich nicht (das läge näher mMn.) inwiewweit orthodoxe anschauungen in der Bevölkerung verbreitet sind und einen fruchtbaren Boden darstellen, um diese wie auch immer politisch aufzugreifen.

    Meine Devise: erstmal abwarten udn schauen, was da raus kommt. Nicht helfen, außer ‘wir’ Europäer/Deutsche werden dazu aufgefordert von Kreisen, die einen entsprechenden Rückhalt haben (das kann zu schnell nach hinten losgehen).

    • 22. Februar 2011 um 19:53 Uhr
    • Zagreus
  9. Kommentar zum Thema

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