Ein Blog über Religion und Politik

Wofür Zweisprachigkeit gut ist

Von 3. Juni 2011 um 11:33 Uhr

Interessanter Artikel in der Nytimes über den Vorteil der Zweisprachigkeit für die allgemeine kognitive Fitness: Die amerikanische Psychologin Ellen Bialystok beschreibt, wie Zweisprachigkeit die Fähigkeit erhöht, Relevantes von Unwichtigem zu unterscheiden:

There’s a system in your brain, the executive control system. It’s a general manager. Its job is to keep you focused on what is relevant, while ignoring distractions. It’s what makes it possible for you to hold two different things in your mind at one time and switch between them.

If you have two languages and you use them regularly, the way the brain’s networks work is that every time you speak, both languages pop up and the executive control system has to sort through everything and attend to what’s relevant in the moment. Therefore the bilinguals use that system more, and it’s that regular use that makes that system more efficient.

Ich fürchte manchmal, dass unsere Fixierung auf das Deutsche als Integrationsvoraussetzung solche Potentiale einer Einwanderungsgesellschaft zu sehr in den Schatten drängt. Es ist ja manchmal ein Ton in der Debatte, der das Türkischlernen zuhause geradezu als Integrationshindernis erscheinen lässt.

Das ist nach den Erkenntnissen von Frau Bialystok ganz falsch. Die mangelnden Türkischkenntnisse sind ein Problem, weil sie dann auch nur durch mangelnde Deutschkenntnisse aufgefangen werden. Deutsche Kindergärten und Schulen sollten den Ehrgeiz haben, den Kindern, die zuhause Türkisch mitbekommen, exzellentes Türkisch beizubringen – ganz wie beim Englischen oder Französischen oder Spanischen. Das Türkische sollte jedenfalls in unserer Debatte nicht wie ein Hemmnis behandelt werden, sondern als eine mögliche Gabe:

Q. Bilingualism used to be considered a negative thing — at least in the United States. Is it still?

A. Until about the 1960s, the conventional wisdom was that bilingualism was a disadvantage. Some of this was xenophobia. Thanks to science, we now know that the opposite is true.

Q. Many immigrants choose not to teach their children their native language. Is this a good thing?

A. I’m asked about this all the time. People e-mail me and say, “I’m getting married to someone from another culture, what should we do with the children?” I always say, “You’re sitting on a potential gift.”

There are two major reasons people should pass their heritage language onto children. First, it connects children to their ancestors. The second is my research: Bilingualism is good for you. It makes brains stronger. It is brain exercise.

Q. Are you bilingual?

A. Well, I have fully bilingual grandchildren because my daughter married a Frenchman. When my daughter announced her engagement to her French boyfriend, we were a little surprised. It’s always astonishing when your child announces she’s getting married. She said, “But Mom, it’ll be fine, our children will be bilingual!”

Kategorien: Integration
Leser-Kommentare
  1. 1.

    In Frankreich hat es den (Kindern von) Migranten nicht geschadet, Französisch zu lernen, deshalb sind dort auch die Migranten erfolgreich im Beruf. Bekannte Beispiele gibt es dort en masse: Georges Charpak, Claude Lanzmann, Alfred Grosser etc.

    Wissenschaftliche Teilstudien und ideologisch getriebene Wissenschaft finde ich sehr problematisch, da sie nur Lobbyisten Munition liefern, aber das Wohl der gesamten Gesellschaft aus den Augen verlieren.

    Es gibt Leute, die sprechen sieben Sprachen (beispielsweise Kinder von Diplomaten) und haben einen Job in ihrer beruflichen Karriere erlangt, der im öffentlichen Dienst der Dienstgruppe einfacher Dienst (ohne Ausbildung) gleichkommt. Die Diskussion, dass die Mehrsprachigkeit nur Vorteile bringt, halte ich für einen Irrglauben.

    • 3. Juni 2011 um 11:46 Uhr
    • claro
  2. 2.

    @Jörg Lau
    Ich sehe das wie sie. Es kann nicht schaden, wenn man mehr Sprachen kann. Das Türkische sollte als Kompetenz gesehen und dem entsprechend auch gefördert werden. Und wenn Deutsche Türkisch lernen, kann es auch nicht schaden:)

    • 3. Juni 2011 um 11:49 Uhr
    • Serdar
  3. 3.

    Sie waren gar nicht unterwegs mit Frau M und haben die Zeit mit NY-Times lesen verbracht ?

    Gab es da keinen besseren Artikel als diesen ?

    Herr Lau, bitte, ich will endlich aufhören auf ihnen herumzuhacken, das geht mir selbst am meisten auf den Zeiger.

    Kommen sie mal wieder mit was Vernünftigem oder mit was Kontroversem

    • 3. Juni 2011 um 12:03 Uhr
    • Frieway
  4. 4.

    Gegen Zweisprachigkeit ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Gegen Halbsprachigkeit aber schon. Und das gilt vor allem, wenn die Sprache desjenigen Landes nicht beherrscht wird, in dem man lebt und aller Wahrscheinlichkeit nach auch künftig leben will.

    Abgesehen davon scheint der Erfolg von Zweisprachigkeit maßgeblich vom Bildungsgrad der Eltern abzuhängen. Insofern ist es eben weder verwunderlich noch per se anstößig, dass zu Hause Türkisch lernen allgemein eher als problematisch angesehen wird als zu Hause Französisch oder Englisch lernen und dass man ein darin ruhendes Potential weniger anerkennt.

    • 3. Juni 2011 um 12:11 Uhr
    • NKB
  5. 5.

    Deutsche Kindergärten und Schulen sollten den Ehrgeiz haben, den Kindern, die zuhause Türkisch mitbekommen, exzellentes Türkisch beizubringen – ganz wie beim Englischen oder Französischen oder Spanischen.

    Deutsche Kindergärten und Schulen haben häufig genug damit zu tun, Kindern, die zu Hause mehr oder weniger gut Türkisch “mitbekommen”, ein halbwegs passables Deutsch beizubringen. Daneben kann und wird auch an guten Gymnasien in Deutschland garantiert kein exzellentes Englisch oder Französisch vermittelt.

    Anders gesagt: Natürlich spricht absolut nichts dagegen, namentlich an Gymnasien verstärkt Türkischunterricht anzubieten. Es spricht sogar vieles dafür. Das tatsächliche Problem – nämlich die Halbsprachigkeit von Migrantenkinder – betrifft und löst dies allerdings nicht.

    • 3. Juni 2011 um 12:20 Uhr
    • NKB
  6. 6.

    >Gegen Zweisprachigkeit ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil.

    Richtig, wer sollte was dagegen haben.

    In den USA kommt aber sicher keiner auf die Idee, Einwandererkindern den Erwerb der Sprache ihrer Eltern zu finanzieren.

    Wenn es eine Diskussion in Deutschland zum Thema Zweisprachigkeit bei Enwanderern gibt, dann über genau diesen Punkt.

    • 3. Juni 2011 um 12:24 Uhr
    • Frieway
  7. 7.

    @ Frieway

    In den USA kommt aber sicher keiner auf die Idee, Einwandererkindern den Erwerb der Sprache ihrer Eltern zu finanzieren.

    Nahezu alle (Junior) High Schools in den USA bieten allerdings die Möglichkeit, Spanisch zu lernen.

    • 3. Juni 2011 um 12:31 Uhr
    • NKB
  8. 8.

    >Anders gesagt: Natürlich spricht absolut nichts dagegen, namentlich an Gymnasien verstärkt Türkischunterricht anzubieten

    Warum? Damit türkische Migranten einfacher zum Abi kommen ?

    In der deutschen Wirtschaft gibt es zwar Bedarf für Leute mit guten Türkischkenntnissen, der kann aber leicht gedeckt werden, gibt ja schliesslich Millionen türkischstämmige Menschen in Deutschland.

    • 3. Juni 2011 um 12:32 Uhr
    • Frieway
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)