Zweierlei Islamkritik

Von 8. August 2011 um 11:29 Uhr

Zurück in Berlin fällt es mir schwer, mich auf die Debatte, die wir hier seit vielen Jahren führen, nach Oslo wieder einzulassen. Noch bin ich einfach zu angewidert. Nach diesem 11. September der Islamkritik hat sich einiges zu klären.

Hannes Stein hat dankenswerter Weise in der Jüdischen Allgemeinen schon mal damit angefangen. Ich finde die Parallele zwischen dem liberalen Antikommunismus und der liberalen Islamkritik hilfreich, auch wenn ich meinerseits darauf beharren möchte, dass es einen grundlegenden Unterschied bedeutet, den politischen Mißbrauch einer Religion zu analysieren (wie im Fall des politischen Islams) – oder eben die religiöse Aufladung des Politischen (wie im Fall des Kommunismus):

Es gibt Leute, die diese Religion im Namen der liberalen Demokratie kritisieren. Und es gibt Leute, die – jedenfalls im Prinzip – nichts dagegen hätten, wenn das christliche Abendland durch eine faschistische Diktatur vor den Andersgläubigen geschützt würde.

Islamkritiker des ersten Typus wollen die Muslime in Europa integrieren – allerdings gehört zur Integration eben dazu, dass die Muslime mit Spott, mit offenem Streit und, jawohl, auch mit Mohammed-Karikaturen leben. Der zweite Typus würde die Muslime am liebsten deportieren und hegt Sympathien für Slobodan Milosevic, der in Bosnien einen antimuslimischen Genozid beging.

Nicht täuschen lassen sollten wir uns von der Israelfreundlichkeit, die rechtsradikale Islamkritiker vor sich hertragen. Damit ist es meistens ganz schnell vorbei, wenn diese Leute herausgefunden haben, dass Israelis Juden sind.

Leser-Kommentare
    • 8. August 2011 um 11:50 Uhr
    • M. Riexinger
  1. 2.

    Schön auf den Punkt gebracht von Hannes Stein. Aber davon rede ich auch schon seit Jahren: Man muss radikal trennen zwischen den faschistoiden Hetzern und den echten Islamkritikern, die an friedlichem Zusammenleben interessiert sind.

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    • 8. August 2011 um 12:13 Uhr
    • Hein_W
  2. 3.

    Was ist denn unter der “religiöse[n] Aufladung des Politischen” im Kommunismus zu verstehen? Ohne weitere Argumente kann ich darin nicht mehr als eine unzulässige Umkehr der “politischen Missbrauch einer Religion” (als ob es so etwas wie einen “gesunden” politischen Gebrauch einer Religion gäbe) entdecken.

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    • 8. August 2011 um 12:26 Uhr
    • Heinz
  3. 4.

    Herr Lau, Wir Deutsch-Türken sind schon ein wenig abgehärtet, außer vielleicht ein paar assimilierte wie Deniz Yücel und Hatice Akyün, die jetzt auf entsetzt machen.

    Das neue Phänomen ist nach Breivik Attentat, die Tatsache, dass Links-Liberale oder Liberale wie Sie, auch zu den akuten Feindbildern gehören.
    Oft liest man bei Pi, dass die “Linken”(CDÜ/SPD/FDP/Grüne/ genauso am jüngsten Tag, zur Verantwortung gezogen werden müssen.

    Norwegen, Tottenham, Kopenhagen, Frankreich, Mölln und Solingen.
    Mal sehen was als nächstes kommt

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    • 8. August 2011 um 12:33 Uhr
    • Cem Gülay
  4. 5.

    @ Cem Gülay: Gehöre seit vielen Jahren zum Feindbild mancher Kreise, das macht mir (meistens) nichts. Ich versuche, mich davon nicht beeindrucken zu lassen – auch nicht in dem Sinn, dass ich schon deshalb recht habe.

    Antworten

    • 8. August 2011 um 12:45 Uhr
    • Jörg Lau
  5. 6.

    JLau

    Ich weiß, Sie haben Mut und deshalb habe ich Respekt vor Ihnen.

    Sie haben aber Kinder, wenn Sie mich mal brauchen, dann melden Sie sich! Sie leben doch in Berlin

    Antworten

    • 8. August 2011 um 12:54 Uhr
    • Cem Gülay
  6. 7.

    Hein_W

    Gehört Sarrazin für Sie zu den echten Islam-Kritikern?!

    Auf dieser “Ebene” werden wir niemals ein friedliches Zusammenleben erreichen.

    Was sagte er noch bei Aspekte. “Warum sollte ich positives über die Türken schreiben”

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    • 8. August 2011 um 13:30 Uhr
    • Cem Gülay
  7. 8.

    Erst einmal herzliches Willkommen zurück aus dem Urlaub!
    (Bin selbst auch erst wieder seit gestern Abend zurück)

    Das Ganze, was in letzter Zeit ablief rund um die mediale Verarbeitung Breiviks Tat, ist gelinde gesagt widerlich.

    Gut zusammengefast hat es Matussek im Spiegel:
    h t t p://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,778795,00.html

    War ‘islamkritik’ ‘schuld’ an den Morden in Norwegen?

    Klaro war es das, genauso wie multikulti und islamkritik-kritik.

    Letztendlich muss man sagen, daß Breivik auf seine (höchst verwirrten) Art seine Schlüsse (als Grundlage seiner Taten) aus der sich in Gesamteuropa und primär Norwegen darbietenden Lage zog:
    er glaubte zu sehen wie Moslime in Europa unsere Grundlagen unterhöhlen, glaubte zu sehen, wie in seinen Augen vernünftige Stimmen davor warnten und darauf hinwiesen,
    glaubte zu sehen, wie ‘Kulturmarxisten’ und ‘Multikulturalisten’ diese ‘Unterhöhlung’ unterstützten und glaubte auch zu sehen, wie diese Leute jede Kritik daran als ‘rassistisch’ & Co. unterdrückten.
    Er zitierte diejenigen, die er für paradigmatisch für ‘die vernünftigen Stimmen’ hielt und benannte diejenigen, die er für ‘Feinde’ hielt.
    Ein bis dahin völlig normaler Prozess des Sich-Selbst-Einordnens (wenn auch in extremer, und wohl auch in psychologisch verquerter Weise), das eben nicht auf ein Element, hier: die Islamkritiker, rekurriert, sondern auf ein Gesamteindruck vieler sich widerstreitender Kräfte.

    Von daher ist die ‘Schuldfrage’ unsinnig, da niemand zu fassen ist, der dezitiert seiner ‘Umsetzung’ – den Morden – zustimmte oder sie wortwörtlich anregte. Es ist eine Gesamtstimmung, wie er sie wahrgenommen hat, die die Grundlage seiner Rechtfertigungen für seine Taten bildet. Etwas anderes wäre es, wenn in die Islamkritiker dezitiert zu Mord aufrufen würden an den ‘Muslimen’ oder an den ‘Kulturmarxisten’ bzw. ‘Multikulturalisten’ – und er sich primär auf diese Schriften/Leute berufen würde – dann könnte man berechtigterweise auf einen ‘Schuldigen’ weisen.
    Wohl würde es immer noch verschiedene (politische) Strömungen geben, aber es gäbe auch eben diese zum Mord aufrufende politische Richtung.
    ______________________

    Was H. Stein schreibt halte ich für sehr problematisch.

    Die Unterscheidung ‘rechtsradikale Islamkritik’ und ‘liberale Islamkritik’ ist nicht gut, denn mit ihr wird mMn. etwas getan, was wir alle besser bleiben lassen sollten, wenn wir uns diesen Problem ernsthaft widmen wollen.
    Die Grundfigur dabei, daß nicht mehr die argumentative Ebene das wichtige ist, sondern die moralische Ebene:
    kommt eine Kritik von einem ‘Rechtsradikalen’, ist sie per definitio schlecht, kommt die selbe Kritik von einem ‘Liberalen’ ist sie bedenkenswert – die Kritik selbst spielt keine Rolle mehr, sondern die moralische Integrität dessen, der sie äußert.
    Eine solche Argumentationsbasis ist selbstverständlich hochgradiger Unsinn, der eigentlich nur von Leuten normalerweise kommt, die mit ihrer ‘Kritik’ etwas anderes verfolgen als eine sachgemäße Auseinandersetzung mit einem Thema, nämlich meist die moralische Hoheit über ein Thema zu behaupten und es für ihre politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Denn implizit ist idR. dabei eben keine auf einem historische abgesicherten Ursprung basierende Definition von ‘Rechtsradikal’ gemeint, sondern ein irgendwie schwammige, nie genau definierte Bedeutung, die sich so sehr schön dazu eigend missliebige Meinungen als ‘rechtsradikal’ einordnen zu können und somit aus dem Diskurs herausdrängen zu können.
    Die Nazis oder die Rassisten (biologisch unterschiedliche Rassen behauptende Gestalten) sind damit ja kaum gemeint, sondern Leute wie Wilder, Sarrazin, Broder, bei belieben auch Kelek oder Ates – je nach eigenen Gusto, die dann mal kurz unter das moralische ‘rechtsradikal’ fallen.
    Rechtsradikal versus Liberal wird von Stein dadurch unterschieden, daß die einerseits zwischen Leuten, die einen demokratischen Rechtsstaat politisch haben wollen, und Leuten, die keine Probleme damit hätten in einer faschistischen Diktatur zu leben.
    Ok – soweit theoretische Unterscheidung – und wenn wir jetzt in die Debatten selbst gehen und nach dieser Unterscheidung die Akteure ihren Aussagen gemäß differenzieren, fällt wer unter ‘liberal’ und wer unter ‘rechtsradikal’? Broder? Wilder? Kelek? Sarrazin? Oder hier im Forum: Marriex? Miriam? Black? Freespeech? HJS? Bulut? Mete? Ich? etc…. Wer vertritt die Auffassung: Besser eine faschistischen Diktatur als die Islamisierung Europas?
    Es gibt ohne Zweifel leute die darunter fallen – aber irgendwie sehr, sehr wenige und irgendwie keiner von den maßgeblichen Stimmen der ‘Islamkritiker’.
    Also irgendwie ist dieser Maßstab, ernsthaft verwendet, ungeeignet.

    Ein zweiter Maßstab bietet Stein auch noch an: Muslime integrieren anstatt deportieren.

    Der hat auf den ersten Blick mehr für sich.
    Muslime integrieren – und das wäre nach Steins Artikel erreicht, wenn
    allerdings gehört zur Integration eben dazu, dass die Muslime mit Spott, mit offenem Streit und, jawohl, auch mit Mohammed-Karikaturen leben ” erreicht würde.
    Ist das den der Kern oder auch nur ein Schlüsselelement der Islam-Kritik? Einfach nur: liebe Moslime, werdet etwas humorvoller, lernt mal besser etwas konstruktiver mit Kritik umzugehen, und alles ist ok, mehr will doch niemand?
    Das ist doch Gaga – und das müßte doch Stein selbst klar sein.
    Bei der Islamkritik wird der Islam – oder das, was im Moment von der Mehrheit der Moslime unter Islam verstanden wird – als ursächlich für bestimmte, als kritikwürdig eingeschätzt Handlungen gewertet. Wohl weniger Kritikfähigkeit als vielmehr sowas wie Idealisierung des Propheten, als versuch islamische ‘Gesetze’ zu installieren etc…
    (sowas halt u. a.: h t t p://www.telegraph.co.uk/news/uknews/law-and-order/8686504/Sharia-a-law-unto-itself.html).

    Wollen wir Leute, die soetwas vertreten, integrieren? Wohl kaum, also wollen wir gar nicht die meisten Muslime integrieren, sondern wir wollen, daß Leute bei uns ihre religiösen Auffassungen derartig ändern, daß sie zumindest unter unsere Gesetze passen und noch besser sich in ihren Verhalten und in ihren Werten soweit anpassen, daß wir gut miteinander auskommen ohne das verschiedene religiöse Auffassungen dabei gesellschaftliche Differenzen immer wieder erneut initiieren.

    Der Unterschied ‘integrieren’ versus ‘deportieren’ drückt dabei im Grunde nur aus, inwieweit man die Hoffnung hat, daß dies auch geschieht unter der Prämisse, daß die (wachsende) Anzahl der Muslime in Europa überhaupt eine gesamtgesellschaftlich bedeutsame Auswirkung hat.
    Bevor man nun die Meinung ‘deportieren’ verurteilt, sollte man sich überlegen, was nach Ansicht von jemanden, der sie vertritt, das zukünftig eintretende Szenario wäre, zu was es also die Alternative bildet. Und wenn man dessen Meinung für falsch hält, sollte man nicht dagegen moralisieren, sondern gute Argumente auf den tisch packen, wieso es unwahrscheinlich wäre, dass es einträte, um so ihn von der Überzeugung abbringen zu können, dass eine ‘Deportation’ nötig sei.
    Man erreicht sicherlich nie alle, aber in einer Demokratie entscheiden Mehrheiten und nicht ‘alle’.
    Wie in Norwegen über 1/5 aller Wähler (Fortschrittspartei) vom politischen Prozess als ‘Schmuddelkinder-mit-denen-keiner-was-zu-tun-haben-will’ auszuschließen, indem man sie moralisch in die Ecke stellt und ihre politischen Forderungen außen vor läßt erzeugt nun mal eine Stimmung, die sehr geeignet ist solche Täter wie Breivik Vorschub zu leisten.

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    • 8. August 2011 um 13:41 Uhr
    • Zagreus
  8. Kommentar zum Thema

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