Ein Blog über Religion und Politik

Was Libyenkrieg und Irakintervention unterscheidet

Von 23. August 2011 um 12:05 Uhr

Marc Lynch erklärt in seinem Blog auf Foreign Policy, warum es falsch war und ist, mit der Erfahrung des Irakkrieges gegen die Nato-Intervention in Libyen zu sein. Ich kann nur hoffen, dass in der deutschen Regierung solche Quellen gelesen werden. Denn es ist offensichtlich, dass die Deutschen bei ihrer Enthaltung voll in die Irak-Falle gelaufen sind. Merkel hatte einst in der Washington Post Schröder für seine Zurückhaltung gegenüber den amerikanischen Invasionsplänen kritisiert, nun wollte sie offenbar selber ihre Unabhängigkeit von Amerika demonstrieren.

Nie wieder Truppen für ein humanitäres Abenteuer in der arabisch-islamischen Welt, das war ihre (falsche) Schlussfolgerung aus dem Fehler, Bush gegen Schröder unterstützt zu haben:

The Arab public embraced the Libyan uprising in February, which began less than a week after Mubarak’s fall. They saw the Libyan revolution as part of their own common story of peaceful, popular challenges to entrenched authoritarian rule. They watched in horror as Qaddafi responded with brutal military force, and as his forces advanced on Benghazi they desperately called for the world to help.

I heard a lot of skepticism about this Arab demonstration effect after the NATO intervention began. Skeptics pointed out, quite correctly, that the regimes in Bahrain, Yemen, and Syria seemed undeterred by the NATO show of force. But they generally ignored, or just didn’t care about, the overwhelmingly positive response at the time in most of the Arab public. The Arab public, watching the battle unfold on al-Jazeera and online, understood that a massacre had been prevented by the intervention.

A significant portion of American and Western commentators were quick to assume that Arabs would view the Libya intervention through the lens of Iraq. I assumed that too, at first. But the debate that I saw unfold in the actual Arab public sphere was entirely different and forced me to change my mind. While there were certainly Arab voices warning of imperialism and oil seizures and Israeli conspiracies, the overwhelming majority actively demanded Western intervention to protect the Libyan people and their revolution. The urgency of preventing the coming massacre mattered more to them, and despite all the legacies of  Iraq they demanded that the United States and the international community take on that responsibility.

As for the demonstration effect on regimes, it is worth recalling that both Syria and Yemen saw significant escalations at exactly that moment which hardly seem a coincidence. The Syrian uprising really began to take root after the regime’s heavy handed response to rising protests in Deraa on March 18.  Its violence in Deraa set in motion the cycle of repression and mobilization, which has brought hundreds of thousands of Syrians into the streets and turned Assad’s regime into an international pariah. The repertoire of escalating international condemnation, targeted sanctions, and International Criminal Court referrals now being deployed against Assad’s regime debuted in Libya.

March 18 was also Yemen’s “Bloody Friday,” when  Ali Abdullah Saleh’s forces opened fire on a large demonstration at Sanaa University. Over the following days, massive protests erupted across the country, al-Jazeera broke away from its wall to wall Libya coverage to focus on Yemen, and the defection of Major General Ali Muhsin and a host of government officials, ruling party members, and military officers made it appear that the regime’s end was near. Saleh refused to step down and Yemen descended into the grinding political stalemate it’s in today. But that shouldn’t make us forget how close Yemen was to real change in those weeks. Perhaps now there will be one final chance to push toward closure in Yemen before Saleh returns.

Libya lost its central place in the Arab public sphere as the war dragged on. Even if al-Jazeera continued to cover the war heavily, the agenda fragmented and darkened. Arab attention was consumed by new setbacks and stalemates, from the brutal repression in Bahrain to the incomprehensible stalemate in Yemen, to the escalating brutality in Syria. But over the last two days, Arab attention refocused on Libya. Arabs from Yemen, to Syria, to Morocco experienced Qaddafi’s fall as part of their own story. And they are clearly inspired, galvanized and energized.

Arab activists across the region will now likely try to jump-start protest movements which had lost momentum. Some will succeed, others won’t. (…)

Kategorien: Außenpolitik, Libyen
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Zwischen Libyen und Irak sind 8 Jahre Al-Jazeera, Internet und Handy.

    • 23. August 2011 um 13:32 Uhr
    • FreeSpeech
  2. 2.

    Was hat denn eigentlich die vehemente Ablehnung des Sturzes von Saddam in der arabischen Öffentlichkeit begründet ?

    Ein allgemeines Mitgefühl mit Despoten kann es nicht gewesen sein. Soviel wissen wir immerhin durch die Arabellion jetzt.

    Könnte die Begründung für die Ablehnung der Schaffung einer Perspektive für repräsentative und rechtsstaatliche Regierungsführung im Irak (sowie deren Sabotage nach Kräften) darin liegen, dass die überwiegenden Opfer Saddams, Kurden und Schiiten, nicht wirklich so gut angeschrieben sind im sunnitisch-arabischen Mainstream ?

    Pragmatisch wie man durchaus sein kann, haben viele arabische Machthaber die Gelegenheit ergriffen und als Begleitspiel zu ihrem ganz eigenen “Kampf gegen den Terrorismus” so manche Terroristen (in spe) gen Irak umgeleitet, so wie 15 Jahre zuvor gerne gen Afghanistan.

    Freikaufgeld und überzählig-frustrierte Söhne gegen Bagdad, offizielles Gezeter über Western occupation of Muslim lands, inoffizielles Klagen über einen Machtzuwachs des Iran.

    Immer schön glaubwürdig, aufrecht und beleidigt das Opfer spielen, auf Kosten aller Zukunftschancen und hier insbesondere des Irak.

    Jetzt kommt die Quittung: Die westsyrischen Stämme; infiltrations- und kleinkriegserfahren, wenden sich z.Tl. im Al Kaida Stil, gegen Assad. Libyens (Al Kaida-) Brega-Brigade macht mit dabei, Gaddafi den garaus zu machen und wird wohl auch danach noch zeigen, was sie im Irak alles so gelernt hat.

    Die im Irak an Marines, Kurden, Schiiten und den Anbar-Stämmen gescheiterten Dschihadisten sind jetzt back in town und toben mit durch den Arabischen Frühling.

    Wie ich meine: nicht ein Ergebnis von George Bushs Interventionslust, sondern von der asozial-antiwestlichen Haltung breiter Teile der arabischen Öffentlichkeit.

    Vor dem Arabischen Frühling gab es die Arabische Strasse.

    Und die war das Lieblingshätschelkind aller Interventionabholden; von Althippies bis zu manchem Brionigewandeten.

    Libyen wird noch schwierig, aber doch nicht ganz so ein Sumpf wie der Irak. Statt der antiwestlichen Grundstimmung gibt es ein doch weit verbreitetes Buhlen um westliche Gunst in den Machtkämpfen.

    Libyen wird kein hot-spot für Dschihadisten von Gott-weiss-woher, sondern fast alle Dschihadisten können jetzt daheim genug Beschäftigung finden. Für militante Geldströme gilt dies analog.

    Gaddafi dürfte als exzentrisch-isoliert anzuschauen sein, solange er noch irgendetwas kommandieren kann. Sein Regime ist eine kleine noch etwas flackernde Restgröße, mit der es bald vorbei sein wird.

    Es bleibt übrig die Libysche Gesellschaft mit ihren Problemen.

    Rein gerechtigkeitshalber: Ägypten hat und bekommt viel größere Probleme; ca. 15 mal soviel Leute, kein Öl, Tourismus kaputt – und Frontstaat. DAS sind Probleme.

    • 23. August 2011 um 14:51 Uhr
    • Thomas Holm
  3. 3.

    Könnte die Begründung für die Ablehnung der Schaffung einer Perspektive für repräsentative und rechtsstaatliche Regierungsführung im Irak (sowie deren Sabotage nach Kräften) darin liegen, dass die überwiegenden Opfer Saddams, Kurden und Schiiten, nicht wirklich so gut angeschrieben sind im sunnitisch-arabischen Mainstream ?

    @ TH

    Das ist ein Punkt unter mehreren.

    Die anderen sind:

    1. Sieht man von der Führung der autonomen Kurdenregion im Nordirak ab, hat keine breite inner-irakische Oppositionsbewegung nach einer westlichen Intervetion gefragt. Über das weitere Schicksal des Irak haben also – zumindest initial – allein die USA entschieden.

    2. Das und die damit zwangsweise verbundene massive Präsenz von ausländischen Interventionstruppen kränkte den arabischen Stolz und leistete dem Affekt gegen Fremdherrschaft und daneben Verschwörungsdenken und Antisemitismus Vorschub.

    • 23. August 2011 um 15:22 Uhr
    • N. Neumann
  4. 4.

    @ N. Neumann u. Thomas Holm – Ergänzung/Erweiterung zu Nr. 3:

    – Völkerrechtliche Differenzierung (Vergleich der Interventionen in Irak, Kosovo und Libyen) –

    – 1 – Der Irakkrieg war eine Invasion des Iraks durch die Streitkräfte der Vereinigten Staaten, der Streitkräfte des Vereinigten Königreichs und verbündeter Staaten in der sogenannten Koalition der Willigen im Jahr 2003.
    Gemäß der UN-Charta sind militärische Maßnahmen nur im Falle eines Beschlusses durch den Sicherheitsrat als legitim anzusehen. Dieser Beschluss erfolgte nicht.

    – 2 – Der Kosovo-Eingriff erfolgte auf Beschluss der NATO. Es gab aber keinen Beschluss des UN-Sicherheitsrats, der das militärische Eingreifen völkerrechtlich legitimierte.

    – 3 – Anders der Fall Libyen:
    Dem Beschluss des UN-Sicherheitsrates zum militärischen Eingreifen in Libyen, der Schaffung einer Flugverbotszone,
    gingen Aufforderungen an den Sicherheitsrat, einen derartigen Beschluss zu fassen, voraus seitens

    a – der Organisation der Islamischen Konferenz (engl. Organization of the Islamic Conference, OIC), eine zwischenstaatliche Internationale Organisation von derzeit 57 Staaten, in denen der Islam Staatsreligion, Religion der Bevölkerungsmehrheit oder Religion einer großen Minderheit ist. Die Organisation nimmt für sich in Anspruch, die Islamische Welt zu repräsentieren

    b – der Arabischen Liga, eine Internationale Organisation arabischer Staaten bestehend aus 21 Mitgliedsstaaten bzw. 22 Mitgliedern

    c – der Menschenrechtsorganisation Amnesty International

    [s. Nr. 282:]
    http://blog.zeit.de/joerglau/2011/03/29/die-obama-doktrin-und-das-totalversagen-der-deutschen-diplomatie_4756/comment-page-36#comment-214878

    • 23. August 2011 um 16:23 Uhr
    • Publicola
  5. 5.

    @ NN

    “hat keine breite inner-irakische Oppositionsbewegung nach einer westlichen Intervetion gefragt”

    Das waren ja auch gebrannte Kinder; die Erfahrung mit dem hängengelassenen Aufstand von 1991; ausgerechnet in Kerbela.

    Kennen Sie möglicherweise schon; ist aber immer wieder instruktiv dafür, wie ein schiitische Normalfall: nämlich Verrat, so abläuft.

    http://www.youtube.com/watch?v=AxYiLhs0Pg0

    • 23. August 2011 um 19:41 Uhr
    • Thomas Holm
  6. 6.

    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-08/westerwelle-libyen
    spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,781813,00.html

    Schon alle gelesen wahrscheinlich, aber ich lass mir das mal nicht nehmen. Sein Freund Ahmet hatte sich da auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert, aber hat doch rechtzeitig die Kurve gekriegt. Jetzt ist er der Erste in Libyen um den Leuten da zu gratulieren. Recht flexibel der kleine Mann!

    Die Türkei verlegt angeblich 2T Elite-Einheiten an die irakische Grenze. Der Tayyip hat die Schnauze voll. Nach dem Ramazanfest soll es wohl den Stinkern in den Kandilgebirgen an den Kragen gehen.

    • 23. August 2011 um 19:42 Uhr
    • Spirit of Canakkale
  7. 7.

    @ SoC

    “Die Türkei verlegt angeblich 2T Elite-Einheiten an die irakische Grenze. Der Tayyip hat die Schnauze voll. Nach dem Ramazanfest soll es wohl den Stinkern in den Kandilgebirgen an den Kragen gehen”

    Na herzlichen Glückwunsch zur gelungenen Ablenkung. Teheran dreht einmal kurz an der PKK Schraube und schon kann Assad weitermorden.

    Sogar die UNO erschien pikierter über ihre Brüskierung als Freund Erdgon.

    Extra für Sie:

    h t t p://www.youtube.com/watch?v=omoqjiJZkZQ

    h t t p://www.youtube.com/watch?v=I3ZJFogUFKQ

    • 23. August 2011 um 20:14 Uhr
    • Thomas Holm
  8. 8.

    @ NN

    “hat keine breite inner-irakische Oppositionsbewegung nach einer westlichen Intervetion gefragt”

    Das waren ja auch gebrannte Kinder; die Erfahrung mit dem hängengelassenen Aufstand von 1991; ausgerechnet in Kerbela.

    @ TH

    Das ist richtig. Ich sage auch nicht, dass es keine Argumente für den Krieg gegen Saddam gegeben hätte. Aber die in 3. indirekt genannten Gegenargumente werden damit eben nicht entkräftet. Zumal sich daraus auch der enorm hohe Blutzoll auf Seiten der verschiedenen Konfliktparteien erklärt. Ganz zu schweigen von den enormen materiellen Kosten für die USA.

    Verglichen mit Libyen folgt daraus auch: Wie stark und problematisch sich die inner-libyschen Unterscheidungslinien zukünftig auch immer erweisen werden, der massiven Unterdrückung durch das Gaddafi-Regime zum Trotz haben es unterschiedliche Libyer hinbekommen, das Regime gemeinsam zu stürzen. In Saddams Irak gab es nichts Vergleichbares oder zumindest doch keine vergleichbare Zusammenarbeit, die eben nicht allein durch die massive Unterdrückung durch das Regime nicht existierte.

    Interessenpolitisch lässt sich hinzufügen, dass die monetären Kosten für die an der Luftunterstützung für die Opposition teilnehmenden NATO-Staaten verglichen mit jenen für den Einsatz im Irak und/oder in Afghanistan ein Witz sind und in Libyen auch weiterhin keine toten westlichen Soldaten zu erwarten sind. Und auch was die finanziellen Aspekte der Aufbauhilfe anbetrifft, steht Libyen mit seinen eingefrorenen bzw. entfrorenen Auslandsguthaben in beträchtlicher Höhe, großen Bodenschätzen und ca. 6 Millionen Einwohnern vergleichsweise besser da als der Irak mit ca. 20 Millionen.

    Mal abgesehen davon, dass man eine große Totenstille à la Gaddafi verhindert hat und sich diese doch sehr erfinderische Persönlichkeit, wenn man ihn denn gelassen hätte, mit einiger Wahrscheinlichkeit wieder ein paar Dinge ausgedacht hätte, die den Westen treffen. Darunter am naheliegendsten: Freie Fahrt für Flüchtlinge übers Mittelmeer und umso engere Beziehungen zu China und Russland, die sich nach der Niederschlagung des Volksaufstands nun nicht lange hätten bitten lassen.

    • 23. August 2011 um 20:53 Uhr
    • N. Neumann
  9. Kommentar zum Thema

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