Ein Blog über Religion und Politik

Warum die arabische Demokratie einem Angst und Schrecken einjagen kann

Von 17. Oktober 2011 um 10:05 Uhr

Zwei Ereignisse der letzten Wochen haben mich aufgewühlt: das Massaker an den Kopten in Ägypten, dem zwei Dutzend Menschen zum Opfer fielen, und die wütende Mob-Attacke auf einen tunesischen Fernsehsender, der Marjane Satrapis Film “Persepolis” ausgestrahlt hatte.

Über die Ereignisse in Ägypten ist viel berichtet worden, ich kann mir die Einzelheiten sparen. Das Staatsfernsehen, obwohl es selbst mit zur Aufstachelung beigetragen hat, machte “äußere Mächte” mit verantwortlich für die Geschehnisse. Auch manche der jungen Revolutionäre wollte gerne daran glauben, dass es irgendwelche agents provocateurs waren, die die Sache ins Rollen brachten: Salafisten, von den Saudis bezahlt; Mubarak-Anhänger; Agenten des Militärs, das die Revolution in Blut ersticken möchte. Ausschließen läßt sich das alles nicht.
Doch die Frage, die die Ägypter sich stellen müssen, ist: ob die Demokratisierung in ihrem Land, wie im gesamten Nahen Osten, zu einer Herrschaft des Mobs führen wird. Und der Mob geht eben in Krisenzeiten auf Minderheiten los. Die Christen im Irak haben das erfahren, als Saddams Herrschaft beseitigt war. Die Kopten waren schon zum Ende des Mubarak-Regimes ein beliebter Blitzableiter geworden. Nun droht ihre Lage unterträglich zu werden.

Und damit bahnt sich ein fürchterliches Paradox an – dass die Demokratisierung im Nahen Osten das Ende der religiös-kulturellen Viefalt dieser Region bedeuten könnte. Schon die Entkolonialisierung hatte – zusammen mit der Gründung Israels – den Exodus der Juden aus der arabischen und weiteren muslimischen Welt vorangetrieben. Nun droht den Christen, darunter vielen der ältesten Gemeinden überhaupt, das gleiche Schicksal. Auch das steckt dahinter, wenn die syrischen Christen sich hinter Assad stellen: sie fürchten, dass es ihnen in einem Bürgerkrieg an den Kragen gehen wird, weil sich alle darauf einigen können, dass sie die fremdesten Fremden im Lande sind, und dass sie zum Opfer einer ethnischen Säuberung werden könnten.
Der tunesische Vorfall ist ebenso beunruhigend, er wurde in unseren Medien kaum aufgegriffen: der Sender Nessma TV hatte Satrapis “Persepolis” ausgestrahlt – die im Comic-Stil erzählte autobiografische Geschichte eines jungen Mädchens im Iran (und eines der großen Filmkunstwerke der letzten Jahre). Darin gibt es eine Episode, in der die junge Marjane sich mit Gott unterhält. In vielen tunesischen Moscheen war gegen den Film gehetzt worden, so dass sich in der letzten Woche ein Mob in der Hauptstadt zusammenfand. Salafisten stürmten den Sender und das Haus des Senderchefs. Dessen Haus wurde gar mit Brandsätzen angegriffen.

Die kleine Marjane streitet mit Gott. Screenshot: JL (der ganze Film kann hier auf Deutsch gesehen werden, die bewusste Stelle etwa ab der 20. Minute)

Die Islamisten hatten offenbar verstanden, dass Satrapis Kritik an den Zuständen im Iran auch auf das bezogen werden konnte, was bei ihrer Machtergreifung droht. In gewisser Weise war daher ihre wütende Ablehnung des Films erhellend und verständlich. Dass sich hunderte junger Männer mobilisieren lassen für eine Terrorkampagne gegen die Meinungs- und Pressefreiheit, ist aber erschreckend: Senderchef Karoui hat sich mittlerweile für die Ausstrahlung des Films entschuldigt: eine Schande für das neue Tunesien, obwohl man den Mann weißgott verstehen kann. Die vermeintlich gemäßigten Islamisten der Partei Ennahda haben sich zwar von den gewaltsamen Protesten distanziert und behauptet, sie träten für Meinungsfreiheit ein, aber der Wiener Standard zitiert deren Sprecher: “Wenn das Volk solche Aussagen nicht für richtig hält, dann können sie auch nicht toleriert werden. Man darf nicht religiöse Gefühle verletzen. (…) Sie gehen ja auch nicht mit einem Bayern-Trikot in den gegnerischen Block.”
Wenn das die Vorstellung von Zivilgesellschaft ist – Hooliganblocks, die sich berechtigt fühlen, jeden umzunieten, der “das falsche Trikot” trägt – dann sehe ich schwarz für Tunesien. Ennahda werden bei den Wahlen am kommenden Wochenende übrigens große Chancen zugerechnet, stärkste Partei zu werden.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Und damit bahnt sich ein fürchterliches Paradox an – dass die Demokratisierung im Nahen Osten das Ende der religiös-kulturellen Viefalt dieser Region bedeuten könnte.”

    Das erscheint nur als paradox, wenn man unrealistische Heilserwartungen an ein Abstimmungsverfahren bzw. Demokratie hatte.

    • 17. Oktober 2011 um 10:33 Uhr
    • Rolf B.
  2. 2.

    Ich verstehe die Aufregung nicht, jeder normal vernünftige Mensch, wusste, dass der “Arabische-Frühling” eine sozial romantische Märchen-Stunde war. Genauso der jetzt auch nach 10 Jahren von “Experten” zugegebene Einsatz in Afghanistan.

    Demokratie ernährt dich nicht.

    Als die Mauer fiel, da nahm die BRD 1.5 Billionen Euro in die Hand, um den demokratischen Prozess im Osten zu sichern.

    • 17. Oktober 2011 um 10:36 Uhr
    • Cem Gülay
  3. 3.

    Nessma TV gehört einem Ben Ali-Neffen, der in Kanada lebt und viele Talk-shows mit aufklärerischem Charakter schon zu Ben-Ali Zeiten gesendet hat. Was die gesamte arabische konservative Welt in Aufruhr versetzt hat.
    Der Film “Persepolis” passt genau in dieses Sender-Schema und scheint Absicht zu sein, eine Woche vor den Wahlen am nächsten Sonntag.

    Die Frauen meiner Familie in Tunis jedenfalls werden aufgrund des aggresiven Auftritts der Salafisten bei allen Freunden und Nachbarn im Viertel dafür, keinesfalls die Salafisten oder die Muslimbrüder Ennahda zu wählen.

    • 17. Oktober 2011 um 10:40 Uhr
    • Sarra Dridi
  4. 4.

    Ein großartiges (und sehr ausführliches) Interview von MJT und Armin Rosen mit Asem Tageldin, dem Herausgeber des Awesome-Magazins, über die neue ägyptische Untergrund-Kultur:

    http://pajamasmedia.com/michaeltotten/2011/10/16/the-new-egyptian-underground/

    • 17. Oktober 2011 um 11:17 Uhr
    • Serious Black
    • 17. Oktober 2011 um 11:22 Uhr
    • marriex
  5. 6.

    Haben die Bösmenschen vielleicht mal wieder rechts gehabt?

    • 17. Oktober 2011 um 11:31 Uhr
    • marriex
  6. 7.

    … @ sarra dridi, …das ist doch ein guter Anfang, und ganz viele andere werden auch demokratisch wählen. Schade auch, dass wohl immer die bösen sachen von zeitungen aufgegriffen werden (verkauft sich halt besser! wer weiss es nicht!), trotzdem hat tunis es am sonntag geschafft die doppelte menge “denker und nicht-extrimisten”, die sich vehement gegen dieses dunklen extremismus für tunesien wehren, auf die strasse zu einer pazifistischen demo zusammenzubringen, davon wird natürlich auch nicht berichtet, warum auch, ist ja zu pazifistisch, und denen, die pazifisten sind, steht anscheinend schon das wort “looser” auf der stirn eingestanzt….. heute wird in monastir gegen den extremismus demonstriert und morgen in sousse anschliessend in sfax, alle schliessen sich an, am 23. oktober werden wir wissen, ob wir es geschafft haben in die riege der demokraten einzutreten, oder ob wir dann alle demnâchst ein khalifat ertragen müssten…….

    • 17. Oktober 2011 um 11:51 Uhr
    • Gigi ben Abdeslem
  7. 8.

    “Sie gehen ja auch nicht mit einem Bayern-Trikot in den gegnerischen Block.”

    Die Reaktionäre halten einen klaren Vorsprung in der Disziplin “angepasste Kommunikationskompetenz”; mit dem Bejammern der Hinfälligkeit von aufgeschnappten Dialogfetzen offenbart der einschlägige Liberalismus eine bemerkenswert abgeschlagene Position im Rennen um die Gunst des Volksempfindens.

    “Hooliganblocks, die sich berechtigt fühlen, jeden umzunieten, der “das falsche Trikot” trägt”

    Ist das nicht direkt exekutiv-demokratisch ?

    50% von Demokratiekompetenz ist die Bereitschaft, sich überhaupt regieren zu lassen; vulgo: Macht zu delegieren und eben nicht als eigene Faust zu verwahren. Dieser eher weniger enthusiasmierende Aspekt von Demokratiekompetenz ist bei all der subversiven Stiftungsarbeit im Vorfeld des Arabischen Frühlings wohl nicht so richtig ‘rübergekommen.

    Broder und Samad führen doch bei jedem Bäckerbesuch vor, was (auch bei uns) los ist. ab 4.20

    • 17. Oktober 2011 um 11:55 Uhr
    • Thomas Holm
  8. Kommentar zum Thema

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