Ein Blog über Religion und Politik

Pakistans Kampf gegen den Terrorismus

Von 26. Oktober 2011 um 17:34 Uhr

Heute morgen gab es ein interessantes Hintergrundgespräch mit pakistanischen Militärs, Geheimdienstlern  und Politikern in Berlin. Es ging um die Sicherheitsinteressen des Landes, insbesondere im Bezug auf Afghanistan. Major General Ghayur Mahmood, der selber 2 Jahre lang eine Infanterie-Brigade in Nord Wasiristan kommandiert hat, führte das Wort. Für mich war es interessant zu hören, wie sehr sich die Pakistaner durch die zunehmende Kritik – vor allem aus Amerika – ins Unrecht gesetzt sehen.

Und die Zahlen des Generals waren in der Tat beeindruckend. 150.000 pakistanische Soldaten stehen an der Westgrenze zu Afghanistan. Aber auch sie können die über 2600 Kilometer gemeinsame Grenze mit Afghanistan nicht effektiv kontrollieren. Die Topographie sein ein “militärischer Alptraum”, sagte der General. Pakistan habe im Kampf gegen den Terrorismus 31.000 Tote zu beklagen, darunter 12.000 Soldaten. 290 Offiziere und 9 Generäle hätten bereits ihr Leben gelassen. Der ISI (Geheimdienst) hat 290 Tote zu verzeichnen, drei von 5 regionalen Hauptquartieren seien von den Terroristen angegriffen worden.

Der finanzielle Schaden des Kampfes gegen den Terrorismus für das Land wird mit 68 Milliarden US-Dollars beziffert. 1.7 Millionen Afghanen leben als Flüchtlinge in Pakistan, zeitweilig waren es bis zu 5 Millionen, und das in einem selbst bitterarmen Land. Der Krieg gegen die Terroristen bedeute eine besondere psychologische Belastung für die pakistanischen Soldaten, weil sie gegen die eigenen Landsleute (oder auch Stammesverwandten) kämpfen müssen.

Es sei sehr bedauerlich, dass die Rückeroberung des Swat-Tals durch die pakistanische Armee nicht gewürdigt worden sei: Die Region war bereits an die Taliban verloren, man habe diese entschlossen bekämpft und die Region von den Terroristen gesäubert. 2 Millionen innere Flüchtlinge hätten darum bereits zurückkehren können. Statt einer Anerkennung dieser Leistung unter großen Opfern gebe es nur Kritik und Verdächtigungen gegenüber Pakistans Armee, sie “spiele ein doppeltes Spiel”, während Pakistan in Wahrheit der Welt einen Dienst erweise.

Der General beklagte, dass die Drohnenangriffe zu viele Kollateralschäden hinterlassen und neuen Hass schüren, der sich auch gegen die Armee richte. Und man wundere sich schon sehr, dass zwar dauernd in Pakistan gebombt werde – wenn die Aufständischen sich aber über die unkontrollierbare Grenze zurückzögen, gebe es keine Drohnenangriffe auf sie. Die mangelnde Kontrolle auf afghanischer Seite sei ein großes Sicherheitsproblem für Pakistan. Bei einem Fall im April seien 500 bewaffnete Kämpfer nach Pakistan eingefallen, aus einem safe haven jenseits der Grenze.

Zur Frage des Abzugs aus Afghanistan bis 2014 war von verschiedenen Teilnehmern zu hören, man fürchte eine Wiederholung der Lage nach dem  sowjetischen Abzug: Bitte geht nicht ohne einen Plan und ohne das Vakuum zu füllen. Die afghanische Armee sei keineswegs in der Lage dazu. Sie sei auch ethnisch nicht genügend ausbalanciert, es gebe viel zu wenige Paschtunen darin. Die ANA gelte darum als anti-paschtunisch.

Ein anderer Kommandant zeigte zur Unterstreichung des guten Willens im Antiterrorkampf Bilder von einer Operation in den FATA-Gebieten. Man konnte eine Werkstatt zur Herstellung von IED’s sehen, erbeutete Waffen und tote Taliban. Der Helikopter, der die Operation von der Luft aus unterstützen sollte, musste notlanden. Er stammt aus dem Jahr 1986, als man die Pakistaner aufgerüstet hatte, damit sie den Mudschahedin gegen die Russen helfen konnten. Jetzt kämpfen sie gegen die Erben der Mudschahedin, aber immer noch mit den Waffen aus dem Kalten Krieg.

Selbst wenn man Abstriche macht – das Militär überall in der Welt pflegt über schlechte Ausstattung zu klagen – es ist etwas dran, dass die Welt einen schiefen Blick auf Pakistan wirft. Die Militärs fühlen sich von ihren Alliierten betrogen, weil ihr Land immer nur noch als Pulverfass und “gefährlichstes Land der Welt” beschrieben wird.

Wir stehen an der Front eures Kampfes, den ihr nur noch von Langley aus mit dem Joystick führt. 300 Al-Kaida Führer und Kämpfer konnten dank der Informationen des ISI getötet worden. Unsere Soldaten sterben in diesem Kampf, sagte der General.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    @ JL
    Ich glaube die Pakistanis versuchen sich irgendwie durchzuwursteln. Die kooperieren mit jedem, der zahlt und nicht viel fordert.

    Further, the Middle East Media Research Institute reports that during an official meeting, the Iranian Interior Minister, Mostafa Mohammad Najjar, has said that Pakistan would not be left alone in any eventuality, and that Pakistan’s enemy is the enemy of Iran. Clearly the Iranian Minister is referring to the “American enemy.”

    The U.S. has express its disappointment about this dangerous realignment between Islamabad and Teheran, and says it would like Pakistan to abandon the pipeline project that would bring gas from Iran. As reported by the Pakistan newspaper The Express Tribune, “the United States had made it clear that it opposed Pakistan’s decision to import gas from Iran, even going so far as to threaten sanctions if Pakistan did not withdraw from the deal.” The paper reports, however, that Pakistani officials used the U.S. opposition as an opportunity to press once again for a civilian nuclear power deal, according to which the US should provide Pakistan with nuclear technology for a civilian energy program. Such a deal with Pakistan is highly unlikely as Washington is concerned about Islamabad’s nuclear arsenal.

    http://www.hudson-ny.org/2471/pakistan-iran-alliance

    Vom März diesen Jahres:
    A looming superpower clash triggered by Pakistan?

    hxxp://www.memri.org/report/en/0/0/0/0/0/0/4999.htm

    • 26. Oktober 2011 um 18:07 Uhr
    • Serious Black
  2. 2.

    Dieses “Hintergrundgespräch” bestand dem Anschein nach aus den üblichen pakistanischen Propagandabotschaften. Wenn die Pakis davon sprechen, dass sie gegen “Terroristen” kämpfen, meinen sie damit z.B. nicht die Kräfte, die in Afghanistan, Indien oder anderem Ausland aktiv sind. Diese werden weiterhin von pakistanischen Stellen protegiert und unterstützt.

    In weniger propagandistisch angelegten Hintergrundgesprächen lassen Pakistanis dann auch zumindest indirekt durchblicken, dass man dazu keine Alternative sieht: Man wolle kein mit Indien oder den USA kooperierendes Afghanistan, der Bevölkerung gegenüber sei kein Vorgehen gegen Deobandis etc. zu vermitteln, und Indien sei der Hauptfeind, gegen den man sich nicht schwächen lassen. Die aktuelle Situation in Afghanistan wird als vorübergehendes Problem betrachtet. Man erwartet, dass die Amerikaner und die NATO nicht mehr lange durchhalten, und möchte dafür sorgen, dass pakistanische Interessen dort auch nach dem Abzug gewahrt bleiben.

    • 26. Oktober 2011 um 18:50 Uhr
    • Wachtmeister
  3. 3.

    Solange der Westen nicht mehr bereit ist, sich langfristig zu engagieren, allen Verlusten zum Trotz. Solange bleibt Pakistan vollkommen berechtigt, sich durchzuwursteln. Denn das Land muss in wenigen Jahren mit den Millionen seiner Einwohner leben, aus denen die Terroristen generiert werden. Nachdem die westlichen Truppen in Afghanistan weg sind. Und die Medienaufmerksamkeit woanders. Auch ich würde als pakistanischer Politiker die Finger von einem Vernichtungsfeldzug gegen Teile meiner Bevölkerung lassen.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • 26. Oktober 2011 um 19:25 Uhr
    • ThorHa
  4. 4.

    Beleuchten wir mal den pakistanischen Rechtsstaat:

    - ein Bodyguard ermordet die Person, die er schützen soll
    - der Richter verhängt die Todesstrafe
    - der Richter wird bedroht
    - der Richter muß aus Sicherheitsgründen das Land verlassen
    - die Todesstrafe des Mörders wird ausgesetzt

    http://www.dawn.com/2011/10/25/qadri-case-judge-sent-abroad.html

    • 26. Oktober 2011 um 20:39 Uhr
    • Serious Black
  5. 5.

    Lieber Herr Lau,

    In medias res; sehr schön.

    “Islamisierung” – ganz weit weg von jeder totalitären Utopie; einfach ein Spiel von Generalstabs-Gentlemen mit ihrer allerdings zu weiten Teilen sehr spezifisch pakistanisch “islamistisch” manipulierten Bevölkerung.

    Vor anderem Publikum ist mit Blick auf die Terroristen, von denen Pakistan sich jetzt geplagt findet, als von

    “strategic assets”

    die Rede; professionell vorgetragen, das erheischte Verständnis erntend.

    Wachtmeister kam mir zuvor und ihm soll die Ehre gebühren:

    “Man wolle kein mit Indien oder den USA kooperierendes Afghanistan, der Bevölkerung gegenüber sei kein Vorgehen gegen Deobandis etc. zu vermitteln, und Indien sei der Hauptfeind, gegen den man sich nicht schwächen lassen.”

    Wo in aller Welt steht geschrieben, dass eine Insurgenteninfrastruktur, die man gegen die Sowjets aufgebaut hat, sich mit aller Selbstverständlichkeit dann terroristisch gegen ihren SPONSOR wendet, wenn dieser die Region, nach verrichtetem gemeinsamem Werk “im Stich läßt” um sich anderen Problemen zuzuwenden ?

    Bemerken Sie nicht die Infamie dieses Sprachspiels der pakistanischen Elite ?

    Wie machen gemeinsam die Sowjets kaputt, und danach habt Ihr uns gefälligst weiter zubezahlen für unsere nächsten Ideen (Kaschmir, etc.) und wenn nicht, dann kriegt Ihr Terror, weil Ihr uns “abandoned” habt !!!

    Wie kann man den Pakistanern eine solch öbszön-infame Anspruchshaltung durchgehen lassen (frage ich jetzt den ganzen Westen) ?

    Damit die Atomwaffen nicht in falsche Hände fallen … das sind sie längst.

    “Verdächtigungen gegenüber Pakistans Armee, sie “spiele ein doppeltes Spiel””

    Haben die Herren allegations oder suspicion gesagt ?

    Ich vermute allegations – Anwürfe; ja die finden den Anwurf skandalös,
    weil sie denken, sie hätten ein Recht auf ein doppeltes Spiel; das ist
    des Rätsels Lösung. Und niemand sagt ihnen, dass sie da kein Recht auf
    ein doppeltes Spiel haben.

    “während Pakistan in Wahrheit der Welt einen Dienst erweise.”

    Aber zündeln bleibt das Hobby des Herrn Brandmeisters.

    “eine besondere psychologische Belastung für die pakistanischen Soldaten, weil sie gegen die eigenen Landsleute (oder auch Stammesverwandten) kämpfen müssen.”

    Das müßte eigentlich doch auch ein bisschen verräterisch sein. Wenn die Anti-Sowjet-Veteranen es schon normal finden sollen, den Westen, der ihnen geholfen hat, anzugreifen, dann empfinden dieses die eigenen Militärangehörigen auch so einfach als normal, weil man halt verwandt ist ?

    Übrigens: Verwandte, die von der Militärführuing als “miscreants”
    bezeichnet werden; vermutlich hat man Ihnen den Begriff erspart.

    Zu einwandfreien Manieren ist man ja bei Bedarf durchaus fähig.

    “zu viele Kollateralschäden hinterlassen ”

    Dann schauen Sie sich mal an, wie das aussieht, wenn Pakistan sich zu einer Offensive bequemt; Hubschrauber, Bomben, schwere Artillerie, bloss nicht zu nah ‘ran – und dann ein Bus Polizeischüler auf eine Panzermine fahren lassen.

    Ihnen ist klar, dass bisher jeder Journalist, der auf dieser Fährte war, ermordet wurde ?

    Ich habe hier im August mal das Bild vom “Schwanz, der mit dem Hund wedelt” für Saddam und Pakistan eingeführt und gewisse Zustimmung dafür geerntet.

    Es gibt eine Fülle von Interviewmaterial, wo diese Zusammenhänge kurz
    vor Ableben der Interviewten mehr als nur angedeutet wurden, z.B. von

    http://en.wikipedia.org/wiki/Colonel_Imam
    (Sultan Amir Tarar; died January 2011) oder
    hxxp://en.wikipedia.org/wiki/Khalid_Khawaja (1951–2010)

    und veröffentlicht aber erst nach dem Tod von bin Laden bei AJE.

    AJE hat Bilder veröffentlicht in einer Reportage von Rageh Omaar mit Panzern im überrascheden Rückwärtsgang aufgrund plötzlich aufgetauchter Zivilkommandeure…

    Was man ansonsten noch lernen kann:

    “Islamisierung” und politischer Jihad haben es nie zu mehr als nur
    blossen Spielbällen von durchaus eher “säkularen” Eliten gebracht.*

    Und Pakistan ist das skandalöseste Beispiel.

    *abweichend: Iran; für sunnitischen Extremismus soll gelten, was
    ich sage (mit OBL in Abbottabad als noch etwas offenem Fall)

    ” den ihr nur noch von Langley aus ”

    Die Flugbasen sind in Pakistan; die Joysticks soweit ich weiss, in

    hxxp://en.wikipedia.org/wiki/Creech_Air_Force_Base Nevada.

    Im Übrigen steckt hinter den afghanisch-pakistanischen Spannungen natürlich die Paschtunistan-Frage; d.h. auch schon, damit ihnen ihre miscreant-assets nicht irredentistisch auf den Pelz rücken, glaubt Pakistan, sie “beschäftigen” zu müssen. Und jeder Ex-Sponsor, der sie nicht mehr mitbeschäftigen mag, bekommt Stress.

    Das ist dann wohl die Logik, mit der sich diese Gentlemen subjektiv auch noch im Recht fühlen mögen.

    • 26. Oktober 2011 um 20:51 Uhr
    • Thomas Holm
  6. 6.

    Heute gerade ging durch die englischsprachige Presse und auf BBC die Nachricht durch, dass die TALIBAN durch den pakistanischen Gheimdienst ISI finanziert und in Camps ausgebildet werden.

    http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/asia/pakistan/8848305/Pakistan-still-running-Taliban-training-camps.html

    Da kommt die Pakistan-veranstaltung als veritable Nebelkerze einher.

  7. 7.

    @ OdaDoerffel

    Oh ja, sehr schönes Fundstück; hier im TV:

    http://www.bbc.co.uk/news/world-south-asia-15447821

    Der junge Mann bei 1.39 sieht aus, wie Shahab Dashti aus Hamburg.

    Sieht aus, als bekämen einige Talibs etwas kalte Füsse und fürchten, dass sie fallengelassen werden könnten und wollen jetzt zeigen, wie wichtig sie sind und wen sie alles kennen. Etwas naiv; aber man interviewt halt nicht immer nur die Schlauesten.

    Hier noch ein follow-up mit Dronen, die erst trafen, als man sie nicht mehr ankündigte.

    hxxp://www.bbc.co.uk/news/world-south-asia-15456858

    End-game Stimmung.

    • 27. Oktober 2011 um 00:00 Uhr
    • Thomas Holm
  8. 8.

    Hier die bei 5 erwähnten Interviews:

    I knew bin Laden: Part 1 und 2

    http://www.youtube.com/watch?v=lm4DMg1vQ7s

    hxxp://www.youtube.com/watch?v=7j5s-DZ7PD4

    • 27. Oktober 2011 um 00:22 Uhr
    • Thomas Holm
  9. Kommentar zum Thema

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