Ein Blog über Religion und Politik

Boualem Sansal im Visier der Islamisten (und des algerischen Regimes)

Von 10. November 2011 um 15:54 Uhr

Ich habe gestern den algerischen Schriftsteller Boualem Sansal kennengelernt. Er war Gast bei einem deutsch-französischen Symposium über Migration und Integration in Genshagen. Ich habe ein Panel moderiert, an dem er teilnahm. Vorher kamen wir ins Gespräch.

Ich gratulierte ihm zum Gewinn des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Es war zu spüren, wieviel ihm diese Anerkennung bedeutet. Sansal, ein erfahrener Wirtschaftsfachmann, ist vom algerischen Regime aus dem Beruf gedrängt worden, nachdem er angefangen hatte, seine kritischen Schriften zu veröffentlichen. Für seine Freunde in der Demokratiebewegung Algeriens, sagte er, sei der Preis eine Bestätigung, dass die Welt Algerien nicht vergessen hat. (Ich habe lieber nicht widersprochen, obwohl ich da meine Zweifel habe; wer will schon über noch ein nordafrikanisches Land mit noch einem Autokraten etwas wissen; hier wünschen sich ja manche schon die nächste Runde Diktatur herbei – nach dem Motto: die Araber brauchen nun mal den Stiefel im Gesicht).
Vielleicht ist so ein Preis auch ein Schutz, gab er zu verstehen. Das Regime habe kein Wort über seine Ehrung verloren. Aber dann hat er mir etwas erzählt, das mich sehr schockiert hat, und das ich deshalb auch hier weitergeben möchte: Nach der Preisverleihung bei der Buchmesse seien auf Websites der algerischen Islamisten Bilder aufgetaucht, die sein Porträt ihn mit Schläfenlocken ultraorthodoxer Juden zeigen. Er sei ein “Zionist”, werde über ihn verbreitet, und “verdiene nicht zu leben”.
Ich fragte ihn, ob er Angst habe. “Ich denke darüber nicht nach. Wenn ich damit anfange, kann ich nicht mehr arbeiten.” Heute fliegt er nach Algerien zurück. Radikale Kritik muss von innen kommen, sonst wirkt sie nicht, glaubt er.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Er sei ein “Zionist”, werde über ihn verbreitet, und “verdiene nicht zu leben”

    Ein Grund mehr, um die Palästinapolitik der israelischen Regierung zu verstehen

    • 10. November 2011 um 22:28 Uhr
    • tati
  2. 2.

    @ JL – Danke für den unterstützenden Beitrag über den großartigen Boualem Sansal!

    • 10. November 2011 um 22:44 Uhr
    • Publicola
  3. 3.

    Boualem Sansal kennt aus eigener Erfahrung die eine, nämlich konfliktuell-todbringende, Seite der Religion. Sein mutiges, lebensriskantes Anliegen ist die Einhegung dieses Hochgefahr-Areals der Religion und die Förderung der anderen, pazifizierenden, Seite der Religion.
    Dass Religion über hochaggressiv-eminentdestruktive Anteile verfügt, die nur durch die Gegenkraft der ‘ratio’ von Religionskritik, Aufklärung und Säkularismus zurückzudrängen waren und sind, war schon in der Antike bekannt.

    1 – … muss man auch mit den Islamisten ganz anders umgehen. Man ist da immer so schüchtern in Europa, weil man immer Angst hat, den Islam anzugreifen.
    Aber die Islamisten, die vertreten ja keine Religion, sondern das ist eine faschistische Ideologie.
    Dann muss man die Demokraten einfach unterstützen in unserem Land, ähnlich, wie der Westen damals die Demokraten in Ost-Europa unterstützt hat, Künstler unterstützt hat, Schriftsteller unterstützt hat, Organisationen unterstützte, Studenten unterstützte – … eine riesige Arbeit, … eine Gemeinschaftsarbeit, … damit wir dann den Kampf für Demokratie, … gemeinsam führen können.

    Boualem Sansal. “Arabische Länder brauchen Menschen mit demokratischer Erfahrung” (Interview im Deutschlandfunk – 16.10.2011)
    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1580237/

    2 – Gottlos ist nicht der, der die Götter, an welche die breite Masse glaubt, leugnet,
    sondern der, der den Göttern die Ansichten der Menge [über ihr Wesen und ihre Eigenschaften] zuschreibt.
    Denn die Aussagen der Menge über die Götter sind … lediglich irrende Vermutungen.

    Epikur (342-270 v.Chr.). “Brief An Menoikeus”

    3 – Doch ich fürchte hierbei, du mögest glauben, es könnten
    Solche Lehren vielleicht auf ruchlose Sätze der Vernunft (ratio) dich führen,
    Hin auf des Lasters Bahn. Mitnichten; öfter vielmehr war
    Jene Religion die Mutter gräulicher Taten.

    [Es folgt als Beispiel die Schilderung des rituellen Opfer-Mordes der Iphigenie durch ihren Vater und durch die Priester, um seitens der Götter für die griechische Flotte einen günstigen Wind zu erhalten]
    Solche Verbrechen rät dem Menschen die Religion an!

    »Illud in his rebus vereor, ne forte rearis
    impia te rationis inire elementa viamque
    indugredi sceleris. quod contra saepius illa
    religio peperit scelerosa atque impia facta.«
    [...]
    »tantum religio potuit suadere malorum.«
    aus: Lucretius (97-55 v. Chr.), “De rerum natura”, I, 80-101

    • 11. November 2011 um 18:18 Uhr
    • Publicola
  4. 4.

    “Radikale Kritik muss von innen kommen, sonst wirkt sie nicht, glaubt er.”
    Der radikale Islamismus hat jedoch die arabischen Gesellschaften so tiefgreifend infiziert, dass die Reaktionen auf die Ehrung des Kritikers aus dem Inneren der algerischen Gesellschaft auch prompt erfolgten: “Ausbürgerung” kann erstaunliche Formen annehmen.

    • 11. November 2011 um 21:52 Uhr
    • Marit
  5. 5.

    10 relevante Details der Biographie des algerischen Schriftsteller Boualem Sansal:

    1 – Boualem Sansal was born in Algeria in 1949.
    2 – Trained as an engineer with a doctorate in economics,
    3 – he began writing novels at the age of 50
    4 – after retiring from
    his job as a high-ranking official in the Algerian government.
    5 – The assassination of President Boudiaf in 1992 and
    the rise of Islamic fundamentalism in Algeria
    inspired him to write about his country.
    6 – Sansal writes in French and his work has won top literary awards in France.
    7 – Sansal’s latest novel, ‘Le village de l’Allemand ou le journal des frères Schiller’ ['Das Dorf des Deutschen'] is the story of two Algerian brothers who burrow into the past and discover that their father had been a Nazi officer who fled to Algeria after the war.
    8 – The book explores the fine line between Islamic fundamentalism and Nazism.
    9 – Boualem Sansal claims that Algeria is becoming a bastion of Islamic extremism and
    10 – the country is losing its intellectual and moral underpinnings [Basis].

    10-Punkt-Info-Zusammenfassung aus:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Boualem_Sansal

    • 12. November 2011 um 15:11 Uhr
    • Publicola
  6. 6.

    @ Jörg Lau

    Kann es angehen, dass auf Initiative eines Einzelnen anonymen Schreibers, der sich zuletzt “ausnahmebeitrag” nannte, und dessen Klarname vermutlich Robert Peters-Gehrke lautet, Ihr Blog der Zensur unterworfen wird?

    • 14. November 2011 um 09:14 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  7. 7.

    Lieber Herr Jörg Lau

    Warum schließen Sie die Kommentar Funktion oder löschen Beiträge.

    Wollen Sie und Ihre Freunde nicht sehen, welche ausmasse, an “braunen” Gedankengut, ein Großteil der Mitte der Gesellschaft eingenommen hat.

    Lieber vertuschen, sperren , löschen.

    Damit man ein Zeichen setzt?

    Oder es wieder zu ignorieren.

    Lassen Sie stehen, was alle Welt lesen soll!!!!!

    • 14. November 2011 um 10:05 Uhr
    • Cem Gülay
  8. 8.

    So, habe mal ein bisschen Sansal bestellt. Danke für die Empfehlung.

    • 14. November 2011 um 11:10 Uhr
    • FreeSpeech
  9. Kommentar zum Thema

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