Ein Blog über Religion und Politik

Wem gehört die Al-Azhar?

Von 5. März 2012 um 14:47 Uhr

Noch ein Beispiel aus der Reihe Paradoxien der Befreiung, die sich gerade vor unseren Augen in der arabischen Welt abspielt. Die Al-Azhar-Universität, die wichtigste theologische Autorität im sunnitischen Islam, gerät in die Mühle der befreiten ägyptischen Politik.

Bisher wurde der Scheich Al-Azhar vom Präsidenten ernannt, und zwar auf Lebenszeit. Das gab dem Regime außerordentliche Macht über diese Autorität in Glaubensfragen. Der ägyptische Islam hatte die Form einer Staatskirche, mit dem Großscheich von Gnaden des Präsidenten (ähnlich dem Erzbischof von Canterbury als vom König bestellten Kopf der anglikanischen Kirche).
Nun ist das wohl kaum mehr zeitgemäß. Starke Kräfte dringen auf die “Befreiung” der Azhar vom Staat. Ganz vorneweg dabei die Muslimbrüder und die Salafisten der Nour-Partei, die den derzeitigen Großscheich ablehnen wegen dessen Nähe zu Mubarak – und die sich erhoffen, in einer “befreiten” Al-Azhar mehr Einfluß zu haben. So könnte die paradoxe Folge der Befreiung dieser Institution sein, dass dort demnächst ein (noch) sehr viel mehr rigider, sehr viel mehr politischer Islam gelehrt wird, wie die Washington Post berichtet:
In the aftermath of the revolution, there is widespread agreement among politicians in Egypt that al-Azhar needs greater independence. The question is whether that also means a lurch toward a more rigid and less tolerant school of Islam to match the increasingly doctrinaire mood of the Egyptian people.

There is evidence that such a shift is underway and that it could go much further.

Members of Egypt’s two main Islamist groups — the Muslim Brotherhood and the Salafist Nour party — control between them an overwhelming majority in Egypt’s new parliament. Seated in January, they are already working on legislation that would strip the grand sheik of his lifetime appointment and that could give them a major say in picking a successor.

The current grand sheik, Ahmed el-Tayib, is a Sorbonne-educated scholar who emphasizes interfaith dialogue and is known for his relatively progressive fatwas, the religious pronouncements that carry the weight of law when issued by al-Azhar. But he was also a committee member in Mubarak’s hated National Democratic Party and was appointed by Mubarak himself.

Just days before the new parliament was sworn in, Egypt’s ruling generals approved a law that would authorize a committee of scholars to choose the grand sheik but that would effectively allow Tayib to pick the committee.

Politicians from Nour and the Brotherhood, who have been reluctant to challenge the nation’s military rulers on many issues, say they will fight on this one. They argue that Tayib is too closely tied to the old regime to lead an organization that will pass judgment on the religious merits of everything Egypt’s new government tries to do.

“Liberating state institutions like al-Azhar is even more critical to us than the presidential election or rewriting the constitution,” said Mohammed Nour, the Nour party’s spokesman. “Ensuring the independence of the institution that determines what is and is not Islamic is extremely important.”

Nour said the only way to guarantee genuine independence is to open up the grand sheik position to an election — one in which all al-Azhar University graduates get to vote, or even all Egyptians.

Ein Beweis dafür, dass die Azhar sich bereits voll im Modus der Radikalisierung befindet, sieht die Post in dem Auftritt des Hamas-Führers Ismail Hanije in Kairo. Der wäre vor 12 Monaten noch undenkbar gewesen. Doch nun erhielt Hanije rauschenden Applaus für seine leidenschaftliche Ansprache:

The Brotherhood’s newfound influence was on full display Feb. 24, when Ismail Haniyeh, the prime minister in Hamas-run Gaza, spoke at al-Azhar after Friday prayers. Just over a year ago, Haniyeh’s presence would have been unthinkable. Hamas, the militant Palestinian group, and the Brotherhood are part of the same Islamic movement, and both were banned under Mubarak, whose government upheld a peace treaty with Israel.

But on that day, al-Azhar gave Haniyeh a rapturous welcome. As he proclaimed from the pulpit that Hamas would “liberate” Jerusalem, home to the revered al-Aqsa mosque, the Brotherhood-dominated crowd of worshipers chanted back, “From al-Azhar to al-Aqsa we will march, millions of martyrs.”

 

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Den konservativen Islamisten, der MB, den Salafisten etc….
    Vorher wurde die arme Al-Azhar von dem “Häretiker” Mubarak gezwungen, ein kleines bisschen liberal zu sein.
    Das wurde natürlich sofort von der Islamistentruppe als “vom Staat abhängig” beklagt!!!

    Jetzt, durch den Wahlerfolg der Islamisten darf das Islamdogma “Din-wa-dawla” endlich wieder gelten.
    Alle Macht geht vom Islam aus. So wie es in Tunesien im Gange ist.
    Das haben die Menschen “im Westen” bis heute nicht begriffen, wie das funktioniert.

    Die Mechanismen des Geseelschaftssystems Islam ist jetzt im Detail zu beobachten, in fast allesn Staaten gleich. Das versteht nur, weer verstehen kann.

    • 5. März 2012 um 16:18 Uhr
    • Jana Suria
  2. 2.

    Wem die Al Azhar gehören wird? Nach allem, was man im Moment in der islamischen Welt sieht, wahrscheinlich dem, der noch frommer ist, in der Öffentlichkeit noch weniger Frauenhaut zulassen und den Sündern und Ungläubigen noch weniger Gelegenheit geben wird, sündig und ungläubig zu leben.

    @Jörg Lau:
    Herr Lau, haben Sie schon über Hamza Kashgari berichtet? Sein Schicksal könnte m.E. ein Indikator sein, in welche Richtung der arabische Raum geht. Wenn er und seine 300 Twitter-Follower begnadigt würden, wäre dies ein Signal auch an die ägyptischen Salafisten, sich zu mäßigen. Falls er und seine Follower aber bestraft, sogar hingerichtet würden, wäre dies ebenfalls ein Signal an die Region, dass in Saudi-Arabien die Konservativen Oberwasser haben.

    • 5. März 2012 um 16:29 Uhr
    • A. Ernst
  3. 3.

    Sunnitischer Islamismus, ohne ein anhängendes Revival-Projekt, ist noch nicht ganz bis zur Politikfähigkeit definiert.

    Anhängsel zu sein bedeutete: sich in Fügende und Klagende – auch generationsmäßig – zu zerspalten. Daran haben sich wohl viele gewöhnt.

    Als ungegängelter Muslim-Vatikan besteht die politische Welt aus lauter schwierigen Dilemmata: Radikaler werden, schön und gut, aber wie ?

    FGM, was denn nun frank und frei von Madame Mubarak ??

    Sufis dulden, oder Schreine zerstören ?

    Militanter “Widerstand” gegen Israel von Ägypten aus ?

    Iranische Assad-Munitionsschiffe durch den Suezkanal lassen ?

    NGO’s dulden, oder gemeinsam mit dem SCAF vergraulen; aber dann: woher soll die Kohle kommen ?

    Gaspipelines für Israel und Jordanien immer wieder reparieren,
    oder mal mit den Bedouinen reden – und das dann: mit oder ohne Militär ?

    Sudanpolitik (wg. Nilwasser) ? Pyramidentourismus ? Das Militär wegen politischer Kontrolle herausfordern, oder lieber eher nicht ? …

    Das letzte und einzige säkular-politisch ungegängelte – sozusagen sakral-souveräne – Politgebilde des Sunnitischen Islamismus – war das Taliban-Emirat; nicht so wirklich der PR-Hammer aus heutiger Sicht.

    Jerusalem “befreien”, oder lieber Damaskus (beides wird schwierig !) ?

    Vor der Radikalität kommt die Ratlosigkeit.

    Geld vom Golf wird nicht für alles reichen und wird nicht ohne Bedingungen kommen.

    Außerdem gibt es historische Belastungen im Islamismusdreieck zwischen Ägypten, den Saudis und der Türkei:

    “1818 erreichten die ägyptischen Truppen … Dariya und erzwangen … die Kapitulation der Stadt. Abdallah I. ibn Saud geriet in ägyptische Gefangenschaft und wurde an die Osmanen ausgeliefert. Am 17. Dezember 1818 erfolgte in Istanbul seine Hinrichtung. Ein Großteil des Clans der Saud wurde von Ibrahim nach Kairo deportiert.”

    http://de.wikipedia.org/wiki/Abdallah_I._ibn_Saud

    Eitel Sonnenschein im sturmfreien Sunniten-Vatikan sieht anders aus.

    • 5. März 2012 um 17:23 Uhr
    • Thomas Holm
  4. 4.

    Was Christen blüht ist irgendwie fast zwangsläufig…

    • 5. März 2012 um 17:27 Uhr
    • matosch
  5. 5.

    sorry…

    • 5. März 2012 um 17:28 Uhr
    • matosch
  6. 6.

    @ matosch

    “Was Christen blüht …”

    Das machen die heißspornigen Jungspunde auch mit ihren eigenen Traditionsanlagen, was – anders als bei den Christengräbern – allerdings altes Pulver wieder scharf macht.

    Siehe mein Post 3, unterer Teil.

    Einen historischen Altvorderen dieser Kaputtmachersekte haben sie schon mal geköpft; nach anti-Saudischem Wüstenkrieg der Ägypter im Auftrag der damaligen Osmanen 1818.

    Vom Alten Testament her betrachtet, lauert schon die Rache des Herrn der Heerscharen, sie mit Blindheit und Irrwut, Bruder gegen Bruder antreten zu lassen !

    Altes Testament-Reenactment im Heiligen Sand; Tal der Dünen, quasi !

    http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Ibrahin-pasha-english.jpg&filetimestamp=20080323054954

    • 5. März 2012 um 17:49 Uhr
    • Thomas Holm
  7. 7.

    @Jörg Lau

    Die Al-Azhar-Universität, die wichtigste theologische Autorität im sunnitischen Islam, gerät in die Mühle der befreiten ägyptischen Politik.

    Och Herr Lau, das können sie besser. Die sind nicht die höchste Autorität wie immer behauptet wird.

    @Jana Suria

    Vorher wurde die arme Al-Azhar von dem “Häretiker” Mubarak gezwungen, ein kleines bisschen liberal zu sein.

    Das Regime hat sie nur domestiziert, aber liberal waren sie noch nie. Es hat auch keinen interessiert, als Nasr Hamid Abu Zaid aus dem Land gejagt wurde.

    • 5. März 2012 um 18:25 Uhr
    • Serdar
  8. 8.

    Tu quoque, Ennahda ?

    Für Polygamie und gegen Homosexualität

    Der tunesische Minister für Menschenrechte erklärt Homosexualität zur Perversion

    http://www.heise.de/tp/blogs/8/151554

    • 5. März 2012 um 19:18 Uhr
    • Thomas Holm
  9. Kommentar zum Thema

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