Ein Blog über Religion und Politik

Was Mohammed Merah mit dem Islam zu tun hat

Von 23. März 2012 um 09:41 Uhr

Das hat nichts mit dem Islam zu tun.

Man kann es nicht mehr hören. Die Mutter des Attentäters war Salafistin, er wurde “streng islamisch” erzogen. Er war in Ausbildungslagern in Afghanistan und Pakistan. Er fühlte sich durch seinen Glauben berechtigt, nein genötigt, Juden zu ermorden, auch Kinder. Und zuvor schon hatte er Glaubensbrüder ermordet, weil sie sich für den Krieg gegen den Islam hergegeben hatten, als den er die Intervention in Afghanistan empfindet.

Nun soll das Internet stärker zensiert werden, weil dort auf islamistischen Seiten Hass gesät wird. Schön. Wissen wir denn schon, dass der Mann sich am Computer radikalisiert hat? Und ist das Problem im Griff, wenn man den Dschihadisten ein Propaganda-Instrument aus der Hand schlägt? Nein. Es ist richtig, dass Internet zu überwachen und vielleicht auch Seiten abzuschalten, sofern das möglich ist. Aber am Ende bleibt das eine Ersatzhandlung angesichts dessen, was sich in Toulouse abgespielt hat.

Alle diejenigen, die sich schon vor Tagen zu irgendwelchen Thesen haben hinreißen lassen, die französische Fremdenfeindlichkeit sei schuld (und es sei wahrscheinlich ein Täter vom rechten Rand), stehen jetzt etwas belämmert da. Sarkozy klopft in der Tat manchmal Sprüche, die degoutant sind, und von Frau Le Pen brauchen wir gar nicht erst anzufangen. Das alles ist aus anderen Gründen zu kritisieren. Aber hier hat eben nicht ein Täter die Xenophobie einer imaginierten schweigenden Mehrheit ausagiert. (So etwas kann es geben, aber man sollte sich schon über die Hintergründe der Tat sicher sein, bevor man derart weitreichende Thesen aufstellt.)

Hier wurde etwas anderes ausagiert, und das hat eben wohl etwas mit dem Islam zu tun. Die deutschen Islamverbände sind bisher nahezu unfähig gewesen, sich angesichts von Terror im Namen des Islam mit der Tatsache auseinander zu setzen, dass die Täter ihre Inspiration aus der Religion ziehen wie sie sie eben verstehen. Sie haben seit 10 Jahren hauptsächlich auf Abwehr geschaltet – nicht um die Täter damit zu schonen oder zu entschuldigen, sondern um ihren Glauben zu verteidigen (auch gegen die Dschihadisten). Sie stellen also kurzerhand den Täter außerhalb des Glaubens, außerhalb des “wahren Islams” des Friedens.

Diese Verteidigungsstrategie wirkt selbst für diejenigen, die keine finsteren Motive unterstellen mittlerweile fatal, weil sie am Ende den Dschihadisten die Offensive lässt. Es ist schlichtweg zu einfach, den wahren und den falschen Glauben einander gegenüber zu stellen. Es wirkt irgendwann einfach nur hilflos, wenn die “Islam-ist-Frieden”-Formel gebetsmühlenhaft wiederholt wird.

Wie es auch anders gehen könnte, zeigt jetzt ein Beitrag auf Islam.de von Muhammad Sameer Murtaza. Der Ort der Publikation ist interessant: die Website des Zentralrats der Muslime, der leider selber immer wieder in die Haltung der apologetischen Nichtauseinandersetzung zurückfällt. Mohammed Sameer Murtaza will das nun durchbrechen, und er tut es auf dem Forum des Zentralrats. Das ist bemerkenswert. Die historische Tiefe seiner Auseinandersetzung mit dem Wahhabismus und seinen Wurzeln, mit dem islamischen Antisemitismus und seiner Inspiration durch den völkischen Antisemitismus Europas, und schließlich mit den Ideologien der Muslimbruderschaft und den zeitgenössischen Salafisten (bis zu Pierre Vogels Präsenz in den deutschen Gemeinden) ist beeindruckend. Vor allem aber ist es wohltuend, dass jemand hier die intellektuelle und religiöse Herausforderung durch den Terrorismus annimmt, statt nur abzuwehren:

Menschen neigen dazu in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Bevor also jemand zu einem “Der Islam ist Frieden” ansetzt, sollten wir vielleicht einen Augenblick innehalten und uns klar machen, was geschehen ist. Ein junger Mann, arabischer Herkunft, der den Namen des Propheten trägt, hat gezielt und kaltblutig drei Kinder jüdischen Glaubens und einen jüdischen Religionslehrer per Kopfschuss hingerichtet. Die Namen der Kinder lauteten Gabriel, Arieh und Myriam. Sie waren vier, fünf und sieben Jahre alt. Der Name des 30-jährigen Lehrers und Vaters der beiden erstgenannten Kinder war Jonathan. Zuvor tötete der Mörder drei französische Soldaten Abel Chennouf (25), Mohammed Legouade (23) und Imad Ibn Ziaten (30), letzere beiden waren Muslime.

Es heißt im Qur’an: Aus diesem Grunde haben Wir den Kindern Israels angeordnet, dass wer einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen oder Unheil im Lande angerichtet hat, wie einer sein soll, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer ein Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten. (5:32) 

Dieser Text steht im Qur’an im Anschluss an die Erzählung der beiden Söhne Adams, Kain und Abel. Er erteilt den Gläubigen die Weisung: Du sollst nicht töten! Oder positiv formuliert: Hab Ehrfurcht vor dem Leben!   Mohammed Mehra kennt diese Ehrfurcht nicht. Im Gegenteil, bedauert er doch, dass er nicht noch mehr Menschen getötet hat. Bevor nun aber jemand in alte Gewohnheiten zurückfällt und das Argument vorbringen möchte, dass Mohammed Mehra gar kein Muslim sei, da er entgegen dem oben genannten Qur’anvers handelte und Muslime so etwas eben nicht tun, sollte er lieber schweigen. Seit dem 11. September bringen Muslime Argumente dieser Art vor, wenn irgendwo irgendetwas Schlimmes im Namen des Islam geschieht. Es ist eine bequeme Distanzierung, die es den Muslimen erspart, sich inhaltlich mit den Wurzeln der Gewalt im Namen Gottes zu beschäftigen. Menschen wie Mohammed Merah legitimieren ihre Akte der Barbarei im Namen des Islam und sie berufen sich auf den Qur’an, weil sie glauben, ein gottgefälliges Werk zu verrichten, das ihnen Eingang in das Paradies verschafft. Sie sehen sich als gläubige Muslime an und sind damit Teil der Umma und somit Teil einer unausgesprochenen innerislamischen Krise.

Seit dem 11. September haben Muslime sich verpflichtet gefühlt, den Islam zu verteidigen, indem sie die Täter außerhalb des Islam stellten. Da also religiöse Motive im Zusammenhang mit den Gräuel nicht herangezogen werden durften, um die Religion vor jeglichen Makel zu bewahren, versuchte man psychologisch Motive ins Feld zu führen. Mohammed Mehra verfährt ebenso. Er begründet seine Taten dadurch, dass er den gewaltsamen Tod palästinensischer Kinder rächen und ein Zeichen gegen die französische Militärpräsenz in Afghanistan setzen wollte.

Was bei alledem auffällt, bis heute hat sich die Mehrheit der Muslime davor gesträubt in das Herz der Finsternis vorzustoßen und eine religionsgeschichtliche Erklärung für den Terror im Namen des Islam vorzulegen. “Die” Muslime sind keine Terroristen. Aber Terroristen, die sich auf den Islam berufen, gehören in der Regel dem Wahhabismus an. Ist es also nicht längst an der Zeit, sich kritisch mit dieser islamischen Strömung auseinanderzusetzen und entsprechende Konsequenzen zu ziehen? (…)

Bald schon stand dem arabischen Leser eine Flut antisemitischer Lektüre zur Verfügung, die ausnahmslos christlichen, europäischen und amerikanischen Ursprungs war.   In dieser ersten Phase wurden antisemitische Anklagen – allerdings unter Ausschluss des Rassengedankens – einfach wiederholt. Die Muslime wurden mit dem Bild des Juden als Freimaurer, als Großkapitalist, als Kommunist, als Umstürzler und als Verschwörer mit dem Ziel der Weltherrschaft vertraut gemacht.   Dann, in der zweiten Phase, wurden diese Vorstellungen verinnerlicht, assimiliert und islamisiert. Dieser islamisch verbrämte Antisemitismus zieht sich durch die meisten Werke des Muslimbruders Sayyid Qutb und erhält durch seine sechsbändige Exegese des Qur’an fi zilal al-Qur’an (Im Schatten des Qur’an)  eine “heilige” Legitimation. Nach Qutb beginnt die Feindschaft zwischen Juden und Muslimen mit ihrer Auflehnung gegen den Prophet Muhammad in Medina. Seit die Juden militärisch geschlagen wurden, würden sie sich ununterbrochen bemühen aus dem Schatten heraus mit ihren Eigenschaften der List und der Verschlagenheit den Islam zu zerstören. So stände hinter den christlichen Kreuzzügen, die mit dem europäischen Kolonialismus ihre Fortsetzung fänden, und dem Kommunismus, der nach Qutb eine jüdische Erfindung ist, das Weltjudentum. Ziel der Juden sei die Weltherrschaft, an deren Ende nur das Judentum selber überleben soll. Der Kampf gegen die Juden sei daher zum Wohle der gesamten Menschheit.

Dieser verbrämte islamische Antisemitismus muss von Muslimen auf das Schärfste bekämpft werden. Unverständlich ist, dass Moscheen immer noch die Hass geschwängerten Werke Qutbs in den Bücherregalen stehen haben oder diese auf Büchertischen zum Verkauf angeboten werden. Aber die wohl grundlegendste Herausforderung dürfte es sein, die innere Dimension des Islam neu zu beleben. Zu sehr ist diese Religion zu einer reinen gehorsam fordernden Gesetzesreligion verkommen, die sich in den Begriffen Halal und Haram erschöpft. Der Extremismus der Wahhabiten ist ein deutliches Beispiel dafür, was passiert, wenn Religion nur noch blindes Handeln bar jedem Humanen, jeder Barmherzigkeit und jeder Vernunft ist.   Sicherlich, können die Muslime Attentate wie jenes in Toulouse nicht grundsätzlich verhindern, aber sie können sie entschiedener, nämlich theologisch und religionsgeschichtlich, verurteilen und präventive Maßnahmen ergreifen.  (…)

Ein bisschen schade ist es, dass der Zentralratsvorsitzende Aiman Mazyek offenbar die Website seiner Organisation nicht liest. Denn seine Äußerung atmet den Geist der bequemen Vermeidung, dem Muhammad Sameer Murtaza hier etwas entgegensetzen will: “In Richtung Medien appelliert Mazyek (…), nicht den Fehler zu begehen und auf der Basis der extremistischen Propaganda des Mörders die Tat zu erklären, ‘dies verhöhne zusätzlich die Opfer und kränke die Muslime weltweit’.”

Echt jetzt? Die Opfer verhöhnt man, indem man nichts über die massenmörderische Ideologie wissen will, die ihnen das Leben gekostet hat. Und wenn die Muslime nicht mehr “gekränkt” werden durch diejenigen, die im Namen ihres Gottes morden als durch diejenigen, die darauf hinweisen, dann ist ihnen nicht zu helfen.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Apropos Pierre Vogel:

    Schon etwas älter, aber man merkt deutlich, der liebe Pierre hat sich noch weiter radikalisiert.

    http://pierrevogel.de/index.php/home/viewvideo/606/statementsinterviews/statement-zu-qder-arabische-fruehlingq.html

    • 23. März 2012 um 10:18 Uhr
    • Flex
  2. 2.

    Natürlich hat das alles nichts mit dem Islam zu tun. Der Kapitalismus ist schuld, der europäische. Sagt der hier.
    In diesem Käseblatt sind inzwischen scheinbar alle durchgeknallt.

    • 23. März 2012 um 10:27 Uhr
    • riccardo
  3. 3.

    M. S. Murtaza spielt im islam.de-Artikel zur Darlegung seiner dort durchaus löblichen Ansichten lediglich das sattsam bekannte Suren-Ping-Pong-Spiel. So wird das nichts. Abgesehen davon, dass er da gegen die Masse des Korantextes und die Abrogationsprinzipien annrennen muß, liegt auch sein Problem in der Text-, Traditions- und Vergangenheitsfixierung, wo er — mit deutlichem schiitischen Einschlag, wie mir scheint — die Schlachten von gestern wieder und wieder und wieder schlagen will.

    • 23. März 2012 um 10:42 Uhr
    • Frl. Mensa
  4. 4.

    Im Libanon beklagt sich die Al Kaida-Filiale bitterlich über unanständige Angebote der Hisbollah, einfach weiter gemeinsame Opfer zu massakrieren.

    “al-Qaeda-linked Abdullah al-Azzam brigade … had received an offer by Hezbollah and the Syrian regime to “assassinate Druze leader MP Walid Jumblatt in return for the release of a number of jihadists in Syrian jails.””

    http://www.nowlebanon.com/NewsArticleDetails.aspx?ID=377701

    Warum stellt Europa nicht ein paar Hundert in Waziristan gut ausgebildete Jihadisten zum Aufmarsch gegen die Hisbollah und Assad bereit ?

    Auf dem Balkan hat man das gegen die Serbischen Nationalisten auch so gemacht; wo man nichts anderes tun mag, dann muss man halt so etwas tun.

    Europa verpennt den Dreißigjähigen Krieg, der bei den Muslimen begonnen hat; wo bleibt ein:

    hxxp://de.wikipedia.org/wiki/Armand-Jean_du_Plessis,_duc_de_Richelieu

    • 23. März 2012 um 10:43 Uhr
    • Thomas Holm
  5. 5.

    Solange die Menschen muslimischen Glaubens nicht selbst anfangen, sich mit den auch im Glauben selbst liegenden (!) Ursachen unsäglicher Terrortaten auseinanderzusetzen, wird sich die Spirale der Gewalt weiterdrehen. Weil jeder islamistische Terrorismus und die müden, reflexhaften und unglaubwürdigen Erklärungsversuche moslemischer Organisationen in Europa immer mehr Menschen in der Überzeugung bestätigen werden, der Islam sei mit einer menschenrechtsgetriebenen Gesellschaft schlicht nicht vereinbar. Das vorhersehbare Ende dieser Spirale kann sich jeder selbst ausmalen.
    Ich kann nur an mir selbst feststellen, dass sich meine ursprüngliche wohlwollende Gleichgültigkeit dieser Religion gegenüber langsam, aber sicher, in Richtung offene Feindschaft verschiebt.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • 23. März 2012 um 10:43 Uhr
    • ThorHa
  6. 6.

    @ JL

    Chapeau!

    Vielleicht sollte man sich die ganze, schreckliche Brutalität des Täters vor Augen führen:

    Er verfolgte die kleine Myriam und packte sie bei den Haaren. Als die Waffe nicht funktionierte, warf er diese weg und schoß ihr mit einer anderen in den Kopf.

    @ TH

    Eiskalte Machtpolitik vom Schlage Richelieus, will und kann sich heute kein westlicher Politiker mehr leisten.

    Wieso verpennen? Wir könnten höchstens versuchen den Konflikt in eine uns genehme Richtung zu lenken. Mehr ist nicht drin.

    Außerdem scheint es mir westlichen Politikern auch am Willen zu mangeln, dort lenkend einzugreifen. Ein Ergebnis der strategischen Desaster Irak und Afghanistan (und evtl. Libyen). Ganz zu schweigen von der Radikalisierung Ägyptens und der zunehmenden Anarchie auf dem Sinai.

    Dummerweise hat es sich Amerika sogar mit den Säkulären der Arabischen Welt verscherzt, und wird beispielsweise von den Tunesiern in einem Atemzug mit Qatar verdammt.
    http://www.worldaffairsjournal.org/blog/michael-j-totten/no-america-and-no-radical-islam

    • 23. März 2012 um 11:31 Uhr
    • Serious Black
  7. 7.

    Sehr geehrter herr Lau. Der Beitrag von Herrn Murtaza erscheint als sei er sehr einsichtig und bedenkenswert. Doch sollte Murtaza die Fortführung seines Koran-Zitates bitte nicht vergessen (5.33)

    • 23. März 2012 um 11:36 Uhr
    • Matoni
  8. 8.

    @ Frl. Mensa

    Ganz falsch, Herr Murtaza gehört eben nicht zu jenen, die ein Suren/Verse Ping Pong spielt, sondern er spricht sich für eine Metaebene aus, die quasi dem bekannten Spiel ein Ende setzt und als Schiedsrichter fungiert.

    Nachzulesen in seinem Aufsatz: Können die Weltreligionen noch einen Beitrag zum Frieden leisten? unter Punkt 3 http://islam.de/files/pdf/weltreligionen_frieden_21_03_2011.pdf

    So macht man dem Spiel auch ein Ende.

    • 23. März 2012 um 11:40 Uhr
    • Maryam
  9. Kommentar zum Thema

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