Ein Blog über Religion und Politik

Breiviks Prozess als Zerrspiegel der “Islamkritik”

Von 19. April 2012 um 16:50 Uhr

Dröhnendes Schweigen aus der Islamhasserszene begleitet den Breivik-Prozess. Verständlich. Denn was der Massenmörder da zur Begründung seiner Taten ausbreitet, enthält so viele Grundüberzeugungen der Szene, dass es einem den Atem verschlägt.

Das “Manifest” Breiviks konnte man noch abtun. Aber jetzt steht da dieser Mensch und legt seine Überzeugungen dar, die den Mord an 77 Menschen und noch mehreren, wenn es denn die Gelegenheit gegeben hätte, rechtfertigen sollen. Man möchte nun gerne glauben, das sei doch alles beliebig. Es hätten auch ganz andere Überzeugungen sein können und dann eben andere Opfer. Es findet sich immer ein Grund zum Morden! Und dass dieser Mensch seine Morde mit diesen Überzeugungen begründet, das sagt dann am Ende doch gar nichts über deren Richtigkeit oder Falschheit aus!
Merkwürdig nur: Wenn das gleiche über die Taten islamistischer Attentäter gesagt wird – dass der Islam nur eine Scheinlegitimation für Mordlust aus anderen Motiven hergebe -, dann setzt das große Hohngelächter ein: Nein, diese Leute vollstrecken bloss den Islam, sagen die Islamhasser. Die haben ganz genau verstanden, welche Botschaft sich im Koran verbirgt. Und wer das bestreitet oder relativiert, der macht sich der Verharmlosung schuldig. (Ich bin der  Meinung, dass es falsch und verharmlosend ist, “den Islam” als Motivationsfaktor auszunehmen, wie ich des öfteren geschrieben habe, ohnde dass eine Referenz auf “den Islam” per se erklären kann, was Al Kaida ist und will.)

Was Breivik getan hat, soll nun aber überhaupt nichts mit der Hasspropaganda gegen den Islam zu tun haben, die sich in einschlägigen Internetforen ausgebreitet hat? Auch in Kommentaren zu diesem Blog war schon zu lesen, da blähe sich halt ein kranker Narziss auf, der sich eine Wahnwelt aus beliebigen Teilen gebaut habe. Ist sozusagen Pech für die “Islamkritik”: Sie ist Breiviks ärgstes Opfer. Und schon wird gewarnt, jetzt werde die Redefreiheit über “den Islam” noch mehr eingeschränkt, weil jeder Islamkritiker nun in die Nähe Breiviks gerückt werde. Das stimmt zwar nicht. Aber es zeigt, wie sehr dieser Prozess diesen Teil der “Islamkritik”, der in Wahrheit kaum kaschierter antimuslimischer Rassismus ist, in die Defensive bringt. Breiviks Aussage entstellt den Geist dieser Szene zur Kenntlichkeit.

- Wie oft hat man mir hier schon die Phantasie eines kommenden Bürgerkriegs vor Augen gestellt, der durch die islamische Einwanderung unabweisbar werde?
- Wie selbstverständlich wird immer wieder suggeriert, die Kriminalität jugendlicher Täter mit islamisch geprägtem Migrationshintergrund sei in Wahrheit bereits ein Teil dieser Auseinandersetzung “des Islams” mit “dem Westen”?
- Geradezu zum guten Ton gehört in all diesen Auseinandersetzungen das Geschimpfe gegen die linksgrünen Gutmenschen (“Gutis”), die als nützliche Idioten der Machtergreifung des Islams in Europa vorarbeiten. Auch mir ist schon wie anderen Kollegen am Internet-Pranger “Nürnberg 2.0.” vorgeworfen worden, ich betriebe “Lobbyarbeit für eine fremde Macht”.
- Das Feindbild Multikulturalismus als gezielt betriebene Selbstaufgabe des Westens ist ein ideologischer Kernbestandteil der Islamhasserszene.
- Die Stilisierung “des Islams” zur völkermörderisch totalitären Ideologie, gegen die Widerstand geleistet werden müsse – das ist die zentrale Botschaft der Wilders, Spencer, Geller und Stürzenberger.
- All das kommt einem nun aus dem Osloer Gericht entgegen in verdichteter Form und zugespitzt mit der Pointe – um eine deutsche Theoretikerin der Entgrenzung zu zitieren – “natürlich kann geschossen werden“.  Kann? Muss. Das sollen wir Breivik am Ende abnehmen.

Ich habe es schon früher geschrieben und bleibe dabei: Breivik hat sich die Legitimationsgrundlage seiner Taten nicht herbeihalluziniert, er konnte sie im Netz zusammenbasteln. Er praktiziert in seinem Manifest einen Copy-und-Paste-Faschismus auf über 1.000 Seiten.

Wenn Breivik aufgrund seines apokalyptischen Weltbildes – in dem es gilt, einem alles verschlingenden Multikulturalismus auch mit Waffengewalt zu wehren – psychotisch ist und an paranoider Schizophrenie leidet, dann bewegen sich viele, die ihr Gift in den entsprechenden Foren verspritzen, ebenfalls am Rande der Geisteskrankheit.

Der Blick in den Gerichtssaal von Oslo ist der Blick in einen Zerrspiegel.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    apokalyptischen Weltbildes – in dem es gilt, einem alles verschlingenden Multikulturalismus auch mit Waffengewalt zu wehren

    Genau so. Schlimm ist für ihn, dass es keine Norweger sind. Wer dann einwandert, ist sekundär.

    • 19. April 2012 um 18:00 Uhr
    • FreeSpeech
  2. 2.

    Ich teile die Standpunkte, die in diesem Blogeintrag präsentiert werden.

    Ich habe allerdings immer eine gewisse Scheu, bei derartigen Vorfällen zu kommentieren.

    Kann irgendein Standpunkt, den ich teile, auch nur annähernd den Gefühlen der Angehörigen und Freunde der Opfer gerecht werden?

    Mal eine Frage an den Journalisten: Welche Maßstäbe gibt es hierfür?

    Das man bei Islamhassern und einschlägig bekannten “Islamkritikern” nun den Kopf in den Sand steckt, wundert mich allerdings nicht.

    Ansonsten müsste man ja Selbstkritik üben und gegen allfällige Tendenzen der Radikalisierung Stellung beziehen. Das ist nun nichts, was jemand macht, der über Monate und Jahre das Hassen geübt hat und in seiner virtuellen Peer Group zelebriert.

    • 19. April 2012 um 18:00 Uhr
    • Limited
  3. 3.

    Absolut richtig! Gute Arbeit, dieser Beitrag! Solche Gedankenkonstrukte, mit denen man bestimmte Bevölkerungsgruppen und ihre Religion pauschal zur allgemeinen Gefahr hochstilisiert, erzeugen in bestimmten Gehirnen irgendwann offenbar einen entsprechenden Handlungsbedarf. Da hilft nur eins, immer auch den eigenen Positionen gegenüber kritisch bleiben und genau überlegen, wen man warum kritisiert. Ich finde, dafür ist dieser Blogg eine sehr gute Gelegenheit. Auch ich selbst als jemand, der wohl eher in der “Guti”-Ecke zu Hause ist, frage mich immer wieder, wo ich vielleicht auch selbst zu einseitig denke. Leute wie Brevik machen da wahrscheinlich irgendwann dicht und kopieren sich nur noch Sachen zusammen, die ihre vorhandene Meinung bestätigen. Davor sollte man sich hüten!

    • 19. April 2012 um 18:08 Uhr
    • cwspeer
  4. 4.

    zugespitzt mit der Pointe – um eine deutsche Theoretikerin der Entgrenzung zu zitieren – “natürlich kann geschossen werden“.

    Richtig. Und genau um diese Zuspitzung geht es. Diese Zuspitzung macht aus einem Islamkritiker einen Breivik. Sie macht aus einem Islamophobiekritiker einen van der Graaf. Sie bildet die Grenze zwischen zivilisierter Auseinandersetzung und barbarischem Faustrecht. Diese Grenze darf nicht aufgeweicht oder relativiert werden; genauso, wie wir alles diesseits der Grenze gegen jegliche Delegitimationsversuche verteidigen müssen, müssen wir alles jenseits der Grenze aufs Härteste bestrafen.

    • 19. April 2012 um 18:10 Uhr
    • Arjen van Zuider
  5. 5.

    @cwspeer

    Da hilft nur eins, immer auch den eigenen Positionen gegenüber kritisch bleiben und genau überlegen, wen man warum kritisiert.

    Da könnte man aber zum Schluss kommen, dass man die Sache auch anders sehen kann. Und das goutiert nicht jeder. Da ist es einfacher, jeden Gedanken als Bestätigung aufzufassen, und jeden Widerspruch als Beweis, dass da einer lügt, also ebenfalls als Bestätigung. Wer da mal drin ist, kann höchstens mit Exorzismus* rauskommen – und das Verfahren in Oslo ist Exorzismus. Bei Breivik warte ich auf den Zusammenbruch.

    *Exorzismus bitte nicht im wörtlichen katholischen Sinn nehmen, sondern als Prozess, der den Betroffenen schliesslich zwingt, in den Spiegel zu sehen.

    • 19. April 2012 um 18:25 Uhr
    • FreeSpeech
  6. 6.

    Auch ich finde ihren Artikel sehr gut.

    Vor allem möchte ich mich da cwspeer anschließen:

    Absolut richtig! Gute Arbeit, dieser Beitrag! Solche Gedankenkonstrukte, mit denen man bestimmte Bevölkerungsgruppen und ihre Religion pauschal zur allgemeinen Gefahr hochstilisiert, erzeugen in bestimmten Gehirnen irgendwann offenbar einen entsprechenden Handlungsbedarf.

    Tja, und wenn das muster nun gilt, ist es ja nicht irgendwie nur üper natur auf die ‘islamkritikerszene’ beschränkt und wir schauen uns doch mal um, wo wir dieses Muster sonst noch finden.
    Und siehe da “ Solche Gedankenkonstrukte, mit denen man bestimmte Bevölkerungsgruppen und ihre Übrzeugungen pauschal zur allgemeinen Gefahr hochstilisiert, wie z. B. der Westen, die westliche freiheit, das christentum , erzeugen in bestimmten Gehirnen irgendwann offenbar einen entsprechenden Handlungsbedarf. ” – und da müssen wir einfah nur einmal schauen, was so in diversen muslimischen kreisen für ansichten ausgetauscht werden…. z. B. über Israel, z. B. über den Westen und seine Freiheitsvorstellungen.

    Und wenn wir schon dabei sind, können wir und doch gleich unter genau dieser art von Konstrukt-aufbau mal die Linken anschauen – die haben bisher keinen Mörder hervorgebracht – aber muss es gleich ein Mörder sein, oder kann es nicht vorher schon auswirkungen haben, wie z. b. eine einseitige verherrlichung und beschönigung von erzkonservativen religiösen, kollektivistischen und partriarchalischen Strukturen, die im gewand von religion daherkommen?
    Und wenn wir den Hinweis der verbindung zwischen breivik und diversen islamkritischen Äußerungen und meinungen gelten lassen, warum sollte das nur für die eine seite gelten – von daher sollten wir mal anerkennen, dass wir den vorwurf einer verbidnung zwischen meinung und äußerungformen dieser meinung auch hier finden:
    “Geradezu zum guten Ton gehört in all diesen Auseinandersetzungen das Geschimpfe gegen die linksgrünen Gutmenschen (“Gutis”), die als nützliche Idioten der Machtergreifung des Islams in Europa vorarbeiten. Auch mir ist schon wie anderen Kollegen am Internet-Pranger “Nürnberg 2.0.” vorgeworfen worden, ich betriebe “Lobbyarbeit für eine fremde Macht”.
    - Das Feindbild Multikulturalismus als gezielt betriebene Selbstaufgabe des Westens ” – denn das ist ein vorwurf zuerst ienmal und kein ideologiepunkt.
    Ein vorwurf, dass bestimmte leute eine gefahr nicht wahrnehmen wollen und darum bestimmte handlungen , die man als steigbügelhalter durchaus dann auch titulieren kann – genauso wie ja im vorwurf an die islamkritiker der darin besteht das dise quasi steigbügelhalter für einen breivik wären.
    Die feststellung, dass die begründungen für extreme taten wie z. b. die von breivik nicht vom Himmel gefallen sind, sondern (meist in abgschwächter form) von anderen vertreten werden, stimmt durchaus – nur gilt dies für alle lager – und dann kann durchaus auch einmal sich fragen, wo finden wir denn am meisten ‘ergebnisse’ von “Handlungsbedarf von bestimmten gehirnen” – denn die frage nahc dem quantitativen auftreten solcher ‘handlungsbedarfs-ergebnisse’ ist dabei durchaus legitim und fällt auch durchaus ziemlich eindeutig aus.

    Von daher begrüße ich ihren Artikel – denn sie haben gerade auch ein verallgemeinerbaren zusammenhang hingewiesen.

    • 19. April 2012 um 18:28 Uhr
    • Zagreus
  7. 7.

    @ zagreus: Wie kommen Sie denn darauf, dass die Linken noch keinen Mörder hervorgebracht haben? Ich habe bewusst Ulrike Meinhof zitiert in den Text. Drücken Sie mal auf den Link ” natürlich kann geschossen werden”, da kommen Sie zu Meinhofs Begründung, warum “Bullen” keine Menschen sind und erschossen werden dürfen. Und so kam es dann auch.

    • 19. April 2012 um 18:35 Uhr
    • Jörg Lau
  8. 8.

    @ Lau

    “Wie kommen Sie denn darauf, dass die Linken noch keinen Mörder hervorgebracht haben?”

    sorry, mein fehler – die linke hat (gerade man man historishc ihre verschiedneen spielarten anschaut9 sehr viele mörder hervorgebrahct.

    ich meinte die linke hat keinen mörder gegenüber islamkritikern (oder gegenüber islamisten) in der letzten zeit hervorgebracht – udn auch nicht gegenüber ihre ‘üblichen feinde’ (kapitalisten etc…).

    ” natürlich kann geschossen werden”, da kommen Sie zu Meinhofs Begründung, warum “Bullen” keine Menschen sind und erschossen werden dürfen” (ich hatte nicht auf den link gedrückt) – denke ich, können sie früher schon ansetzen. bei ‘Bullen sind keine menschen’ haben sie bereits eine vollzogene Begründung (hier : rechtfertigng) für einen Mord. Aber bereits bei der ansicht, dass es ein schweinesystem gebe, dass die bürgerliche gesellschaft im wesentlichen (vom psychoanalytischen Standpunkt aus) faschistisch wäre (marcuse) und ähnliche konstrukte legen eine bekämpfung als legitime auseinandersetzung bereits nahe –> und damit ist es bei einer entsprechenden Kommunikation nur eine Frage der Zeit, bis sich irgendjemand radikalisiert (oder wenn man es so haben will: bis jemand mit mörderischen trieben diese argumentation als rechtfertigung aufgreift).
    Übrigens funktionieren dämonisierungen genauso gut als argumentationsgrundlage.

    • 19. April 2012 um 18:47 Uhr
    • Zagreus
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)