Ein Blog über Religion und Politik

Können Islamisten Liberale sein?

Von 14. Mai 2012 um 15:41 Uhr

Der türkische Kolumnist Mustafa Akyol (Hürriyet, Star), stellt in der New York Times die Frage der Zeit:

Even the ultra-Orthodox Salafis now have deputies sitting in the Egyptian Parliament, thanks to the ballots that they, until very recently, denounced as heresy.

For those concerned about extremism in the Middle East, this is good news. It was the exclusion and suppression of Islamists by secular tyrants that originally bred extremism. (Ayman al-Zawahri, Al Qaeda’s leading ideologue, was a veteran of Hosni Mubarak’s torture chambers.) Islamists will become only more moderate when they are not oppressed, and only more pragmatic as they face the responsibility of governing.

But there is another reason for concern: What if elected Islamist parties impose laws that curb individual freedoms — like banning alcohol or executing converts — all with popular support? What if democracy does not serve liberty?

 

Die drängendste Frage, so Akyol, sei nicht, ob Islam mit Demokratie vereinbar ist – sondern mit Liberalismus – mit einer freiheitlichen Ordnung, in der die Rechte der Individuen garantiert sind:

The real debate, therefore, is whether Islam is compatible with liberalism.

The main bone of contention is whether Islamic injunctions are legal or moral categories. When Muslims say Islam commands daily prayers or bans alcohol, are they talking about public obligations that will be enforced by the state or personal ones that will be judged by God?

Akyol zitiert das ambivalente  Beispiel der Türkei, in der die AKP lange Zeit viel für die Verbesserung der Rechtsstaatlichkeit getan hat. Nun aber scheint sie immer stärker den Staat, den sie beherrscht, als Werkzeug zu begreifen, der Gesellschaft die eigenen Werte aufzuzwingen.

Darum gebe es auch in der Türkei, meint Akyol, “reasons to worry that illiberal democracy could emerge. For Turkey still suffers from a paranoid nationalism that abhors minority rights, a heavy-handed judiciary designed to protect the state rather than its citizens, and an intolerant political culture that regards any criticism as an attack and sees provocative ideas as criminal.

These obstacles to liberal democracy are unrelated to religion though; they are the legacy of years of secular but authoritarian politics. But the A.K.P., which has been in power for almost a decade and has introduced important liberal reforms, has lately let its progressivism wane. The party has absorbed some of the traditional illiberalism of the establishment in Ankara, the capital, that it now fully dominates. It has not been too Islamic; it is just proving to be too Turkish.”

Die Herausforderung der AKP, darin gewissermaßen die Avantgarde der islamisch geprägten Parteien, die in der Region nun an die Macht kommen, besteht darin, den Staat nicht als Instrument der tugendhaften Volksmassage zu betrachten. Sie müsse die bürgerlichen Freiheiten verteidigen, darin eingeschlossen die “Möglichkeit zur Sünde”, statt die Staatsgewalt zur Verbreitung ihrer Werte zu benutzen.

And as new questions about religion and public life emerge — Should schools promote Islam? Should alcohol sales be restricted? Should the state instruct private TV channels to uphold “moral values”? — the government must protect civil liberties, including the “freedom to sin,” and constrain those who seek to use state power to impose their values on others.

Leser-Kommentare
  1. 393.

    @MRX

    Jo, ich weiß, wenn es kalt ist, ist es Wetter, wenn es warm ist, ist es Klima.

    Wetter ist ein chaotisches System, das von seinen Ausgangsbedingungen abgeschätzt wird, Klima eines, das von seinen Randbedingungen her eingeschatz wird. Deshalb hat beides nichts miteinander zu tun. Und würden die Klimatologen tatsächlich die zunehmende Anzahl (!) von Wetterextremen so auschlachten wollen wie sie ihre Heizkostenabrechnung, wäre der shitstorm unbeschreiblich. Aber um Methodentreue braucht sich hier nur eine Seite zu kümmern, nicht wahr? Bei der anderen braucht es nur noch Lacher.

    Sozusagen nachgeholte Volksabstimunegn über den Euro. Vorher wäre billiger gewesen.

    Erstaunlich, das eine derartig eschatologische Gesinnung heuer so viele Leute vom Kollaps schwärmen lässt. So eine Art soziologer Minsky-Moment. Was machen sie eigentlich, wenn ihr told-you-so überhaupt keinen mehr interessiert, weil andere Probleme plötzlich dringlicher sind?

    • 18. Mai 2012 um 11:49 Uhr
    • Boothby
  2. 394.

    soziologer Minsky-Moment

    soziologischer Minsky-Moment. sry

    • 18. Mai 2012 um 11:50 Uhr
    • Boothby
  3. 395.

    PS (@ Zagreus)

    Die entwicklung (…), daß letztendlich der Gläubige gott persönlich, ohne alle vermittlung, gegenübertritt (…). Er allein ist zuständig für sich allein dafür sich mit Gott auseinander zu setzen – und gott wiederum ‘beschäftigt’ sich dabei nur mit ihm.
    Ausgeschaltet sind dabei (…) vermittler

    Ist im Islam von je her so. Kirchliche Instanzen gehen ihm ab, am ehesten noch im schiitischen Islam zu finden bzw. rechtlich gesehen im taqlid-Konzept.

    http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_deceased_Maraji

    Kleine Randnotiz:

    Als Chomeini sein velayat-e faqih “präsentierte”, gab es sechs “Marja’as” in der islamischen Welt, fünf von ihnen lehnten die “Herrschaft des oberen Rechtsgelehrten” ab, der sechste war Chomeini selbst…

    • 18. Mai 2012 um 11:51 Uhr
    • MM
  4. 396.

    Ägyptens netter Islamist

    hxxp://www.zeit.de/2012/21/Aegypten-Wahl/komplettansicht

    Ein paar Ansichten von Thumanns netten Islamisten:

    Abdel Moneim Abul Fotouh also denounced al-Qaida leader Osama Bin Laden’s assassination by U.S. special forces as an act of “state terrorism,” in a late Saturday Egyptian television interview.

    Abul Fotouh, a front runner in the May 23-24 election according to polls, had earlier described Israel as an “enemy” in a televised debate with his main contender, former foreign minister and Arab League chief Amr Moussa.

    In Saturday’s interview with the private Egyptian CBC satellite station, he said he had opposed the treaty since its implementation. “I still view the peace treaty as a national security threat to Egypt, and it must be revised.”

    [...]

    A moderate Islamist with support from both hardline fundamentalists and liberals, Abul Fotouh refused to describe Bin Laden as a terrorist, saying the term was used by the United States to “hit Muslim interests.”

    http://www.naharnet.com/stories/en/40072-leading-egypt-candidate-slams-israel-as-racist-state

    • 18. Mai 2012 um 11:51 Uhr
    • Serious Black
  5. 397.

    Dann hat er sie an die Stoßstange seines Autos gebunden und ist so lange durchs Dorf gefahren, bis sie tot war.

    Der Mann glaubt wohl auch noch daran, nach seinem Ableben in den “yesidischen Himmel” zu kommen.

    Mit so einem Karma tippe ich eher auf Wiedergeburt als fußkranke Kakerlake, so ca. tausendmal hintereinander…

    • 18. Mai 2012 um 12:07 Uhr
    • tati
  6. 398.

    @Zagreus 363:

    Haben Sie heute Schwierigkeiten mit Ihrer eigenen Logik? Sie haben gerade, mit sehr vielen Worten, selbst bestätigt, dass es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen einer Religion und Ehrenmorden gibt. Aber vermutlich ist Ihnen das nicht aufgefallen.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • 18. Mai 2012 um 12:09 Uhr
    • ThorHa
  7. 399.

    @Bellfrutta:

    Nochmal, im Grunde geht es bei Ehrenmorden um Apostasie, also der Abfall vom Glauben

    Umgekehrt wird ein Schuh draus: Der Islam ist in einer Stammesgesellschaft entstanden. Schon vor dem Islam galt: Wer den Stamm verläßt oder gegen die Regeln, die seinen Zusammenhalt garantieren, verstößt, der gefährdet den Stamm und muss sterben. Seit Mohammed lautet in den islamisierten Stämmen eine dieser Regeln: Jedes Stammesmitglied ist Muslim. Wer den Islam verläßt, der verläßt auch den Stamm und muss deshalb sterben.

    Der Unterschied zwischen “Ehrenmorden” an Männern und Frauen liegt, wie Miriam begründet hat, am unterschiedlichen Ehrbegriff. Männliche Ehre ist graduell, ein Mann kann die Schande, die er über seine Familie gebracht hat, mit ehrenvollen Taten auch wieder ausgleichen. Weibliche Ehre ist binär, sie wird erworben durch Geburt und kann im Lauf des Lebens nur verloren werden – der einzige Weg, diese Schande zu tilgen, ist der Tod.

    • 18. Mai 2012 um 12:15 Uhr
    • Arjen van Zuider
  8. 400.

    Ägypten – Abdel Moneim Abul Fotouh – Was Wunder, dass nachdenkende Ägypter keine Wahlempfehlung abgeben (können):
    1 – Sandmonkey weist als Begründung auf die Douglas-Adams-Parabel von den “Lizards” hin
    http://www.sandmonkey.org/2012/05/07/the-lizard-parable/

  9. Kommentar zum Thema

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