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Boaulem Sansal in Jerusalem: So fängt Frieden an

Von 27. Mai 2012 um 12:51 Uhr

Boualem Sansal, der algerische Schriftsteller, der letztes Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gewann, hat etwas Einfaches und doch Außergewöhnliches getan: Er ist nach Jerusalem gereist, um dort  an einem Literaturfestival teilzunehmen. Für einen Algerier ist eine direkte Reise nicht möglich, also nahm er den Weg über Paris. Jenseits der praktischen Probleme einer solchen Reise bringt sie noch ganz andere mögliche Folgen mit sich: Wer sich einen israelischen Stempel in seinen algerischen Pass machen lässt, stempelt sich damit selbst zum Verräter in den Augen der Behörden, vor allem aber der radikalen Islamisten, ab.

Wie ich hier berichtet hatte, war Sansal letztes Jahr zur Zielscheibe einer widerlichen antisemtischen Kampagne geworden (ohne freilich selbst Jude zu sein, es reicht als “Judenfreund” zu gelten). Die Antwort dieses Autors: Jetzt erst recht nach Jerusalem. Über seine Reise hat er einen ersten  Bericht geschrieben, den ich sehr beeindruckend finde. Mit solchen Gesten menschlicher Größe fängt der Frieden an.

“Haltet euch vor Augen, dass sie mich keiner geringeren Sache anklagen als des Hochverrats an der Arabischen Nation und der islamischen Welt im allgemeinen. … Das sind die Leute von der Hamas, gefährliche und berechnende Leute, die das ganze Volk von Gaza zur Geisel genommen haben und es Tag für Tag seit Jahren ausplündern, hinter verschlossenen Türen, wie es ihnen die israelische Blockade ermöglicht; und nun wollen sie uns diktieren, was wir zu denken, zu sagen und zu tun haben, uns, die wir uns mit allen Mitteln befreien wollen…”

Sansal beschreibt seine Erfahrung Jerusalems als Gründungsort aller dreier monotheistischer Religionen (ja, auch des Islams), er beschreibt, wie er die Grabeskirche, die Kotel und auch denTempelberg besucht. Ein Wächter des Waqf kontrolliert seinen Pass um festzustellen, ob er auch Muslim sei. Aus dem grünen algerischen Pass leitet er es folgerichtig ab. Er hat noch nie einen Algerier gesehen. Sansal rezitiert eine Koranstelle zum Erstaunen des Wächters:

“Das ist amüsant, wie mein kleiner Pass mir hier die Grenze zum heiligen Ort ffnet, während im Schengen-Raum der schlichte Anblick eines grünen Passes eher die Magengeschwüre des Zöllners öffnet.”

Während seiner fünf Tage und Nächte in Israel, schreibt Sansal, habe man nicht ein Mal vom Krieg gesprochen. Vielleicht weil es nicht möglich ist, zugleich vom Frieden und vom Krieg zu sprechen?  Es hat ihm leid getan, dass kein Palästinenser bei dem Festival dabei war, denn schließlich müsse der Frieden zwischen Isarelis und Palästinensern gemacht werden.

“Ich bin weder mit den einen noch mit den anderen im Krieg, und zwar weil ich sie beide liebe, auf die gleiche Art, wie Brüder seit Anbeginn der Welt. Ich wäre entzückt, eines Tages auch nach Ramallah eingeladen zu werden, zusammen mit israelischen Autoren, denn dies ist ein schöner Ort um vom Frieden zu sprechen und von dem berühmten ersten Schritt, der es erlaubt, ihn zu erreichen.”

 

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Jerusalems als Gründungsort aller dreier monotheistischer Religionen (ja, auch des Islams)”

    Quark mit Soße, Jerusalem ist nicht der Gründungsort des Islams. Warum müssen Linke immer wieder bestätigen dass sie nichts von Fakten und Realität halten.

    • 27. Mai 2012 um 13:44 Uhr
    • Bellfruta87
  2. 2.

    Hut ab angesichts derartiger Geradlinigkeit und so viel Mut!

    • 27. Mai 2012 um 14:18 Uhr
    • Bredow
  3. 3.

    1 – Dank an Jörg Lau für den Beitrag –
    2 – Chapeaus für den phantastischen Boualem Sansal –
    3 – Jerusalem historisch früheste Qibla, Kaaba in Mekka historisch folgend zweite Qibla –

    »The sanctity of Jerusalem enters the Islamic tradition directly, Muslims believe, with the Qur’an’s mention of Muhammad’s mystical night journey (isra’), during which he was transported from the “sacred mosque” (al-masjid al-haram) in Mecca to the “farthest mosque* (al-masjid al-aqsa), whose “precincts We have blessed” (17:1) …

    The earliest Islamic sources date the isra’ to the year before the Hijra, at a time when the Prophet and the small Muslim community turned towards Jerusalem in prayer.
    Jerusalem remained the qibla [Gebetsrichtung] following the Hijra, when the first mosques were established in Medina.

    It was changed to Mecca some seventeen or eighteen months after the migration …

    The shift in the qibla is commonly cited by orientalists as marking the decisive “break” from the Jews and the launching of the independent Muslim umma that was discussed earlier … «

    From: Allen, Edgar (2004). States, Nations, and Borders: The Ethics of Making Boundaries. Cambridge University Press, p. 192
    http://books.google.de/books?id=bntCSupRlO4C&pg=PA192&dq=Al-Masjid+Al-Aqsa&sig=ACfU3U15-oGqEXojWUE6QOFaySZfwjO6dg&redir_esc=y#v=onepage&q=Al-Masjid%20Al-Aqsa&f=true

  4. 5.

    Herr Lau,

    „ohne freilich selbst Jude zu sein, es reicht als “Judenfreund” zu gelten“

    Ist ja hier im Westen nicht anders, umgekehrt natürlich, wie man an zahlreichen unverschämten Kommentaren hier im Blog ersehen kann, wo Apartheidsunterstützer der israelischen Besatzung Juden anklagen, Israel zu „verraten“. Ich denke da auch beispielsweise an Naomi Klein, die vor nicht allzulanger Zeit hier einer Hetzkampagne ausgesetzt war, in der ihr mit übelster Verlogenheit der Nazislogan „Kauf nicht bei Juden“ unterstellt wurde, obwohl ihre tatsächliche Aussage unmissverständlich „Kauft nicht aus dem Land Israel, solange die das Völkerrecht brechen“ gelautet hat. Im Zusammenhang mit der im letzten Artikel angesprochenen Heuchlerei des Westens sollte für manche dieser Zusammenhang sehr bedenkenswert sein. Auch die Überschrift eines Artikels

    h t t p://blog.zeit.de/joerglau/2011/09/26/palastinas-freunde_5120

    könnte in diesem Zusammenhang nochmal überdacht werden, zumal es bei dem dort angesprochenen nicht um „Freundschaft“ geht, sondern nur um die Anerkennung von Rechten.

    Der Einsatz des Schriftstellers ist sehr zu loben, wird aber dem Frieden eher weniger helfen können. Es ist nur natürlich, wenn man in seiner emotionalen Meinung so „hin und her“ gerissen ist, das man die Fakten verdrängt, und je nach Gefühlslage gerade nach dem argumentativen Strohhalm greift, der einem ein wenig Hoffnung für das gibt, was man sich am liebsten wünscht, den „Frieden“. Ob man sich nun den Frieden wünscht, begründet durch die historische Schuld Deutschlands, die jüdischen Kolonialisten, nach Palästina getrieben zu haben, die dann die Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben haben, also letztendlich für das leid der Palästinenser mit verantwortlich zu sein, oder durch humanistische Motive, die Palästinenser nicht mehr ihrer Menschenrechte durch die über 40 Jährige israelische Gewaltherrschaft beraubt sehen zu wollen, oder durch einen zivilisatorischen Anspruch, seinen „Freund“ Israel von der Ausübung weiterer Verbrechen abhalten zu wollen, ist dabei für das Gesamtziel ziemlich egal. Dies spielt nur aus individueller Sicht eine Rolle.

    Frieden wird man aber mit den im Artikel erwähnten Aktionen nicht erreichen können, weil ein Frieden zwischen den seit 40Jahren durch Israel ihrer Menschenrechte beraubten Palästinenser und den mit Gewalt seine Unterdrückung aufrecht haltendem Israel systemtheroretischen Modellierungen unterworfen ist.

    Israel, welches bisher keine Anstalten macht, die 40 Jährige Apartheid in den besetzten Zonen irgendwann beenden zu wollen, vielmehr die Existenzgrundlage der Palästinensischen Freiheit kontinuierlich ohne Pause zu zerstören versucht, und die palästinensischen Israelis in Israel immer weiter zu entrechten versucht, ist derjenige, der den Schlüssel für Frieden in seiner Hand hält!
    Algerische Schriftsteller werden in Israel noch viel weniger bewirken können, als es Israelis wie Barenboim, Avneri und Levy schon tun. Die Besatzung ist schon Selbstzweck geworden ist. Neben den vielen religiösen Wahnsinnigen Israels, die “Gottes” Wort im Ohr wähnen, die Palästinenser als rechtlose Untermenschen sehen zu dürfen, und so zu behandeln, gibt es ja auch noch die vielen anderen Interessengruppen, für die die Besatzung ein sehr lohnendes Geschäft geworden ist. Zum einen die auch von uns getätigte Militärhilfe für die Besatzung und auch der damit vverbundenen Verbrechen, dann der durch die Besatzungstechnologie gewonnne Export, und auch der mit brutaler Gewalt erhaltene Absatzmarkt in den besetzten Zonen für israelische Produkte.

    “Today, Israel’s three main sources of income are dependent on a continued conflict and occupation: the 6.5 billion military and security exports, the 6 billion US and other western direct aid, and 3 billion from the captive markets in the West Bank and Gaza.”
    h t t p ://palestinechronicle.com/view_article_details.php?id=16593

    Sansal wird nur Repressalien ertragen müssen, ohne was erreichen zu können, denn solange Israel die Palästinenser mit unserer und sonstiger westlicher Hilfe derart ihrer Menschenrechte und ihres Eigentums beraubt, ist das Apartheidsisrael für die Propaganda in den arabischen Ländern viel zu wertvoll, als da irgendeine Veränderung zu der Haltung zu Israel zu erwarten sein kann. Nichts zeigt die wesliche Heuchlerei gegenüber islamischen Ländern so deutlich wie der unleugbare Besatzungs- und Menschenrechtsraubsupport des Westens in Israel!

    Ganz abgesehen von dem Umstand, dass wenn sich Israel seinen historischen und gegenwärtigen Verbrechen gegen die Palästinenser stellt, Länder wie Algerien sich auch mit den Umständen beschäftigen müssten, die zu der Auswanderung der Juden aus diesen Ländern nach Israel geführt haben. Auch wenn das weit weniger Gewaltgeprägt war, als die Nakba.

    Kommen wir zum Kern zurück. Israel ist allein(!) Herr über den Frieden und auch mehrere Sansals würden in Israel nichts Nennenswertes zum Frieden bewirken. Israel hat sich eingerichtet, die Besatzung noch Jahrzehnte fortzuführen, bis der Eroberungsplan Palästinas abgeschlossen ist. Es hat sich eingerichtet, die Palästinenser und den Westen wirtschaftlich auszubeuten. Zum einen durch die direkte Militärhilfe und zum anderen durch die Subventionierung der israelischen Wirtschaft durch mit westlichen Hilfsgeldern finanzierten Waren für Palästinenser.

    Israel hat sich auch darauf eingerichtet, dass lauter Propagandisten hier im Westen die Besatzung entweder durch eine Begründung des „Anspruchs“ auf Unterdrückung “erfolgreich” unterstützen oder dass andere wegen Realitätsferne predigen, dass irgendwelche Schriftsteller wie Sansal irgendwie was bewirken könnten, ohne zu bemeken, dass letztendlich nur Beschwichtigung den Blick auf das reale Problem, den Israelischen Eroberungsplan und der Tilgung Palästinas von den Landkarten kaschiert. Funktioniert ja gut, zumal es die Beschwichtiger schaffen, Animositäten gegen den Iran mit genau diesem Vorwurf (“Lankarte tilgen” zu wollen) zu schüren, während dies nur ein fiktives Problem ist, aber zu dem tatsächlichen Tilgen Palästinas aus den Landkarten durch Israel nur beschwichtigende Worte finden.

    Frieden kann es nur geben, wenn man die Probleme klar benennt, die das Völkerrecht brechende Verhalten Israels inklusive dem Menschenrechtsraub an Palästinensern klar benennt und anklagt, was anzuklagen ist. Nur so kann man die Strukturen aufbrechen, in dem Israel gefangen ist. Solche Beschwichtigungsversuche, einen Sansal hervorheben zu wollen, und Verbal das Problem weg von den Besatzern zu schieben zu wollen, obwohl der Freiden nur noch in deren Hand liegt, das hilft dem Frieden nicht. Das ist sogar sehr kontraproduktiv für einen Frieden, sofern man tatsächlich einen befürwortet, und doch nicht nur Heuchlerei pflegen möchte.

    • 27. Mai 2012 um 15:14 Uhr
    • Erol_Bulut
  5. 6.

    @ Bellfrutta

    Seit wann sind Sie links?

    • 27. Mai 2012 um 16:01 Uhr
    • ParallelkoMMentar
  6. 7.

    @Puplica

    Sie werden uns sicher erklären können wie Mohammed von der al-Aqsa-Moschee in Jerusalem in den Nachthimmel aufsteigen konnte, wenn diese erst viele Jahrtzente nach Mohammeds Tod erbaut wurde.
    Um genau zu sein, nach der Eroberung durch den Kalifen Umar ibn al-Chattab, ungefähr 90 Jahre nach dem im Koran erwähnten Ereignis.
    Die “ferne Moschee” kann also nicht in Jerusalem gelegen haben.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Al-Aqsa-Moschee

    Aber warum mit Fakten und der Realität beschäftigen, wenn man doch islamistischer Interpretation und Propaganda folgen kann. Wo wir wieder beim Thema Linke wären.

    @MM

    Sie sind mir noch eine Antwort schuldig von vor ein paar Tagen schuldig. Aber ich vermute Sie wollten diese Frage nicht beantworten.

    • 27. Mai 2012 um 16:43 Uhr
    • Bellfruta87
  7. 8.

    Angenehmer Beitrag. Schön, dass es auf allen Seiten noch ausreichend vernünftige gibt.

    @ Industriemarmelade

    Quark mit Soße, Jerusalem ist nicht der Gründungsort des Islams. Warum müssen Linke immer wieder bestätigen dass sie nichts von Fakten und Realität halten.

    Der Islam zählt zu den abrahamitischen Religionen. D.h. zu den Religionen, die sie auf den Urvater Abraham berufen (Nein, nicht der mit den Schlümpfen – muss man ja bei dem durchschnittlichen Bildungsgrad von Rechten immer betonen). Mohammed hat sich auserkoren gesehen, die Lehre des Allmächtigen in reiner unverfälschter Form übermittelt zu bekommen. Eigentlich stellt er sich damit als Superjuden dar. Aber das muss man ja nicht glauben.

    Tatsächlich könnt man beckmesserisch sein und sagen, dass Jerusalem Gründungsort von keinerlei Religion ist. Da wären dann eher Hebron, Nazareth oder Mekka zu nennen. Aber was soll es auch. Wird Sie in Ihrem Wahn auch nicht stören. Schöne Pfingsten noch ;-)

    • 27. Mai 2012 um 17:01 Uhr
    • Limited
  8. Kommentar zum Thema

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