Ein Blog über Religion und Politik

Wie wir mit Breivik fertig werden

Von 26. August 2012 um 08:09 Uhr

Das Osloer Urteil ist der bewundernswerte Sieg einer modernen Gesellschaft über den Hass, der in ihrer Mitte entsteht.

Wie die norwegische Gesellschaft angesichts des Grauens kühlen Kopf und liberale Werte bewahrt, zeigt an diesem Freitag die Urteilsverkündung im Osloer Gerichtssaal 250.

Richterin Wenche Arntzen nimmt in bestimmter, manchmal gar harscher Weise das erste psychiatrische Gutachten auseinander, in dem Breivik als nicht schuldfähig qualifiziert wurde. Breivik ist schuldfähig, führt Antzen aus. Er wird zu 21 Jahren Haft verurteilt, die er nicht in der Psychiatrie, sondern in isolierter Sicherheitsverwahrung verbringen wird. Voraussichtlich wird er nie wieder die Freiheit sehen, denn im Anschluss an seine Haft wird Breivik, der nie Reue gezeigt hat, weggeschlossen bleiben.

Breivik ist also nach Ansicht des Gerichts nicht geistesgestört. Hat er demnach das Urteil bekommen, das er wollte? Insofern ja, als er sich vehement gegen das psychiatrische Gutachten verwehrt hatte, das nun auch die Richterin verwirft. Aber es zeichnet das Gericht aus, dass es sich von diesen Umständen nicht hat beeindrucken lassen. Selbst wenn Breivik es so gewollt hat, darf das keine Rolle für die Urteilsfindung spielen.

Breivik sieht sich hier einer Justiz gegenüber, die ihn nicht als Irren abtut, sondern seine Gedankenwelt und seinen Hass auf “Multikulturalismus” ernst nimmt – und seine daraus resultierenden Verbrechen klar und kühl verurteilt. Das ist richtig so. Das geistige Konstrukt, das ihn zu seinen Taten motivierte, ist schließlich nicht irgendeine Fieberphantasie. Er hat lediglich Bestandteile zusammengeführt, die in der digital vernetzten Szene der Islamhasser seit Jahren frei herumflottieren. Die Botschaft der Richterin Arntzen ist: Wir werden mit Dir fertig. Wir wissen, wie Du tickst und was Dich zu Deinen Taten getrieben hat. Wir sind stark genug, auch wenn es schwerfällt, Dir ins Auge zu schauen und Dir zu sagen, dass Du ein erbärmlicher Verbrecher bist. Deine Anmaßung beeindruckt uns nicht. Wir lassen uns von Dir nicht verrückt machen. Deine Taten sind monströs, aber Du bist kein Monster. Und wir müssen Dich nicht zu einem Freak erklären, um mit Dir leben zu können. Die Auseinandersetzung mit dem Ungeist, für den Du stehst, wird eine politische sein, keine psychiatrische.

Die Richterin lässt nichts übrig von dem Versuch, den Angeklagten zu einem Freak zu erklären. Sie gesteht zu, dass er Persönlichkeitsstörungen habe, dass er eine narzisstische Person sei. Aber sie lässt sich nicht beeindrucken von den Passagen seines Manifests über “Tempelritter”, die den Psychiatern als Indiz für mangelnde Schuldfähigkeit galten.

Sie verurteilt ihn infolgedessen als einen persönlichkeitsgestörten, politischen Verbrecher, der seine Taten sehr wohl verstehen kann – so wie er sie auch kaltblütig und professionell planen konnte. Und wie recht sie damit hat, zeigt sich am Ende des Prozesses, als Breivik sagt, er erkenne das Gericht nicht an, weil es von “Multikulturalisten” seinen Auftrag erhalten habe. Als er dann die “militanten Nationalisten” in Europa adressieren will, dreht die Richterin ihm das Mikrofon ab.

Der ganze Auftritt von Wenche Arntzen strahlt das Selbstbewusstsein einer erwachsenen Gesellschaft aus, die dem politisch Bösen furchtlos Auge in Auge gegenübertritt. Für die Gerichtspsychiatrie allerdings ist dieser Tag ein herber Schlag. Sie hat sich als unfähig erwiesen, einen (politischen) Wahn und Hass zu erfassen, den leider auch viele teilen, die nicht (oder noch nicht) wie Breivik zur Bluttat bereit sind.

Deutschland hat allen Grund, diesen Prozess genau zu betrachten: Wir haben es nicht geschafft, die politischen Serienmörder des NSU vor Gericht zu stellen. In der Auseinandersetzung mit ihrem politischen Wahnsystem hätten sich uns ähnliche Fragen gestellt wie den Norwegern durch Anders Breivik. Was hätten wir mit Böhnhardt und Mundlos gemacht, die keine Manifeste geschrieben haben, deren Handeln aber nicht weniger “irre” ist als das des Norwegers?
In Oslo ist an diesem Freitag ein Sieg der Zivilisation und der modernen Gesellschaft über den Hass, der in ihrer Mitte entsteht und sich gegen sie selbst richtet, zu beobachten. Dieser Hass kann viele Formen annehmen: Faschismus, Antisemitismus, Linksterrorismus. Heute ist eine seiner virulentesten Formen der Hass auf den neuen Anderen, den Einwanderer, den Moslem.

Nein, Breivik wird nicht bekommen, was er gewollt hat. Nun droht ihm ein Leben in drei isolierten Hafträumen, mit Fitnessgeräten, Büchern und einem Computer – aber ohne Internetzugang. Vor allem Letzteres ist für ihn ein wesentlicher Teil der Strafe, denn sein Hass speist sich aus den Ideen, die er über das Internet gefunden und aus denen er sein Manifest zusammengesampelt hat. Im Internet wollte er sich nun auch seiner Taten rühmen, sich als Tempelritter gegen den Multikulturalismus inszenieren. Das ist einer der bisher vernachlässigten Aspekte dieses Terrorismus: Er wäre ohne den Echoraum der Islamhasser-Foren nicht denkbar gewesen. Weil diese Foren weiter höchst aktiv sind, wird uns Breiviks Erbe, auch wenn er hinter hohen Mauern verschwunden ist, weiter beschäftigen müssen.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Wie wir mit Breivik fertig werden (wurden), so werden wir mit den Islamhassern fertig – eine klare Ansage.

    Weniger klar ist die Definition von Islamhass.
    Gilt schon die Abneigung gegen Religion (allgemein) und Islam (speziell) als verwerflicher und mit polizeilichen Mitteln zu verfolgender Islamhass?

    “Islamophobie”, “Islamhass”, “Islamfeinde”, dieses Vokabular erinnert mich fatal an “Republikfeinde”, “Staatsfeinde”, Klassenfeinde”.

    • 26. August 2012 um 10:43 Uhr
    • Leon
  2. 2.

    Herr Lau, könnten Sie bitte mit diesem «Islamhasser»-Unsinn mal aufhören? Es ist vollkommen legitim, den Islam, wie jede andere Religion, zu «hassen»: Sie beleidigen den Verstand eines jeden logisch denkenden Menschen (das Christentum zu allererst) und haben allesamt vor allem Leid über die Menschheit gebracht.

    Die Leute, die Sie meinen, sind Muslimhasser. Das ist wirklich illegitim. Einige der anständigsten Menschen, die ich kennenlernen durfte, sind Islamisten (keine Dschihadisten). Mein Großvater war in der NSDAP und trotzdem ein guter Mensch. Einige meiner besten Freunde glauben tatsächlich, ein «Gott» habe die Welt erschaffen. Wieso sollte ich sie hassen? Aber das Christentum oder den Islam (usw.) kann man mit aller Legitimität ebenso hassen, wie den Nationalsozialismus oder den Kommunismus. Die schenken sich nicht viel.

    • 26. August 2012 um 11:44 Uhr
    • 6bb6
    • 26. August 2012 um 11:53 Uhr
    • Bellfruta87
  3. 4.

    Ich finde, dass Sie richtig darstellen, was eigentlich straffällig ist.

    Auch wenn ich Ihrer Einschätzung der Religionen weitgehend zustimmen kann, denke ich doch, dass Hass keine sinnvolle Einstellung gegenüber einer Weltanschauung ist. Hass ist ein starkes Gefühl und macht tendentiell inkompetent weil benebelt.

    Immerhin legen die meisten Menschen, die einer Religion anhängen, diese so aus, dass sie in ihren Augen das Gute fördert.
    Dass der Missbrauch religöser Menschen viel Elend hervorgebracht hat, ist zwar richtig. Gäbe es aber die Religionen als Einheitsstifter nicht, so würden andere Mechanismen der Einheitsstiftung benutzt, um Menschen gegen Menschen aufzuhetzen. Es liegt nicht unbedingt an der Religion als solcher.

  4. 5.

    Internetzugang als Teil der Menschenrechte war eine zeitlang im Gespräch …

    • 26. August 2012 um 12:39 Uhr
    • icke
  5. 6.

    In einem relativ kurzen Kommentar 6 oder 7mal “Hass” (Rübezahl läßt grüßen!) und einmal “Islamhasser”.

    Da mangelt es mir an Nüchternheit der Beobachtung und Bewertung und der Analyse oder den intelligenten Vermutungen, woher der “Hass” denn kommt!
    Nach meiner Beobachtung ist “Hass” übrigens ein Wort, das ausgehend von einem großen Segment der muslimischen Jugend inzwischen inflationiert verwendet wird. Ich ginge mit diesem emotional so aufgeladenen und eher diffusen Begriff etwas sparsamer um.

    Mein gestriger Kommentar scheint mir immer noch zutreffend:
    “79.
    Der Kommentar, für den JL nach Oslo flog, ist seit gestern bei ZO u lesen. Ein weiteres Beispiel dafür, das nebenbei, daß man immer nur sich selbst begegnet, gleich wohin man reist.
    http://bit.ly/R9IQbl

    An zwei Stellen scheint es fast, als habe JL eine Vorstellung von einem konkret existierenden Bösen, das sich nach eigenen Kriterien manifestiert.

    “In Oslo ist an diesem Freitag ein Sieg der Zivilisation und der modernen Gesellschaft über den Hass, der in ihrer Mitte entsteht und sich gegen sie selbst richtet, zu beobachten. Dieser Hass kann viele Formen annehmen: Faschismus, Antisemitismus, Linksterrorismus. Heute ist eine seiner virulentesten Formen der Hass auf den neuen Anderen, den Einwanderer, den Moslem.”

    “Der ganze Auftritt von Wenche Arntzen strahlt das Selbstbewusstsein einer erwachsenen Gesellschaft aus, die dem politisch Bösen furchtlos Auge in Auge gegenübertritt. ”

    Zum “Echoraum der Islamhasser” schreibt Lau:
    “Das ist einer der bisher vernachlässigten Aspekte dieses Terrorismus: Er wäre ohne den Echoraum der Islamhasser-Foren nicht denkbar gewesen. Weil diese Foren weiter höchst aktiv sind, wird uns Breiviks Erbe, auch wenn er hinter hohen Mauern verschwunden ist, weiter beschäftigen müssen.”

    Mein Eindruck ist, es wurde sehr ausführlich über diesen Aspekt berichtet, bis hin zur angeblichen Inspiration durch H.M. Broder.
    Wie schwierig bis aussichtslos es allerdings sein dürfte, im virtuellen Raum Einfluß zu nehmen, konnte man erst kürzlich am Beispiel von Abu Usama al-Gharib feststellen, der nach seinem der Ausweisung vorausgegangenen Verschwinden seine “Hass”tiraden im Internet, vermutlich aus Ägypten, fortsetzte. Und auch die im Juni verbotene salafistische Gruppierung “Millatu Ibrahim” ist im Netz noch mühelos zu finden, genauso wie die beiden anderen Gruppierungen, gegen die noch ermittelt wird.
    Konkretes und konsequentes Vorgehen im Leben gegen extremistische Organisationen, wie gerade gegen die 3 Neo-Nazi-Gruppierungen ist notwendig – aber nur wirksam, wenn es gelingt, anderes in die Köpfe der Betroffenen zu bekommen.”

    (“Wer Neonazi-Kameradschaften verbietet, muss auch Islamhasser im Blick haben
    VON Jörg Lau 23. AUGUST 2012 UM 18:58 UHR”)

    Ich teile die Präferenz von Nüchternheit des Verfassers dieses Kommentars aus dem Thread bei ZO:

    “Diese Lobeshymnen auf das Urteil sind ein müder Versuch, die Wehrlosigkeit des norwegischen Rechtssystems zu rhetorisch zu übertünchen. Jetzt hat der arme Kerl also keinen Zugang mehr zum Internet? Gott wie brutal.
    Was der Autor in das Urteil alles hineindeutet, welchen Symbolwert er erkennt und über politische Reife schwadroniert, die angebliche Botschaft der Richterin: das ist leere Rhetorik.

    Das Gericht hatte im Prinzip nur zu entscheiden zwischen Höchststrafe im regulären Sinne und lebenslanger Psychiatrie. Fertig. Keine weitere Botschaft vermittelbar.

    Der Rest ist journalistische Deutungswolke.”

    PS “Wie wir mit Breivik fertig werden” – wer ist jetzt genau “wir”?

  6. 7.

    Der link zum Kommentar von @fegalo:
    http://bit.ly/NuDM0n

  7. 8.

    Hier eine sehr genaue Betrachtung der Situation in Norwegen, die ein wenig mehr Vorstellung von der “Mitte” dieser Gesellschaft vermittelt:

    “Einwanderungsland Norwegen – demografische Trends und politische Konzepte” von N. Beckmann-Dierkes und Johann C. Fuhrmann. Konrad Adenauer Stiftung, Auslandsinformationen, 2/2011
    http://bit.ly/NuGenA

  8. Kommentar zum Thema

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