Ein Blog über Religion und Politik

Blasphemiegesetze sind keine gute Idee – auch wenn sie Minderheiten schützen

Von 26. September 2012 um 17:22 Uhr

Jetzt wird’s kompliziert. Einerseits freue ich mich, dass in Ägypten etwas gegen die Hassprediger unternommen wird, die das Christentum verhöhnen. Andererseits halte ich die rechtlichen Schritte, die gegen sie eingeleitet wurden, für freiheitsgefährdend.

Bei meinen Gesprächen mit Kopten  und aramäischen Christen in den letzten Wochen wurde immer  wieder erwähnt, dass ein radikaler Prediger in Kairo die Bibel zerrissen und damit gedroht hatte, darauf zu urinieren. Der koptische Bischof Deutschlands, Anba Damian, äußerte sich entsetzt über diesen offenen Akt des Hasses, und auch im syrisch-orthodoxen Kloster Mor Gabriel stieß ich auf Empörung.

In der westlichen Öffentlichkeit hingegen wurde dieses Detail der blutigen Proteste mit Schulterzucken quittiert. Was bedeuten kann: Na ja, so sind sie eben. Was willst du machen? Oder: Das trifft uns nicht, so macht sich dieser Typ doch nur selber zum Schmock. Während Kopten und Aramäer sich durch die symbolische Schändung der Bibel verletzt fühlen, winken wir im Westen ab. Uns von einem solchen Idioten beleidigen zu lassen, würde bedeuten, sich auf seine Ebene zu begeben, denken wir. Sticks and stones may break my bones, but words or names will never hurt me.

Nun hat die ägyptische Generalstaatsanwaltschaft angekündigt, drei Männer wegen Beleidigung des Christentums vor Gericht zu stellen:

Ahmed Mohammed Abdullah soll zusammen mit seinem Sohn während der Proteste gegen den islamfeindlichenUS-Film Die Unschuld der Muslimevor der US-Botschaft eine Bibel zerrissen und dann verbrannt haben. Dabei wurde er gefilmt. In dem im Internet veröffentlichten Video soll Abdullah, der auch unter dem Namen Abu Islam bekannt ist, gedroht haben, auf das Buch zu pinkeln, sollten die Beleidigungen gegen den Islam weitergehen.

In einem Interview mit dem Journalisten Hani Jassin Gadallah soll er sich in der Zeitung Al-Tahrir abfällig über das Christentum geäußert haben. Der Reporter muss sich deshalb ebenfalls vor Gericht verantworten.

Bis zu fünf Jahre Haft für Blasphemie

Dass Abdullah und den beiden anderen Männern nun nach den ägyptischen Blasphemiegesetzen der Prozess gemacht werden soll, werten Beobachter als überraschend. In der Vergangenheit haben diese Gesetze häufig nur dann Anwendung gefunden, wenn es sich um mutmaßliche Verunglimpfungen des Islams handelte. Menschenrechtsgruppen haben die Gesetze wiederholt als Einschränkung der Freiheitsrechte kritisiert. Auf Blasphemie stehen in Ägypten bis zu fünf Jahre Haft.

Als Geste gegenüber der extrem verunsicherten christlichen Minderheit ist es zu begrüßen, dass auch ihr Glaube unter Schutz gestellt wird – und das besonders von einer Regierung, die islamistisch geprägt ist. Letzteres führt zu großer Sorge unter den Kopten, dass sich ihre Marginalisierung noch verstärken wird. Wer weiß, vielleicht kommt es ja nicht so. Offenbar wollen die Behörden in Ägypten verhindern, dass ein Kulturkampfklima im Land greift, dass nur den extremsten Kräften unter den Islamisten nützen würde. Mursi zieht zur Zeit einige rote Linien ein. Auch die Verurteilung der extremistischen Attentäter vor einigen Tagen liegt auf dieser Linie: Die Muslimbrüder machen den radikalen Kräften deutlich, wer regiert.

Aber: Blasphemiegesetze verstellen den Weg zu einer offenen, (religiös) pluralistischen Gesellschaft. Sie sind die autoritäre Lösung des Konflikts um konkurrierende Weltdeutungen und religiöse Geltungsansprüche. Sie können immer auch benutzt werden, um notwendige Kritik zu unterdrücken (auch wenn das hier nicht der Fall ist). Der Blogger Karim Amer, für den ich hier lange Kampagne gemacht habe, war wegen der ägyptischen Blasphemiegesetze vier Jahre in Haft. Dabei hatte er nur die schändliche Komplizenschaft der Religion bei Massakern an Kopten angeprangert (ohne selbst Kopte zu sein, es war ein Aufstand des Gewissens).

Nun wird das Gesetz angewendet, um die Kopten zu beschützen. Kirchenführer  werden sich wahrscheinlich darüber erleichtert zeigen. Das wäre kurzsichtig. Am Ende muss es darum gehen, Hassprediger wie Abu Islam gesellschaftlich zu isolieren und zu marginalisieren. Ein Journalist, der hassvolle Äußerungen über Christen zitiert (ganz egal ob zustimmend oder mit welcher finsteren Absicht), darf nicht allein deshalb strafverfolgt werden: Was heißt das für eine freie öffentliche Debatte? Blasphemie ist  schwer zu definieren: Wer bestimmt, was “verletzend” ist? Milliarden Christen im Westen haben sich nicht verletzt gefühlt vom Handeln des Vollidioten Abu Islam. Ebenso wie Milliarden Muslime den Pastor Terry Jones für einen Vollpfosten halten, der ihrer Erregung nicht würdig ist.

Der Staat soll den Aufruf zur Gewalt ahnden. Nicht aber die symbolische Gewalt. Leute wie Abu Islam gehören geächtet und verachtet. Nicht in Haft – jedenfalls nicht dafür.

 

Leser-Kommentare
  1. 1.

    In Ägypten ist es ein Fortschritt, wenn das Blasphemiegesetz auch gegen Muslime angewandt wird, die das Christentum beleidigen.
    Grundsätzlich ist ein solches Gesetz allerdings stets dem Verdacht ausgesetzt, alle unliebsamen Meinungen und Haltungen auf eine Beleidigung des Glaubens hinzubiegen, wodurch es zu dem wird, was es tatsächlich auch ist: ein Instrument der Unterdrückung.
    Die Minderheiten in islamisch dominierten Staaten wissen ein Lied davon zu singen, wie auch alle kritischen Stimmen innerhalb des Islams.

    • 26. September 2012 um 18:00 Uhr
    • Marit
  2. 2.

    Matthaeus 5:38-40

    38 »Es heißt auch: ›Auge um Auge, Zahn um Zahn!‹ 39 Ich sage euch aber: Leistet keine Gegenwehr, wenn man euch Böses antut! Wenn jemand dir eine Ohrfeige gibt, dann halte die andere Wange auch noch hin! 40 Wenn einer dich vor Gericht bringen will, um dein Hemd zu bekommen, so gib ihm auch noch den Mantel!

    Jesus hätte sich nicht empört, sondern dem Hassprediger ein zweites Exemplar der Bibel zum Zerreißen bzw. Bepinkeln gereicht. Thinking outside the box: Darum geht es im Neuen Testament.

    • 26. September 2012 um 18:14 Uhr
    • Miriam G.
  3. 3.

    Eine Meinungsfreiheit unter Beleidigungsvorbehalt ist absolut untauglich und gefährlich. Das Problem ist, dass man nicht genau bestimmen kann wo eine Beleidigung anfängt. Im Laufe der Zeit wird der Spielraum für Beleidigungen immer größer und die Freiheit immer stärker eingeschränkt. Die Freiheit stirbt langsam. Wer glaubt, dass Religionen ein Schutz einzuräumen ist, wird sich früher oder später in der Tyrannei wiederfinden.

    • 26. September 2012 um 18:16 Uhr
    • pinetop
  4. 4.

    Jetzt wird’s kompliziert.

    Nein, es ist ganz einfach. JL ruft nur dann nach staatlicher Sanktion, wenn Muslime beleidigt werden.

    • 26. September 2012 um 18:19 Uhr
    • MTR
  5. 5.

    @ pt

    Aufklärungsfundamentalist.

    • 26. September 2012 um 18:20 Uhr
    • MTR
  6. 6.

    @ lau

    guter artikel. kann weitgehend sogar zustimmen:

    - ” Sie können immer auch benutzt werden, um notwendige Kritik zu unterdrücken (auch wenn das hier nicht der Fall ist).”

    sie können nicht nur, sie werden idR. auch – denn *verletzt sich fühlen* kann man auch durch durchaus berechtigte kritik.

    - “Der Staat soll den Aufruf zur Gewalt ahnden. Nicht aber die symbolische Gewalt. Leute wie Abu Islam gehören geächtet und verachtet. Nicht in Haft – jedenfalls nicht dafür.”

    Richtig, sehe ich genauso – wobei ich nochphsische gewalt hinzugenommen hätte bei der abgrenzung zu symbolischer gewalt.

    kritikpunkt:
    Beireits ihre Überschrift:
    Blasphemiegesetze sind keine gute Idee – auch wenn sie Minderheiten schützen

    und dieser ‘fehler’ zieht sich durch den ganzen artikel:
    sie schützen nämlich keine Minderheiten – auch dann nicht, wenn es praktisch darauf hinausläuft (wie z. B. bisher in ägypten oder wie in Pakistan). Das liegt einfach daran, dass die vorherrschende religionsgemeinschaft meist auch ‘den Staat’ primär leiten (meist zumindest) – und damit leichter ihre anschauungen durchsetzen kann.

    Aber Blasphemiegesetze zerstören vor allem freie Diskurse, da sie dazu führen, dass Leute weniger auch die Argumente, auch wenn sie inter polemik versteckt sein sollte, achten als vielmehr darauf jede aussage untersuchen, ob es nun (wiedermal) zeit sei ‘beleidigt’ zu sein oder ob gerade ‘blasphemie’ betrieben wurde mt dieser oder jener aussage.
    In einem Diskurs zwischen Vertretern verschiedener glaubensanschauungen darf Gott nicht eine Rolle spielen, wenn sie fruchtbar sein soll – einfach weil jede seite eigene (religiöse) Vorstellungen über ‘Gott’ hat und sie sich damit letztlich nur jeweils gegenseitig mit diversen ‘heiligen Aussagen (Bibelstellen, Koranstellen etc.) blockieren.
    Ein Blasphemiegesetz sagt indirekt aus, dass es Gott gibt (denn sonst gäbe es auch keine Blasphemie) – und ist damit ein wunderbarer ort des streitens, wer wie was Gott so alles ist oder wann er das weinen anfängt….
    Hinzu kommt noch, dassmit hilfe von Blasphemiegesetzen indirekt eine art ‘zwei-klassen-gesellschaft’ aufgerichtet wird – zwischen den Anhängern einer religion und allen übrigen (ob Atheisten, agnostikern, Sektenanhänger usw….). Denn die einen können einerseits ihre handlungen mit ‘Gott’ begründen udn sich gegen Kritik zumindest ab einen Punkt erfolgreich per gesetz wehren, wärend die anderen diese Möglichkeit nicht haben – oder wollen sie , dass das Blasphemiegesetz auch gilt, wenn jemand die evolutionstheorie leugnet oder das heilige spagettimonster etc…?

    • 26. September 2012 um 18:28 Uhr
    • Zagreus
  7. 7.

    Bibel und Koran beleidigen den gesunden Menschenverstand.

    http://www.wissenbloggt.de/?p=13147

    • 26. September 2012 um 18:38 Uhr
    • pinetop
  8. 8.

    @ Z

    Danke!

    • 26. September 2012 um 18:44 Uhr
    • Serious Black
  9. Kommentar zum Thema

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