Ein Blog über Religion und Politik

Das Ende des Konservatismus durch demographischen Wandel?

Von 8. November 2012 um 11:46 Uhr

Im Anschluss an meinen Post über Obamas Dankesrede möchte ich eine Denksportaufgabe formulieren, vor der nicht nur die amerikanische Republikanische Partei steht – sondern auch die deutschen Christdemokraten, insofern sie sich überhaupt noch als “Konservative” verstehen. Und das sind in der Wählerschaft immer noch viele, und auch unter den Protagonisten gibt es einige: Thomas de Maizière, Peter Altmaier, Volker Kauder zum Beispiel (jeder auf seine Art).

Wenn man sich auf die klügste mir bekannte Definition des Konservativen einigt, auf die 10 Prinzipien, die Russell Kirk formuliert hat, dann stellt sich die Frage, wie eine konservative Partei auf den demographischen Wandel reagieren und neue Mehrheiten aufbauen kann. Oder anders gefragt: Ob es eine mehrheitsfähige konservative Politik in einer unwiderruflich pluralistischeren, diversifizierten, multikulturellen Gesellschaft geben kann? Kann es eine konservative Regenbogenkoalition geben? Oder droht mit dem Wandel der Gesellschaft die Marginalisierung des organisierten Konservatismus und die permanente Mehrheit links der Mitte?

 

Hier die 10 Prinzipien Kirks – das sind aber nur die Überschriften. (Bitte den gesamten oben verlinkten Text lesen!)

First, the conservative believes that there exists an enduring moral order. That order is made for man, and man is made for it: human nature is a constant, and moral truths are permanent.

Second, the conservative adheres to custom, convention, and continuity.

Third, conservatives believe in what may be called the principle of prescription.

Fourth, conservatives are guided by their principle of prudence.

Fifth, conservatives pay attention to the principle of variety. 

Sixth, conservatives are chastened by their principle of imperfectability.

Seventh, conservatives are persuaded that freedom and property are closely linked.

Eighth, conservatives uphold voluntary community, quite as they oppose involuntary collectivism.

Ninth, the conservative perceives the need for prudent restraints upon power and upon human passions.

Tenth, the thinking conservative understands that permanence and change must be recognized and reconciled in a vigorous society.

Für die deutsche Christdemokratie stellt sich die gleich Frage wie für die Republikaner, obwohl Schwarzgelb noch regiert. Der Verlust der Städte, in denen die CDU einst stark, ja unanfechtbar war, ist das Krisensymptom, das zu denken geben muss, ob zukunftsfähige Koalitionen machbar bleiben.

Ich bitte um Beiträge, Anregungen, Ideen!

Leser-Kommentare
  1. 9.

    @MRX

    A younger, poorer, less self-reliant electorate, rooted mainly in minority communities, is likely to demand a larger welfare state, greater regulation, more unionisation, higher government spending and higher taxes, initially ‘on the rich’.

    Umverteilung geht keineswegs nur von oben nach unten, sondern auch umgekehrt. Eine Entwicklung, die erstens in den USA seit langem abläuft und die zweitens nicht zwingend einem konservativem Narrativ entsprechen muss.

    Darüber hinaus: Wer sind denn die welfare-Empfänger? Red Stater. Insofern ist der Bedarf an Regulation und einer angemessenen Staatsqoute genau im Interesse derjenigen, die am lautesten dagegen protestieren.

    http://economistsview.typepad.com/economistsview/2012/09/frankel-mitt-romney-rejects-his-natural-voters.html

    • 8. November 2012 um 13:07 Uhr
    • Boothby
  2. 10.

    Den wechsel in hamburg von oles cdu zu olafs spd empfinde ich nicht als eine inhaltliche verschiebung nach links. Schon garnicht in den bereichen “sicherheit und ordnung”.

    • 8. November 2012 um 13:10 Uhr
    • ernsthaft
  3. 11.

    @ By

    Wer sind denn die welfare-Empfänger? Red Stater.

    Meinen Sie den Auto-bailout?

    • 8. November 2012 um 13:11 Uhr
    • MRX
  4. 12.

    Viele Angehörige von “Minderheiten” dürften in ihren Wertvorstellungen, zB was Geschlechterrollen oder Homosexualität angeht, deutlich im Lager der Union, wenn nicht sogar rechts davon stehen (aus demselben Grund wären die US-Latinos eigentlich natürliche Republikaner-Wähler, wenn da nicht die Sache mit der Einwanderungspolitik wäre). Ich denke, irgendwann in den nächsten 10-20 Jahren, wenn den Parteien ihre angestammten Milieus definitiv weggestorben sein werden, wird sich das auch in der parteipolitischen Ausrichtung der Migrantenorganisationen niederschlagen. Schneller gehts, wenn Linke und Liberale zum Universalismus zurückfinden und nicht mehr dulden, dass in Teilbereichen der Gesellschaft Werte propagiert und effektiv durchgesetzt werden, für deren Überwindung innerhalb der Mehrheitsgesellschaft man einst gekämpft hat.

    • 8. November 2012 um 13:12 Uhr
    • Arjen van Zuider
  5. 13.

    @ BY

    Statistical analysis shows that … the … average score of the five “reddest” states … is worse on each of six measures of irresponsibility than the average score of the five “bluest”…: more obesity, smoking, chlamydia, teenage pregnancy, drunk-driving fatalities, and firearms assaults. In the latter three measures, the “reckless” share of the population is almost twice as high among the reddest states as it is among the bluest.

    Das liegt eben daran, dass in einer bestimmten Gruppe von red states, der Anteil einer Bevölkerungsgruppe, die zu 93 % Obama wählt nicht eben niedrig ist.

    • 8. November 2012 um 13:13 Uhr
    • MRX
  6. 14.

    @JLau

    Was ich bei Kirk vermisse, ist der Hinweis, den ich am ehesten mit “Konservatismus” assoziiere: Der vom Realismus geprägte Blick auf die Welt.

    Er macht den Unterschied aus zwischem echten Konservatismus, also einem, der tatsächlich bewahrend ist (und eine Vorstellung davon hat, was bewahrenswert ist), und einem “Scheinkonservatismus”, der zu einem Schlagwort der Überforderten wird, die sich in diesem Wahlgang in den USA besonders erfolgreich bemühten, konservative Inhalte als die eigenen zu verkaufen.

    So konnte es kommen, das Radikale sich der Welt als Konservative erklären konnten, ist das nicht ein Widerspruch in sich?

    • 8. November 2012 um 13:14 Uhr
    • Boothby
  7. 15.

    @MRX

    Meinen Sie den Auto-bailout?

    GM hat die Kohlen schon zurückgezahlt, meine ich.

    Anyway: Ich meinte Nettogeber und Nettoempfänger. Und den seltsamen Sachverhalt, das diejenigen, die besonders auf den Sozialticket fahren, ganz besonders gegen Sozialtickets sind. Rein vom Wahlverhalten her.

    • 8. November 2012 um 13:19 Uhr
    • Boothby
  8. 16.

    Interessante 10 Punkte.

    Diese hier sind die Basis des Liberalismus:

    Seventh, conservatives are persuaded that freedom and property are closely linked.

    Eighth, conservatives uphold voluntary community, quite as they oppose involuntary collectivism.

    zu Seventh:

    Freiheit ist für den Liberalen die Freiheit zu handeln (die sogenannte negative Freiheit, also die ohne Behinderung). Die Meinungsfreiheit ergibt sich daraus.
    Eigentum (und der Schutz des Eigentums) ist schon eine Forderung der Französischen Revolution. Ohne Eigentum gibt es keine Investitionen (weil’s keinen juckt, etwas zu erreichen), ohne Investitionen gibt es keine Innovationen, ohne Innovationen können wir gleich alles dem Kombinat überlassen.

    zu Eighth

    Kollektivismus ist die Kehrseite der Freiheit zu handeln – es ist die Verpflichtung anderer, etwas zu tun: Mir die Ausbildung ermöglichen, für ein Spitalsystem zu sorgen, mir die Sozialhilfe zu zahlen. Man kann das auch die positive Freiheit nennen.
    Es ist die Basis der linken Politik: Die anderen sollen mal!
    Liberale sind durchaus dafür, dass für Ausbildung gesorgt wird, wo es dem Gemeinwohl nützt, für medizinische Versorgung, und dass es Sozialhilfe gibt.
    Aber eben nicht komfortabel. Nicht so komfortabel, dass ein Staat zum Hängemattenlieferanten wird, und nicht so komfortabel, dass die Hängemattenproduzenten sich gesund stossen an den Geldern.

    • 8. November 2012 um 13:22 Uhr
    • Mamas Liebling
  9. Kommentar zum Thema

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