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Der saudische Autor Turki Al-Hamad muss freigelassen werden!

Von 25. Januar 2013 um 16:45 Uhr

Turki Al-Hamad ist schon seit vielen Jahren einer meiner Lieblingsautoren. Lange vor dem so genannten Arabischen Frühling hat der saudische Liberale – ja, sowas gibt es – fulminante Plädoyers für eine kulturelle, religiöse und politische Öffnung gehalten. Immer war die Notwendigkeit einer arabischen Selbstkritik sein Thema. Seine Romane über die Entwicklung des Helden Hisham Al-Abir gehören zu den aufregendsten der arabischen Gegenwartsliteratur. Leider konnte ich nur die ersten beiden aus seiner Trilogie lesen, die es auch auf Englisch gibt (der erste – “Adama” ist sogar mal ins Deutsche übersetzt worden, eine Schande, dass die beiden anderen nicht folgten).

Turki

Ich habe vor Jahren auch einmal versucht, Kontakt aufzunehmen und Turki Al-Hamad als Autor zu gewinnen. Leider kam keine Reaktion. Ich schloss daraus, dass die Lage vielleicht zu heikel war. Es ist eines, die Situation in der arabischen Presse zu kritisieren, die ja vielfach auch aus saudischen Quellen finanziert wird. Und ein anderes, das in ausländischen Medien zu tun.

Nun ist Turki Al-Hamad verhaftet worden. Am 24.12.2012 haben die saudischen Behörden ihn festgenommen. Es gibt keine öffentliche Anklage. Aber man muss annehmen, dass eine Reihe von Tweets den Hintergrund der Verhaftung abgeben. Qantara.de berichtet:

Nicht zuletzt wandte sich al-Hamad in seinen Tweets gegen die in seiner Heimat dominierende, extrem strikte wahhabitische Doktrin: “Weil ich ein Muslim in der Nachfolge Mohammeds bin, lehne ich den Wahhabismus ab”, lautete eine seiner Botschaften, eine andere, noch wesentlich brisantere postulierte: “So wie unser geliebter Prophet einst gekommen ist, um den Glauben Abrahams wieder ins Lot zu bringen, ist nun die Zeit gekommen, da wir jemanden brauchen, der den Glauben Mohammeds wieder ins Lot bringt.”

Provokation und politische Herausforderung für das saudische Herrscherhaus: “Weil ich ein Muslim in der Nachfolge Mohammeds bin, lehne ich den Wahhabismus ab”, ließ Turki al-Hamad per Twitter verlautbaren. Anderweitig hatte al-Hamad sich scharf über den Aufstieg islamistischer Parteien in der arabischen Welt geäußert: “Ein neues Nazitum erhebt sein Gesicht über der arabischen Welt, und sein Name ist Islamismus. Aber die Zeit des Nazismus ist vorüber, und im Osten wird wieder die Sonne aufgehen.”

Die Bundesregierung ist dabei, dem saudischen Königshaus bei der Aufrüstung zu helfen. Sie sollte deutlich machen, dass solche Geschäfte der deutschen Öffentlichkeit schwer zu vermitteln sind, wenn das Land die Menschenrechte mit den Füßen tritt.

Klingt naiv? Ich denke, der vermeintliche “Realismus” der Stabilitätspolitik hat sich in den letzten Jahren als naiv erwiesen. Im Nahen Osten steht kein Stein mehr auf dem anderen, weil wir auf die falschen Stabilisatoren gesetzt haben.

Da diese Regierung das freiwillig natürlich nicht tun wird, muss die Öffentlichkeit ihr klar machen, dass es nicht gleichgültig ist, ob Autoren wie Turki Al-Hamad mundtot gemacht werden. Das ist eine Lektion zwei Jahre nach dem Beginn des Arabischen Frühlings: Man kann Bücher verbieten, Twitterer wegsperren und Dissidenten foltern. Am Ende nützt es nichts.

p.s. Wer sich über den Autor und seine öffentlichen Interventionen ein Bild machen will, guckt hier.

Kategorien: Allgemein, Menschenrechte
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Letzter Satz ein: ein ‘l’ zuviel; “ölffentlichen” – oder pun intended ?

  2. 2.

    Wieviel Öl liefert Saudi-Arabien eigentlich noch nach Deutschland?
    Könnten wir darauf verzichten? Würden wir wieder ein Intervall-Autostop akzeptieren.Möchten wir wirklich den Saudis die Leviten lesen und auch dort einen “Frühling der Demokratisierung” herbeiwünschen?
    Schließen wir alle saudischen Bildungs- und Begegnungsstätten, die das totalitäre Königshaus finanziert und mit Personal ausstattet?
    Warum eigentlich nicht? Was, außer Öl, hat dieses Land zu bieten?Kapital, nehme ich an?
    Arabische Systemkritiker haben schlechte Karten, fürchte ich.

    • 25. Januar 2013 um 17:48 Uhr
    • Marit
  3. 3.

    “ist nun die Zeit gekommen, da wir jemanden brauchen, der den Glauben Mohammeds wieder ins Lot bringt.””

    Brisanz und Elend stecken in diesem Satz. Wenn man zur Kritik anachronistischer Zustände in einem Land – und sei es quasi ein ‘Vatikan*’ – gleich die Lehre eines Eins-Komma-Soundsoviel-Mrd. fach verehrten Propheten vom Kopf wieder auf die Füsse stellen muss, dann ist die Aufgabe so titanisch, dass man sich die Aussicht, dem Anachronismus beizukommen, wohl als elend vorstellen kann.

    *den es natürlich im Islam nicht gibt

    Brisant ist die Sache insofern, als im Zeichen eines Anliegens, “den Glauben Mohammeds wieder ins Lot” zu bringen, allerlei konkurrierende Kräfte unterwegs sind, angesichts derer: Unheil zwar auch, aber eben keineswegs nur: von den aktuellen Lordsiegelbewahrern ausgeht.

    Die Erben Khomeinis, diverse jihadistische Fraktionen, die Ahmadiyya … Verfolgte und Attackierende aller Art haben ihre Anliegen unter kein geringeres Banner gestellt; und im Kern geht es den Ambitioniertesten auch ausgerechnet darum, das Lot der Lehre auf der Halbinsel – wieder, oder überhaupt – korrekt einzujustieren.

    Wenn man sich Turki Al-Hamad im Auge eines Sturmes vorstellt, dann wird klar, dass sein Anliegen Gegenstand eines Machtkampfes ist, der in einem weiten Bogen rund um Saudi-Arabien bereits ausgetragen wird, bzw. sich zur Austragung anschickt.

    “Im Nahen Osten steht kein Stein mehr auf dem anderen, weil wir auf die falschen Stabilisatoren gesetzt haben.” Bei allem Verdienst, den Blick auf einen mutigen Menschen und eine widerständische Szene in Saudi-Arabien zu lenken:

    Aber das nahöstliche Ausagieren von Korrektur-, Befreiungs-, Revanche- und was auch immer für Projekten – und namentlich deren blutige und wenig gutes versprechenden Verläufe – sind dortselbst: home-grown.

    Keine noch so geniale Partnerwahl vonseiten des Westens hätte Einsicht und Kompetenz zum Thema Menschenrechte und repräsentative Regierungsführung magisch beflügeln können. Diese Sicht ist ihrerseits anachronistisch-paternalistisch und wo sie hinführt, kann man derzeit auch sehen.

    Der Westen hatte die meiste Zeit lediglich die Wahl, anachronistische Monarchien reich zu machen, oder baathistische (bzw. sonstwie Möchte-gern-faschistische Herrscherhäuser).

    Anders als im Falle eines Idi Amins konnte man da halt nicht mal eben dem Nachbarn zuzwinkern, um das abzuändern. Nicht im Kalten Krieg und nicht bei solch ambitionierten Nachbarn und Gegenkräften, wie sie rund um die bewusste Halbinsel aufgestellt waren und sind.

    @Marit

    Aus dem Öl ist Kapital geworden (nach den goldenen Badewannen) und das Öl brauchen Inder und Chinesen noch einen Zacken dringender, als der Westen – inzwischen.

    Wo der Westen über die Turbulenzen von Schah-Sturz und Saddams Ausschreitungen und Beseitigung, den Monarchien treu geblieben ist, da hat sich das Band der Lieferabhängigkeit – Technologie-bedingt und getrieben von politischem Willen – vom Westen entfernt.

    Geblieben sind Kapitalanteile und auf Rüstungsgüter gerichtete Beschaffungsinteressen. Einen klassischen “Partner” hat der Westen dort nicht mehr.

  4. 4.

    Ein anderer Turki hat es wieder eher mit handfesten Interessen, wobei der Glaube aber auch eine Rolle spielt. Hier wohl aber eher im Sinne von bewahren.

    “”What is needed are sophisticated, high-level weapons that can bring down planes, can take out tanks at a distance. This is not getting through,” said Prince Turki al-Faisal, a former intelligence chief and brother of the Saudi foreign minister. …

    “I’m not in government so I don’t have to be diplomatic. I assume we’re sending weapons and if we were not sending weapons it would be terrible mistake on our part,” the Saudi prince said at the World Economic Forum in Davos, Switzerland.”

    http://english.ahram.org.eg/NewsContent/2/8/63273/World/Region/Saudi-prince-calls-for-Syrian-rebels-to-be-armed.aspx

    Herr Erdogan ist in Davos noch gar nicht gesehen worden. Hoffentlich wird seine mäßigende Stimme nicht allzu sehr fehlen.

  5. 5.

    “Leider konnte ich nur die ersten beiden aus seiner Trilogie lesen, die es auch auf Englisch gibt …”

    Soll das heißen Sie können kein Arabisch – oder wie darf ich das verstehen?

    • 26. Januar 2013 um 06:48 Uhr
    • Jabba
  6. 6.

    “Ein neues Nazitum erhebt sein Gesicht über der arabischen Welt, und sein Name ist Islamismus. ”

    Schreibt der auch bei PI?

    • 26. Januar 2013 um 12:31 Uhr
    • Mamas Liebling
  7. 7.

    der saudische Liberale – ja, sowas gibt es

    Kann ich mir gut vorstellen.

    “So wie unser geliebter Prophet einst gekommen ist, um den Glauben Abrahams wieder ins Lot zu bringen, ist nun die Zeit gekommen, da wir jemanden brauchen, der den Glauben Mohammeds wieder ins Lot bringt.”

    Das ist nicht liberal, und es fasst ein wesentliches Problem der sogenannten Liberalen und Reformer in dieser Kultur zusammen: Sie denken immer noch in Kategorien der Religion, nicht in Kategorien des unabhängigen Denkens. Die Schnittmenge mit westlichem Gedankengut ist damit in der Nähe der Leeren Menge.

    Die Folge: ständig drehen sie sich im Kreis.

    • 26. Januar 2013 um 12:35 Uhr
    • Mamas Liebling
  8. 8.

    @Jabba: Ja.

    • 26. Januar 2013 um 13:07 Uhr
    • joerg lau
  9. Kommentar zum Thema

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