Ein Blog über Religion und Politik

Stalingrad und meine Familie

Von 2. Februar 2013 um 10:24 Uhr

Überall Stalingrad-Gedenken. Ich kann das nicht lesen, nur überfliegen. Stalingrad hat meine Familie kaputt gemacht. Jedenfalls die eine Hälfte davon. Ich hatte das Glück, in der anderen aufzuwachsen.

Mein Onkel ist im Januar vor 70 Jahren mit der 6. Armee in Gefangenschaft geraten. Es war der Anfang vom Ende für Hitlerdeutschland, und erst der Beginn des großen Tötens in den deutschen Vernichtungslagern, wo man gerade begonnen hatte, mit Gas als Mordmittel zu experimentieren.

Er war ein einfacher Infanteriesoldat. Er kam erst nach vielen Jahren Gefangenschaft zurück nach Deutschland. Mehrere Zehen hat er in Sibirien gelassen, und auch sonst noch vieles. Er war ein eher kleiner, drahtiger Mann, obwohl er mir als Kind natürlich groß und stark und furchteinflößend schien. “Die Großen und Sportlichen sind alle tot. Die haben bloß ein paar Wochen überlebt”, hat er einmal gesagt, in Erinnerung an die Gefangenschaft.

Er war mein Feind, seit ich anfing selber zu denken. Nicht so werden wie er, bloß nicht so werden. Es war ungerecht, es war die reine Abwehr dem Horror gegenüber, den er mit sich herumtrug.

Zu spät habe ich verstanden, dass Viktor, wie er ironischer Weise hieß, ein geschundener, betrogener, wütender Verlierer war – ein Opfer. Er wollte keins sein, er hat sich geschämt für den verlorenen Krieg. Und so gerierte er sich lieber als Überzeugungstäter für eine gute Sache. Bis zum Ende verteidigte er die Nazi-Zeit und den Krieg. Er las die National-Zeitung. Das ideologische Gedröhne war kein Ersatz für alles das, was er nicht erzählen konnte: Er war überwältigt von den Erfahrungen des Todes, des Tötens, des Hungerns, der Verzweiflung in den langen Jahren der Gefangenschaft.

Er hatte keine Worte dafür. Die Rechthaberei über Hitler, die Nazis, den Krieg, trat an die Stelle der wirklichen Erlebnisse, die gelegentlich nur aufblitzten. Er konnte nicht darüber reden, ich wollte nicht zuhören. Seine Geschichten vom Töten, vom Beerdigungskommando im Lager mit den gefrorenen Leichen (die ein Geräusch wie Holz machen, wenn man sie vom Wagen ablädt), von Kameradschaft und Verrat – ich wollte sie nicht hören. Das machte ihn wütend, und so schrieen wir uns an, bis ich ihm nur noch aus dem Weg ging. Selbst noch seine Zärtlichkeiten waren brutal – Kopfnüsse, Schwitzkasten, freundschaftliche Schläge auf den Oberarm, nach denen blaue Flecke blieben.

Ich wünschte, ich hätte zugehört: Der katholische Junge aus dem Eifeldorf, den seine erste Reise gleich an die Ostfront und dann in den sibirischen Gulag führt – was ging in ihm vor? Einmal sagte einer seiner Freunde, auch er ein Ostfront-Veteran: “Natürlich war es nicht einfach, auf Menschen zu schießen. Beim ersten Mal hast du nachher geheult. Und dann hast du doch auf sie geschossen wie die Hasen.” Ich hatte den beiden gerade trotzig gesagt, ich werde den Wehrdienst verweigern. Das hatte sie wütend gemacht: “Ihr macht es euch leicht, wir hatten die Möglichkeit nicht.” Damals habe ich diese Kommentare gehasst, heute weiß ich, dass die bitteren alten Männer natürlich auch Recht hatten.

Der Schmerz über das Erlebte, verdoppelt dadurch, dass es im Rahmen eines Menschheitsverbrechens im Vernichtungskrieg stattfand: wie sollte er davon erzählen? Es ging nicht. Er ist tot, seit vielen Jahren schon. Vor kurzem war ich wieder an seinem Grab, hoch oben auf dem Bergfriedhof über unserem Dorf. Es tut mir leid, ihn nicht angehört zu haben. Niemand hörte zu. Keiner von uns hielt damals diese Geschichten aus. Nicht einmal seine Frau, vielleicht sie sogar am wenigsten. Die Einsamkeit der Soldaten.

Seine beiden ältesten Söhne, meine lieben Vettern, mit denen ich als Kind viel gespielt habe, sind auch bereits tot. Sie haben sich auf verschiedene Weise aus dem Leben geschafft, der hoch begabte und sensible Achim zuerst und auf die grausamste Art. Jeder Mensch stirbt im Geheimnis, und meine Vettern werden verschiedene Gründe gehabt haben, nicht mehr leben zu wollen. Bernd, der Älteste, hat den florierenden Bäckereibetrieb meines Onkels, von dem auch mein Teil der Familie jahrzehntelang sehr gut gelebt hat, systematisch heruntergewirtschaftet. Es ist fast, als hätte er das Lebenswerk seines Vaters auslöschen wollen. Und das hat er ja auch getan, sich selbst am Ende eingeschlossen. Die Wut und den Hass des Vaters hat er nach innen gerichtet. Gibt es so etwas: Scheitern als Rache und Wiedergutmachung?

Ich weiß, es ist heikel, so zu spekulieren. Es ist jetzt schon Wochen her, seit ich an dem Grab meines Vetters gestanden habe, der nur zwei Jahre älter war als ich. Aber wenn ich heute über Stalingrad lese und den Untergang und die Kapitulation der Sechsten Armee – 3300 Kilometer von dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin – , dann ist mir, als sei das meine Geschichte.

Kategorien: Russland, Wer sind wir?
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Danke. Für diese Gedanken und diese Sicht auf die Dinge.

    • 2. Februar 2013 um 11:11 Uhr
    • Karin Pfeiffer
  2. 2.

    Nun, zuerst einmal danke!

    Ein bitzte an zuküpnftiges Schreiben hätte ich:
    Bitte hören sie auf historischen Unsinn zu verzapfen – das tut wirklich weh. Ich weis, es schreibt sich flott von der Seele und es ist anstrengend vieleicht formulierungen zu suchen/finden, die historisch keine deutungen zulassen, weil sie halt entsprchend nichtssagend sind. oder die alternative: es ist mühevoll sich erst einmal zu erkunden, was denn nun historisch stimmt. Ein Satz wie:
    “[...] und erst der Beginn des großen Tötens in den deutschen Vernichtungslagern, wo man gerade begonnen hatte, mit Gas als Mordmittel zu experimentieren.”
    ist schlicht und ergreifend historisch falsch. Das Experimentierung mit der Vergasung von Menschen, gerade auch was Gaskammern anbelangt, wurde nicht in den (deutschen) Vernichtungslagern angefangen, sondern in Behindertenheimen im ‘Reich’: der sogenannten Aktion T4 (nach dem sitz der entsprechenden behörde in Berlin: Tiergartenstr. 4). Dort wurden an geistig und körperlich behinderten Menschen zuerst vergasungen in gaswägen ausgeführt. Und in speziellen Behindertenheimen wurden die ersten gaskammern eingebaut, um Behinderte zu Vergasen.
    __________________________

    Wasihre Gechichte mit ihren Onkel anbelangt: es ist erstaunlich wie unterschiedlich man Dinge wahrnimmt.
    Ich habe ebenfalls einen Großonkel – den jüngeren Bruder meiner Oma mütterlicherseits – der in stalingrad war, dort gefangengenommen wurde (war auch noch sein erster Einsatz als Soldat) und in einem Brgwerk irgendwo in Russland arbeiten musste bis er ziemlich spät nach Hause kommen durfte. Er hat bei mir im Ort gewohnt udn später, nachdem meine Eltern ihr Haus gebaut hatten, war er unser Nachbar. Als ich so 15 war, ist er an Krebs verstorben.
    Auch er war einfacher Soldat und auch er war klein und drahtig.
    Der Rest ihrer Erzählung passt aber so gar nicht auf das, was ich mit ihm. Ich habe einen gütigen Menschen erlebt, dem es sehr viel Freude bereitete mit dem Auto durch die Landschaft zu kutschieren, vorzugsweise mit dem Enkel seiner Schwester, also mir – denn eigene Kinder hatte er nicht (hat nie geklappt wohl). Und ich dorte da auch einiges, was sonst nicht erlaubt war , bis hin , dass ich das erste Mal ein Auto fahen durfte (ich durfte halt als kleiner Bub auf seinen Schoß sitzend am lenkrad drehen) – ich bin schier vor Stolz geplatzt^^! Über den krieg oder irgendwelche Kriegserlebnisse hat er nie auch nur ein Ton mir gegenüber geäußert – und ich war damals einfach zu jung noch, um von mir aus diess Thema auch nur wahrzunehmen, geschweige denn nachzufragen. Von meienr Mutter weis ich, dass er ihr und meiner Oma gegenüber immer sagte, dass die Nazis ihm die besten Jahre seines Lebens geraubt hätten. Denn vor er als Soldat an die Ostfront gekommen ist, war er beim Arbeitsdienst und dort in einem lager in der Rhön ‘stationiert’ worden, in welchen Torf gestochen wurde. Und das muss eine rechte Schinderei schon gewesen sein, die er sehr hasste und er so auch diese ganze Situation mit Lager, den Drill, die all dies als gut propagierende und durchsetzenden Nazis, ebenfalls sehr ablehnend gegenüber stand (nicht ideologisch, dafür war er wohl zu jung, aber wohl zumindest emotional auf abstand). Und der nächste persönliche Streich war dann, dass er an die Ostfront nach Stalingrad gekomen ist – sowieso nicht umbedingt pro-nsdap eingestellt – und dort das ganze Elend bis zum Ende durchleben musste. Da war also herzlich wenig da, was vielleicht viele andere seiner generation den Nazis gegenüber gewogen machte: seine Jugendzeit, meist die ‘beste Zeit’ eines Menschenlebens, hat er sich beraubt gesehen. Umgekehrt gab es sicherlich sehr viele, die diese zeit als sehr positiv empfunden haben – eine (sher gute und lange) Freundin von mir, deren Mutter als junges Mädel in entsprechenden Jungmädchenorganisationen der NS war, warihr leben lang pro NS – es war halt für sie ‘ihre’ zeit – und ein Höhepunkt, vond em sie iihr leben lang zehrte, stellt es dar, dass sie als kleines Mädchen Hitler bei irgendeiner gelegenheit einmal einen Strauss Blumen überreichen durfte.
    Das problem ist einfach: wie habendie einzelnen Individuen diese zeit jeweils persönlich erlebt – als Zeit des Glücks, des Aufbruches, der Karriere (sehr vielen wurden in sehr jungen Jahren bereits eigentlich unerhörte karrierechancen ermöglicht), als zeit der bedeutung, gerade wenn man an etwas bedeutendes wie einer großen Bewegung (und das war die NS-Bewegung gerade für viele Jugendliche auch – gerade ab 33, als die NSdAP die enstprechenden Organisationen in einem flächendeckenden Maße durchsetzen konnten). Oder eben als zeit der verfolgung, der Mühsal und Unterdrückung.
    Und ich glaube, dass sehr viele menschen dieser zeit – abhängig von der jeweiligen generation und den jeweiligen individuellen Momenten – diese zeit verschieden wahrgenommen haben und darum, weil eben zu dieser zeit die NS-bewegung fast alles auch durchdrang, diese entsprechend bewert(et)en und bei dieser bewertung auch die ideologie quasi ‘Mitschluckten’. Und ich glaube auch, dass es schwierig ist, da wirklich aufrichtig, auf einer emotionalen Ebene, die Nazis und die Nazi-diktatur zu verurteilen (auch bei allen verbrechen), wenn man selbst diese Zeit und die Nazis eben nicht negativ, sondern ausgsprochen positiv erlebt hat (und von den Verbrechen garnichts oder nur am rande etwas mitbekommen konnte – denn die regierenden Nazis haben sehr wohl darauf geschaut, dass man wegschauen konnte, wenn man wollte.

    • 2. Februar 2013 um 11:50 Uhr
    • Zagreus
  3. 3.

    Ich habe meinen opa mütterlicherseitz nie erlebt. Er ist bei kriegsende
    von den russen als zivilist zur zwangsarbeit verschleppt worden und gestorben. Er wurde mir von der ganzen familie, die damals im freistaat danzig, sehr nahe an der polnischen grenze gelebt hat, als ungewöhnlich gütiger, ruhiger, geduldiger mann geschildert, ein großer tierfreund der keiner fliege etwas zuleide tun konnte. Dies wurde mir kürzlich von einem onkel bestätigt der mir aber auch mitteilte, das mein opa bis zuletzt ein überzeugter nazi war. Da schluckt man und kommt ins grübeln.

    • 2. Februar 2013 um 12:17 Uhr
    • ernsthaft
  4. 4.

    Bis in viele Details gleichen sich die Bilder aus Stalingrad mit denen aus den größeren Städten Syriens …

    http://blogs.reuters.com/fullfocus/2013/01/30/shot-by-a-sniper/#a=2

    … wobei natürlich die Ambitionen und die Kompetenz der damaligen und der heutigen Konfliktparteien zum Thema “Staat machen” sehr unterschiedlich anzusetzen sind.

    Zweimal Superstaat, Super-Horrorstaat, aber Superstaat; vs. aktuell: Märchenbuchstaat, bzw. gar kein Staat.

    Wie das vieldiskutierte Bedürfnis zu einer Über-Identifikation mit Konflikten aus der familiären Herkunftsregion eine künftige: ‘Spirit of Aleppo’ – Generation in der Mirgation wohl prägen wird verspricht, sehr spannend zu werden.

    Ein ‘kennen wir schon – hatten wir auch mal hier’ wird sicher vielfach und wohlmeinend geäußert werden, dürfte aber wohl kaum orientierend wirken können.

    • 2. Februar 2013 um 12:45 Uhr
    • Thomas Holm
  5. 5.

    @ Zagreus: Ziemlich unnötig, mir wegen des Nebensatzes zu den Vernichtungslagern reinzugrätschen: Ja, es hat vorher Vergasungen gegeben, auch in Auschwitz. Aber eben unsystematisch und nicht speziell als Mittel zur “Lösung der Judenfrage”. Die Krematorien mit Vergasungskammer, in denen das Gros der Tötungen stattfand, wurde 1943 gebaut.
    Zum Wegschauen können: Jaja, so viel Mühe haben sich die Nazis damit nicht gegeben. Mein Schlafzimmer geht auf die Avus und die Gleise am Bahnhof Grunewald raus. Da ist ein Denkmal, das Sie mal angucken sollten. Mitten in der Stadt, mitten in einer netten Gegend wurden über viele Tausende Menschen verschleppt.
    Wikipedia: “Im Holocaust wurden aus Berlin von Oktober 1941 bis Kriegsende über 50.000 deutsche Juden deportiert. Neben dem Bahnhof Grunewald starteten Deportationszüge vom Güterbahnhof Moabit und vom Anhalter Bahnhof.[5] Der erste Deportationszug verließ den Bahnhof Grunewald am 18. Oktober 1941 mit 1.013 Juden. Mit diesem Tag begann die systematische Deportation der Juden aus Berlin. Bis April 1942 fuhren die Züge hauptsächlich in die osteuropäischen Ghettos nach Litzmannstadt (heute: Łódź), Riga und Warschau. Ab Ende 1942 waren fast nur noch das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und das Konzentrationslager Theresienstadt das Fahrtziel. Allein in die „Todesfabrik Auschwitz“ fuhren etwa 35 Züge mit 17.000 Juden vom Bahnhof Grunewald ab.”

    • 2. Februar 2013 um 13:17 Uhr
    • Jörg Lau
  6. 6.

    @ Lau

    ich “grätsche” ihnen überhaupt nciht rein – und ihre formulierung oben im Artikel ist wohl etwas anders als die einschränkug auf:
    ” Aber eben unsystematisch und nicht speziell als Mittel zur “Lösung der Judenfrage”. – wobei auch hier nur der zweite teil stimmt, denn die vergasung von behinderten ist systematisch erfolgt – indem an nämlich behinderte aus Behindertenheimen extra zur vergasung in die ensprechenden Heime mit gaskammern überführte, dort vergaste, und ihren Eltern/Verwandten dann ein Beileidsschreiben mit fingierter Todesursache (und auf anforderung die (angebliche) Asche ihrer Lieben) zusande. – Aber gut, das nur am Rande.

    Wasw den Bahnhof Grunewald anbelangt (der relativ am stadtrand liegt – ich bitte sie – der liegt bereits außerhalb des inneren ringes) – ich kenne das dortige mahnmal, ich bis fast jede woche einmal in Grunewald (wegen arbeit) und fahr dort immer mit der S-bahn hin.
    Aber bitte – eine einfache Gegenfrage: wann (um wieviel Uhr) wurden denn so idR. die Abtransporte getätigt – in aller Herrgottsfrühe oder mehr so am helligten Tag?

    Was hat man denn, wenn man es nicht wollte, denn mitbekommen?
    Das mal die Nachbarn im Nebenhaus früh abgeholt wurden und (angeblich) gen Osten verreisten in ein Lager (wobei diese laut Propaganda mehr sowas wie Ferienheime seien – aus denen dann abundzu nochmal eine Ferienkarte ankam – wie aus dem KZ Theresienstadt)?
    Bitte versetzen sich sich doch einmal in die lage einiger menschen in Berlin – z. B. eines städtischen Beamten in Grunewald, sagen wir mal so an einer der netten kleinen Seen dort wohnend. Eines Arbeiters in Friedrichhain, einer alten Dame in Moabit, jemand in pankow etc… – und stellen sie sich dabei jedesmal vor, dass diese leute einfachnichts davon wissen wollten, das da menschen abtransportiert würden: – ja wohin denn, und wozu? Und wenn doch, dass es sie einfach nicht interessiert groß und am nächsten tag vergessen wäre. Und wenn sie mal was mitbekommen, dann von allen seiten gesagt bekommen: nicht so schlimm, die werden umgesiedelt etc….

    Lesen sie doch einfach einmal – sie werden das in wenigen tagen durch haben:
    Peter Longerich, “Davon haben wir nichts gewusst!”. Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933 – 1945, München 2006 (siedler-verlag).
    Volker Ullrich schreibt dazu in der Zeit:
    “So methodisch reflektiert, so akribisch genau ist das schwierige Thema noch nie behandelt worden. Kurzum: ein exzellentes Buch, das für eine längst fällige Korrektur unseres Geschichtsbildes sorgt.”

    Wissen sie, den fehler, den sie machen, ist, dass sie das spezifischen Wissen, das jeder halbwegs gebidete hat, über den über die Existenz, den Verlauf und die Art und Weise der Durchführung des Holocausts, auf die damaligen Leute in all ihren unterschiedlichen interessen und lebenssituationen übertragen.
    Dasz. B. ein Lastwagen vor einem Haus steht mit Gestabo und gerade die komplette nachbarsfamilie verläd, und deren Möbel ein paar Tage später versteigert werden, heisst: all diese menschen, die da auf den lastwagen müssen, sind in 1-2 Wochen nur noch aus den Schornstein qualmende Aschewolken – wissen wir (und das ist auch sehr spät erst erfolgt, nämlich nach kriegsausbruch). Ein damals lebender Normalbürger hat nur das mit dem lastwagen , dem einstieg in den selben der familie und die Gestabo gesehen und gehört, dass die nun aus deutschland raus müssen – und nichts von mssenmord. das ist erst mit der zeit geahnt worden – und wer weghören wollte, konnte gut weghören.
    Stichprobe-frage: was bekommen sie denn so mit, was so täglich am Lichtenberger Bahnhof ankomt oder abreist? – Wenn sie nun sagen soltlen, dass sie da herzlich wenig mitbkommen, weil sie dort nicht ohnen und es sie einfach nicht kümmert udn sie nur wissen,d ass dort viele züge von und nach Polen abgehen – dann dürften sie so ziemlich genau das beschreiben, was den meisten Berlinern wohl Grunewald bedeutete – nämlich nichts, vielleicht ein abstraktes wissen (vom hörensagen), dass von dort die Juden verschickt werden irgendwohin/in den Osten – und das war es.

    • 2. Februar 2013 um 13:53 Uhr
    • Zagreus
  7. 7.

    @ Lau

    hier – extra für sie – ein momenteindruck von damals:
    “Der Psychologe Michael Müller-Claudius befragte im Herbst 1942 ein zweites Mal – eine erste Befragung hatte er unmittelbar nach dem Novemberprogrom durchgeführt – systematisch 61 alte Parteimitglieder [NSdAP-Mitglieder - die relativ zu nicht-Parteimitgliedern durchaus zugang zu informationen hatten (Anm. Z.)] zu uihrer Einstellung zur “Judenpolitik” es Regimes. Ausgangspunk dieser verdeckten, in Form einer harmlosen Unterhaltung durchgeführten “Interviews” war stets eine ins Gespräch geworfene Bemerkung: “… und das jüdische Problem ist immer noch nicht geklärt. man hört gar nichts davon, wie die Lösung gedacht sein mag…” [...]
    Interessant sind diese Befragungen jedoch vor allem deshalb, weil sie uns einen Eindruck davon vermitteln, wie man sich eine Erörterung der “Endlösung” in privaten (aber nicht wirklich vertraulichen) Gesprächssituationen im Herbst 1942 vorstellen kann:
    Die Mehrheit der befragten reagierten abwehrend und lehnte offensichtlich eine Erörterung des Themas rundwegs ab, eine Minderheit zeigte sich über Exekutionen informiert, aber keiner der gesprächspartner wollte offensichtlich von der Position ausgehen, dass die “Entlösung”, der systematische Massenmord, bereits in Gang gekommen sei. Auch der Interviewer, der offenkundig eine Vorstellung von den tatsächlichen Schicksal der Juden hatte, konnte sich nicht entschließen, sein Wissen zum Ausgangspunkt der Unterhaltung zu machen, sondern wählte eine allgemein gehaltene Eingangsfrage. “An die Verwirklichung des rasssischen Vernichtungsrechtes, die mit voller Vertiertheit bereits im gange ist, glaubt offenbar keiner der befragten” – so lautete denn auch das wohl aufschlussreichste Resümee des Psychologen.”
    P. Longerich, “Davon haben wir nichts gewusst!”. Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933 – 1945, München 2006, S. 234f.

    –> und hier befinden wir uns im Herbst 1942 bereits, die Vernichtungslager Auschwitz & Co. arbeiteten auf Hochtouren und es ist mitten in der Aktion Reinhardt – und befragt wurden nicht irgendwelche Arbeiter oder alten Mütterchen, sondern alte Parteimitglieder (=leute, die ihren Parteiausweis vor der machtergreifung bereits besessen haben) – quasi der ‘Adel’ der NS-Bewegung.

    • 2. Februar 2013 um 14:20 Uhr
    • Zagreus
  8. 8.

    es sollten viel mehr solcher Geschichten erzählt werden…

    • 2. Februar 2013 um 14:23 Uhr
    • ramona ambs
  9. Kommentar zum Thema

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