Politik, Kultur und Rätsel für junge Leser

Ein Leben auf der Straße

Von 21. Januar 2010 um 13:30 Uhr

Foto:  Mauricio Bustamante

Foto: Mauricio Bustamante

Schüler fragen, ein Wohnungsloser antwortet

In der Klasse 5a des Schulzentrums Altes Land in Jork fällt der normale Unterricht an einem Vormittag im Dezember aus. Die Schüler haben einen Gast, der von seinem Leben erzählt. Der Mann heißt Torsten Meiners, ist 45 Jahre alt und obdachlos.
Schon dreizehn Mal wurde an den Schulen in Jork mit einem Basar Geld gesammelt und für Obdachlose gespendet. „Die Schüler sollen nicht denken ‚Ach ein Penner, der stinkt!’“, sagt Schulleiterin Meike Mertinger. „Sie sollen den Menschen sehen und auch, dass er Hilfe braucht.“ Im Politik-, Sozialkunde-, Religions- oder Deutschunterricht beschäftigen sich die Schüler mit dem Thema Obdachlosigkeit. Die Klasse 5a befragt einen Betroffenen. Er kommt vom Hamburger Straßenmagazin Hinz & Kunzt, bei dem er Verkäufer ist und sich so etwas Geld verdient.Wie sind Sie obdachlos geworden?
Torsten Meiners: Da sind viele Gründe zusammengekommen. Ich wollte nach Neuseeland auswandern. Da hatte ich mal Urlaub gemacht. Deshalb habe ich meine Wohnung gekündigt und meine Arbeit aufgegeben, und bin dorthin. Aber ich hatte keine richtige Erlaubnis, in Neuseeland zu sein. Und dann habe ich all mein Geld verloren. Ich habe nämlich eine Sucht. Ich bin spielsüchtig. Als mein ganzes Geld weg war, konnte ich nichts mehr machen. Ich durfte eigentlich gar nicht im Land sein und konnte so auch nicht arbeiten, um neues Geld zu verdienen. Da habe ich meinen Vater angerufen. Er war sehr traurig. Er hatte mir früher schon Geld gegeben, und das hatte ich auch verspielt. Er hat mir noch einmal geholfen, damit ich nach Deutschland zurückkommen konnte. Dann war ich zurück und hatte keine Wohnung und keine Arbeit mehr.

Wie lang sind sie schon obdachlos?
Torsten Meiners: Seit fünf Jahren, und seit vier Jahren bin ich Hinz & Kunzt-Verkäufer. Das ist eine gute Hilfe, denn man redet mit Leuten. Wenn man keine Wohnung hat, ist die Gefahr groß, dass man sich versteckt oder ganz doll traurig wird. Und dann kann einem niemand helfen. Aber wenn man rausgeht und die Zeitung verkauft, dann trifft man Leute, und das tut gut. Man lernt einige Menschen richtig kennen, wenn man oft an einem Ort steht und verkauft.

Verdienen Sie noch mit etwas anderem als dem Verkauf des Straßenmagazins Geld?
Torsten Meiners: Ich sammle Pfandflaschen am Flughafen. Viele machen das. Mit Taschenlampen, Stöcken und Handschuhen suchen sie nach Leergut. Und ich stehe Modell für Kunststudenten, die mich zeichnen. Manchmal geben mir auch Leute einen kleinen Job. Einmal brauchte eine alte Frau Hilfe beim Gardinenaufhängen. Ich hab das für sie gemacht, und sie hat mir dafür etwas Geld gegeben. Eigentlich darf man so etwas aber nicht. Schwarzarbeit heißt das, weil man keine Steuern dafür zahlt.

Einige machen auch Musik und sammeln damit Geld.
Torsten Meiners: Das ist besser als betteln. Denn wenn man Musik macht, dann gibt man den Leuten ja auch etwas. Da haben sie ein besseres Gefühl, etwas zu geben, als wenn man nur einen Becher hinhält und bettelt.

Wo schlafen Sie?
Torsten Meiners: Ich wohne an einem alten Haus, das verkauft werden soll. Ich habe dem Vermieter angeboten, dass ich mich ein wenig um den Garten kümmere, die Hecke schneide zum Beispiel. Dafür darf ich auf der Terrasse schlafen. Aber es gibt auch Leute, die schlafen im Winter wirklich auf der Straße.

Auch jetzt in der kalten Jahreszeit?
Torsten Meiners: Ja, man braucht eine gute Unterlage und einen warmen Schlafsack. Viele Obdachlose übernachten zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen. Einige schlafen auch in Einkaufspassagen. Aber da muss man ganz früh aufstehen und weggehen. In einigen Passagen gehen nämlich morgens Sprinkleranlagen an. Wenn man vorher nicht weg ist, wird man ganz nass. Es gibt nicht viele Plätze, wo man bequem und einigermaßen sicher schlafen kann. Manche klettern auch in leer stehende Häuser und schlafen dort. Ich habe mal einen Winter lang in einem alten Krankenhaus gewohnt. Im Sommer habe ich mir mal eine Unterkunft in einem Busch gebaut. Die hat keiner so leicht entdeckt, und ich war gut geschützt und konnte meine Sachen da lassen.

In leer stehenden Häusern schlafen, einen Unterschlupf im Busch bauen – das klingt wie ein Abenteuer. Ist das so?
Torsten Meiners: Nein, eigentlich ist man die ganze Zeit auf der Flucht. Wie ein gehetztes Tier. Man muss oft Sachen machen, die man eigentlich nicht so richtig darf. Zum Beispiel in leer stehende Häuser einsteigen oder schwarzarbeiten.

Was essen Sie?
Torsten Meiners: Ich esse ganz normal, Obst, Kuchen, was die Hamburger Tafel so verteilt. Von denen bekommt man umsonst etwas zu essen. Wenn man vor dem Supermarkt steht, fragen einen manchmal auch Leute, ob man etwas braucht. Das ist eine gute Hilfe. Besser, als wenn sie einem Geld geben, und das geht dann für eine Sucht drauf – zum Beispiel für Alkohol.

Wo waschen Sie sich?
Torsten Meiners: Es gibt Tageseinrichtungen, wo man duschen kann. Und einmal in der Woche gehe ich zum Sport, einmal im Monat in die Sauna. Da kann ich mich dann auch richtig waschen. Man muss wissen, wo man sich waschen kann – und dann muss man das auch tun. Gerade im Winter machen das viele Obdachlose nicht. Es ist denen zu umständlich. Viele haben ja ihren ganzen Besitz dabei. Dann müssen sie alles unterbringen oder einschließen, sich ausziehen … Aber wenn man sich nicht wäscht, ist das nicht gesund. Wenn man zum Beispiel eine Wunde hat, kann die viel schneller eitern.

Und was ist mit Zähneputzen?
Torsten Meiners: (lacht) Ja, das mach ich nicht so oft. Das ist ganz blöd, weil ich schon schlechte Zähne habe. Ich habe auch einen Kanister mit Wasser bei meinem Unterschlupf stehen, aber ich putze nicht oft genug. Das ist eine schlechte Angewohnheit.

Woher bekommen Sie Ihre Kleidung?
Torsten Meiners: Aus Spenden. Manchmal stellen Leute auch Körbe mit alten Schuhen raus. Da hab ich zum Beispiel die hier gefunden. (Torsten Meiners zeigt seine Füße, und alle Kinder springen auf und sehen seine Turnschuhe an.) Erst hab ich nur Damenschuhe in dem Korb gesehen, aber ganz unten, da hab ich dann die entdeckt. Das war richtiges Glück! Die passen und sind noch richtig gut. Sonst sind Schuhe nämlich richtig teuer.

Wie halten Sie sich auf dem Laufenden?
Torsten Meiners: Ich habe ein Radio, damit höre ich Nachrichten. Und ich kann in eine Bücherei gehen und Zeitung lesen. Fernsehgucken kann ich nicht. Aber es geht auch ohne.

Gibt es auch Jugendliche in Ihrer Nähe, die obdachlos sind?
Torsten Meiners: Jugendliche sind nicht lange auf der Straße. Das Jugendamt kommt schnell vorbei, und dann leben sie in einem Heim oder einer Pflegefamilie. Da wird in Deutschland besser drauf geachtet als in anderen Ländern.

Glauben Sie, dass Sie wieder eine Arbeit finden?
Torsten Meiners: Das Schwierige ist, dass man alles gleichzeitig braucht: eine Wohnung, damit man Arbeit bekommt, eine Arbeit, damit man eine Wohnung bekommt, ein Konto, eine Versicherung. Das ist sehr schwer. Aber in Armut steckt ja auch das Wort Mut – den Mut darf man nicht verlieren.

Kann Ihre Familie Ihnen nicht helfen?
Torsten Meiners: Ich habe keinen Kontakt mehr zu meiner Familie. Sie könnten helfen. Sie haben aber schon so oft geholfen, und ich habe sie früher häufig belogen. Sie vertrauen mir nicht mehr. Die Spielsucht ist eine Krankheit im Kopf. Das Gemeine ist – es macht ja Spaß. Aber dann ist das Geld weg, das man eigentlich für etwas anderes gebraucht hätte.

Sind Sie schon mal ausgelacht worden?
Torsten Meiners: Ausgelacht nicht, aber einige Menschen wollen einen ärgern. Es gibt ja zum Beispiel Obdachlose, die immer einen Einkaufswagen dabei haben, mit dem sie ihren Besitz transportieren. Manche Leute klauen etwas aus dem Wagen, oder sie zünden die Sachen an. Manche werden auch verprügelt. Jugendliche, die keine Ausbildung und keine Arbeit haben, toben an Obdachlosen ihre Wut aus. Die Leute fühlen sich gut, wenn sie sich jemand anderem überlegen fühlen.

Ist Ihnen schon mal was richtig Gutes passiert?
Torsten Meiners: Ich war Fußballnationalspieler bei der Obdachlosen-Weltmeisterschaft vor zweieinhalb Jahren in Kopenhagen. (Schüler applaudieren). Da darf man nur einmal dabei sein, und es wird Kleinfeldfußball gespielt. Da waren wir in einem Riesenhotel, und es kamen Menschen aus vielen Ländern.

Und was nicht so Tolles?
Torsten Meiners: Es ist traurig, wenn ich wegen meiner Spielsucht Geld verliere, das ich eigentlich zum Leben brauche. Aber es kommen auch wieder bessere Tage!

Was ist für Sie ein Glückstag?
Torsten Meiners: Wenn man aufwacht, der Himmel ist blau, und die Vögel zwitschern, das ist ein glücklicher Tag. Aber wenn man darauf achtet, dann hat man jeden Tag ein bisschen Pech und ein bisschen Glück.

Protokoll: Katrin Hörnlein

Kategorien: Wissen
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