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Kleine Blogschau zur Scroll-Edition der Welt

 

Gestern hat die Welt Kompakt ihre „Scroll-Edition“ herausgebracht, die von Bloggern gestaltete Ausgabe ihrer kompakten Tageszeitung. Die Resonanz auf das Experiment fiel gemischt aus, längst nicht alle Blogger sind stolz auf die Arbeit ihrer beteiligten Kollegen. Hier ein Blick in eine kleine Blog-Presseschau:

„Das Experiment ist denke ich gelungen. Die Text(brocken) sind gut, wenn auch mehr einer (kleinen) Wochenzeitung gerecht, als einer Tageszeitung“, findet Thomas Gigold von Medienrauschen.

„Experiment gescheitert“ vermeldet indes Meetix. „Ich frage mich schon seit langer Zeit, wo viele Blogger die Arroganz hernehmen, Journalisten anzugreifen und sie zu verbessern, obwohl diese ihren Beruf von Grund auf gelernt haben und täglich einsetzen.“ Zwei gewichtige Kritikpunkte in dem Blogeintrag lauten: „News von gestern anstatt News von morgen“ und: „Altbekannte Themen neu verpackt“.

Auch das Blog Basic Thinking hält nicht hinter dem Berg mit Kritik, wenn auch zunächst nur unter Bauchschmerzen: „Es fällt mir nicht leicht, diese Zeilen zu schreiben. Zum einen bin ich niemand, der gerne etwas verreißt, wofür sich andere viel Mühe gegeben haben. Weniger nörgeln, mehr machen, ist eigentlich meine Devise“, schreibt der Autor. Und weiter: „Zum anderen diskreditiere ich damit meinen eigenen Berufsstand. Aber Wahrheit bleibt Wahrheit, und die muss gesagt werden.“ Und die lautet: Experiment grandios gescheitert. „Die Expedition hat der deutschen Webszene eher geschadet als genutzt.“

Basic Thinking ist nicht das einzige Blog, das sich vor allem über das besondere Format der Scroll-Editon wundert – ein Querformat nämlich: „Soll ausgerechnet das darauf hinweisen, dass es diesmal eine Internet-gerechte Zeitung ist? Aber wer bitte liest Texte auf diese Weise? Welches Blog hat ein solches Format?“ Insgesamt bleibt Basic Thinking das Layout „die ganze Ausgabe über ein Rätsel. Hat man etwa die Setzer auch nach Hause geschickt und die Blogger ein bisschen mit dem Redaktionssystem spielen lassen?“ Die Texte klebten an den Fotos und würden optisch nahezu davon überlagert.

Es gibt aber auch ein paar positive Gegenmeinungen, die finden: „Lässt sich gut lesen. Würde ich gerne öfter sehen.“

Immer wieder taucht der Kritikpunkt auf, dass der Nachrichtenpart der Blogger-Ausgabe viel zu schwach dahergekommen sei, und die Edition also nicht den Ansprüchen einer tagesaktuellen Zeitung gerecht werden könne. Medienrauschen  – insgesamt zufrieden mit der Textqualität – resümiert es so: „Blogger können mit Journalisten. Nur Leser mit dem Anspruch “Tageszeitung” können noch nicht so gut mit Bloggern …“ Oder wie Gerhard Kürner es ausdrückt: „Für 23 Blogger wurde die Produktion zur Lehrstunde über die Beschränkungen, denen eine gedruckte Tageszeitung unterworfen ist.“

Viele Beteiligte, überwiegend zufrieden mit ihrem Werk, schildern die Arbeit als eine Mischung aus Chaos und Spaß: „Die iPads flogen nur so durch die Gegend, während wir inmitten pulsierender Gehirne saßen und einmal mehr merkten, wie unterschiedlich die Bewohner des Netzes doch so sind und wie vielfältig ihre Intuitionen, Wünsche und Meinungen.“

Und sie gestehen: „War gar nicht so einfach.“

Andere sehen die Schuld für die schwachen Ergebnisse des Experiments eher bei den Strukturen und der mangelnden Gestaltungsfreiheit. Der Beitrag auf Turi2 etwa heißt: „Blogger mit begrenzter Macht.“

Immerhin ringt sich ein weiterer Beteiligter, Alex Kahl alias der Probefahrer, sogar ein paar nette Worte über Journalisten ab: „Eine Sache habe ich für meinen Teil in dem Experiment mal GANZ deutlich gelernt. Eine gehörige Portion Respekt und Demut vor dem Job des Journalisten insbesondere was die nachrichten angeht. Denn ich habe mich freiwillig für das News-Team gemeldet. (…) Hölle, war das ein Stress!“

Und die Autorin von Gesellschaft ist kein Trost hatte einen so tollen Tag mit den Journalisten und Blogger-Kollegen, dass sie großzügig „Watschn“ an die kritischen „Neidblogger“ verteilt: „Ich zieh Euch die Hand so heftig über Eure kleinen, hellen Wangen (weil ihr ja nie rausgeht, ihr kleinen Nerds), dass ihr noch drei Tage rote Striemen im Gesicht haben werdet.“

Deutlich nüchterner schließlich die Zusammenfassung vom Czyslansky-Blog: „Für einige Blogger mag das alles eine nette Redaktionsbesichtigung gewesen sein. (…) Die Springer-Redakteure haben mal einige ‚echte Blogger‘ gesehen und vielleicht feststellen können, dass auch diese des Schreibens durchaus mächtig sind. Weitere Lerneffekte aus diesem ‚Experiment‘ blieben und bleiben wohl aus.“

Dafür gibt es hier einen versöhnlichen Vorschlag zum Schluss: „Eine aktuelle Ausgabe, gemacht in Kooperation von klassischen Redakteuren UND Bloggern wäre wohl eine bessere Alternative gewesen.“

12 Kommentare

  1.   rose

    Ich möchte freundlich darauf hinweisen, das ich, Rose, eine Frau bin. Das kann man unter „Wir über uns“ ganz einfach herausfinden.

    Danke,

    Rose Jakobs

    Ps.: Googeln hilft.

  2.   rose

    vielen lieben dank für die änderung.


  3. Die Unart, mangelnden Applaus unter Neid zu verpacken, nervt erheblich.
    Es ist mittlerweile vieles so weichgespült, dass selbst die schwächste Leistung noch positiv beschrieben werden muss und leider halten viele Empfänger diese Art von Höflichkeit für eine realistische Beurteilung einer an sich miesen Leistung.

  4.   gru

    Ebenso gilt aber auch: Kritik muss fundiert sein. Die Blogger werden teilweise angegriffen für Punkte, für die sie nicht verantwortlich sind. Hier sieht man den Nachteil von Blogs: „mir fehlen zwar die Hintergründe -und mir ist es zu anstrengend, mir diese zu beschaffen-, aber ist ja egal, ich hau drauf. Ist ja nur ein Blog oder ein Kommentar.“

  5.   rose

    Die Leistung war allerdings nicht so „schwach“. Für alle, die dort getextet haben, war es sicherlich eine kleine Herausforderung. Das wird nicht mal im Ansatz respektiert. Das finde ich schade. Wirklich. Es wird einfach grundlos und hämisch zerrissen. Und das hat nichts mit Kritik zu tun. Immer alles als „nett gemeinte Kritik“ tarnen funktioniert auch nicht. Interessant finde ich auch den Ansatz, dass man Kritik in diesem Land immer „ertragen soll“ und am besten totally numb dabei bleibt. Ich möchte mal jemanden anderen sehen, wenn er sich wirklich sehr angestrengt hat, was gutes zu liefern und dann fallen etliche Leute darüber her, wie die Fliegen. Es wird auch überhaupt nicht differenziert zwischen den Dingen, welche von der Welt Kompakt vorgegeben wurden – wie zum Beispiel das Layout. Oder die Vorauswahl der Texte. Etc. PP.

    Auch der Vorwurf, alles Dilletantische Blogger, ist sehr unüberlegt. Viele von denen, die dort waren, arbeiten eigentlich als Journalisten und Texter. Aber es war nicht unsere Aufgabe, Texte nach Journalistischen Grundregeln zu produzieren. Wir sollten freie Texte entwickeln, angelehnt an die Form von Blogs. Wir sollten Blogtexte für eine Zeitung machen, die an dem Tag keine sein sollte.

    Das wird aber durch die Bank einfach ignoriert.

    Es ist schade, wie das am Ende im Web 2.0 läuft. Und darf man sich als Autor oder Autorin nicht einfach auch mal wünschen, dass etwas gut angkommt? Darf man als Autor nicht einfach zucken, wenn blind mit Kritik geschmissen wird, als seien es Kamelle auf dem Rosenmontagszug?

    Immer soll man ohne jedes zucken Kritikfähig sein bis der Arzt kommt. Das ist eine ganz komische Sache. Die Frage die ich mir stelle, wieviele den Ursprungstext eigentlich kennen, wegen dem ich mich im Internet aufrege. Und ob auch der Text bekannt ist, welcher im Ursprungstext kaputt gehämt wird.

    Häme ist keine Kritik.

    Das kann ich mal noch unterscheiden.


  6. Das wichtigste Korrektiv fehlerhafter Arbeit – der Entzug des Honorars – fehlt bei kleinen „Amateurjounalisten“ – die einzige Sanktionsmöglichkeit ist Nichtbeachtung oder schreibende „Gegenwehr“. Ich will schnelle,kontinuierliche,verläßliche Information: Dafür bezahle ich den Profijounalismus – oder eben nicht.

  7.   rose

    Ich frage jetzt noch einmal: Was ist daran fehlerhaft, wenn einem einzelnen eine Geschichte subjektiv nicht gefällt? Wenn man sich ein Buch kauft und am Ende stellt man fest, das war aber nichts, schreibt man dann den Verlag an und macht so ein Theater?

    Ich verstehe den letzten Kommentar mal so gar nicht.

    Ich habe auch so langsam Gefühl, dass hier viele Leute ihren Senf dazugeben welche die Ausgabe nicht gelesen haben.

    Wie kann man sich nur hinstellen und behaupten alle Texte von allen 23 Teilnehmern seien schlichtweg „falsch“ und „schlecht“?

    Die Behauptung, es seien nun alles „kleine Amateuerjournalisten“ ist eine Frechheit gegenüber den Teilnehmern die seit Jahren (!!!!) als Autoren und Journalisten arbeiten.

    Vielleicht sollte man sich, bevor man behauptet „alles Amateure“ mal mit den Autoren beschäftigen. Dann findet man schnell raus, wie lange manch einer schon dabei ist.

    Es gibt so viele schlechte Artikel – auch von den angeblichen „Profis“, denen streicht ja auch am Ende keiner das Zeilengeld. Oder?


  8. Zum letzten Kommentar: Ich kaufe kein Buch sondern eine ZEITung. Deren Journalismus weist eine gewisse – mir im voraus bekannte – Qualität auf. Die von einer professionellen Struktur gewährleistet ist – wie beispielsweise auch bei Markenbekleidung. Diese Qualität erwarte ich von Journalismus immer – weil anderes mir meine ZEIT stiehlt und dadurch unbezahlbar teuer wird. Insofern bezahle ich mit meinem Geld ersparte ZEIT: Und das ist es mir allemal wert.

  9.   Anmerker

    Es gab durchaus fundierte Kritik:
    http://klardeutsch.blogger.de/
    Unreflektiert empfinde ich aber diesen Artikel (http://gesellschaftistkeintrost.wordpress.com/2010/07/02/ooooch-jetzt-aber-mal-los-hier-ich-muss-noch-abkorpern-dazu-in-der-fortsetzung-mehr/#comments) und viele Kommentare von Rose.
    Sollte nicht eine Zeitung gemacht werden? Stattdessen berichtet Rose davon wie von einem schönen Klassentreffen. Und weil das für sie so toll war, war das ganze ein Erfolg?
    Niedriger kann man Anspruch eigentlich gar nicht ansetzen.

  10.   rose

    Ja, das ist mir schon klar. Allerdings sage ich es auch zum letzten Mal: Wir sind dort nich einbestellt worden, um Journalistische Texte abzuliefern. Wir sollten Texte in unseren individuellen Schreibstilen abgeben. Daher haben wir Journalistische Aspekte außen vor gelassen. Die Texte waren schon in der Vorwoche von uns eingefordert worden und dann in enger Zusammenarbeit mit dem ASV auf Zeile gebracht. Das Layout war fertig, als wir in Berlin anreisten. Wir wollten Tagesaktuelle Texte schreiben, aber es wurde uns gesagt, es ist kein Platz.

    Wieso überliest jeder diese Fakten? Und warum versteht keiner, das wir alle gemeinsam unserer schon fertigen Geschichten einfach gerne im Blatt behalten wollten? Wir haben versucht, zwei, drei Seiten frei zu bekommen und Tagesaktuelle Artikel ins Blatt zu bekommen – uns wurde aber gesagt, wir haben dieses Netz aus Euren ferigen Texten und das Layout steht.

    Sollten wir alle heulend aus dem 13. Stock rennen? Wohl kaum.