“Wir werden getötet und unsere Organe werden verkauft!”

Am Rande der Europastraße E75, auf der griechischen Seite, kurz vor dem Grenzübergang Idomeni nach Mazedonien, steht ein mehrstöckiges Gebäude, das schon seit vielen Jahren leer steht. Die Fensterhöhlen sind schwarz, die Balkone zerbrochen, die Wände mit Löchern übersät, vor dem, was einmal der Haupteingang gewesen sein muss, wuchert dichtes Strauchwerk. Das Gebäude war gewiss mal ein Hotel, in dem Reisende übernachten konnten, bevor sie ihre Fahrt fortsetzten. Wenn sie nach Norden fuhren, ging es über Jugoslawien nach Westeuropa. Ja, sehr wahrscheinlich existierte Jugoslawien noch, als das Hotel in Betrieb war. Weiter““Wir werden getötet und unsere Organe werden verkauft!””

 

Wer steht hinter Merkel?

Auf den Bahngeleisen am griechisch-mazedonischen Grenzübergang Idomeni lagerten bis vor wenigen Wochen noch Tausende Migranten. Sie warteten auf ihre Weiterreise in den Norden Europas, mitunter wochenlang. Mazedonien hatte einen vier Kilometer langen Stacheldrahtzaun errichtet und ließ nur Syrer, Afghanen und Iraker durch. Alle anderen blieben hier stecken. Es waren Tausende. Zelte, improvisierte Behausungen, frierende Menschen die Bilder von Idomeni gingen um die Welt.

Jetzt sind die Bahngeleise frei, ab und zu fährt sogar ein Zug mit Güterwagen vorbei. Es kommen immer noch Tausende Migranten, aber sie müssen an einer Autobahnraststätte weiter im Inneren Griechenlands warten, bis sie in Begleitung der Polizei an den Grenzübergang gebracht und relativ schnell abgefertigt werden. Ob die Zahl der Migranten gesunken ist, kann keiner mit Sicherheit sagen. Sicher ist nur, dass sie immer noch sehr hoch ist. Und dass die Verhältnisse am Grenzübergang Idomeni heute etwas geordneter wirken.

Zu der neuen Ordnung gehört, dass der mazedonische Grenzzaun inzwischen auf 30 Kilometer verlängert worden ist. Und dass griechische Polizisten Präsenz zeigen. Bis vor wenigen Wochen waren sie hier nicht zu sehen. Jetzt sind einige Beamte hier und weisen die Migranten an, sich in Reihen aufzustellen bevor sie die letzten Schritte zur Grenze machen können.

Ein griechischer Polizist schaut auf die lange Menschenschlange. Es kommt zu einem Gespräch.

Polizist: “Was ist das?”

Ich: “Wie? Was ist das?”

Polizist: “Was ist das, was soll das? So viele Menschen.”

Ich: “Sagen Sie es mir, sie arbeiten hier als Polizist. Sie sind wahrscheinlich länger hier als ich.”

Polizist: “Was soll das? All diese Leute? Ihr braucht Arbeiter in Deutschland? Dann nehmt Rumänen, Bulgaren, nehmt doch Griechen. Die brauchen alle Arbeit. Aber das? Was ist das?”

Wieder schaut er auf die lange Menschenschlange und schüttelt den Kopf

Polizist: “Was soll das? Wer ist dafür verantwortlich?”

Ich: “Ich weiß nicht, wissen Sie es?”

Polizist: “Merkel, Hollande, Draghi.”

Ich: “Sie meinen, die sind verantwortlich?”

Polizist: “Hinter Merkel ist jemand, hinter allen diesen Politiker steht jemand. Ich weiß es!”

Ich: “Aber wer denn?”

Er schaut mich lange an und lächelt.

Polizist: “Ich weiß, wer.”

Ich: “Sagen Sie es mir: Wer?”

Polizist: “Sie wissen es auch!”

Ich: “Nein, ich weiß es nicht!”

Er lächelt wieder.

Polizist: “Doch, doch Sie wissen es. Wir beide wissen es. Ich muss es ihnen gar nicht sagen. Wir wissen es.”

Dann wendet er sich wieder seiner Arbeit zu und ruft den Migranten zu.

“Hier lang! Hier lang!”

 

“Wir lassen Sie nicht alleine!”

Der deutsche Europa-Staatsminister Michael Roth ist zu Besuch in Skopje. An der Universität stellt sich der SPD-Politiker der Diskussion mit den Studenten. Der Hörsaal ist gerammelt voll. Viele im Publikum haben an den Protesten gegen die Regierung teilgenommen, die im Frühjahr 2015 für internationales Aufsehen sorgten. Tausende Mazedonier gingen auf die Straße, um gegen Korruption und Misswirtschaft der Regierung zu protestieren. Mazedonien sei, so hieß es, vom ukrainischen Virus erfasst. Man glaubte, dass die Regierung vor dem Sturz stehe. Sie stürzte nicht, musste aber auf Druck der EU neue, sogenannte technische Minister ernennen, sie musste tiefgreifenden Reformen und vorgezogenen Wahlen zustimmen. Sie sollen am 24. April stattfinden. Weiter““Wir lassen Sie nicht alleine!””

 

Europas neuer Frontstaat

Die Mazedonier hätten es sich wohl nie träumen lassen, dass ihr Land eines Tages die Außengrenze der Europäischen Union bilden wird. Doch genau das scheint in diesen Tagen zu geschehen. Die EU droht damit, Griechenland aus dem Schengen-Verbund auszuschließen, weil es angeblich seinen Pflichten bei der Grenzkontrolle nicht nachkommt. Die nächste Grenze Richtung Norden ist die mazedonische. Hunderttausende haben sie seit Sommer 2015 überquert. Bisher relativ ungehindert. Doch auf Druck der EU macht das Nicht–EU-Mitglied Mazedonien den Grenzübertritt für Migranten immer schwerer.

Was ist das eigentlich für ein Staat, der hier zu einer Art unfreiwilligem Bollwerk der EU gegen die Migration werden soll?

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“Wir werden keine Zäune bauen!”

Interview mit Serbiens Premierminister Aleksandar Vučić

über Deutschlands Migrationspolitik

DIE ZEIT: Herr Premierminister was halten Sie von Angela Merkels Flüchtlingspolitik?

Vučić: Ich unterstütze sie voll und ganz. Ich habe in der letzten Zeit viel Kritik an Merkel gehört. Ja, es gab sogar Beschimpfungen. Das ist ungerecht. Das ist falsch. Merkel hält die europäischen Werte hoch. Sie sucht eine europäische Lösung. Viele Europäer haben die Hand aufgehalten als es darum ging, Geld anzunehmen. Die Kosten wollen sie aber nicht mittragen. Das ist schlimm. Weiter““Wir werden keine Zäune bauen!””

 

Deutschland muss in Afrika mehr tun

Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nannte Afrika im Jahr 2013 “unseren Nachbarkontinent”. Der Grund für von der Leyens “Entdeckung” war die Tatsache, dass islamistische Extremisten den Norden Malis unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Frankreich intervenierte mit dem Segen der UN. Es dauerte wenige Wochen und der Norden Malis war befreit – allerdings nicht befriedet. Das ist er bis heute nicht.

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“Alle lügen einander an. Um einander nicht zu verletzen”

Eine Begegnung mit der bosnischen Schriftstellerin Tanja Stupar-Trifunović.

Vor knapp 2o Jahren ging der Krieg in Bosnien-Herzegowina zu Ende, seither versucht dieses kleine Land auf die Beine zu kommen, gelingen will das nicht so recht. 60.000 Menschen sollen allein im letzten Jahr aus Bosnien-Herzegowina emigriert sein, bei einer Bevölkerung von knapp 4 Millionen Menschen ist das ein lebensbedrohlicher Aderlass. Wer trägt Verantwortung für diese Misere? Bosnischer Durchschnittsbürger würden wohl übereinstimmend sagen: “Die Politik ist schuld!”

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Montenegro ist ein korruptes Familienunternehmen

Die Nato hat Montenegro die Mitgliedschaft angeboten. Russland ist darüber sehr erbost und hat Konsequenzen angedroht. Man kann lange darüber streiten, ob die Nato angesichts des ohnehin gestörten Verhältnisses zu Russland klug gehandelt hat. Das ist allerdings eine müßige Debatte.

Wichtiger ist etwas anderes: Die Einladung der Nato hilft Milo Ðukanović, dem Herrscher Montenegros. Das ist eindeutig eine schlechte Nachricht. Es ist nämlich höchste Zeit, dass Ðukanović von der politischen Bühne abtritt. 25 Jahre ist er schon an der Macht. Montenegro ist heute praktisch im Besitz der Familie Ðukanović. Wer gegen die Familie aufbegehrt, lebt gefährlich. Ganz egal, ob es Journalisten sind, die die korrupten Machenschaften des Herrschers untersuchen, oder Demonstranten, die aus Protest gegen die schlechten Lebensbedingungen und mangelnden politischen Freiheiten auf die Straße gegen – sie werden bestraft und eingeschüchtert. Weiter“Montenegro ist ein korruptes Familienunternehmen”

 

Sterben in Mali?

Seit den Attentaten von Paris spricht Frankreichs Präsident François Hollande von Krieg, der Bündnispartner Deutschland hat damit größte Mühe. Aber Deutschland unterstützt Frankreichs Militärmission in Mali. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat angekündigt, dass die Bundeswehr den Verbündeten dort “entlasten” wolle. Es ist die Rede von bis zu 700 Soldaten mit einem robusten Mandat. Kampfeinsätze sind also möglich. De facto befindet sich Deutschland demnach mit Frankreich in einer Kriegskoalition, wenn auch nicht in Syrien, so immerhin in Afrika. Weiter“Sterben in Mali?”

 

Der Zerfall beginnt am Balkan

Wenn es auf dem Balkan laut und hektisch wird, dann sollte auch der Rest Europas wachsam sein. Die Region wird oft als Hinterhof Europas bezeichnet. Dabei ist sie immer auch eine Bühne gewesen, auf der gesamteuropäische Tragödien ihren Anfang nahmen. Es war ein Attentat in Sarajevo, das den Ersten Weltkrieg auslöste. In den neunziger Jahren dann brachen auf dem Balkan Kriege aus, die man sich in Europa eigentlich nicht mehr hätte vorstellen können.

Nun wird dort wieder gestritten – so sehr, dass sich der slowenische Ministerpräsident Miro Cerar vor dem Brüsseler Flüchtlingsgipfel zu einer drastischen Warnung gezwungen sah: “Wenn nicht sofort was geschieht, zerfällt Europa in wenigen Wochen.” Das sollte man ernst nehmen. Und zwar nicht nur, weil es nicht das erste Mal wäre, dass der Zerfall Europas auf dem Balkan seinen Anfang nimmt.

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