Das Blog der Köche, Gastronomen und Gourmets

Koch sein II

Von 10. Juni 2008 um 20:28 Uhr

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So soll es sein: Ein Koch will kochen, andere Leute satt machen und dafür entlohnt werden. Ginge es nur um den Erlös, dann wäre er in einer Fabrik mit angenehmeren Arbeitsbedingungen besser aufgehoben. Nein, nicht nur der Lohn ist es, sondern der Beifall der Esser, die ihn vorantreiben. Schafft man es nicht, diese Hürde zu überwinden, dass nämlich ab und zu Anerkennung den Koch anhebt, dann ist Kochen ein elender Brotberuf.
 
So gesehen ist Anerkennung fast wichtiger als der Lohn. Leicht zu begreifen ist auch, warum gute Köche ohne gewisse Eitelkeit nicht dorthin gelangen, wo die Auszeichnungen angesiedelt sind.

Gastronomie und ihr Umfeld sind traditionell nicht gerade mit intellektuellem Grundrauschen gesegnet. Die Bundesagentur für Arbeit schickt hoffnungslose Fälle gerne mit dem tückischen Hinweis in die Welt: „Gehen Sie in die Gastronomie, da kann man jeden gebrauchen!“

Berufsschullehrer wissen ein Lied davon zu singen. Dementsprechend hat sich dort auch das „Gegenüber“, die Gastrokritik, mit zahlreichen ziemlich dürftigen „Kritikern“ angesiedelt. Der eitle „Ausgehschreiber“ und der von kurzlebigen Erfolgen selbstbesoffene Koch – beide Spezies befeuern die Demimode der Gastronomie bis heute. Es ist ein Kommen und Gehen und ein Elysium der Epigonen.

Beide sind Erfüllungsgehilfen der mehrheitlichen Erwartungen, und dass bei der Mehrheit nicht der kritische Geist angesiedelt ist, das beklagten schon die alten Griechen. Immer dem neuesten Trend hinterherrennen, immer in Mode und in den Schlagzeilen bleiben – so findet der Koch keinen eigenen Ankerpunkt. Er hat keine Zeit und Muse, um tiefere Überlegungen anzustellen, und so kann nichts Eigenständiges entstehen, sondern nur das, was gerade „angesagt“ ist, und was heute in Mode ist, ist es morgen schon nicht mehr. Um eine charaktervolle berufliche Handschrift zu bekommen, braucht es Ausdauer und nicht die Jagd nach Tageserfolgen. In der Gastronomie passiert das Gleiche wie in der Musik. Schallplattenfirmen geben vor, wie der Sound momentan zu klingen hat. Die Musiker sind perfekt ausgebildet und das Ergebnis kann nicht anders sein, als dass einer klingt wie der andere. Alle aus demselben Reagenzglas.

Nun scheint sich langsam das düstere Bild zu lichten. War früher der gastronomische Beruf oft der „last exit“ des Arbeitsamtes, so pochen heute ehrgeizige Eltern bei ihrer Brut nun nicht mehr ums Verrecken auf eine akademische Laufbahn, denn dort ist das Elend bald höher und das Abstellgleis der Geringverdiener bald schneller erreicht als bei den Malochern in der Fabrik. Tja, und mittlerweile lässt sich mit Kochen, Servieren, mit Hotel-Hauben und Restaurantarbeit das persönliche Ansehen besser heben als in vielen anderen Berufen.

Das alles lässt hoffen, aber das richtige Denken und Fühlen ist nach wie vor in der Gastronomie nicht so richtig angekommen. Wer dort arbeitet, es womöglich zu einer gewissen Bekanntheit bringt, wer am Firmament der Eitelkeiten wie ein Komet entlangstreift, ist oftmals nach kurzer Zeit farblos oder ganz erloschen.

Ehrgeiz, handwerkliches Können reichen nicht aus, um von der Lehre bis zur Rente die Nase über der Suppe zu halten. Reich wird man sowieso nicht, also müssen dringend einige ethische Stützstreben in den Hirnkasten verpflanzt werden. Ohne Sinn kann das Leben angenehm sein, aber es bleibt trotzdem sinnlos. Außer mit all dem handwerklich gastronomischen Können muss sich ein junger Koch, der sich ja von Berufs wegen mit einem Teil der schönen Dinge dieser Welt beschäftigt, auch mit den anderen schönen Dingen der Welt beschäftigen. Ein schön angerichteter Teller (einstürzende Foodbauten), glaubt das Köchlein, sei bereits Kunst.

Es ist keine Kunst, garantiert nicht, sondern nur schön und womöglich dekorativ. Kunst wird so etwas nur durch den Geist, der dahintersteckt. Da spielt es sogar eine Rolle, wie und wo man das Essen verspeist. Geschmack und Glücksgefühle finden nicht nur auf der Zunge statt. Bis sich ein Gourmet in einem Restaurant richtig wohlfühlt, müssen noch andere Kulturanstrengungen bewältigt werden. Schließlich soll sich der Gast dort nicht zu Hause fühlen, wie dummerweise in Gastronomiekreisen geglaubt und immer wieder verzapft wird. Das wäre nämlich furchtbar, denn nur wenige hausen so, dass man allgemeingültig daraus positive Lebensregeln ziehen könnte.

Egal, wie auch immer, ein guter Koch braucht zu allem Ehrgeiz und sonstigem paranoidem Antrieb einen guten Blick auf sich selbst, eine Einschätzung, wo er steht, wo er hinwill und ob er das richtige Maß seines Antriebs innehat oder eben schon im Pathologischen navigiert. Bei vielen ist das so und die Medien heizen kräftig durch Hitlisten mit an und rücken diesen schönen und beseelten Beruf immer mehr auf die Showrampe und in die Nähe des Spitzensports.

Das braucht der gute Koch nicht, sondern eine innere Überzeugung, sich selbst und damit auch seinen Gästen etwas Gutes zu tun. Nicht mehr und nicht weniger. Es geht also nicht nur darum, dass es gut schmeckt, sondern auch darum, warum es gut schmeckt. Hat man Glutamat nötig, Augenbetrug, Berieselungsmusik, Denaturierung der Lebensmittel, braucht es den ganzen elenden Schein, den man als Realitätsdesign beschreiben könnte?

Um in diesem Beruf lange glücklich zu bleiben, geht es nicht ohne das Hinterfragen: „Luxus ja, aber auf wessen Kosten?“ Wir leben in einer Welt der Denaturierung. Ein Koch hat die Verpflichtung, sich intensiv mit der Natur zu beschäftigen. Auf Dauer will der Gast, der Genießer, der Esser nicht zu einem Koch aufblicken, der große gastronomische Auszeichnungen hat, welche letztlich aus urbanem, oft pathologischem Umfeld kommen, sondern er sucht einen Koch, dem man glauben kann, der Orientierung bietet.

Der Koch ist nicht nur Fachmann für Lust und Gaumenfreuden. Er sollte viel mehr sein, nämlich ein Transformator der unmanipulierten Natur. Er ist der Wahrheit im Essen verpflichtet und nicht der Beschaffung und Vorhaltung von Lebenslügen. So gesehen bestürzt es mich, dass weltberühmte Köche wegen des Geldes Komplizen der Nahrungsmittelindustrie sind. Man kann mit Oberflächenpolitur schnelle Erfolge erzielen, glücklicher Koch ist man nur, wenn man nicht sich selbst und andere belügen muss.

Kategorien: Allgemein, Menschen
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ganz spontan: ein RIESEN-KOMPLIMENT ! Dieses feinsinnig elaborierte Pamphlet sollte künftig zur Grundlektüre aller in der gastronomie Schaffenden (und schaffen Wollenden) gehören – besser kann man’s nicht auf den Punkt bringen. Chapeau!

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    • 12. Juni 2008 um 09:56 Uhr
    • Christian Bartoschek
  2. 2.

    Geniale Worte.
    Möchte ergänzen, dass so dann nicht nur der Koch ein glücklicher ist, sondern dass diese Maxime auch für jeden anderen Menschen gilt, egal welchen Beruf sie/er ausübt.
    Mehr Sein als Schein.
    So unpopulär und doch so einfach.
    Danke.

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    • 12. Juni 2008 um 12:07 Uhr
    • Ev
  3. 3.

    Man stelle sich nur einmal vor: Manager von Banken, Versicherungen, Grosskonzernen und Politiker aller Couleur würden sich solcherlei Massstäbe zu eigen machen, statt Schimären und dem schnellen Geld nach zu jagen! Kaum vorstellbar?!

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    • 12. Juni 2008 um 13:07 Uhr
    • Klaus
  4. 4.

    Hallo Herr Klink,

    Ein Transformator der unmanipulierten Natur. Sehr gut gesehen das eigene Berufsbild.
    Nichts ist schlimmer, wie wunderschöne und wertvolle Lebensmittel mit Maggi & Co. in einen Einheitsgeschmacksbrei zu verwandeln. Das wird uns ja jeden Tag in der TV -Werbung erzählt. Diese Pülverchen können wirklich gerade jungen Menschen den Geschmackssin verwirren und treiben merkwürdige Blüten gerade in Rezepten von sogenannten Landfrauen_Kochbüchern.
    Ich finde es klasse, wie sie hier Stellung beziehen in Ihrem Blog.
    Kompliment.
    Grüssli aus Nordhessen

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    • 14. Juni 2008 um 17:43 Uhr
    • Angela
  5. 5.

    Sehr geehrter Herr Klink,
    mein ehrliches Lob an ihre Moral und Ethik zu ihrem Berufsstand.
    Ich wünsche ihnen das Gastklientel,welches ihre unverblümte Art und Weise zu kochen erkennt und würdigt.
    Bedauerlicherweise findet man unter Gästen in Sterne-und Haubenrestaurants mehr kulinarische Blindgänger und ” Schauspieler” als sonstwo.
    Weil sie sich mit ihrer bodenständigen, deftigen Person von anderen Kollegen abheben, wird das anerkennende Publikum in ihrem Lokal anzutreffen sein.
    Mein Lob

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    • 17. Juni 2008 um 09:33 Uhr
    • Beate Aldinger
  6. 6.

    Lieber Herr Klink,
    niemand hätte mir mehr und besser aus dem Herzen sprechen können!
    Bin Köchin aus Leidenschaft, habe dafür meinen sicheren (akademischen) Job an den Nagel gehängt, in vollem Bewusstsein, was mich erwartet.
    Seit Oktober 2007 koche ich mich nun in Saarbrücken in die Herzen meiner Gäste, die zu meiner allergrößten Freude das Tüten-Tabu bei mir schmecken und schätzen. Nie hat mir das Kochen mehr Spaß gemacht!
    Sie, lieber Herr Klink, inspirieren mich schon lange und es ist nach wie vor eine Freude in meiner knappen Freizeit, Sie im Fernsehen zu erleben. Jetzt haben Sie einen weiteren Meilenstein gesetzt auf dem Weg zu purem Genuss und Lebensqualität.
    Ein ganz herzliches Dankeschön!
    Das Leben als Köchin beschert mir ganz köstliche Erlebnisse:
    Da kritisiert einer, der sich auskennt, es sei zu viel Muskat am Gericht – ja, es war aber gar kein Muskat dran! Da entläd sich dann der ganze tägliche Stress in einem Kicheranfall in der Küche und ich denke an Horst Lichter: „Unser tägliches Arschloch schicke uns heute!“
    Für die, die noch all dem hinterherhinken, was Sie so wundervoll beschrieben haben, habe ich auch ein Zitat von Vincent Klink parat:
    „ Die teuerste Hühnersuppe der Welt:
    1g Hühnertrockenfleisch für 98 Cent in der Tüte“.
    Kann ja jeder draus machen, was er will.
    Ich freue mich, dass es Sie gibt!
    Herzliche Grüße und alles Liebe aus Saarbrücken
    Ellen Philipp

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  7. 7.

    Langsam fange ich an den Denker und Kulturschaffenden Vincent Klink mehr zu mögen als den biederen ARD Buffetkoch. Ein Koch sollte primär Fachmann für Lust und Gaumenfreuden bleiben. Ich befürchte das Klinks elitärer Natur- Purismus diejenigen denen es egal was sie essen und die es zu retten gilt, abschreckt. Jedwede Funktionalisierung des Essen die über den Genuß hinausgeht lehne ich solange ab, solange Bankdirektoren und Wissenschaftler Tiefkühlpizza in sich hineinstopfen und das mit mangelder Zeit für den Genuß begründen. Ihnen sollte man primär Niveaulosigkeit vorwerfen und nicht mangelndes Naturverständnis. Sieht man sich die Umsätze des funktional Foods an werden die Zusammenhänge von Funktionalisierung und Kulturniveau sichtbar.

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    • 19. Juni 2008 um 12:41 Uhr
    • Burkart Hansberg
  8. 8.

    Herr Klink mag die Zustimmung durchaus verdienen, die er von seinen Kommentatoren erfährt, das kann ich nicht beurteilen. Der Satz am Anfang seines Textes zeigt jedoch bereits das ganze Dilemma der Welt von Küche und Gastronomie und des Kochs/der Köchin im besonderen: “Nein, nicht nur der Lohn ist es, sondern der Beifall der Esser, die ihn vorantreiben. Schafft man es nicht, diese Hürde zu überwinden, dass nämlich ab und zu Anerkennung den Koch anhebt, dann ist Kochen ein elender Brotberuf.” Die grosse Mehrheit der Beschäftigten in Küchen und Kombüsen, die völlig anonym täglich ihrer in der Tat nicht sehr üppig entlohnten Arbeit nachgehen, erfährt diese Anerkennung eben niemals. Das ist eine der zahlreichen negativen Konsequenzen unseres zunehmend industrialisierten Ernährungssystems, welches die von Herrn Klink erwähnten Moden nicht aus Boshaftigkeit schafft, sondern um entsprechend Kasse zu machen.

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    • 19. Juni 2008 um 14:34 Uhr
    • Hermann Mahler
  9. Kommentar zum Thema

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