Offene Daten – offene Gesellschaft

Die Bahn gibt ihre Daten lieber Google statt allen

Von 17. September 2012 um 17:12 Uhr

Zweiter Test: Fernverkehr der Deutschen Bahn from Michael Kreil on Vimeo.

Die Deutsche Bahn fährt nach einem Fahrplan, der an jedem Bahnhof aushängt, der auf diversen Websites angezeigt wird und den jeder über die offizielle Bahn-App auf seinem Smartphone einsehen kann. Alles gut, könnte man denken. Doch um wirklich von Nutzen zu sein, wäre es sinnvoll, wenn diese Fahrplandaten in einem maschinenlesbaren Format von jedem heruntergeladen werden könnten.

Dann könnte jeder darüber nachdenken, wie sich vielleicht noch bessere Fahrplan-Anwendungen bauen ließen. So clever die Bahn auch sein mag, in der Masse der Menschen gibt es garantiert immer noch einen, der noch cleverer ist. Und der etwas erdenkt, was vielen Bahnkunden nützten könnte.

Dieses Prinzip – open data genannt – haben viele Institutionen längst verinnerlicht. Die Bundesregierung beispielsweise testet deswegen ein Portal für viele, viele statistische Daten und Regierungsinformationen.

Die Deutsche Bahn jedoch mag diesen Vorteil nicht erkennen. Sie gibt ihre Daten nicht an Jedermann. Man wolle sich aussuchen, mit wem man zusammenarbeite, zitiert Spiegel Online einen Sprecher des Unternehmens. Sonst leide womöglich die Qualität.

Das Unternehmen, dem die Bahn vertraut, ist Google. Google Transit heißt das Produkt, das der Konzern aus solchen Kooperationen baut. Außerdem sind die Fahrpläne nun in die Anwendung Google Maps integriert.

Nach Meinung erster Tester beispielsweise bei Basic Thinking ist das aber nicht besonders gut gelungen. Zitat: “Nicht enthalten sind allerdings eben jene Daten des Nahverkehrs: U-Bahn, Straßenbahn und Bus. Google Transit schickt euch im Innenstadtbereich deswegen nur von Bahnhof zu Bahnhof und lässt euch kilometerweit zu Fuß laufen.”

Würden die Daten jedem zur Verfügung stehen, hätte Google sie trotzdem in sein Produkt einbauen und damit Geld verdienen können. Gleichzeitig aber wären sie für freie Entwickler eine Quelle gewesen, um eigene Ideen und vielleicht Produkte zu verwirklichen. Nicht umsonst gelten offene Daten als wirtschaftlicher Faktor.

Und solche freien Entwickler gibt es viele. Michael Kreil (der unter anderem an der Grafik über Vorratsdaten bei ZEIT ONLINE beteiligt war), hat mit dem Zugmonitor bewiesen, dass sich aus Fahrplandaten interessante und nützliche Anwendungen bauen lassen. Er glaubt ganz offensichtlich an die kreative Macht der Masse und hat die Fahrplandaten der Bahn von deren Websites geklaubt und auf einem eigenen Portal veröffentlicht, wo jeder sie herunterladen kann.

Damit dürfte bald ein Vergleich möglich sein, wer die besseren Anwendungen baut, die Bahn, Google oder irgendein freier Entwickler.

Die eigentliche Frage aber bleibt: Warum gibt die Bahn die Daten Google, statt sie jedem zugänglich zu machen? Warum nutzt der staatseigene Konzern nicht die Chance, offene Daten zu fördern? Um Geld soll es nicht gegangen sein, schreibt Spiegel Online. Worum dann? Angst vor der Kreativität anderer?

Bei Heise wird ein Sprecher mit den Worten zitiert, man wisse ja nicht, wie alt die Daten seien, die dann verwendet würden. Nun, das lässt sich wohl leicht beheben. Genau wie Google haben auch andere Entwickler von Diensten ein reges Interesse, ihren Kunden stets aktuelle Daten zu bieten. Solange die Bahn ihre eigenen Datensätze auf dem neusten Stand hält, dürfte es also kaum Probleme geben.

Kategorien: Datenquelle
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Seit wann betreibt und verantwortet die DB AG denn U-Bahnen, Trams und Busnetze (abgesehen von den Bahnbus-Linien)? Meines Wissens nirgendwo.

    Dementsprechend zeichnet die Bahn auch nicht für diese Datensätze verantwortlich, sondern nutzt in dieser Hinsicht selbst (etwa bei Smartphone-Apps) nur, was ihr von anderen Anbietern an Daten zur Verfügung gestellt wird.

    Es bliebe zum Beispiel zu klären, ob die Bahn überhaupt berechtigt ist, diese Daten von Dritten einfach weiterzurreichen. Hier hätte der Artikel zum Informationsgewinn beitragen können – leider nicht geschehen.

    Dass die Bahn ihrer Ansicht nach Qualitätsmanagement betreibt, indem sie ihre eigenen Fahrplandaten nur ausgewählten Partnern zur Verfügung stellt, kann man kritisieren, erweist sich aber nicht als nachteilig. Sieht man daran, dass der Artikel zwar die potenzielle Kreativität Einzelner rühmt, aber kein konkretes Beispiel für eine Drittsoftware nennt, welche die Fahrplandaten der DB potenziell anders und nutzvoller auswertet, als die Anwendungen der Bahn selbst.

    Der Zugmonitor der Süddeutschen ist übrigens eine der nutzlosesten Anwendungen überhaupt, weil er nur Pünktlichkeit im Fernverkehr abbildet. Im Fernverkehr sind Verspätungen jedoch nur Momentaufnahmen, weil Fernverkehrszüge einerseits in der Regel eine leichte Verspätung auf der Strecke wieder herausfahren können, andererseits, weil Anschlusszüge im Fernverkehr durchaus aufeinander warten. Es sei denn die Verspätung ist groß, dafür braucht man aber nicht den Zugmonitor, das teilen die Anwendungen der Bahn ab +5 Minuten zuverlässig und schnell mit. Mehrwert nicht gegeben.

    Wobei ich persönlich eine Anwendung (Öffi) kenne, die Fahrplandaten auswertet und nach meinem Dafürhalten in mancher Hinsicht besser darstellt (visualisiert) – aber das ist auch nicht verallgemeinerbar, sondern eben nur meine Meinung.

  2. 2.

    Die Bahn verkauft sich. Ist im Prinzip ein cleverer Schritt: Mit den simplen Fahrbahndaten lässt sich nämlich Geld generieren, indem sie einfach in ein neues Produkt verwandelt werden. Die Bahn verkauft ihre Vahrpläne, Google verdient an der Werbung und gewinnt noch mehr Marktmacht. Der einzige Dumme ist wieder…Der Kunde.

    • 17. September 2012 um 19:16 Uhr
    • Elite7
  3. 3.

    Die Briten sind da inzwischen ein ganzes Stückchen weiter.
    Seit letztem Dezember gibt es da die Daten, auf denen das Kursbuch basiert, in maschinenlesbarer Form (http://data.atoc.org/).
    Und seit diesem Sommer stellt auch der Infrastrukturbetreiber Network Rail einiges an Daten öffentlich zur Verfügung (http://www.networkrail.co.uk/data-feeds/), so z.B. tagesaktuelle Fahrplandaten, die auch kurzfristige Fahrplanänderungen beinhalten (und zwar nicht bloß den normalen Passagierfahrplan, sondern den internen Betriebsfahrplan), Echtzeit-Verspätungs- und sogar auch Positionsinformationen aus dem Zugnummernanzeigesystem.
    Die DB rundet ja dagegen auf ihrer öffentlich zugänglichen Seite die Verspätungen weiterhin auf volle fünf Minuten.

    • 17. September 2012 um 19:40 Uhr
    • JanH
  4. 4.

    Google Maps ist ein tendenziell suboptimaler Dienst, die Karten haben zahlreiche Detailfehler, Haltestellen des öffentlichen Verkehrs sind vielfach an falscher Stelle eingetragen, mit falschem Namen versehen oder frei erfunden. Ob dieses Service besonders nutzbar wird wage Ich zu bezweifeln, zumal die DB-Fahrplansauskunft im Interent recht gut funktioniert.

    Auf einer Open-Data-Infoveranstaltung vor einem Jahr in Wien sagte ein Vertreter der Wiener Linien, dass Google von den Wiener Linien verlangt hätte, ihre Daten in das Google-Format zu konvertieren. Ich hoffe nicht, dass die DB Google die Daten nicht nur überlässt, sondern auch deren Arbeit erledigt.

    • 17. September 2012 um 20:23 Uhr
    • Liberaler Humanist
  5. 5.

    Dummm nur, wenn andere Anbieter (Private und öffentlich) nicht integriert sind. Das bekommt sogar das ofizielle Portal Bahn.de besser hin. So wird das ganze Angebot schon wieder uninteressant.

    • 17. September 2012 um 20:46 Uhr
    • Nesro
  6. 6.

    wie immer: privatized … and broken.

    • 17. September 2012 um 20:46 Uhr
    • _muskote
  7. 7.

    Sehr gut geschrieben! Sehen wir die Datenabgabe an Google als ersten Schritt der Öffnung. Und wenn Michael Kreil gut (legal?) gescraped hat, kommen ja alle anderen Entwickler auch an die Daten dran. Ich freue mich auf viele Kreative Anwendungen.

    • 17. September 2012 um 20:50 Uhr
    • Ole
  8. 8.

    Da steht die Bahn in einer unseligen staatlichen Traditionslinie, denn unser Staat möchte ja auch gerne alles vertraulich behandeln oder jede Information noch zusätzlich zu Geld machen.

    So zurückhaltend die Bahn mit ihren Daten ist, so großzügig zeigt sie sich hinsichtlich der Daten der Kunden. Wenn man die Rechte sieht, die die Bahn-App bei Installation für sich fordert, so ist dies schon spektakulär.

    • 17. September 2012 um 21:05 Uhr
    • Lu-S
  9. Kommentar zum Thema

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