Offene Daten – offene Gesellschaft

“Vermisst”-Aktion beschränkt sich auf Klischee-Bezirke

Von 30. November 2012 um 14:32 Uhr

Berliner Stadtteile mit Bewohnern mit Migrationshintergrund und Standorte der BMI-Aktion "Vermisst". Quelle: Frag den Staat

Bei der “Vermisst”-Aktion, die auf die Gefahr hinweisen will, dass junge Menschen in den islamischen Extremismus abdriften könnten, haben sich das Bundesinnenministerium und/oder die beteiligten Werbeagenturen offensichtlich von Klischees leiten lassen. Diese Vermutung stützen zumindest Daten, die Stefan Wehrmeyer von der Aktion Frag den Staat dank einer Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz vom BMI erhalten hat.

Für die umstrittene Aktion waren neben einer Print- und einer Onlinekampagne auch großflächige Plakate geplant. Die Orte (hier ein PDF der BMI-Liste), an denen diese Plakate aufgestellt werden sollten, zeigen ein Muster.

Gut 140 der 200 Plakate waren für Berlin vorgesehen. Sie ballen sich in den von Migranten geprägten Stadtteilen Wedding, Kreuzberg und Neukölln, wie unsere interaktive Karte zeigt:

Unterlegt ist die Karte jeweils mit dem Anteil von Deutschen, die einen Migrationshintergrund haben. Dargestellt ist dieser Anteil in der kleinsten statistischen Gliederung Berlins, den sogenannten Planungsräumen. Je dunkler ein Bezirk, desto höher ist der Anteil. Angezeigt werden nur Räume mit mehr als 250 Einwohnern, daher lassen sich manche Kieze nicht anklicken. Die Markierung “A” bedeutet dabei das Plakatmotiv “Ahmad”, “H” bedeutet “Hassan”, “T” steht für “Tim”, einen Konvertiten. Der rote Marker steht für eine kleine Anzahl ins Türkische übersetzte Motive (mit dem Bildmotiv “Ahmad”), der grüne Marker steht für eine kleine Zahl von arabischsprachigen Plakaten (mit dem Bildmotiv “Hassan”).

Wie die Karte zeigt, wären auch viele andere Gebiete in der Stadt als Ort für Plakate infrage gekommen. Zumindest, wenn der Anteil von dort lebenden Migranten das entscheidende Kriterium ist. Doch war das offensichtlich nicht der Fall.

Sind das Bundesinnenministerium und die von ihm beauftragten Werbeagenturen vielleicht danach gegangen, wie viele Migranten und Ausländer zusammengerechnet in einem Viertel leben? Die zweite Karte zeigt diesen summierten Anteil. Je dunkler ein Feld, desto höher ist er:

Offensichtlich war auch das nicht das Kriterium. Denn dann wären deutlich mehr Standorte infrage gekommen, wie die dunkler eingefärbten Felder zeigen.

Die Kampagne hatte sich also offenbar auf die Klischee-Orte Wedding, Kreuzberg und Neukölln fixiert. Moabit, Spandau oder Marzahn wurden vergessen. Das ist seltsam. Und es steht im Widerspruch vor allem zum Motiv “Tim”. Das immerhin zeigt einen deutschen Konvertiten. Es macht mit 60 Plakaten fast die Hälfte aller 140 Berliner Plakate aus, sollte aber ebenfalls bis auf wenige Ausnahmen in den drei Stadtteilen aufgestellt werden. Unsere dritte Karte zeigt das deutlich, auf ihr sind die vorgesehenen Standorte der Plakate verzeichnet, die das Motiv “Tim” zeigen:

Die Daten unterstützen die Ansicht der Kritiker der Kampagne. Als diese Ende August 2012 beginnen sollte, waren vier der fünf beteiligten Islamverbände nicht glücklich mit der Ausrichtung. Sie zogen sich am 31. August zurück, weil die Darstellung von Migranten ihrer Ansicht nach pauschalisierend ist. Sie nannten den Plan des BMI eine “Steckbriefkampagne”. Im Bundesinnenministerium hieß es, man könne die Kritik nicht nachvollziehen. Trotzdem wurden die Plakate nie aufgehängt, lediglich Postkarten wurden verteilt.

Nebenbei: Ganz billig waren die Plakate trotzdem nicht. Wie aus den Daten hervorgeht, wurden – obwohl abgesagt – für insgesamt 203 großflächige Plakate 44.640 Euro berechnet, im Durchschnitt 220 Euro pro Plakat. Allein für Berlin sind das also mehr als 30.000 Euro. Die gesamt Kampagne sollte knapp 328.000 Euro kosten. Hier ein PDF der Kostenaufstellung des Ministeriums. Die “finalen Kosten werden sich unter Umständen noch reduzieren”, schreibt das Ministerium in seiner Antwort, da ein Teil der Anzeigenkampagne hinterher auf Basis der Klicks abgerechnet würde.

Nachtrag: Die Datenquellen zur Berliner Einwohnerregisterstatistik hatte ich in der Ur-Version des Textes verlinkt, in der redigierten Fassung nicht mehr. Hier die Einwohnerregisterstatistik, Stichtag 31.12.2011 und die Shapefiles der Planungsräume.

Disclaimer: Michael Hörz arbeitet beim Portal Frag den Staat mit, das es Bürgern einfacher machen will, ihr Recht auf Informationen gegenüber Behörden und Ministerien durchzusetzen. Er wird im Data Blog regelmäßig ausgewählte Informationsfreiheitsanfragen vorstellen.

Kategorien: Datenvisualisierung
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Was hat das mit Klischee zu tun? Man zeigt sich damit doch nur lernfähig und verwendet die Ressourcen sinnvoll.

    Um es überspitzt auszudrücken: Wäre es denn sinnvoll, solche Plakate in einem Viertel aufzuhängen, in dem ausschließlich jüdische Bürger wohnen?

    • 30. November 2012 um 17:31 Uhr
    • theg
  2. 2.

    Mit dieser Karte tut Berlin sich und den Bewohnern keinen Gefallen.

    Besser wären Plakate mit Integrationsmotivation für die Betrachter.

    Was sollen denn die Touristen denken die nicht wissen das die betroffenen Bezirke nicht so wie dargestellt sind?

    • 30. November 2012 um 18:24 Uhr
    • tolerant
  3. 3.

    Vielen Dank für die erhellende Berichterstattung zur geplanten Plakatkampagne. Als Kartographin würde ich mir wünschen, dass die Karten künftig genau so inforamtiv gestaltet werden wie der Artikel.

    • 1. Dezember 2012 um 06:51 Uhr
    • Regina
  4. 4.

    Danke für die Informationsweitergabe.

    Einziger kleiner Kritikpunkt. Man hätte wenigstens ein Bild bieten sollen, auf welchem die Plakatpunkte nicht drauf sind, um sehen zu können, ‘wie dunkel’ die Bezirke bzw. Planungsabschnitte sind. So verdecken die Pins der Plakate ja vollständig die Farbgebung.

  5. 5.

    @Regina:

    Als Journalist, der viel mit Daten und Visualisierungen arbeitet, interessiert mich das natürlich: Wie sollte die Karte gestaltet sein? Was ist aus Ihrer Sicht besonders wichtig? Geht es eher um Fragen der Interaktivität, oder um Darstellungs-Schwächen?

    Besten Dank
    Michael Hörz

    • 1. Dezember 2012 um 13:27 Uhr
    • Michael Hörz
  6. 6.

    @doch_noch_mal

    Schöner wäre es natürlich, wenn Sie einfach ein Häkchen setzen könnten, um die einzelnen Ebenen der Karte an- und abzuwählen. Das wäre allerdings ein gutes Stück mehr Programmierung, das nicht so leicht einbindbar wäre.

    Sie können aber ganz einfach in die Karte hineinzoomen (Mausrad oder der Schieber links), um beides zu sehen.

    • 1. Dezember 2012 um 13:33 Uhr
    • Michael Hörz
  7. 7.

    Dann besuchen Sie doch einmal diese Stadtbezirke…viel Spaß dabei.

    • 1. Dezember 2012 um 15:33 Uhr
    • RDU
  8. 8.

    Die Erstellungskosten pro Plakat und der gesamten Aktion liegen sicherlich wesentlich höher, da in der Auflistung der Produktionskosten die Konzeption und das Design der Agentur Serviceplan nicht enthalten sind, wenn ich das richtig sehe.

    Schönen Gruß auch an die Kollegen, sie sollten sich schämen!

    • 1. Dezember 2012 um 21:44 Uhr
    • Elisa German
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)