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Wie Deradikalisierung in Deutschland funktioniert

 

Es ist die erste systematische Untersuchung über den Stand der Deradikalisierung in Deutschland: Anfang der Woche hat die Beratungsstelle Radikalisierung im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eine Studie veröffentlicht, die das Beratungsangebot des BaMF und der angeschlossenen zivilgesellschaftlichen Partnerorganisationen evaluiert. Über die wichtigsten Ergebnisse habe ich mit Milena Uhlmann, der Verfasserin der Studie, und Florian Endres, dem Leiter der Beratungsstelle, gesprochen. Uhlmann ist Politikwissenschaftlerin und hat insgesamt 16 Monate an der Evaluation gearbeitet. Einen Überblick über die zivilgesellschaftlichen Partner, die mit dem BaMF zusammenarbeiten, und weitere Informationen über dieses Netzwerk gibt es hier.

 

 

YM: Wenn in Deutschland jemand das Gefühl hat, sein Kind, der Nachbarsohn oder die Schülerin radikalisiert sich unter islamistischen Vorzeichen, dann kann er seit einigen Jahren die Hotline der Beratungsstelle Radikalisierung beim BAMF anrufen. Jetzt haben Sie Ihre eigene Tätigkeit und die Ihrer zivilgesellschaftlichen Kooperationspartner erstmals evaluiert. Wie viele Anrufe gab es denn bisher bei der Hotline – und was ist das Prozedere, das darauf folgt?

ENDRES: Wir haben am letzten Freitag den 4000. Anruf seit Gründung der Beratungsstelle am 1. Januar 2012 entgegengenommen. Wir erfragen dann jeweils im Gespräch, ob eine Radikalisierungsgefahr besteht oder ein Radikalisierungsprozess erkennbar ist. Das findet standardisiert durch unsere geschulten Mitarbeiter an der Telefonhotline statt. Gibt es solche Anzeichen, geben wir zumeist je nach regionaler Zuständigkeit die Betreuung in die Hände eines unserer zivilgesellschaftlichen Partner.

YM: Die meisten Menschen haben keine Vorstellung von dieser Arbeit. Womit ist Ihr Werkzeugkoffer gefüllt, was können Sie tun?

UHLMANN: Wenn die Erstanalyse bei der Beratungsstelle die Gefahr der Radikalisierung bestätigt, nimmt der entsprechende Kooperationspartner persönlichen Kontakt zu den Beratungssuchenden auf und macht eine Lageanalyse: Was ist passiert? Wer ist beteiligt? Welche Ansatzpunkte gibt es, um ein Gegengewicht zum salafistischen Umfeld aufzubauen? Auf dieser Grundlage werden dann Ziele für den weiteren Beratungsprozess vereinbart und eine Strategie entwickelt.

YM: Kann man das konkreter beschreiben? Was bedeutet Deradikalisierung, und welche Methoden stehen zur Verfügung?

UHLMANN: Das ist fallbezogen, es muss immer ein individuelles Setting entwickelt werden. Wir müssen jeweils sehen, welche Strategie im konkreten Fall am erfolgsversprechenden ist.

YM: Aber was für Ziele können das denn sein: jemanden aus radikalen Kreisen lösen, eine ideologische Auseinandersetzung suchen, solche Dinge?

UHLMANN: Das alles können Ziele sein. Die Beratenden schauen immer auf die emotionale, auf die pragmatische und die ideologische Dimension. Innerhalb dieses Dreiecks sucht man Ansatzpunkte.

ENDRES: Zum Beispiel schilderten uns Eltern 2013/14 häufiger, dass Ihre Kinder planen, sich beispielsweise dem Islamischen Staat anzuschließen. Primäres Ziel hierbei war, mögliche Ausreisen nach Syrien oder in den Irak zu verhindern.

YM: In wie vielen Fällen sind denn die eigentlich Betroffenen gar nicht bereit, mitzuarbeiten?

UHLMANN: Der Ansatz des Netzwerks ist die Arbeit über das soziale Umfeld. Es kommt zwar durchaus vor, dass mit Radikalisierten direkt gearbeitet wird, etwa wenn sie sich an uns wenden oder sich das im Rahmen der Beratung ergibt. Aber die Beratenden ertüchtigen vor allem die Angehörigen im Umgang mit den Radikalisierten.

YM: Wir sieht die Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden aus? Wie sind die Regeln?

ENDRES: Die Kooperation hat sich sehr positiv und professionell entwickelt. In den Ländern setzen sich die Behörden intensiv mit dem Thema Deradikalisierung auseinander und unterstützen unsere Arbeit. Mittlerweile gelangen auch Fälle über Polizeibeamte zu uns, weil die Beamten den Familien raten, sich an uns zu wenden. Grundsätzlich ist es so, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und die zivilgesellschaftlichen Träger selbstverständlich die Sicherheitsbehörden einschalten müssen, sobald strafbare Handlungen im Raum stehen.

YM: Es gibt aber doch sicher Fälle, in denen betroffene Familien nicht wollen, dass die Sicherheitsbehörden eingeschaltet werden. Sind Sie da transparent?

ENDRES: Ja, wir weisen sofort darauf hin, sobald es relevant wird. Das ist in den fünf Jahren bisher noch nie ein Problem gewesen. Keine einzige Beratung wurde deswegen abgebrochen.

YM: Kann man den Erfolg des Netzwerks messen? Wie viele erfolgreich abgeschlossene Fälle gibt es?

UHLMANN: Um Erfolg messen zu können, braucht man eine Metrik. Diese gilt es perspektivisch zu erarbeiten. Das nächste Ziel ist deshalb zunächst, die Dokumentationsarbeit der Partner stärker zu vereinheitlichen. Und wir müssen uns darauf einigen, was für uns Deradikalisierungsindikatoren sind.

YM: Es gibt also ein funktionierendes Netzwerk, aber noch keine Möglichkeit, den Erfolg zu messen.

UHLMANN: Wir haben natürlich Evidenzen für den Erfolg der Arbeit der Beratungsstelle, die uns klar zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Aber noch können wir diesen nicht nach streng wissenschaftlichen Kriterien messen.

YM: Ihre zivilgesellschaftlichen Partner unterscheiden sich nicht nur nach regionalem Schwerpunkt, sondern haben auch verschiedene Vorgeschichten und Herangehensweisen. Wie einheitlich ist die Beratungsarbeit?

UHLMANN: Eines der Hauptergebnisse unserer Evaluation ist, dass die grundlegenden Standards relativ ähnlich sind. Es wird noch in diesem Jahr eine gemeinsame Handreichung geben, in der wir sie schriftlich definieren.

YM: Gibt es denn überhaupt abgeschlossene Fälle, wenn man so schwer sagen kann, was Erfolg ausmacht?

ENDRES: Es kommt manchmal vor, dass Familien jahrelang betreut werden. Am Anfang ist der Bedarf oft sehr hoch, dann flaut er erst mal ab. Aber dann tritt vielleicht ein Ereignis ein, ein Schicksalsschlag zum Beispiel, oder die Rückkehr des eigenen Kindes aus Syrien, und dann kann das wieder intensiver werden. In solchen Fällen zahlt es sich aus, wenn das Umfeld durch uns schon vorbereitet worden ist.

UHLMANN: Wir handeln nach der Maßgabe: Wer Beratung wünscht, bekommt sie auch.

YM: Wie verhält sich denn Ihre Arbeit und die Ihrer Partner zu den eigenen Ausstiegs- und Deradikalisierungsinitiativen einiger Sicherheitsbehörden in einigen Bundesländern? Diese sind ja nicht Teil Ihres Netzwerks…

ENDRES: Ich glaube, hier muss man gesamtheitlich denken. Sicherheitsbehörden in NRW und Niedersachen bieten eigene staatliche Programme an, mit diesen sind wir stetig in einem guten Austausch. Ist eine besondere fachliche Komponente gefordert, die die jeweils andere Stelle abdecken kann, werden einzelne Beratungsfälle auch weitergereicht.

UHLMANN: Eines der wichtigsten Ergebnisse der Evaluierung ist, dass Vertrauen zwischen Beratern und Betroffenen auf der einen und zwischen den Netzwerkakteuren auf der anderen Seite extrem hilfreich ist. Da sind wir vorangekommen.

YM: Mitarbeiter Ihrer zivilgesellschaftlichen Partner klagen über hohe Arbeitsbelastung und geringe Löhne, zugleich gibt es keine einheitliche Qualifikation für „Deradikalisierer“.

UHLMANN: Sicherlich ist die Anzahl der Beratungsfälle gestiegen, dafür wurde jedoch auch das Beratungsnetzwerk stetig ausgebaut und Personal bei den zivilgesellschaftlichen Partnern aufgestockt.  Wir stellen gemeinsam mit den beteiligten Akteuren auch gerade zusammen, welche Schulungen und Qualifizierungen wir als sinnvoll erachten. Insgesamt ist das Themenfeld einfach noch relativ jung und vieles in der Entwicklung.

YM: In den Beratungsstellen arbeiten typischerweise Psychologen, Sozialarbeiter und Islamwissenschaftler, aber noch niemand mit einem Abschluss in Deradikalisierung. Wäre so etwas sinnvoll?

ENDRES: Es ist durchaus ein Ziel, solche Zertifizierungen in Kooperation mit Hochschulen zu erreichen. Interne Schulungen gibt es natürlich schon, und im BAMF bieten wir auch Fortbildungen an. Jetzt arbeiten wir an einem einheitlichen Schulungskonzept, von dem das ganze Beratungsnetzwerk profitieren kann.

YM: Konnten Sie den Stand der Deradikalisierung in Deutschland mit dem Stand im Ausland abgleichen?

UHLMANN: Deutschland hat ein Alleinstellungsmerkmal, nämlich die Kombination von behördlicher Anlaufstelle und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Dass das BAMF einen direkten Draht zu den Sicherheitsbehörden hat, ist zudem hilfreich. Das habe ich so in dieser Form im Ausland nicht finden können. Die hohen und stetig ansteigenden Beratungsanfragen werten wir auch als Beweis von Vertrauen in unser Angebot.

YM: Rückkehrer aus Syrien und dem Irak werden in Zukunft ein großes Thema sein. Ist das nicht eine Herausforderung völlig neuer Dimension auch für Sie?

ENDRES: Damit beschäftigen wir uns seit Monaten, und das Netzwerk hat schon seit 2015 mit Rückkehrern zu tun, weil zum Beispiel die Eltern ausgereister Jugendlicher schon beraten wurden. Noch ist die Zahl der betreuten Rückkehrer gering, aber das Thema wird wichtiger, insbesondere das Thema rückkehrende Frauen mit Kindern. Das kommt auf Jugendämter und Sicherheitsbehörden genauso zu. Wir sind ein wichtiger Partner für Beratung und Vernetzung, aber das wird eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ob man die Rückkehrer deradikalisieren kann, das ist dann natürlich wieder einzelfallabhängig – nämlich davon, ob die das überhaupt wünschen oder sich verweigern.

YM: Sie haben Sie Studie im Auftrag des Innenministeriums durchgeführt, das auch das meiste Geld für das Netzwerk zur Verfügung stellt. Wie unabhängig ist Ihre Studie?

UHLMANN: Hier hat nicht die Beratungsstelle sich selbst evaluiert, sondern das Forschungszentrum des Bundesamts eine andere Abteilung. Das hat es auch in der Vergangenheit schon gegeben. Die Evaluation wurde nach wissenschaftlichen Kriterien vorgenommen. Sie bietet erstmals einen wissenschaftlich aufbereiteten Einblick in die Strukturen des bundesdeutschen Deradikalisierungsnetzwerks und die Beratungsprozesse. Diese erste Grundlagenforschung durch das Forschungszentrum hat sich auch vor dem Hintergrund der Sensibilität der Thematik angeboten. Als Forscherin des Bundesamts, das mit allen Beteiligten in direktem Austausch steht, konnte ich leichter Zugang zum gesamten Beratungsnetzwerk erhalten. Eine weiterführende Evaluation planen wir nach Schaffung der notwendigen Grundlagen perspektivisch an einen externen universitären Partner zu geben.