Was bedeutet „um sie zu beruhigen“?

Menschenhandel, Terrorfinanzierung, Propaganda: Die Vorwürfe spanischer Ermittler gegen den Leipziger Imam Abu Adam sind heftig. Und die Recherche ist kompliziert. Folge 3 unseres Ermittlungsblogs

Von Yassin Musharbash

Hesham Shashaa alias Abu Adam

 

Nimmt nicht ab.

Nummer nicht vergeben.

Nimmt nicht ab.

Zur Zeit nicht erreichbar.

E-Mail unbeantwortet.

Nimmt nicht ab.

Nimmt nicht ab.

„No one is available to answer your call right now.“

Viele Personen, die etwas über den Fall Abu Adam wissen könnten, sind nur schwer oder gar nicht erreichbar: Etliche seiner angeblichen Spender zum Beispiel, die in verschiedenen Golfstaaten leben. Und ebenso die jungen Männer, die dem IS nahestehen sollen sollen, und deren Kennverhältnisse zu Abu Adam den spanischen Ermittlern so brisant vorkommen, dass sie den Leipziger Imam seit Ende April in Untersuchungshaft halten.

Ein Lichtblick deshalb, dass die Kollegin Lea Frehse aus dem Politik-Ressort der ZEIT sich letzte Woche einen halben Tag Zeit genommen hat, um mit mir die zentralen Passagen der spanischen Ermittlungsakten noch einmal genau durchzugehen. (Ich muss ansonsten mit Latinum, Google Translate, einem Volkshochschulsemester Spanisch und Nachfragen bei Spanisch sprechenden Bekannten zurechtkommen.)

Bis jetzt habe ich in diesem Ermittlungsblog Abu Adam vorgestellt (lesen Sie Teil 1 hier) und seine Beziehung zu dem jungen Deutschen Peter beschrieben (lesen Sie Teil 2 hier). Aber es gibt  noch viel zu tun. Ist Abu Adam ein glaubwürdiger Kämpfer gegen den Extremismus, ein im Verborgenen wirkender radikaler Aufwiegler, oder irgendetwas dazwischen?

Heute will ich einen Überblick über die Vorwürfe gegen Abu Adam geben, wie sie sich aus den Teilen der spanischen Ermittlungsakten ergeben, die ich kenne. Ob die Unterlagen vollständig und aktuell sind, weiß ich nicht. Das weiß auch der deutsche Anwalt von Abu Adam nicht, weil er mangels Zulassung in Spanien gegenüber den Behörden dort kein Recht auf Akteneinsicht geltend machen kann. In Spanien hat Abu Adam erst seit Kurzem überhaupt einen Anwalt, der sich aber noch einarbeitet.

Trotzdem ist es möglich, die wichtigsten Verdachtsmomente zusammenzufassen.

In einem Dokument des Ermittlungsgerichts listen die Ermittler unter der Rubrik „unterstellte Verbrechen“ zunächst Folgendes auf:

  • Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung IS (wörtlich: „integración en“, was man eventuell noch treffender mit „Einbindung in“ übersetzen kann)
  • Terrorverherrlichung und Indoktrination
  • Terrorfinanzierung

Dann heißt es etwas ausführlicher, es sei „als Ergebnis der bisherigen Aktionen bestätigt worden“, dass Hesham Shashaa (so Abu Adams bürgerlicher Name) eine Organisation mit Sitz in Alicante gegründet habe, die als „Zufluchtsort, Transitort oder Basis für Operationen oder logistische Versorgung“ für Rückkehrer des IS aus Syrien oder dem Irak dienen solle, welche gemäß den Richtlinien des IS das Ziel hätten, terroristische Anschläge in Spanien oder auf europäischen Boden zu verüben. Absicht dieser Organisation sei es wohl zudem, junge Muslime zu manipulieren, um sie später als Führer zu islamistische Gruppen „wie IS, Al-Kaida oder Dschabhat al-Nusra zu entsenden“.

Und weiter: Die Ermittlungen hätten ergeben, dass man Abu Adam „als eingebunden in die Struktur des IS“ betrachten könne – als ein Mitglied außerhalb der Konfliktgebiete, das in der Lage sei, muslimische Communitys in Europa zu erreichen.

Er habe zudem selbst gesagt, dass er für die Terrororganisationen „Al-Kaida, Injes und Najda arbeite“. (Ich habe keine Ahnung, wer oder was mit Najda und Injes gemeint sein könnten.) Und er soll zu Dschabhat al-Nusra gehören und die Gruppe unterstützen.

Es folgt der Vorwurf des Menschenhandels.

Außerdem verfüge Abu Adam über erhebliche finanzielle Mittel, die er einsetze, um „Bereiche des internationalen, islamistischen Terrorismus sowie diverse Ideen zu finanzieren, die die Anwendung von Gewalt rechtfertigen“.

Er habe in sozialen Medien extremistische Videos geteilt, um Terrorismus zu lehren und zu verherrlichen.

Es werden mehrere Kontakte zu mutmaßlichen IS-Mitgliedern aufgezählt.

Und schließlich habe Abu Adam sich verdächtig gemacht, weil er Habiba A. mitsamt ihrer Familie aus Rakka (damals noch Hauptstadt des IS in Syrien) nach Spanien verbracht habe.

Ich glaube, es ist am sinnvollsten, die Vorwürfe in zwei Gruppen zu teilen: solche, die offensichtlich schwerwiegend und recherchenwürdig sind; und andere, die eher Missverständnissen geschuldet sein dürften, nicht schlüssig sind oder angesichts der übrigen Verdächtigungen so wenig ins Gewicht fallen, dass es nicht lohnt, sie zeitraubend zu untersuchen.

Die folgenden Vorwürfe werde ich in kommenden Folgen einzeln durchgehen:

  • Kontakte zu mutmaßlichen IS-Mitgliedern und mutmaßliche Mitgliedschaft beim IS
  • Geldflüsse und angebliche Terrorfinanzierung
  • Terrorpropaganda und soziale Medien

Auf einige andere Vorwürfe werde ich keine eigenen Blogposts verwenden, weil  die Beweislage meiner Meinung nach dürftig ist. Diese werde ich an dieser Stelle kurz betrachten.

Da ist zum Beispiel der Vorwurf des Menschenhandels. Es geht dabei, wo weit ich sehen kann, um ein abgehörtes Telefonat aus dem Oktober 2016, in dem Abu Adam mit einem Mann namens Amar spricht und diesem empfiehlt, eine „junge, arme Frau marokkanischer Abstammung zu suchen“, sodass er der Familie lediglich 200 Euro zahlen müsse. Er selbst habe das so gehandhabt.

Abu Adams Ehefrau (die ich auf ihre Bitte hin nicht namentlich nenne) behauptet, dass es sich bei dem Gespräch um das Thema Mahr drehte, also das traditionelle Brautgeld, das bei einer islamischen Eheschließung in den Besitz der Ehefrau übergeht. Weil Frauen in Europa heutzutage oft sehr hohe Beträge verlangten, habe Abu Adam seinem Gesprächspartner vorgeschlagen, sich eine marokkanische Frau aus armer Familie zu suchen, die nicht mehr als 200 Euro verlangen würde. Solch einen Vorschlag würden die meisten Leser vermutlich nicht nachahmenswert finden (ich auch nicht); es erscheint mir aber plausibel, dass das Gespräch so gemeint war. Ob dass den  Tatbestand des Menschenhandels erfüllt (solange keine weiteren Verdachtsmomente hinzukommen), kann man anzweifeln.

Es erscheint mir auch etwas weit hergeholt, Abu Adam die Unterstützung von (beziehungsweise Mitgliedschaft bei) IS, Al-Kaida und Dschabhat al-Nusra zugleich vorzuwerfen. Die drei Terrorgruppen sind untereinander verfeindet. Zum Teil haben sie gegeneinander gekämpft oder tun das noch.

Sehen wir uns die Begründung der Ermittler an. Woher kommt der Vorwurf, Abu Adam „arbeite für Al-Kaida“? Auch er ergibt sich den Akten zufolge aus einem abgehörten Telefonat. Im Januar 2016 hat Abu Adam demnach zu einem Mann namens Saad gesagt:

„Ich habe einen Job, einen sehr sehr speziellen Job, der an vielen Orten stattfindet (…) Ich arbeite für („para“) Al-Kaida, Injes und Najda, arbeite daran („para“), sie zu beruhigen.“

Die Ermittler notieren dazu, dass sie den Begriff  „sie zu beruhigen“ (im spanischen Original „para tranquilizarlos“) folgendermaßen interpretieren: Aufgaben ausführen, die es ihnen ermöglichen, Ressourcen zu dem Zweck zu erhalten, ihre gegenwärtigen oder künftigen Aktivitäten weiterzuentwickeln (…) .“

Auch das finde ich nicht zwingend. Warum soll „beruhigen“ nicht einfach genau das bedeuten: beruhigen?

Und woher rührt der Vorwurf, Abu Adam habe eine Verbindung zu Dschabhat al-Nusra? Ausweislich der Akten gründet er auf einem Facebook-Kommentar Abu Adams aus dem Herbst 2015. Abu Adam hatte damals eine Meldung des arabischen Satellitensenders Al-Arabiya verlinkt und darüber einen Kommentar gesetzt. In der Meldung von Al-Arabiya ging es darum, dass syrische Oppositionskämpfer Waffen an die aus Al-Qaida hervorgegangene dschihadistische Gruppe Dschabhat al-Nusra abgegeben hätten.

 

Der Facebook-Kommentar, auf den sich die Ermittler stützen

 

Die spanischen Ermittler haben Abu Adams Kommentar aus dem Arabischen ins Spanische übersetzt. Die wörtliche Übersetzung aus dem Spanischen ins Deutsche lautet so:

„Nein … aussprechen und (die Welt) verändern … wir glauben … in Wahrheit verdienen wir, ‚Dschabhat al-Nusra‘, die Führer zu sein.“

Ich schrieb ja eingangs, dass ich nicht fließend Spanisch verstehe. Aber ich bin studierter Arabist. Und ich habe den Facebook-Kommentar von Abu Adam mit meinem Kollegen Mohamed Amjahid besprochen, der arabischer Muttersprachler ist. Wir finden beide, dass die Übersetzung aus dem Arabischen fehlerhaft ist. Richtig ist:

„Nein … ihr ändert eure Meinung … wir haben euch geglaubt … es stimmt, wir verdienen etwas Besseres (oder: mehr).“

Es erschließt sich zwar nicht, was Abu Adam gemeint hat, der Kommentar bleibt kryptisch. Aber das Wort Dschabhat al-Nusra taucht darin gar nicht auf. Es sind die spanischen Ermittler, die das „wir“ in dem Kommentar so interpretieren und den Namen der Gruppe ergänzt haben. Warum, das erklären sie nicht.

Ich plädiere dafür, den Verdacht, Abu Adam sei Mitglied von Al-Kaida und Dschabhat al-Nusra, einstweilen zur Seite zu legen: Die Belege der spanischen Ermittler sind mir zu dünn. (Ob Teile von Abu Adams Gedankenwelt sich mit den Ideologen solcher Gruppen überschneiden, ist eine andere Frage, auf die ich auch noch eingehen werden.)

Als nächstes werde ich mich am Mittwoch in der vierten Folge einem Verdacht zuwenden, für den es substanziellere Belege gibt: Abu Adams angebliche Kontakte zu IS-Mitgliedern.


Haben Sie Hinweise oder Informationen, die für diese Recherche hilfreich sein könnten? Schreiben Sie an yassin.musharbash@zeit.de

 

Terrorwaffe Auto

Seit es Terrorismus gibt, ist er auf perfide Art und Weise innovativ. Die Idee, dass man Bomben auf Fortbewegungsmittel platzieren könnte, ist keineswegs neu, wird aber von Terroristen stetig weiterentwickelt. Am 24. Dezember 1800 versuchten Royalisten zum Beispiel Napoleon mithilfe eines Sprengsatzes auf einem Pferdewagen zu töten. Und 1905 verübten armenische Separatisten den vermutlich ersten Anschlag mithilfe einer Autobombe, ihr Ziel war der osmanische Sultan Abdulhamid II. Weiter„Terrorwaffe Auto“

 

Vier Anschläge, viele Fragen

Vier Terroranschläge in vier Ländern haben sich innerhalb kürzester Zeit ereignet, in zwei Fällen steht nahezu außer Frage, dass die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ verantwortlich ist. Es ist viel zu früh für Festlegungen und eine wirklich haltbare Analyse. Aber es ist möglich, ein paar Aussagen zu treffen, die bei der ersten Einschätzung hilfreich sein können.

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Ein Jahr nach dem Fall von Mossul

Die Einnahme der irakischen Metropole Mossul Anfang Juni 2014 war nicht die Geburtsstunde des „Islamischen Staates“, die Wurzeln der Terrorgruppe sind Jahre alt, und auch die Vorbereitung auf die Übernahme der zweitgrößten Stadt des Irak begann Monate vor ihrer Erstürmung. Aber der Fall von Mossul ist trotzdem ein wichtiges Datum. Erst danach fühlte sich der IS stark und stabil genug, wenige Wochen später ein „Kalifat“ auszurufen, obwohl er schon zuvor, vor allem in Syrien, Territorium gehalten hatte.
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Wie starb Osama Bin Laden wirklich?

Seymour Hersh ist eine Legende, und das zu Recht. Er hat das 1969 von US-Soldaten verübte Massaker in der vietnamesischen Ortschaft My Lai enthüllt; er hat 2004 maßgeblich an der Aufdeckung des Folterskandals von Abu Ghraib im Irak mitgewirkt. Das sind Verdienste, die ihm niemand nehmen kann. Das ist mehr, als die allermeisten Reporter in einem Leben leisten.

Das heißt aber nicht, dass jeder Artikel von Seymour Hersh zu Buchstaben geronnene Wahrheit ist. Im Gegenteil, in den letzten paar Jahren hat er einige eher krude und auch nicht besonders gut belegte Verschwörungen offenzulegen versucht. Seine Behauptung etwa, dass ein großer Teil der US-Spezialkräfte vom Opus Dei gesteuert würde… Na ja.

Am Sonntag nun hat Hersh mal wieder eine Bombe gezündet: 10.000 Worte umfasst sein Artikel im London Review of Book, darin behauptet die Journalistenlegende nicht weniger, als dass ungefähr alles gelogen war, was wir bisher über die Tötung Osama bin Ladens, den Weg dorthin und die genauen Umstände gehört haben.

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Der „Islamische Staat“ ärgert Al-Kaida – und droht dem Westen

Es gibt Mitteilungen dschihadistischer Terrorgruppen, für die muss man nachts auch mal wach bleiben; die neue, gegen Mitternacht veröffentlichte Rede von Abu Muhammad al-Adnani, dem offiziellen Sprecher des „Islamischen Staates“, gehört nicht dazu. Seine Hauptbotschaft ist dieselbe wie immer: Die Dschihadisten werden siegen, alle anderen werden sterben. Es reicht locker, wenn Sie das heute Vormittag erfahren.

Interessanter ist, wie so oft, die Ebene unterhalb der angekündigten Apokalypse.

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Was bedeutet das Bekennervideo von Al-Kaida zum Anschlag von Paris?

Am Mittwochvormittag hat die Filiale des Terrornetzwerks Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel, deren Operationszentrale im Jemen liegt, ein elf Minuten langes Video veröffentlicht. Darin übernimmt die Organisation die Verantwortung für den Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo vergangene Woche. Ich habe mir das Video angesehen und die wichtigsten Fragen und Antworten dazu zusammengestellt.

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„Die Führung von Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel hat diese Operation angeleitet….“

Nur wenige Stunden nachdem die beiden mutmaßlichen Mörder der Charlie-Hebdo-Mitarbeiter in Paris am Ende einer Geiselnahme selbst ums Leben gekommen sind, hat die Filiale des Terrornetzwerks Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) auf mehreren Kanälen beansprucht, für den Anschlag verantwortlich zu sein.

Gegen 22 Uhr am Freitagabend deutscher Zeit meldete sich in arabischer Sprache ein mutmaßliches hochrangiges Mitglied der Organisation auf Twitter zu Wort. „Die Führung von Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel hat diese Operation angeleitet“, erklärte er dort. „Das Ziel war Frankreich, wegen der offensichtlichen Rolle des Landes im Kampf gegen den Islam.“ Osama bin Laden, der 2011 getötete Al-Kaida-Gründer, habe Frankreich noch zu Lebzeiten gewarnt.

Fast zeitgleich sandte ein AQAP-Kader (vielleicht handelt es sich um dieselbe Person) eine englische Übersetzung dieser Tweets nach meinen Recherchen an mehrere internationale Medien. Als erster berichtete der Enthüllungsjournalist Jeremy Scahill darüber.

Ebenfalls fast zeitgleich veröffentlichte AQAP auf YouTube eine Audioansprache ihres „Scharia-Beauftragten“ Harith al-Nasari, der ebenfalls auf den Anschlag Bezug nahm, ihn allerdings nicht explizit als Tat von Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel bezeichnete.

AQAP ist eine von drei Filialen des Terrornetzwerks Al-Kaida und mit Abstand die schlagkräftigste. Sie hat in den vergangenen Jahren mehrfach Anschläge auf Ziele im Westen verübt – auf Frachtflugzeuge ebenso wie auf einen US-Passagierjet auf dem Weg von Amsterdam in die USA. Im letzteren Fall gelang es dem Attentäter an Bord der Maschine allerdings nicht, seinen Sprengsatz zur Zündung zu bringen.

Der Chef von AQAP, Nasir al-Wuhaishi, ist der stellvertretende Anführer von Al-Kaidas Mutterorganisation und damit die Nummer zwei hinter dem Ägypter Aiman al-Sawahiri, der 2011 auf Osama bin Laden folgte und im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet vermutet wird.

Beide Erklärungen – das Video und die Tweet-Sammlung – liegen ZEIT ONLINE vor. Es spricht viel dafür, dass sie authentisch sind. Aber beide Erklärungen enthalten kein Täterwissen. Weder werden die Pariser Attentäter namentlich erwähnt, noch wird Bezug genommen auf den genauen Vorgang des Anschlags oder sein Ende oder auch nur auf das Magazin Charlie Hebdo. Das stimmt skeptisch. Aber es wäre nicht untypisch, wenn AQAP in Bälde nachlegt – und in einigen Tagen zum Beispiel Videoaufnahmen mit Abschiedsbotschaften der Attentäter oder Bilder vom Training im Jemen nachreicht. So war es zum Beispiel bei dem nigerianischen Attentäter, der 2009 den US-Passagierjet zum Absturz bringen sollte.

Plausibel ist die Erklärung noch aus zwei anderen Gründen. So hat französischen Medienberichten zufolge ein Augenzeuge des Anschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo erklärt, dass einer der Angreifer ihm gesagt habe, er agiere im Auftrag von AQAP. Am Freitagabend wurde zudem bekannt, dass die beiden Attentäter während der finalen Geiselnahme außerhalb von Paris mit einem französischen Fernsehsender Kontakt hatten – und den Reportern ebenfalls ausgerichtet hatten, sie seien von AQAP finanziert und angeleitet worden.

AQAP hat zudem im vergangenen Jahr einen der ermordeten Karikaturisten auf einer Wanted-Liste namentlich erwähnt. Einer der beiden Pariser Attentäter soll sich 2011 zudem im Jemen bei AQAP aufgehalten haben.

AQAP agiert vor allem im Jemen. Die Gruppe, deren Kämpferzahl auf eine niedrige vierstellige Zahl geschätzt wird, existiert seit fast zehn Jahren. In ihrer Führung finden sich einige sehr erfahrene Dschihad-Veteranen und Bombenbauer. Die Gruppe verübt regelmäßig schwere Anschläge im Jemen, vor allem gegen Sicherheitsbehörden und schiitische Gruppen; immer wieder hat sie aber auch Anschläge gegen westliche Ziele geplant – und gegen Ziele in Saudi-Arabien, dessen Regime AQAP bekämpft.

Wenn man alle diese Informationen übereinanderlegt, ergeben sie ausdrücklich keinen Beweis, dass AQAP für den Anschlag in Paris verantwortlich war. Aber eine plausible Indizienkette.

Es ist damit zu rechnen, dass in den kommenden Tagen weitere Erklärungen von AQAP veröffentlicht werden.

Wir werden weiter berichten.

 

Islamische Argumente gegen den „Islamischen Staat“

Der „Islamische Staat“ (IS) tut etwas, was Al-Kaida nie getan hat: Er trägt das Adjektiv „islamisch“ im Namen. Natürlich tun die Dschihadisten das mit Absicht und Berechnung: Sie erheben einen Alleinvertretungsanspruch für die „Umma“, die Gemeinschaft aller Muslime. Muslim ist demnach, wen sie als Muslim akzeptieren. Alle anderen müssen bereuen, umkehren und sich dem „Islamischen Staat“ anschließen. Oder sie werden verurteilt, bestraft oder gleich ermordet. Der „takfir“, also das Zum-Ungläubigen-Erklären, ist seit jeher eine Säule des dschihadistischen Denkens, und der IS macht davon reichlich Gebrauch.

In ihren Erklärungen, Reden und Kommuniqués geben sich die IS-Anführer zugleich theologisch geschult. Bei Abu Bakr al-Baghdadi, dem Chef und „Kalifen“, ist da sogar etwas dran: Nach allem, was wir wissen können, hat er tatsächlich die Islamischen Wissenschaften studiert. Mit dem Mainstream, mit der jahrhundertelangen islamischen theologischen Tradition, hat sein Denken trotzdem wenig zu tun.

Umso wichtiger ist es, wenn gestandene Islamgelehrte die Art und Weise, in welcher der IS (und Al-Kaida, die es oft ganz ähnlich machen) mit theologischen Versatzstücken hantiert, kenntlich machen und kritisieren. Sie können zeigen, wo und wie sehr der IS von allem abweicht, was weitestgehender Konsens unter islamischen Gelehrten weltweit ist.

Ein Beispiel: In einer Rede erklärte al-Baghdadi, der Prophet Mohammed sei mit dem Schwert als eine Gnade in die Welt gekommen. Tatsächlich steht im Koran, der Prophet sei als eine Gnade in die Welt gekommen. Dass er mit dem Schwert gekommen sei, findet sich aber im Hadith – im Kodex der überlieferten Aussagen und Aussprüche und Handlungen des Propheten.

Warum ist das wichtig? Erstens, weil man nach gängiger Lehre Koran und Hadith nicht vermischen darf. Zweitens, weil der Koran-Inhalt Muslimen als ewig richtig und wahr gilt, der Hadith-Kodex hingegen zeitgebunden zu interpretieren ist.

Das Beispiel stammt nicht von mir. Es stammt aus einem „Brief an Baghdadi“, den 126 Islamgelehrte aus vielen verschiedenen Ländern unterzeichnet und auf eine Webseite gestellt haben. Er ist der Versuch, die vermeintlichen islamischen Wahrheiten der IS-Argumentation zu widerlegen.

Ich finde diesen Brief wichtig. Er hat nichts zu tun mit den ständig verlangten Distanzierungen der Muslime dieser Welt von den Gräueltaten des IS, davon halte ich wenig. Natürlich enthält der Brief all das, aber es ist eben theologisch unterfüttert. Er richtet sich auch gar nicht an ein nicht-muslimisches Publikum. Sondern an Muslime, denen er vor Augen führt, dass nichts, wirklich gar nichts, so simpel ist in dieser an Lehren, Traditionen und Theologien reichen Religion, wie der selbst ernannte Kalif es ihnen weismachen will.

Genau aus diesem Grund finde ich aber durchaus, dass Nicht-Muslime einmal einen Blick darauf werfen sollten. Der Brief vermittelt einen ganz guten Eindruck von der Art, wie Islamgelehrte argumentieren. Echte Islamgelehrte.

Natürlich bedeutet das nicht zwangsläufig, dass alle, die diesen Brief unterzeichnet haben, in allen Dingen Vorstellungen teilen, die sie gleich zu Liberalen oder Demokraten machen. Ich kenne auch nur wenige Namen auf dieser Liste. Aber die Ämter, die sie bekleiden oder bekleidet haben, sprechen für sich. Es sind mehrere Repräsentanten der ägyptischen Fatwa-Behörde darunter, der ehemalige Großmufti von Bosnien, ein hochrangiger Sufi-Scheich, ein Professor der US-amerikanischen Brandeis University, und so weiter.

Recht eindrucksvoll. Und hoffentlich vielgelesen.

 

Al-Kaidas Filialen drängen auf Einheit der Dschihadisten

Die Beziehungen zwischen Al-Kaida und dem „Islamischen Staat“ (IS), der in Teilen Syriens und des Iraks ein „Kalifat“ ausgerufen hat, sind kompliziert. Kurzfassung: Sie liegen miteinander im Streit, bekämpfen sich und konkurrieren miteinander. Die Kaida-Zentrale unter Führung von Aiman al-Sawahiri im fernen pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet hat sich auch deshalb lange nicht zu den Ereignissen in Syrien und im Irak geäußert. Heute aber haben zwei Kaida-Filialen genau das getan: Die Filiale auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) und jene in Nordafrika (AQIM) fordern die „Brüder“ in Irak und Syrien gemeinsam zur Einheit im Angesicht der „satanischen Allianz“ aus USA und Verbündeten auf.

Das ist bemerkenswert. Aber nicht sensationell. Eine Sensation wäre es gewesen, wenn AQAP und AQIM sich dem „Islamischen Staat“ und dessen „Kalifat“ unterstellt hätten. Das kann auch noch irgendwann passieren, aber so weit sind wir noch nicht.

Bemerkenswert ist der Vorgang aus drei Gründen. Erstens, weil AQAP und AQIM noch nie zuvor ein gemeinsames Kommuniqué veröffentlicht haben. Zweitens, weil die beiden Filialen etwas fordern – nämlich dass die „Brüder“ in Irak und Syrien sich nicht länger gegenseitig umbringen mögen –, was Aiman al-Sawahiri derzeit nicht fordern kann, weil er die Statur dazu nicht mehr hat. (Das Statement ist also auch ein Ausdruck der Tatsache, dass die Kaida-Zentrale im Moment ein bisschen abgehängt ist. Die Filialen aber führen ein Eigenleben.)

Und drittens, weil in der Erklärung weder das Kalifat noch Dschbhat al-Nusra erwähnt werden; die Kaida-Kader wollen also niemanden vor den Kopf stoßen und beziehen auch gar nicht Partei. Dabei ist Dschabhat al-Nusra seit dem Streit mit dem IS de facto die Syrien-Filiale Al-Kaidas – gehört also theoretisch zu ihrem Team. (Bitte lesen Sie die Korrektur am Ende dieses Posts.)

Aber wenn man dem Tenor des Schreibens glauben will, ist ja die Einheit im Angesicht des Feindes ohnehin das Wichtigste. Die Kämpfer im Irak und in Syrien möchten sich also berappeln, finden die Kollegen von der Halbinsel und aus dem Maghreb. Ich weiß nicht, ob die Gotteskrieger im Irak und in Syrien darauf nun gerade gewartet haben. Die Reaktionen im dschihadistischen Teil des Internet waren jedenfalls wenig euphorisch. Oder sagen wir mal: Weniger euphorisch als die Absender vermutlich gehofft hatten.

Die Beziehungen bleiben also kompliziert. Aber das heutige Kommuniqué und frühere Meinungsäußerungen aus dem Umfeld von AQAP und AQIM lassen darauf schließen, dass es innerhalb der Filialen mehr Sympathisanten für das Kalifatsprojekt gibt als in der Kaida-Zentrale. Es wird also wichtig sein, diese Entwicklung weiter im Auge zu behalten.

Kommen wir zu einem weiteren Punkt, der mir bemerkenswert erscheint. In dem Text rufen nämlich die beiden Filialen alle Gesinnungsgenossen auf der Arabischen Halbinsel und in den Staaten, die Teil der „satanischen Koalition“ sind, dazu auf, sich dieser und ihren „kollaborierenden Regierungen“ mit „allen zulässigen Mitteln“ entgegenzustellen. In dem Text findet sich auch ein Bin-Laden-Zitat, mit dessen Hilfe noch einmal die Zulässigkeit der Tötung von Amerikanern betont wird. Die Filialen machen es also auch zu ihrem Anliegen, die USA und ihre Alliierten und Partner in der Region wegen ihrer Intervention im Irak (und bald vielleicht auch in Syrien) anzugreifen. Das kann Folgen haben – Folgen wie Anschläge auf Botschaften, etc.

Also noch etwas, das man im Auge behalten muss.

Um zusammenzufassen: Das Kommuniqué von AQAP und AQIM ist kein abgeschlossenes Ereignis. Es ist Teil einer Entwicklung, bei der noch unklar ist, wie sie weitergeht. Im Grunde gibt es drei Möglichkeiten: Al-Kaida und der IS bleiben verfeindet; Al-Kaida und der IS vereinigen sich; Al-Kaida und der IS finden einen Modus Vivandi.

 

PS: Ein paar abschließende Bemerkungen noch zur Authentizität des Dokuments. Die Verbreitungskanäle und der Inhalt sowie das generelle Layout deuten darauf hin, dass es echt ist. Ich bin nur über eine Sache gestolpert, die ich irgendwie merkwürdig finde: Oben auf der Seite, wo Datum und die laufende Nummer des Kommuniqués eingetragen sind, findet sich der seltsame Vermerk: „Anhänge: ohne“. Das kommt mir seltsam sinnlos vor bei einem geschriebenen Dokument. Aber ich werte das auch nicht automatisch als Hinweis auf eine Fälschung, zumal bisher auch noch keine dschihadistischen Internetaktivisten behaupten, es sei nicht echt. 

KORREKTUR: Der Islamische Staat ist sehr wohl ein Mal namentlich erwähnt; ich habe das zunächst übersehen. Aymenn al-Tamimi hat mich auf dieses Versehen hingewiesen. Ich glaube aber, dass das an meiner Argumentation in diesem Blog Post nichts ändert.