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Magnus Carlsen und seine Rivalen

 

Am Ende hatte es der Weltmeister wieder geschafft. Vor der letzten Runde des Vugar-Gaschimow-Gedenkturniers in Shamkir in Aserbaidschan lag Magnus Carlsen noch punktgleich mit dem Italiener Fabiano Caruana auf Platz eins. Zuvor hatte er zwei Partien in Folge verloren, das war ihm seit vier Jahren nicht passiert. Wie das Losglück es wollte, spielten die beiden in der Schlussrunde gegeneinander. Das Duell ging an Carlsen und ihm gelang so ein nicht immer souveräner, aber eindrucksvoller Turniersieg.

Das Turnier aber war nicht nur wegen Carlsens Schwächephase interessant, sondern weil alle sechs Teilnehmer viel gemeinsam hatten: Alle sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, wurden bereits als Jugendliche Großmeister und zählen jetzt zu den besten Spielern der Welt. Von allen sechs hieß es einmal, sie könnten Weltmeister werden. Carlsen hat es geschafft. Was ist mit den anderen fünf? Können sie Carlsen in Zukunft gefährlich werden? Wir haben uns Carlsens Rivalen einmal genauer angeschaut:

Die Rolle des Turnierseniors übernahm der 29-jährige Aserbaidschaner Shakhriyar Mamedyarov. 18 Jahre war er alt und noch nicht einmal Internationaler Meister, als er durch den Sieg bei der Jugendweltmeisterschaft 2003 zum Großmeister wurde. Zwei Jahre später gewann Mamedyarov die Jugendweltmeisterschaft zum zweiten Mal, ein Kunststück, das vor oder nach ihm niemandem gelang.

Im August 2007 lag Mamedyarov auf Platz vier der Weltrangliste, doch ernsthafte Chancen auf den Weltmeistertitel räumt ihm mittlerweile kaum noch jemand ein. Zu unbeständig, zu wild ist sein Spiel. Mamedyarov, dessen Vater Boxer war, scheint jede Partie auf Biegen und Brechen gewinnen zu wollen und vernachlässigt dabei gelegentlich die Deckung. Das führt zu unterhaltsamen Partien, aber nicht an die Spitze.

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Shakhriyar Mamedyarov bei seiner Partie gegen Carlsen in der Rückrunde. Er verlor mit Weiß in 27 Zügen.

Ganz anders sieht das bei dem in der Ukraine geborenen und für Russland spielenden Sergej Karjakin aus. Im Alter von 12 Jahren und 7 Monaten wurde er zum jüngsten Großmeister aller Zeiten. Doch dem heute 24-Jährigen fehlt der Punch, der unbedingte Siegeswillen. In Shamkir verlor er nie, gewann auch nie, sondern spielte zehn Remis. Am Brett wirkt Karjakin konzentriert, beinahe grimmig, doch wenn er in den Pressekonferenzen über seine Partien spricht, macht er einen verspielten, sanften Eindruck, fast so, als würden ihn weder Sieg, Niederlage noch Remis besonders aufregen.

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Sergej Karjakin bei der Analyse nach der Partie

Wie anders verhält sich da der Amerikaner Hikaru Nakamura (geb. 9. Dezember 1987). Dem 26-Jährigen steht der Kummer über jede Niederlage noch bei der Analyse ins Gesicht geschrieben, und während der Partie wirkt er, als wolle er immer, aber auch wirklich immer gewinnen. Geht bei diesem Vorhaben etwas schief und landet er in einer schlechteren oder gar verlorenen Stellung, schüttelt er ungläubig den Kopf, so als könne er nicht begreifen, wie geschehen ist, was eigentlich nicht geschehen kann.

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Hikaru Nakamura

Nakamura hat Grund, selbstbewusst zu sein. Er wurde 2003 im Alter von 15 Jahren, zwei Monaten und 19 Tagen zum damals jüngsten amerikanischen Großmeister aller Zeiten. Damit brach er einen Rekord, den Bobby Fischer 1958 aufgestellt hatte. Wie groß Nakamuras Talent ist, verraten seine legendären Fähigkeiten im Blitzschach. Vor allem im sogenannten Bullet, einer im Internet gern gespielten Variante des Blitzschachs, bei der jeder Spieler nur eine Minute Bedenkzeit für die gesamte Partie hat, zieht Nakamura schneller und spielt besser als jeder andere.

Nakamura kommentiert das Schachgeschehen in aller Welt gerne per Twitter und nimmt dabei und auch sonst selten ein Blatt vor den Mund. So erklärte er sich in einem Interview mit der holländischen Schachzeitschrift New in Chess Anfang des Jahres 2014 selbstbewusst „zur im Moment größten Bedrohung für Carlsen“. Doch mit zehn Niederlagen, keinem Sieg und 15 Remis ist seine aktuelle Bilanz gegen Carlsen in Partien mit langer Bedenkzeit verheerend. Immerhin brachte der Amerikaner den Weltmeister beim GM-Turnier in Zürich Anfang des Jahres und auch in Shamkir in Runde sieben an den Rand einer Niederlage. Aber Carlsen gewann beide Partien. Ein Zeichen, dass dem Amerikaner noch die Konstanz fehlt, um dem Norweger dauerhaft gefährlich werden zu können.

Der einzige Teilnehmer, der das Turnier in Shamkir mit einer positiven Bilanz gegen Carlsen beendete, ist der Aseri Teimour Radschabow. In der Hinrunde gewann der 27-Jährige, in der Rückrunde spielte er Remis.

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Zurückhaltend, freundlich und im Englischen perfekt: Teimour Radschabow

Radschabow wurde 2001 im Alter von 14 Jahren und 14 Tagen Großmeister und lag im Oktober 2012 auf Platz vier der Weltrangliste. Dann folgte eine lange Formkrise und in der Weltrangliste vom Mai 2014 (in der die Ergebnisse von Shamkir nicht berücksichtigt wurden) liegt Radschabow nur noch auf Platz 34. Sein gutes Ergebnis beim Gaschimow Memorial deutet an, dass es für den Aseri bald wieder aufwärts gehen wird, doch es wäre eine große Überraschung, wenn er noch einmal ernsthaft in das Rennen um den Weltmeistertitel eingreifen könnte.

Genau das trauen viele dem mit 21 Jahren jüngsten Turnierteilnehmer zu: Fabiano Caruana. Caruanas Eltern stammen aus Italien, er ist in den USA geboren, aufgewachsen und hat dort Schach gelernt. Großmeister wurde er im Alter von 14 Jahren, elf Monaten und 20 Tagen und damit brach er den Rekord als jüngster amerikanischer Großmeister aller Zeiten, den Nakamura kurz zuvor aufgestellt hatte. Allerdings lebte Caruana da schon nicht mehr in den USA, sondern in Europa. Der Sprung über den Atlantik und die Rückkehr nach Europa, wo es mehr Turniere und mehr Trainer gibt als in den USA, schienen Caruanas Eltern für notwendig zu halten, um die Schachkarriere ihres Sohnes zu fördern. Seit 2005 spielt Caruana für Italien, aber seinen amerikanischen Pass hat er behalten. Er besitzt die amerikanische und die italienische Staatsbürgerschaft.

Caruana, der als kontinuierlicher und harter Arbeiter gilt, liegt in der Weltrangliste vom Mai 2014 trotz seines jungen Alters bereits auf Rang fünf. Am Brett wirkt er ruhig, konzentriert und beinahe unbewegt. Im Gegensatz zu Nakamura zeigt er selten, wie er sich fühlt. Auch Caruanas Kommentare nach der Partie sind sachlich, präzise und unemotional. Vielleicht liegt es an dieser Zurückhaltung, dass Caruanas zahlreiche Erfolge nie so bejubelt wurden wie die von Carlsen oder Nakamura.

Dass er Carlsen schlagen kann, hat Caruana bereits mehrfach bewiesen. Das erste Mal 2012, beim Grand Slam Finale in Bilbao, dann ein Jahr später wieder beim Tal-Memorial 2013 und jetzt in der Hinrunde des Vugar Gashimow Memorials.

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Fabiano Caruana nach seinem Sieg gegen Magnus Carlsen in der Hinrunde

Aber in der entscheidenden Partie in der Schlussrunde überlistete der Weltmeister seinen zwei Jahre jüngeren Rivalen bereits in der Eröffnung. Damit bügelte Carlsen seine kurze Schwächeperiode aus und gewann das Turnier trotz zweier Niederlagen mit einem Punkt Vorsprung.

Wer gegen Carlsen gewinnen will, muss die eigenen Schwächen ebenfalls in den Griff bekommen. Ob das einem der Teilnehmer des Gaschimow-Gedenkturniers gelingt, wird die Zukunft zeigen. Schaut man sich das Turnierergebnis und die Laufbahn der Teilnehmer in Shamkir an, scheint Fabiano Caruana die besten Chancen zu haben, Magnus Carlsen herauszufordern.

Abschlusstabelle

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Quelle: www.chessbase.de

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Magnus Carlsen macht das Gewinnen weiter Spaß

Alle Fotos: Copyright: Ahmed Mukhtar / shamkirchess.az

5 Kommentare


  1. Schon auf Grund seines Alters kommt Caruana als ernsthafter Herausforderer Carlsens in Frage. Auch hat er in der letzten Partie wie Carlsen selbst auf Gewinn gespielt. Er hätte die Partie als Schwarzer auch in ruhigere Bahnen lenken können. Ich habe den Eindruck dass er immer bereit ist Risiken einzugehen um gegen stärkste Gegner zu gewinnen. Auch deshalb wird er auf jeden Fall Carlsen schon noch sehr gefährlich werden.


  2. Das ist nun schon das zweite Turnier, dessen Ausgang durch dubiose Zweitwertungen beeinflußt wird. Das erste war Kandidatenturnier London 2013 – das Carlsen wg. Anzahl der gewonnenen Partien bei Punktgleichstand für sich entschied. Kasparow hat damals zurecht gespottet: Wer mehr Partien verloren hat, kommt weiter. Die Ausschreibung war aber wohl eindeutig eine „Lex Anti-Kramnik“, dessen Remisschieber-Tour man unterbinden wollte. Hier in Schamkir hätte nach anderen Zweitwertungen (wie war das mit direktem Duell?!) wiederum der solidere Caruana gewonnen – wenn er nicht Carlsens indirektes Remis-Angebot (c3 im Anti-Königsinder ist im Gewinnsinne eigentlich eine Kapitulation) hätte ablehnen müssen. Respekt vor dem Kampfgeist Caruanas – aber gegen den zähen Verteidiger Carlsen (wenn der nicht gerade indisponiert ist) mit Schwarz anrennen zu müssen – das entspricht nicht Caruanas feinsinnigem Stil …

  3.   Jörn Budesheim

    „Kasparow hat damals zurecht gespottet: Wer mehr Partien verloren hat, kommt weiter.“ Garry hat hier ausnahmsweise Unrecht, finde ich. Wer viele entschiedene Partien hat, hat dem Publikum wahrscheinlich das unterhaltsamste Schach geboten und sich am kämpferischsten gezeigt. Ich finde, das kann man ruhig belohnen. Dass Carlsen trotz zweier Niederlagen am Ende ein sattes Plus (+3) auf dem Konto hatte, ist schon eine bemerkenswerte Leistung. Und dass er Caruanas Must-Win-Situation zu seinen Gunsten nutze (5. c3) kann man ihm auch nicht ankreiden!


  4. Es war sicher nicht erst das zweite Turnier, das durch die Zweitwertung beeinflusst wurde. Außer beim Kandidaten-Turnier ist der Alleinige Turniersieg allerdings auch nicht wirklich wichtig, da könnte man auch einfach den ersten Platz (so wie alle weiteren Plätze) teilen und das Preisgeld ebenso. Ansonsten muss man sich auch fragen, was eine bessere Zweitwertung wäre. SB ist beispielsweise nicht nur kompliziert, sondern macht den Turniersieg unter Umständen davon abhängig, was an anderen Brettern geschieht. Außerdem überlässt sie bei derart kleinen Turnieren, wo zudem jeder jeden schlagen kann, doch so einiges dem Zufall.

    Konsequent wäre, Punktgleiche Spieler um den Sieg spielen zu lassen, notfalls im Modus Rapid – Blitz – Sudden Death. Allerdings kann man selbst das noch falsch machen, siehe Gibraltar 2014. Da hieß das Playoff-System bekanntlich: Der erste spielt gegen den zweiten, und der Sieger spielt gegen Cheparinov…

    In der Liste der Rivalen fehlen natürlich noch Anand, Aronian und Kramnik – erster dürfte über Carlsens Ergebnisse nicht ganz unglücklich gewesen sein, die letzten beiden könnten Carlsen auch noch einige Jahre gefährlich werden, wenn sie in Form sind. In Zukunft können wahrscheinlich auch Ainish Giri und Richard Rapport unter die Top-5 kommen – wobei bei Rapport vielleicht mehr Fragezeichen zu setzen wären.