Wir müssen reden. Über Nazis.

“Dass ich nicht denke wie die” – Rechter Terror in der Provinz

Von 12. März 2008 um 15:23 Uhr

Jeden Tag werden in der Bundesrepublik Menschen Opfer rechtsextremer Gewalt. Die Dominanz rechter Cliquen wird jedoch nicht nur bei medienwirksamen Übergriffen und Gewalttaten deutlich – nein, tausende Menschen leiden im Alltag unter dem Terror von Neonazis. Doch wie lebt es sich, wenn der Alltag zur Qual wird und Angst ein ständiger Begleiter ist? Darüber sprach ich mit Jennifer*, 15 Jahre alt. Sie kommt aus einer thüringischen Kleinstadt und ist seit Jahren körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt weil sie „nicht rechts” ist.

Gibt es in Deiner Stadt ein Problem mit Neonazis ?

Oh ja, es gibt verschiedene Gruppierungen wie z.B. die Kameradschaft oder „Autonomen Nationalisten”. Es gibt Übergriffe, doofe Sprüche und passive Aktionen wie Aufkleber oder Graffitis. Die Bürger schauen weg, weil sie entweder derselben Meinung sind oder einfach keinen Bock haben sich mit Neonazis auseinanderzusetzen. Es gibt nur einige wenige engagierte Bürger hier. In der Stadt, an den Schulen und in den Jugendclubs tragen Leute Thor Steinar, Consdaple, Landser u.a. Klamotten und machen alternativ aussehende Jugendliche und Migranten doof von der Seite an. Vollgepöbelt, bespuckt, geschlagen oder verfolgt zu werden, ist hier fast Normalität.

Betrifft Dich dieses Bedrohungspotential ?

Na klar. Betroffen bin ich, seitdem die Neonazis mitbekommen haben, dass ich nicht denke wie die und auch nicht bereit bin wegzuschauen – seit sie darauf gekommen sind, dass ich mich auch aktiv z.B. im „BürgerInnenbündnis gegen Rechts” engagiere und nicht in ihre Welt passe. Es ist das Übliche: dumme Anmachen, Abfotografieren, Angst machen durch Verfolgungen oder Drohungen. Das gehört zum Alltag.

Wurdest Du schon einmal körperlich angegriffen ?

Ja, zum Beispiel beim jährlichen Stadtfest, gerade als ich es verlassen wollte.

Was passierte genau ?

Es war ein Fehler, sich dort hin zu trauen. Ich betrete solche Veranstaltungen normalerweise genauso wenig wie die Innenstadt, da die Präsenz von Neonazis und deren Anhängern einfach zu groß ist. Man überlegt sich einfach zweimal, was man hier macht und wo man hingeht. Jedenfalls kam an diesem Abend einer der stadtbekannten Schläger auf mich zu und schaute mich mit dunkler Miene an. Er presste mir seine flache Hand über mein ganzes Gesicht und drückte zu. Kurz bevor ich zu Boden ging, krallte ich mich an einer Frau fest und zog mich hoch, als er seine Hand lockerte. Die Frau, an welcher ich mich hochgezogen hatte, breitete ihre Arme schützend vor mir aus und schrie den Neonazi an mich in Ruhe zu lassen. Ich drehte mich kurz um, um zu telefonieren. Ich wollte nicht alleine sein und brauchte Hilfe. Es wurden immer mehr Rechte um uns. Die Frau war weg. Der Nazischläger stand vor mir und machte einen Schritt auf mich zu. Er hielt mich an meiner Hüfte und an meiner Schulter fest, lies mich nicht los. Er sagte, er würde mich „zusammenschlagen”. Und wenn er es nicht tun würde, würden das Andere übernehmen. In der Zwischenzeit kamen mehr und mehr Nazis und umkreisten mich. Er redete weiter auf mich ein, ununterbrochen, aggressiv. Dann sah ich plötzlich einen Freund meines Vaters. Diesen sah ich als meine Rettung an. Ich dachte, er würde die ganze Situation beruhigen und mich dort wegbringen. Jedoch war seine Reaktion, als er mich erkannte, alles andere als eine Rettung. Er ging – schweigend. Er lies mich allein. Nach über 30 Minuten stießen sie mich endlich weg und sagten, ich „solle verschwinden”. Ich rannte nach Hause, ohne eine Pause. Zu Hause war ich allein, meine Eltern waren aus. Ich schloss alle Türen ab und lies die Rollläden herunter. Ich konnte nicht schlafen, nur weinen.

Wie lange bist du dieser Gewalt schon ausgesetzt ?

Das geht schon fast 2 Jahre so. Mal mehr, mal weniger, aber die Angst ist ein ständiger Begleiter.

Was sagt denn deine Familie dazu und wie wirkt sich das auf dein Befinden aus ?

Meine Familie macht Druck, dass ich mich doch fügen und mich nicht mehr engagieren solle, dann würde das schon aufhören. Schon lange bin nicht mehr nur ich betroffen – es betrifft meine ganze Familie. Ich kann schlecht schlafen und habe Albträume. Nach solchen Träumen bin ich den kommenden Tag über stark niedergeschlagen und denke nur nach. Ich lasse den Traum in Gedanken immer und immer wieder Revue passieren, in der Hoffnung, besser damit umgehen zu können. Im Alltag ist das alles auch nicht so einfach. Ich brauche immer jemanden, der mich irgendwo hinfährt oder abholt. Ich wurde sogar schon mal auf meinem Schulweg verfolgt. Noch ein Grund, warum ich mich kaum noch alleine auf die Straße traue.

Wie verarbeitetest du das ?

Ich habe tolle Freunde, die mich unterstützen und mit mir sprechen und mir helfen. Trotzdem überlege ich eine psychische Behandlung anzufangen. Um zu lernen mit der Angst zu leben. Das ist zwar keine Lösung, aber die Nazis werden hier nicht verschwinden. Und ich möchte nicht an denen zerbrechen. Ich erstatte bei jedem Vorfall Anzeige und versuche positiv zu denken und schaue nach vorne. Auch wenn die Übergriffe noch nicht aufhören, bleibe ich stark, aber, um es mit Olga Benario Prestes zu sagen „der Wagen rollt in die Zukunft”.

Woher nimmst du die Stärke und Motivation, dich täglich dem Ganzen zu stellen ?

Was mich antreibt, ist der Gedanke an eine freie Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ausgrenzung. Ich werde trotz der Angriffe nicht aufhören für meine Überzeugungen einzustehen. Ich habe als Individuum das Recht, meine Interessen wahrzunehmen und mein Handeln selbst zu bestimmen. Dafür kämpfe ich. Denn genau diese Entfaltung der Persönlichkeit ist hier keinesfalls selbstverständlich.

Ich Danke Dir für dieses Gespräch und wünsche Dir alles Gute.

* Name geändert.

Kategorien: Thüringen
Leser-Kommentare
  1. 1.

    [...] Stoerungsmelder.org Von Maik Baumgärtner Reaktionen auf diesen Beitrag via RSS 2.0 Rechtsextremismus Bitte [...]

    Antworten

  2. 2.

    Das ist aber huebsch,was bei Euch vorgeht.
    Beweist es, dass Nazisein in den deutschen Genen zu finden ist ? Die Haelfte meiner Familie ist in deutschen Konzentrationslaegern umgekommen; es scheint sich wenig geaendert zu haben !

    Antworten

    • 12. März 2008 um 16:10 Uhr
    • ursula rittau
  3. 3.

    Sehr scharf, die Frau Rittau.

    Aber fakt ist das die ostdeutsche Provinz genauso aussieht wie hier beschrieben.

    Fest ins Stadtbild integrierte Nazi-Strukturen unterdrücken jede form von Individualismus abseits von Rechts.

    Die Zivilgesellschaft hält sich nicht für verantwortlich oder unterstützt die Sache sogar (…)

    Man erinnere sich nur an Aussagen wie “Ein !Ausländer raus!, das kann doch jeden mal heraus rutschen.”

    Nettes Video zum Thema.
    http://www.zeit.de/online/2006/45/ueckermuende-npd

    Während die Kommunalpolitk eher darum besorgt ist ein trügerisches Bild von einer friedlichen, weltoffenen Stadt aufrecht zuhalten, breiten sich die Nazis immerweiter aus.
    Was sag ich da, alles was sie noch machen müssen ist sich zu verankern, denn angekommen sind sie.

    Solidarität für Jennifer* und alle anderen die sich dagegen zur wehr setzen.
    Lasst euch nicht kaputt machen.

    Hallo, wir haben einen Teil deines Beitrages gelöscht, weil er gegen die Blogregeln verstoßen hat //Mod. JoWo

    Antworten

    • 12. März 2008 um 17:35 Uhr
    • Fritz Wolke
  4. 4.

    Dann muss man die Ossiprovinz halt mal bissi modernisieren und umstrukturieren, zur Not auch vom Westen aus.

    Oder sollen das ewig Täler der Ahnungslosen bleiben, hm ?

    Antworten

    • 12. März 2008 um 17:43 Uhr
    • ElRayo
  5. 5.

    Bestürzende Geschichte. Schon irgendwie gruselig und bewundernswert gleichzeitig, wenn selbst in der Familie der Rückhalt schwindet und man Passivität ans Herz gelegt bekommt.
    Ich muss aber leider auch aus meiner eigenen Erfahrung genau das bestätigen, was Jennifer* berichtet; die Innenstädte bzw. Dorfkerne im Osten scheinen von den Rechten besetzt zu sein, im Sommerurlaub 2006 an der Seenplatte waren NPD-Stände mit Schirmchen so selbstverständlich wie sie hier in NRW von der CDU oder SPD sind. Dass entsprechend ideologisierte Jugendliche immer in der Nähe waren, ist klar.

    Antworten

    • 12. März 2008 um 17:55 Uhr
    • Jan
  6. 6.

    Hallo, wir haben deinen Beitrag gelöscht, weil er gegen die Blogregeln verstoßen hat //Mod. JoWo

    Antworten

    • 12. März 2008 um 20:05 Uhr
    • In Dubio
  7. 7.

    @Jan: Ihre Äußerungen über ostdeutsche Innenstädte decken sich leider nicht mit der Realität. Solche Phrasen gehören wohl eher an die Stammtische bei ihnen in NRW.

    Antworten

    • 12. März 2008 um 21:21 Uhr
    • Tom HRO
  8. 8.

    @ Frau Rittau
    Das Schicksal Ihrer Familie berechtigt kaum dazu, angebliche “deutsche Nazi-Gene” zu diffamieren. Da wären wir dann schnell bei “genetisch minderwertig” und selber bei der Nazi-Denke.
    @ topic
    Es ist bestürzend, wie schnell Ideologien rechts außerhalb des demokratischen Spektrums schon die Lufthohheit in kleineren Städten / ländlichen Gegenden übernehmen, wo die Gegenkräfte naturgemäß schwächer sind und die Bevölkerung etwas “erdverhaftet”, wenig weltoffen.
    Ich hab echt keine Vorstellung, was man da tun kann, denn dieses mittlerweile scheinbar schon ausgreifend etablierte Alltagsdenken und -verhalten (von aktiv rechtsextrem bis passiv akzeptierend) ist m.E. doch kaum durch irgendwelche Aktionen von außen zu knacken. Muss man damit leben, dass an den soziokulturellen und auch geographischen Ränder der Gesellschaft, die Extremen sich festsetzen können. Wie kann man den Muff (auch den in der mehrheitlichen Alltagsdenke)aus so einem Nest wegkriegen?

    Antworten

    • 13. März 2008 um 10:04 Uhr
    • Paule
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)